Hinter dem dunklen Lomagrat glühte der Himmel auf, denn der Tag
verlosch. Noch umflossen die Wogen des abendlichen Lichtes die
Felsen, noch leuchteten die Zacken des Gebirges in reinen Farben,
hervorgezaubert aus dem Sonnentod, noch erglühte das Schneehaupt des
Picacho de Veleta wie in trauernder Röte. Langsam aber taute schon der
Abend den kühlenden Balsam auf das trockenheiße Gestein.
„Ich kenne euer Geschick, ihr Brüder Beni Katasi,“ sagte der Imam, „und
auch das deine, Ibn Maratan, ist mir nicht fremd. Aber du, Eswer Ben
Zerragh, hast mir noch nicht dein Herz geöffnet. Dein Geschlecht war
Boabdil sehr ergeben, dessen Vater freilich euer Geschlecht ausrotten
wollte.“
„Gesegnet sei Boabdil und verflucht sein Vater Abul Hassan!“ rief der
Abencerrage grimmig aus. „Die Abencerragen hoben einst Boabdil aufs
Pferd und sprengten mit ihm durch die Nacht nach Granada und hetzten
das Volk auf gegen den tückischen Abul Hassan, der endlich nach Malaga
flüchten mußte. Und auf der Stätte, wo Boabdils Brüder unter dem
Henkerschwert des Vaters gefallen waren, legten die Abencerragen die
vier Königsfahnen hin, und Boabdil kniete darauf nieder und schwor den
Königseid --“
„Alte Geschichten!“ wehrte der Imam mit der Hand ab. „Dein Geschlecht
hat sich an einer großen Hoffnung verblutet. Boabdil hat Granada
nicht halten können. Ruhmlos vertrauert er nun sein Leben in Fes bei
einem fremden König. Tagelang sitzt er auf einem Hügel und blickt
nach Norden, wo er die roten Türme der Alhambra zu schauen wähnt.
Dann greift seine Hand klagend in die Saiten und sucht ein altes Lied
hervor, das die Schönheit seiner ‚Granatha‘ besingt. Und seine Mutter
Ayscha sitzt bei ihm und kühlt ihm die Hitze seines Tränenauges. Aber
sagt, ist nicht alles, was nach ihm kam, auch Unglück gewesen? Wo sind
unsere Verträge mit den Christenkönigen hin? Wer hält sie noch?“
„Es ziehen sich Wetter über der Stadt zusammen,“ sagte Ibn Maratan.
„Was ich sah, erstickte mein Herz. Fernando und Isabella sind gekommen,
den Rest unsrer Glaubenssache zu zertrümmern. Hunderte von Mauren
bekehren sich schon zu Isa. Sie haben einen geschickten Priester
herbeigeholt, Leon nennen sie ihn, und sein Wort heißt: Glaube oder
leide! Der alte milde Erzbischof Talavera gilt nichts mehr bei den
Königen.“
„O guter sanfter Priester Gottes!“ rief Ali Ben Katasi in Erinnerung
an den frommen Christenhirten. „Wo ein Maure in Not war, stärkte ihn
Talavera fast mit muselmännischer Weisheit. Der teure Mann hat die
Christenbräuche in arabischer Sprache niederschreiben lassen, damit wir
uns daran erbauen könnten, er sprach immer mit uns Arabisch und von
der Tüchtigkeit unsrer Väter. Aber nun ist der Dominikaner Pater Leon
gekommen! Und der Himmel hat sich verdunkelt.“
„Wißt ihr, was der Name bedeutet?“ fuhr Eswer auf. „Der Löwe! Und Löwen
haben gewaltige Tatzen.“
„Aber wißt ihr auch, was Rusebchan al Bakali, der Hirt der Erkennenden,
sagt?“ fragte Ismael Ben Katasi. „Das Böse ist der Diener des Guten
und wird ausgesandt, den Menschen zu verlocken. Karun wurde erschlagen
durch ein Erdbeben auf Gottes Geheiß. Gott kann auch machen, daß Leon
an seiner eignen Tatze stirbt.“
„Wer ist der oberste Herr von Granada?“ erkundigte sich Abu Atir.
„Graf Tendilla de Mendoza,“ erwiderte Ali Ben Katasi. „Sie heißen ihn
Gobernador. Laßt ihn und Talavera Granada beherrschen, und die Mauren
haben sich nicht zu beklagen. Aber Gott ist unerforschlich und legt uns
Prüfungen auf. Über den Boten der Wohltat sitzen die Könige Isabella
und Fernando. An ihrem strengen Glaubenseifer zerschellt die Güte ihrer
Diener.“
„Ja, ja,“ sagte Abu Atir nachdenklich, „man sagt, die Königin bestimme
im Rat und Fernando spiele nur eine untergeordnete Rolle. Die Königin
-- ich sehe sie noch, wie sie Ritter auf Ritter aus Santa Fé in den
Kampf gegen die Stadt schickte --, sie hat nun, höre ich, ihren
Beichtvater und Zubläser, den armen Franziskaner Ximenes zum Primas
-- o wißt ihr, welch hohes Amt dies ist! --, zum Primas von Spanien
gemacht. Bismillah! in Gottes Namen! Wir nehmen die Königin in Kauf,
aber nur Ximenes möge den Boden Granadas nicht betreten. Oh, daß er in
Toledo bliebe!“
Eswer Ben Zerragh zog die Köpfe der andern näher an sich heran. „Wißt
ihr, was das Schreckliche ist? Wer getauft ist und wieder zurückfällt
in den Glauben Mohammeds, den verfolgt das heilige Tribunal --“
„Ein altes Prophetenlied, unschuldig am Abend gesungen,“ sagte Ali,
„eine Leibeswaschung, ein Gebet mit dem Gesicht nach Mekka gewendet --
wer dabei ertappt wird, hat sich vor Leon zu rechtfertigen, der ihn
anklagt beim Tribunal in Cordoba. Man zieht ihre Güter ein, und sie
müssen mit dem grauen Sanbenito, dem Büßergewand, am Leibe sich ein
Leben lang in Granada durchbetteln.“
„Leid! Wer trägt dich geduldiger als ein gläubiger Moslim!“ sagte Abu
Atir bewegt. Dann wandte er sich an Eswer Ben Zerragh: „Was trieb
dich, Freund, aus dem Hause mit Brunnen und Laubgang, wo ich einst bei
deinem Vater köstliche Gespräche über den Koran zu hören bekam und
deine Schwester unter blühenden Rosen zum Tanz der Freundin die Anafine
spielte?“
„Meine Schwester!“ Der Abencerrage drückte die Hand ans Auge, und seine
Stimme zitterte: „Rückt näher, Männer.“
Unter dem dunkelnden Rund des Himmels im Dämmerschatten der Felssteilen
und beim Klang der Flüsterstimmen glichen die Männer unheimlichen
Verschwörern, die ihre Herzen entlasten wollten.
„Meine Schwester nahm ein edler Mann ins Haus, Hamat Ben Bedest, der
aber bald starb. Da hatte sie nun in Alhama ein schön Stück Land.
Eines Abends kam ein Christ wegmüde und staubbedeckt aus Cordoba,
der den Händen der Inquisition entronnen war. Hamat hatte ihm einst
Gutes getan, und so hoffte er, bei dessen Witwe Zuflucht zu finden.
Mitleidvoll gewährte sie dem christlichen Mann ein Obdach, ohne zu
wissen, daß auf dieser Tat des Erbarmens der Kerker stünde. Man
entdeckte das Ungeheure und Halewa wurde in den Kerker geworfen --“
„Die schöne Halewa?“ Des Imam Hände verkrampften sich in die Schulter
des jungen Abencerragen.
„Einen Monat schmachtete sie. Da gelang es mir, den Vogt des
Gefängnisses zu bestechen, und eines Nachts entführte ich die
Schwester aus Cordoba und brachte sie glücklich nach Almeria, wo ein
Handelsfreund ihre Überschiffung nach Afrika besorgte. Ich selbst
eilte nach Granada heim -- in meinem Hause wartete ein Scherge des
Gerichts. Der Schurke von einem Vogt hatte geplaudert. Ich sollte
verhaftet werden. Unter dem Vorwand, mich umzukleiden, verließ ich das
Zimmer und steckte einen Dolch zu mir. Draußen warteten drei Soldaten
der heiligen Hermandad. Als der Alguacil mit mir durch den dunklen
Gang ging, verwundete ich ihn am Kopf, meine Sklaven warfen sich über
ihn und schafften ihn in eines meiner Gemächer. Unterdessen ließ ich
mich rückwärts durch das Fenster in den Sahat, den Hof, hinab und
entkam so den Soldaten. Ich flüchtete nach Orgiva und dann hierher
in die Berghöhle. Was weiter geschah, wußte ich lange nicht, bis ich
endlich erfuhr, daß man meine Mutter verhaftet und als Mitschuldige ins
Gefängnis geworfen habe. Überdenkt den Jammer, Freunde! Erleiden muß
ich ihn selbst!“
Ali Ben Katasi sah mit scheuen Blicken die Gefährten an, die die Augen
zu Boden gesenkt hatten. Ein banges Schweigen legte sich zwischen
die sorgenden Männer, und Eswer fühlte, daß es zu ihm in irgendeiner
Beziehung stehen mußte. Erschreckt fragte er: „Ihr -- ihr wißt etwas --
von meiner Mutter --?“
Der Handelsherr legte ihm sanft-traurig die Rechte auf das Haupt.
„Fasse dich, Eswer Ben Zerragh -- bi nefsi! Bei meiner Seele, dies ist
eine meiner trübsten Stunden im Leben. Gott der Erhabne hat es gewollt,
sie mir aufzubürden.“
Der Abencerrage stöhnte auf: „Beim Propheten! Meine Mutter -- o sag’ es
-- und wäre es bitter wie Koloquintentrank -- meine Mutter --?“
„Auf dem alten Ruhehof der Makbara, wo einst im Schatten der Zypressen
Könige lagen, im Hain von Asabica --“
„Im Friedenshain der Abencerragen --“ zitterte die Stimme Maratans.
Da schrie Eswer auf: „Tot! Meine Mutter?! Mein Väterchen!“ Er rang
verzweifelt die Hände zum Imam empor.
„Wir trugen sie vor zwei Tagen in die Erde des Friedens,“ sagte Ali Ben
Katasi. „Sie hatte die Qual des Kerkers nicht ertragen und starb mit
einem Segen für dich auf den Lippen.“
Abu Atir streichelte das Haar des Jünglings. „Sie ist nicht tot,“
sprach er sanft in altarabischer Totenweihe, „sie ist nur nicht bei
dir. Ein Vogel war sie, käfigtreu erzogen, und des Käfigs müde, ist sie
nun entflogen und lebt nun in der obern Welten Fülle, erschaut Gott
ohne Flor und Hülle.“
Wie Balsam fielen die Worte in das trauernde Herz. Der Abend senkte
sich tiefer ins Land, legte sein Grau über die Alpujarrasdörfer,
Hirtenlieder schwangen sich von fernen Hängen in die Luft, und
Herdengeläute erklang. Die Wasser aus dem Barranco rauschten deutlicher
herauf, und alle Stimmen des hochsommerlich geschwellten Abends
verstärkten sich. Das tiefe Dunkelblau des Himmels spannte sich wie
syrische Seide von Berg zu Berg und senkte sich dann in grünlichblassen
Tönen, noch von der Calina gedämpft, im Süden über die Meerferne. Gegen
Untergang blutete eine letzte Wolke über der Loma.
„Wie lange sollen wir noch Geduld üben?“ seufzte Ismael Ben Katasi.
„Wenn die Unschuld unter den Schrecken des Gerichts dahinstirbt!“
„Entflammt die Maurenherzen in den Alpujarras!“ riet Maratan im Eifer.
Der Unmut drohte anzuschwellen. Aber der Imam, der weise Freund der
Gelassenheit, beschwichtigte die Aufgeregten. „Gesellen des Leids, sind
wir denn nicht ohnmächtig gegenüber den christlichen Drangsalschmieden?
Ihre Werke selbst werden zerbrechen wie Erbsenschalen. Sie wüten gegen
die eigenen Glaubensgenossen wie gegen uns. In Toledo, sagt man mir,
hat man die Henker nach einem Autodafé ermordet, und es wird sich bald
niemand mehr zum blutigen Amt finden. Die Hölle der Höllen ist Cordoba,
wo Lucero wütet. Das heißt in der Sprache der Spanier der leuchtende
Stern. Aber sie selbst heißen ihn Tenebrero, das ist der finstre Geist.
Was sie tun, ist gegen Gott gerichtet, also richtet es Gott, aber zu
seiner Zeit. Wißt ihr nicht, wie schrecklich Fernando den Aufruhr
von Malaga unterdrückt hat? Und den in der Sierra de Ronda? Nicht der
Knechtschaft sprech’ ich das Wort, aber der Klugheit, der zuwartenden
Tochter des Verstandes. Seht, es gab kein stärkeres Volk als das
unsere, als noch Musa und Tarik lebten. Und nur eines hatte dieselbe
Eroberungskraft, und das war das Volk, das wir am Ende besiegten, die
Goten. Ihre Kraft schwand, dann aber die unsre. Richtet eure Augen nach
Mekka und dann dorthin!“ Seine Hand wies nach dem fernen Glutenland der
afrikanischen Küste, die hinter Dünsten jetzt dieselbe Sonne untergehen
sah.
Die Blicke flammten auf, und Eswer rief mit geballten Fäusten: „Berber
her! Maghrebs wilde Söhne! Die Freunde der Wüste und des Gebirgs! Sie
brachten einst Almoraviden und Almohaden in das zerrissene Andalus
und schlugen die Christenhunde nieder. Berber her! Wir wollen wieder
Pyramiden aus den Schädeln der Feinde bauen und von ihren Spitzen die
Muezzins zum Gebet rufen lassen.“
Abu Atir drückte den wutbebenden Abencerragen auf den Stein nieder.
Eswer staunte die Kraft des Alten an. „Du hast einen starken Vater
gehabt.“
Der Greis nickte. „Den Feindtöter nannten sie ihn. Aber er saß auch in
den Nächten und betrachtete die weise Ordnung der Sterne. Von beiden
Trieben blieb etwas in mir hangen. Meine Finger sind noch immer so
stark, daß sie den Kamelen Brunnen graben könnten.“ Er senkte die
Stimme. „Ihr kennt unsern Glauben an einen hehren Feta, einen Ritter,
der am Anfang eines jeden Jahrhunderts erscheinen soll, um mit seinem
Geist das ganze Jahrhundert fortzureißen. Die Christen stehen am
Anfang eines neuen Jahrhunderts. Vielleicht wird aus ihren Reihen der
Wunderbare geboren, der auch uns das Heil bringen soll.“
„Gott schaffe die Mutter, die ihn gebiert,“ sagte Ali Ben Katasi.
„Wärst du es selbst, Vater der Weisheit!“ rief der ältere Katasi aus.
Um die greisen Lippen legte sich ein Zug schmerzloser Entsagung. „Das
lege Gott einem Jüngern auf. Aber nun laßt uns an heitern Lippen
hängen. Das Mahl wird fertig sein. Komm, Eswer Ben Zerragh, du sollst
teilhaben am Leben, denn Totes weckst du nimmer auf.“ Er nahm den
unglücklichen Abencerragen unter den Arm und führte ihn, gefolgt von
den übrigen, den steilen Pfad hinab zum Feuer vor der Frauenhöhle,
dessen Rauch friedlich in den warmen Abend stieg.
Hehr wie ein segnendes Zeichen Gottes schwebte der Mond in die
sternübersäte Wölbung.