Zweites Kapitel

Hinter dem dunklen Lomagrat glühte der Himmel auf, denn der Tag

verlosch. Noch umflossen die Wogen des abendlichen Lichtes die

Felsen, noch leuchteten die Zacken des Gebirges in reinen Farben,

hervorgezaubert aus dem Sonnentod, noch erglühte das Schneehaupt des

Picacho de Veleta wie in trauernder Röte. Langsam aber taute schon der

Abend den kühlenden Balsam auf das trockenheiße Gestein.

„Ich kenne euer Geschick, ihr Brüder Beni Katasi,“ sagte der Imam, „und

auch das deine, Ibn Maratan, ist mir nicht fremd. Aber du, Eswer Ben

Zerragh, hast mir noch nicht dein Herz geöffnet. Dein Geschlecht war

Boabdil sehr ergeben, dessen Vater freilich euer Geschlecht ausrotten

wollte.“

„Gesegnet sei Boabdil und verflucht sein Vater Abul Hassan!“ rief der

Abencerrage grimmig aus. „Die Abencerragen hoben einst Boabdil aufs

Pferd und sprengten mit ihm durch die Nacht nach Granada und hetzten

das Volk auf gegen den tückischen Abul Hassan, der endlich nach Malaga

flüchten mußte. Und auf der Stätte, wo Boabdils Brüder unter dem

Henkerschwert des Vaters gefallen waren, legten die Abencerragen die

vier Königsfahnen hin, und Boabdil kniete darauf nieder und schwor den

Königseid --“

„Alte Geschichten!“ wehrte der Imam mit der Hand ab. „Dein Geschlecht

hat sich an einer großen Hoffnung verblutet. Boabdil hat Granada

nicht halten können. Ruhmlos vertrauert er nun sein Leben in Fes bei

einem fremden König. Tagelang sitzt er auf einem Hügel und blickt

nach Norden, wo er die roten Türme der Alhambra zu schauen wähnt.

Dann greift seine Hand klagend in die Saiten und sucht ein altes Lied

hervor, das die Schönheit seiner ‚Granatha‘ besingt. Und seine Mutter

Ayscha sitzt bei ihm und kühlt ihm die Hitze seines Tränenauges. Aber

sagt, ist nicht alles, was nach ihm kam, auch Unglück gewesen? Wo sind

unsere Verträge mit den Christenkönigen hin? Wer hält sie noch?“

„Es ziehen sich Wetter über der Stadt zusammen,“ sagte Ibn Maratan.

„Was ich sah, erstickte mein Herz. Fernando und Isabella sind gekommen,

den Rest unsrer Glaubenssache zu zertrümmern. Hunderte von Mauren

bekehren sich schon zu Isa. Sie haben einen geschickten Priester

herbeigeholt, Leon nennen sie ihn, und sein Wort heißt: Glaube oder

leide! Der alte milde Erzbischof Talavera gilt nichts mehr bei den

Königen.“

„O guter sanfter Priester Gottes!“ rief Ali Ben Katasi in Erinnerung

an den frommen Christenhirten. „Wo ein Maure in Not war, stärkte ihn

Talavera fast mit muselmännischer Weisheit. Der teure Mann hat die

Christenbräuche in arabischer Sprache niederschreiben lassen, damit wir

uns daran erbauen könnten, er sprach immer mit uns Arabisch und von

der Tüchtigkeit unsrer Väter. Aber nun ist der Dominikaner Pater Leon

gekommen! Und der Himmel hat sich verdunkelt.“

„Wißt ihr, was der Name bedeutet?“ fuhr Eswer auf. „Der Löwe! Und Löwen

haben gewaltige Tatzen.“

„Aber wißt ihr auch, was Rusebchan al Bakali, der Hirt der Erkennenden,

sagt?“ fragte Ismael Ben Katasi. „Das Böse ist der Diener des Guten

und wird ausgesandt, den Menschen zu verlocken. Karun wurde erschlagen

durch ein Erdbeben auf Gottes Geheiß. Gott kann auch machen, daß Leon

an seiner eignen Tatze stirbt.“

„Wer ist der oberste Herr von Granada?“ erkundigte sich Abu Atir.

„Graf Tendilla de Mendoza,“ erwiderte Ali Ben Katasi. „Sie heißen ihn

Gobernador. Laßt ihn und Talavera Granada beherrschen, und die Mauren

haben sich nicht zu beklagen. Aber Gott ist unerforschlich und legt uns

Prüfungen auf. Über den Boten der Wohltat sitzen die Könige Isabella

und Fernando. An ihrem strengen Glaubenseifer zerschellt die Güte ihrer

Diener.“

„Ja, ja,“ sagte Abu Atir nachdenklich, „man sagt, die Königin bestimme

im Rat und Fernando spiele nur eine untergeordnete Rolle. Die Königin

-- ich sehe sie noch, wie sie Ritter auf Ritter aus Santa Fé in den

Kampf gegen die Stadt schickte --, sie hat nun, höre ich, ihren

Beichtvater und Zubläser, den armen Franziskaner Ximenes zum Primas

-- o wißt ihr, welch hohes Amt dies ist! --, zum Primas von Spanien

gemacht. Bismillah! in Gottes Namen! Wir nehmen die Königin in Kauf,

aber nur Ximenes möge den Boden Granadas nicht betreten. Oh, daß er in

Toledo bliebe!“

Eswer Ben Zerragh zog die Köpfe der andern näher an sich heran. „Wißt

ihr, was das Schreckliche ist? Wer getauft ist und wieder zurückfällt

in den Glauben Mohammeds, den verfolgt das heilige Tribunal --“

„Ein altes Prophetenlied, unschuldig am Abend gesungen,“ sagte Ali,

„eine Leibeswaschung, ein Gebet mit dem Gesicht nach Mekka gewendet --

wer dabei ertappt wird, hat sich vor Leon zu rechtfertigen, der ihn

anklagt beim Tribunal in Cordoba. Man zieht ihre Güter ein, und sie

müssen mit dem grauen Sanbenito, dem Büßergewand, am Leibe sich ein

Leben lang in Granada durchbetteln.“

„Leid! Wer trägt dich geduldiger als ein gläubiger Moslim!“ sagte Abu

Atir bewegt. Dann wandte er sich an Eswer Ben Zerragh: „Was trieb

dich, Freund, aus dem Hause mit Brunnen und Laubgang, wo ich einst bei

deinem Vater köstliche Gespräche über den Koran zu hören bekam und

deine Schwester unter blühenden Rosen zum Tanz der Freundin die Anafine

spielte?“

„Meine Schwester!“ Der Abencerrage drückte die Hand ans Auge, und seine

Stimme zitterte: „Rückt näher, Männer.“

Unter dem dunkelnden Rund des Himmels im Dämmerschatten der Felssteilen

und beim Klang der Flüsterstimmen glichen die Männer unheimlichen

Verschwörern, die ihre Herzen entlasten wollten.

„Meine Schwester nahm ein edler Mann ins Haus, Hamat Ben Bedest, der

aber bald starb. Da hatte sie nun in Alhama ein schön Stück Land.

Eines Abends kam ein Christ wegmüde und staubbedeckt aus Cordoba,

der den Händen der Inquisition entronnen war. Hamat hatte ihm einst

Gutes getan, und so hoffte er, bei dessen Witwe Zuflucht zu finden.

Mitleidvoll gewährte sie dem christlichen Mann ein Obdach, ohne zu

wissen, daß auf dieser Tat des Erbarmens der Kerker stünde. Man

entdeckte das Ungeheure und Halewa wurde in den Kerker geworfen --“

„Die schöne Halewa?“ Des Imam Hände verkrampften sich in die Schulter

des jungen Abencerragen.

„Einen Monat schmachtete sie. Da gelang es mir, den Vogt des

Gefängnisses zu bestechen, und eines Nachts entführte ich die

Schwester aus Cordoba und brachte sie glücklich nach Almeria, wo ein

Handelsfreund ihre Überschiffung nach Afrika besorgte. Ich selbst

eilte nach Granada heim -- in meinem Hause wartete ein Scherge des

Gerichts. Der Schurke von einem Vogt hatte geplaudert. Ich sollte

verhaftet werden. Unter dem Vorwand, mich umzukleiden, verließ ich das

Zimmer und steckte einen Dolch zu mir. Draußen warteten drei Soldaten

der heiligen Hermandad. Als der Alguacil mit mir durch den dunklen

Gang ging, verwundete ich ihn am Kopf, meine Sklaven warfen sich über

ihn und schafften ihn in eines meiner Gemächer. Unterdessen ließ ich

mich rückwärts durch das Fenster in den Sahat, den Hof, hinab und

entkam so den Soldaten. Ich flüchtete nach Orgiva und dann hierher

in die Berghöhle. Was weiter geschah, wußte ich lange nicht, bis ich

endlich erfuhr, daß man meine Mutter verhaftet und als Mitschuldige ins

Gefängnis geworfen habe. Überdenkt den Jammer, Freunde! Erleiden muß

ich ihn selbst!“

Ali Ben Katasi sah mit scheuen Blicken die Gefährten an, die die Augen

zu Boden gesenkt hatten. Ein banges Schweigen legte sich zwischen

die sorgenden Männer, und Eswer fühlte, daß es zu ihm in irgendeiner

Beziehung stehen mußte. Erschreckt fragte er: „Ihr -- ihr wißt etwas --

von meiner Mutter --?“

Der Handelsherr legte ihm sanft-traurig die Rechte auf das Haupt.

„Fasse dich, Eswer Ben Zerragh -- bi nefsi! Bei meiner Seele, dies ist

eine meiner trübsten Stunden im Leben. Gott der Erhabne hat es gewollt,

sie mir aufzubürden.“

Der Abencerrage stöhnte auf: „Beim Propheten! Meine Mutter -- o sag’ es

-- und wäre es bitter wie Koloquintentrank -- meine Mutter --?“

„Auf dem alten Ruhehof der Makbara, wo einst im Schatten der Zypressen

Könige lagen, im Hain von Asabica --“

„Im Friedenshain der Abencerragen --“ zitterte die Stimme Maratans.

Da schrie Eswer auf: „Tot! Meine Mutter?! Mein Väterchen!“ Er rang

verzweifelt die Hände zum Imam empor.

„Wir trugen sie vor zwei Tagen in die Erde des Friedens,“ sagte Ali Ben

Katasi. „Sie hatte die Qual des Kerkers nicht ertragen und starb mit

einem Segen für dich auf den Lippen.“

Abu Atir streichelte das Haar des Jünglings. „Sie ist nicht tot,“

sprach er sanft in altarabischer Totenweihe, „sie ist nur nicht bei

dir. Ein Vogel war sie, käfigtreu erzogen, und des Käfigs müde, ist sie

nun entflogen und lebt nun in der obern Welten Fülle, erschaut Gott

ohne Flor und Hülle.“

Wie Balsam fielen die Worte in das trauernde Herz. Der Abend senkte

sich tiefer ins Land, legte sein Grau über die Alpujarrasdörfer,

Hirtenlieder schwangen sich von fernen Hängen in die Luft, und

Herdengeläute erklang. Die Wasser aus dem Barranco rauschten deutlicher

herauf, und alle Stimmen des hochsommerlich geschwellten Abends

verstärkten sich. Das tiefe Dunkelblau des Himmels spannte sich wie

syrische Seide von Berg zu Berg und senkte sich dann in grünlichblassen

Tönen, noch von der Calina gedämpft, im Süden über die Meerferne. Gegen

Untergang blutete eine letzte Wolke über der Loma.

„Wie lange sollen wir noch Geduld üben?“ seufzte Ismael Ben Katasi.

„Wenn die Unschuld unter den Schrecken des Gerichts dahinstirbt!“

„Entflammt die Maurenherzen in den Alpujarras!“ riet Maratan im Eifer.

Der Unmut drohte anzuschwellen. Aber der Imam, der weise Freund der

Gelassenheit, beschwichtigte die Aufgeregten. „Gesellen des Leids, sind

wir denn nicht ohnmächtig gegenüber den christlichen Drangsalschmieden?

Ihre Werke selbst werden zerbrechen wie Erbsenschalen. Sie wüten gegen

die eigenen Glaubensgenossen wie gegen uns. In Toledo, sagt man mir,

hat man die Henker nach einem Autodafé ermordet, und es wird sich bald

niemand mehr zum blutigen Amt finden. Die Hölle der Höllen ist Cordoba,

wo Lucero wütet. Das heißt in der Sprache der Spanier der leuchtende

Stern. Aber sie selbst heißen ihn Tenebrero, das ist der finstre Geist.

Was sie tun, ist gegen Gott gerichtet, also richtet es Gott, aber zu

seiner Zeit. Wißt ihr nicht, wie schrecklich Fernando den Aufruhr

von Malaga unterdrückt hat? Und den in der Sierra de Ronda? Nicht der

Knechtschaft sprech’ ich das Wort, aber der Klugheit, der zuwartenden

Tochter des Verstandes. Seht, es gab kein stärkeres Volk als das

unsere, als noch Musa und Tarik lebten. Und nur eines hatte dieselbe

Eroberungskraft, und das war das Volk, das wir am Ende besiegten, die

Goten. Ihre Kraft schwand, dann aber die unsre. Richtet eure Augen nach

Mekka und dann dorthin!“ Seine Hand wies nach dem fernen Glutenland der

afrikanischen Küste, die hinter Dünsten jetzt dieselbe Sonne untergehen

sah.

Die Blicke flammten auf, und Eswer rief mit geballten Fäusten: „Berber

her! Maghrebs wilde Söhne! Die Freunde der Wüste und des Gebirgs! Sie

brachten einst Almoraviden und Almohaden in das zerrissene Andalus

und schlugen die Christenhunde nieder. Berber her! Wir wollen wieder

Pyramiden aus den Schädeln der Feinde bauen und von ihren Spitzen die

Muezzins zum Gebet rufen lassen.“

Abu Atir drückte den wutbebenden Abencerragen auf den Stein nieder.

Eswer staunte die Kraft des Alten an. „Du hast einen starken Vater

gehabt.“

Der Greis nickte. „Den Feindtöter nannten sie ihn. Aber er saß auch in

den Nächten und betrachtete die weise Ordnung der Sterne. Von beiden

Trieben blieb etwas in mir hangen. Meine Finger sind noch immer so

stark, daß sie den Kamelen Brunnen graben könnten.“ Er senkte die

Stimme. „Ihr kennt unsern Glauben an einen hehren Feta, einen Ritter,

der am Anfang eines jeden Jahrhunderts erscheinen soll, um mit seinem

Geist das ganze Jahrhundert fortzureißen. Die Christen stehen am

Anfang eines neuen Jahrhunderts. Vielleicht wird aus ihren Reihen der

Wunderbare geboren, der auch uns das Heil bringen soll.“

„Gott schaffe die Mutter, die ihn gebiert,“ sagte Ali Ben Katasi.

„Wärst du es selbst, Vater der Weisheit!“ rief der ältere Katasi aus.

Um die greisen Lippen legte sich ein Zug schmerzloser Entsagung. „Das

lege Gott einem Jüngern auf. Aber nun laßt uns an heitern Lippen

hängen. Das Mahl wird fertig sein. Komm, Eswer Ben Zerragh, du sollst

teilhaben am Leben, denn Totes weckst du nimmer auf.“ Er nahm den

unglücklichen Abencerragen unter den Arm und führte ihn, gefolgt von

den übrigen, den steilen Pfad hinab zum Feuer vor der Frauenhöhle,

dessen Rauch friedlich in den warmen Abend stieg.

Hehr wie ein segnendes Zeichen Gottes schwebte der Mond in die

sternübersäte Wölbung.

Granada in Flammen · 第 48 / 190 题