Erstes Kapitel

Über der Felsstarre der Loma de Veleta zittert die Luft unter der

Hochglut der granadinischen Sommersonne. Die Hitze scheint die Felsen

einschmelzen zu wollen. Schweigende Einsamkeit über dem Gestein.

Schwarze Schafe liegen freßfaul auf der Steinhalde. Da und dort der

Zwergwuchs eines Strauches in der Felskahlheit, manchmal ein Höhlenloch

im blendenden Gestein. Der Schatten des Berggeiers huscht über die

Ödflächen, und leise schmachtet der girrende Ruf einer Wildtaube durch

die sommermüde Luft. In der Taltiefe legen die verstaubten Maurengärten

um weißglühende Steinhäuser ihren reichen Schmuck. Aber alles Leben

scheint unter dem Brand der dritten Stunde erstorben.

Auf einem Stein liegt ein junger Hirte hingestreckt; er spannt

seinen lauernden Blick ins Tal. Eine knorrige Gestalt, wie mit dem

Fels verwachsen, das Gesicht von Sonne und Bergwind gegerbt. Um den

gebräunten Leib liegt der sackartige Burnus, um die Hüfte schließt sich

ein Gurt, in dem Messer und Schleuder stecken. Zu seinen Füßen stürzt

sich der Hang bis in die Tiefe zum Dorf Cañor hinab, das in hellem

Grün gebettet liegt wie alle Dörfer in den Tälern der Alpujarras, dem

Bergland am Südhang der Sierra Nevada.

Der Hirte äugt durch die Sonnenschräge in die Tiefe nach dem in der

Hitze gelähmten Maurendorf und scheint sich wenig um die Herde zu

kümmern, die ihm sein Herr in Orgiva anvertraut. Er gedenkt besserer

Zeiten, da er noch in Granada Handel trieb, das er verlassen mußte, als

die Christen die Stadt nahmen. Sieben Jahre ist das her. Noch hüten die

Mauren von Granada den alten Gottesglauben, aber die allzu eifrigen

Hüter haben sich vor den Nachstellungen der Christen in die Alpujarras

geflüchtet oder in die fruchtgesegneten Täler des Guadalfeo. Hier

träumen die Sadat, die reichen maurischen Edlen, von der Wiederkehr des

letzten Königs Mohammed Abdallah, genannt Boabdil, der im afrikanischen

Fes seine Sehnsucht nach Granada großzüchtet. Weiß man, was Gott

beschlossen? Werden die christlichen Könige Fernando und Isabella ewig

leben? Auch die armen Hirten in den Bergen, die in den Steinhütten über

den Sommer leben, träumen diesen Freiheitstraum. Aber in Gottes Namen

-- Insch’ allah! So will’s denn getragen sein.

Von Cañor führt ein Saumpfad bis ins Felsland herauf. Ein Maultier kann

ihn noch bezwingen. Aber es ist in den Hütten nichts zu holen, wo das

Graslager der Hirten, ein Steintisch, eine steinerne Handmühle, ein

Kochtopf, Schafbraten und Fladen das Um und Auf eines Lebens bilden.

Nicht allzu weit glitzert ein Wässerchen, eins der vielen, die von der

Loma in den Barranco, die Talschlucht, hinabstürzen. Und zu sagen wäre

noch, daß der Hirte einen wunderbaren Weitblick bis zur Maurenburg

Salobreña am Meer hätte, wenn nicht die Calina, der bräunliche

Sonnendunst, Meer und Burg verdeckte. Und sein Auge erfreut sich auch

lieber an der Pracht des Schneehauptes des Picacho de Veleta, der auf

dem Untergrund des andalusischen Himmels über grauen Schieferklippen

aufragt. Bis in die blendenden Höhen hinauf klettern die maurischen

Kräutersucher, die Gehilfen der arabischen Ärzte, und hier schlugen

auch die Maurenflüchtlinge, die zum Prophetenglauben übergetretenen

Christen, aufständische Ritter und andere Verfolgte ihre Schlupflöcher

in die Felsen, die die spanischen Kriegsleute fürchteten, da maurische

List ihnen allerlei Fallen stellte. Die Berge waren treu wie das Volk,

das sich ihnen verschrieben.

Der Hirte Taleb rekelt sich aus der ermüdenden Schau. Gerade über dem

Dorf Cañor taucht ein Bergadler seinen Leib in die goldne Flut. Dorthin

blickt er.

Da knattert Steinschlag hinter ihm. Von der Bergwand zu seiner Rechten

klettert ein junger Maure herab. Er trägt die graue Leinenjacke und

das Unterkleid, das bis zum Knie die braunen Beine sehen läßt, an

den Füßen die Alpargatas, die hanfnen Schuhe der Bergbewohner. Das

fein gezeichnete Gesicht verrät edle Abkunft, die Augen haben einen

schwermütigen Glanz, das braune Haar hängt etwas verwahrlost über die

kühne Stirn. Auf Rufweite vom Hirten hält er inne im Klettern. „Taleb

-- sie will nicht kommen, Insch’ allah!“

„Es ist noch zu heiß zum Aufstieg, Eswer Ben Zerragh. Auch hat mein

Mädchen die Vorsicht des Fuchses. Sie kommt nur, wenn +er+ kommt.

Wenn es nun Gott gefallen hat, die Wege des ehrwürdigen Abu Osmin Atir

al Abdallah anders zu lenken?“

Eswer Ben Zerragh legt sich unweit des Hirten in die pralle Sonne und

schweigt. Das goldne Licht flimmert im bewegten Spiel über der Loma.

Schafe blöken, Steingeröll bröckelt leise in der Ferne.

„Deine Sobeiha ist schön,“ sagt Eswer nach einer Weile unvermittelt.

„Ihr Name ist Morgenröte, wie soll sie anders sein?“

Wieder Schweigen. „Wie lang wird’s noch währen?“ seufzt der Edle.

„Sid, du hast doch alles, was du zum Leben brauchst. Ist das nicht

Reichtum, was wir beide haben? Wir besitzen nichts, was wir verlieren

könnten.“

„Gott segne deine Armut, die dich reich macht, Taleb. Du brauchst

nichts zu beschützen als deine Sobeiha und deine Herde.“

„Das kann nur Gott. Es ist keine Macht und kein Schutz außer bei Gott.“

„Man kann nicht mit dir rechten. Sag, sind noch viele Höhlen hier

herum?“

„Wenn du da hinüberschaust, hast du die Höhlen von Medina, Berchulez

und Trevelez und manche andre, alle von Mauren bewohnt, die die Hirten

mit Nahrung versorgen. Aber sieh“ -- Taleb zuckte zusammen --, „beim

Olivenhain an der Mauer -- mit dem Korb am Rücken -- sie ist es.“

Die beiden Männer verfolgten schweigsam den Weg des Mädchens. Durch

Fruchtgärten schritt sie, schien manchmal zu lauern, begann zu

klettern, verschwand zuweilen, tauchte wieder auf und kam näher den

Hang herauf. Sie verließ das Buschwerk und kam in die Felsenzone, stieg

steil an und keuchte endlich über einen Steinabsatz heran, wickelte

den Schleier vom Gesicht und gab Taleb ihre Lippen zum Kuß. Eswer Ben

Zerragh aber griff nach dem Korb, wo die Honigfladen leuchteten.

Die Morgenröte lachte mit blanken Zähnen. „Gott gebe dir die

Freßlust der Zikade, Herr.“ Über den erhitzten Wangen funkelten ein

Paar Schwarzaugen, in denen die Glut afrikanischer Sonnenstrahlen

aufgespeichert zu sein schien.

Eswer holte die in großen Blättern eingewickelten Frühfeigen aus dem

Korb, Reis und Puffbohnen, einen Vorrat für eine Woche. Dann hatten

ihm Freunde aus Orgiva ein paar Koranblätter geschickt, Labsal für das

gläubige Herz. „Bei den fünfundsiebzig Wunden des Thalha, der mit dem

Propheten kämpfte bei Ohod, ich will dir das nie vergessen, Blume der

Berge.“

Durch ihren Leib brannte Unruhe. „Was ich gesehen! Der fremde Scheich

kommt. Er ist seit gestern in Cañor und heilt Herzenswunden. Abu Atir

heißen sie ihn.“

„Was will er aber bei uns?“ forschte Eswer.

„Bi nefsi! Bei meiner Seele, ich weiß es nicht. Und er bringt eine

Hosna mit, eine Schönäugige, ich habe sie schleierlos gesehen, ihre

Schönheit ist wie der Glanz des Mihrab in Cordoba. Sie nennen sie

Reija. Niemand weiß, wer sie ist. Und er! Der Imam! Sein Bart ist weiß

wie der Veletaschnee, sein Auge leuchtet wie die Sonne, und wenn er

spricht, fällt Tau auf die trocknen Fluren der Herzen.“

„Du hast die klingenden Worte in der Moschee erlauscht, Morgenröte?“

Sie nickte lächelnd. Dann sprangen ihre gebräunten, kupferfarbnen

Füße in den Hanfschuhen mit Katzenbehendigkeit die Felsen hinauf zu

einer Höhle, deren Eingang hinter einem Steinblock halb verborgen lag.

Taleb blickte verschärft ins Tal. Eswer Ben Zerragh stand aufrecht

wie eine Palme an den Fels gelehnt. Seine Gedanken hatten den Weg zu

der Bedeutung des fremden Scheichs gefunden. Abu Atir! War das nicht

der Imam des vertriebenen Maurenkönigs gewesen? Stand er nicht im Ruf

hoher Weisheit und in dem eines Santon, eines Heiligen? Und wer ist

die seltsame Blume an seiner Seite, und was will sie in den Höhen?

Beim Schwert, das der Eidam des Propheten trug! sann der Edle vor sich

hin. Ich will auf das Recht pochen, das einst Jusuf erhob: das Antlitz

edler Frauen unverschleiert zu sehen im Monat Schewal, der Zeit der

Freuden. Und ich will vor den Imam hintreten und bekennen: ich bin ein

Abencerrage!

Aus der Höhle sprang Sobeiha. Das ungefesselte Haar peitschte ihre

Stirn und Schläfen. „Wir müssen das Blumenkind des Imam und ihre

Sklavin in der Höhle des Spiegels unterbringen.“

„Wo liegt die?“ horchte Eswer auf.

„Einen Schleuderwurf von hier, oberhalb der deinen, Herr.“

„Warum heißt sie Höhle des Spiegels?“

„Sie trägt am Eingang einen glänzenden flachen Stein, auf dem sich des

Morgens die Sonne und am Abend der Mond spiegelt. Es sind Polster aus

Esperantogras darin. Doch sieh -- da kommen sie.“

„Die Maultiere sind noch klein wie Spinnen,“ sagte Sobeiha. „Ich will

das Wasser in die Krüge füllen, daß sie die Gebete sprechen können.“

Bald sah man den Zug der Maultiere aus dem Buschwerk bergan klimmen.

Man konnte sechs Stück zählen und drei Führer.

Eswers Herz schlug heftig. Nach einem Mond kamen die ersten Menschen

in seine Einsamkeit. Allah akbar! Gott ist groß! Sein Wille wird sie

geleiten, sann er in den durch die Bergschatten steigenden Zug. Man

erkannte schon die zwei Frauengestalten auf den Tieren, und Taleb

winkte mit der Wolljacke hinab. Aus der kleinen Karawane blinkte ein

flatterndes Tuch.

Das Gebirge erwachte aus dem Sonnenschlaf. Über die Kare unter dem

Schneehaupt der Veleta stürzten die wilden Ziegen in Rudeln von Fels zu

Fels. Die grauen Wolfshunde der Hirten kläfften in die Tiefe hinab.

Da bog der Zug um eine Felsnase. Schlank wie Irakzweige saßen

die Frauenleiber auf den Rücken der Maultiere. Bald hielten die

staubbedeckten Tiere auf der Felsplatte. Über die sonderbare Karawane

ging der Atem der unberührten Bergwildnis hin, und die Fremden standen,

nachdem ihnen die Treiber aus den hohen Sätteln geholfen, wortlos, von

den Schauern der Einsamkeit überwältigt, auf der Platte.

Der Abencerrage verneigte sich ehrfürchtig vor dem Greis an der Spitze

des Zuges. „As Selam Aleikum! Heil mit dir!“ grüßte er den Fremden.

„Wa Aleikum as Selam! Und mit dir sei der Friede!“ dankte der Greis

leise. Dann kreuzten beide Männer die Arme über der Brust.

Aus dem Antlitz des abrahamitischen Fremden leuchtete es wie

Gottesfrieden. Klare Blauaugen unter buschigen weißen Brauen, die

wie Tempelbogen über dem Eingang zur Seele prangten, strahlten das

beseligende Licht der Güte aus, und man glaubte durch diese Klarheit

tief bis in ihren Urgrund hinabsehen zu können. Der weiße Burnus floß

an den rüstigen Gliedern wie ein Liliengewand nieder, und der mächtige,

bis zum Ledergürtel reichende Bart hob seine Erscheinung fast zum

prophetenähnlichen Gottesboten.

Zwerchsäcke und Taschen wurden abgeschnallt. Die Mädchen sprachen

leise miteinander. Und Eswer hatte Zeit, an der einen der Jungfrauen

Schönheiten zu entdecken. Er bewunderte den palmenschlanken Wuchs, das

dunkle Augenpaar unter dem Schleier, das die Blitze einer Wetternacht

schleuderte, die schwarzen Locken in ihrer halben Aufgelöstheit, die

nur teilweise verschleierten Hände von goldkupfriger Farbe und die

hochangesetzten Brüste voll Reife. Und ihr Gang hatte die ruhige

rhythmische Bewegtheit eines sanften Liedes, mit dem der Araber Gottes

Erhabenheit preist. In Eswer, einem eifrigen Sammler morgenländischer

Beredsamkeit, begann es wie aus Märchentiefen zu klingen. Doch Abu Atir

unterbrach sein inneres Geläute. „Bist du der Flüchtling Eswer Ben

Zerragh?“

„Ich bin es. Sei gegrüßt im Namen des Propheten, dem Ehre und Friede

sei! Bei den sechs Offenbarungssternen, nicht der Bruchteil eines

Geschenkes ist mein eigen, das deiner würdig wäre. Man hat mir in

Granada alles genommen; nur meine Freunde helfen mir.“

„Wer sind sie?“ fragte der Imam.

„Abu Ben Jazir, Arzt in Orgiva, und Jahva Ben Hilal, der Teppichhändler

beim Elvirator in Granada.“

„Und das sind deine Freunde aus den Bergen?“ Er zeigte auf die Hirten.

Eswer zog Sobeiha und Taleb an den Händen heran. „Mögen sie deinem

Angesicht wohlgefällig sein.“

Abu Atir rief seine Mädchen herbei. „Das ist Reija, mein anvertrautes

Gut, und das ist ihre Sklavin Saffana aus gutem Geblüt. Und diese

drei sind Freunde aus Granada.“ Er wies auf drei Männer, die sich

zurückgezogen hatten.

Eswer überkam freudiges Erstaunen. Er erkannte in ihnen angesehene

Handelsleute, die den blauen Überwurf der Mauren trugen. Der älteste

von ihnen, Ismael Ben Katasi, reichte dem Abencerragen die Hand, und

dieser grüßte ihn mit verschränkten Armen: „Gott segne deine Geschäfte

und deine Wallfahrt nach Mekka.“

Der Alte schüttelte traurig den Kopf. „Es ist kein Segen mehr. Wir sind

vertrieben.“

„Auch du?“

Ismael wies auf einen zweiten Mauren. „Mein Bruder Ali und ich. Man hat

bei uns Berberbriefe gefunden, die verdächtig waren.“

„Und du, Ibn Maratan?“ wandte sich Eswer an den jüngsten der drei.

„Auch dein Auge glänzt in Leid.“

Der Maure nickte mit zusammengepreßten Lippen.

„Er hat einen berberischen Seefahrer bei sich verborgen,“ erklärte

Ismael Ben Katasi. „Nun rettet er sich zu dir, Eswer Ben Zerragh. Hast

du Platz in deiner Höhle?“

Der Abencerrage war voll Freude. „Willkommen und freundlich

aufgenommen! Dort oben liegt das Loch, weich ist das Gras, ihr müßt nur

Freunde in Orgiva haben, die für euch sorgen.“

„Die haben wir!“ sagte Ali Ben Katasi.

„Bevor wir weiterhandeln,“ sagte der Imam, „laßt uns zu Gebet und

Ruhe kommen. Vom weißen Minar dieses Gipfels klingt Gottes Mahnung zu

uns herab. Richtet euer Antlitz nach dem Tempel Haram im Lande der

Offenbarung.“

Die Mädchen hatten sich auf kleine Gebetsteppiche geworfen und das

Mulatum, das Gebetstuch, über den Kopf geworfen, nachdem Sobeiha das

Wasser gereicht hatte. Bald darauf erklang Abu Atirs Anrufung Gottes

in die Berge: „Gott ist allmächtig! Sei gepriesen, höchster Gott! Zu

dir beten wir und für dich üben wir gute Werke, Friede sei mit dir,

Prophet! Und Gottes Gnade und Segen mit dir und allen wahren Verehrern

Gottes!“ Die Leiber warfen sich vor und zurück, die Gedanken versenkten

sich in glühende Bilder. Eswers Augen aber verschlangen das schöne

Mädchen, dessen Schlankheit wie ein Zweig des Gadhastrauches war.

„Nun kommt nach der Höhle des Spiegels,“ sagte Abu Atir nach dem Gebet.

Und er schritt selbst führerlos voran, worüber sich Eswer wunderte. Der

Alte mußte also die Höhle kennen. „Als Mohammed floh,“ sagte der Imam,

in Ehrfurcht vor dem Höhlenloch Eswers stehend, „und Tag und Nacht in

der Höhle des Berges Thaur zubrachte, wob eine Spinne vor dem Eingang

ihr Netz, damit es aussehe, als wäre niemand drin, und Tauben bauten

ihr Nest davor zum Zeichen der Unberührtheit. Dein Netz und Nest ist

die Wachsamkeit deiner Hirten, Eswer.“ Und er trat mit den Männern

heran, während sich die Mädchen vor der Höhle auf einen Felsblock

niederließen.

Ein Steingewölbe dunkelte über ihnen, der Lichtschein des Tages beim

Eingang gab dem Raum ein dämmriges Licht. Ein Graslager zog sich bis in

die Tiefe. „Es ist nicht allzu schlimm,“ erklärte Eswer den verzagten

Freunden. „Was man gewöhnt, wird nicht mehr eine Last.“

„Ich hätte Lust, mit euch hier zu hausen,“ sagte Abu Atir, „wenn mich

nicht wichtige Geschäfte nach Granada zögen.“

Sie traten wieder ins Freie. „Kommst du nicht von Granada?“ fragte

Eswer.

Der Greis lächelte. „Ich habe es Jahre nicht gesehen, aber Freunde

wirkten dort für mich.“ Er stockte und wurde verlegen. „Laßt uns

vorerst die Mädchen versorgen.“

Taleb wies ihnen den Weg zur Spiegelhöhle und hielt ein Stoßgebet

weit von der Männerhöhle entfernt vor einem großen Felsblock. Die

Mauren packten kräftig an, bald bewegte sich der Koloß und gab den

mannsbreiten Eingang zur Höhle frei. Drei große fensterartige Öffnungen

ließen Taghelle und Luft hereinströmen, und der grasweiche Boden lud

zum Ruhen ein. Eswer erstaunte und fragte Taleb: „Warum zeigtest du mir

diesen Platz nie?“

Der Hirt lächelte. „Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in den Bergen

seit grauen Jahren, daß diese Höhle nur flüchtenden Frauen gehört.

Wüßten viele Männer davon, man hörte den Klang der Nachtständchen bis

nach Cañor hinab.“

„Reija, du wirst hier wohl schlafen,“ sagte der Imam. „Und für eine

Wache --“

„Ich selbst will wachen,“ schnellte der Abencerrage heraus, und seine

Wange glühte in ritterlichem Eifer.

Das Mädchen zog die Schultern wie fröstelnd zusammen, kaum daß ein

Blick den schutzbereiten Jüngling streifte. „Ich werde mit Saffana,

meiner Sklavin, unter dem Schutz der Engel schlafen.“ Tiefkehlig, ernst

und beinahe abweisend klang es.

Eswer verschränkte betrübt die Arme über die Brust. Da war es, als

bereute die Jungfrau das harte Wort. „Du -- darfst wachen,“ sagte sie

rasch, „denn du bist aus dem Stamm der Abencerragen.“ Und große Wimpern

senkten sich über die Augen.

„Mein Vater war Lanzenschwinger und hat es vor Loja bewiesen,“ sagte

der junge Ritter beglückt. „Fünf Christen warf er dort in den Sand. Ich

habe sie von ihm, die blitzende Kunst des Wurfes, und ich will sie, tut

es not, für dich üben als dein Wächter, holde Reija.“

Der silberbärtige Imam lächelte über den Rittereifer. „Laßt uns vor

dieser Höhle das Abendbrot verzehren, sobald der Mond sich über der

Loma wiegt. Und nun kommt, Männer, ich muß euer Ohr für ein paar

Augenblicke allein haben.“

Die Männer verneigten sich wieder mit verschränkten Armen vor der

Jungfrau und stiegen dann mit Abu Atir über die Felsen ein wenig

aufwärts, hielten aber bald in der Einsamkeit eines muschelartigen

Kars, wo ihre Stimmen nur schwer den Weg ins Weite finden konnten. Hier

unter dem dunkler blauenden Himmel, umgeben von der ernsten Majestät

des Schweigens, hockten sie sich mit verschränkten Beinen auf die

Felsbänke, und Abu Atir, der Überlieferer und Ausleger des Korans, ließ

das bärtige Haupt bekümmert in die Hände fallen und brach endlich in

den Wehruf aus: „O mein Granada!“

Und im Mitweh senkten die Männer die Häupter und weinten leise. Bis der

Imam langsam den Kopf hob und mit starker Stimme das Surenwort sprach:

„Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht

gezeugt, und kein Wesen ist ihm gleich.“

Da antworteten die Männer gleichzeitig mit überzeugungstiefer Wärme:

„La illaha illa illahu! Gott ist der einzige Gott!“

Granada in Flammen · 第 47 / 190 题