Während man für die Lösung der Flugfrage den wissenschaftlich gebildeten
und praktisch erfahrenen Mechaniker als den eigentlich Berufenen
bezeichnen muß, beschäftigt das Fliegeproblem fast ausnahmslos alle
Berufsklassen. Die außerordentliche Tragweite, welche die Erfindung des
Fliegens haben muß, wird von jedermann erkannt, jedermann sieht täglich
an den fliegenden Tieren die Möglichkeit einer praktischen Fliegekunst,
auch hat sich bis jetzt kein Forscher gefunden, welcher mit
überzeugender Schärfe nachweisen könnte, daß keine Hoffnung für die
Nachbildung des Fliegens durch den Menschen vorhanden sei. Unter solchen
Umständen ist es natürlich, daß das Interesse für die Flugfrage diese
Ausdehnung annehmen mußte. Auffallend aber bleibt es, daß gerade die
Berufenen diesem Problem gegenüber sich kühler und indifferenter
verhalten, als alle jene, welchen es schwerer wird, das zu durchschauen,
was der Vogel macht, wenn er fliegt.
Die Bethätigung der technischen Kreise für die Flugfrage ist eine laue
und der Wichtigkeit der Sache selbst nicht entsprechende. Während auf
allen technischen Gebieten eine ausgebildete Systematik blüht, herrscht
in der Flugtechnik die größte Zerfahrenheit; denn der Meinungsaustausch
ist schwach, und -- _fast jeder Techniker vertritt über das Fliegen
seine gesonderte Ansicht_.
Die Schuld hieran, wie überhaupt an dem kümmerlichen Standpunkt der
Flugfrage, trägt vielleicht nicht zum geringsten die Erfindung des
Luftballons. So sonderbar es klingen mag, so ist es doch nicht ganz
müßig, sich die Frage vorzulegen, was für einen Einfluß es auf das
eigentliche Fliegeproblem gehabt hätte, wenn der Luftballon gar nicht
erfunden worden wäre.
Abgesehen davon, daß es bei den Fortschritten der Wissenschaft überhaupt
nicht denkbar wäre, daß nicht irgend ein Forscher den Auftrieb leichter
Gase in einem Ballon zur Anwendung gebracht hätte, kann man dennoch
erwägen, wie es um die aerodynamische Flugfrage heutigen Tages stände,
wenn die Aerostatik bei der Luftschiffahrt gar nicht zur Geltung
gekommen wäre.
Ehedem hatte man nur den Vogel als Vorbild, da aber stellte plötzlich
der erste Ballon die ganze Flugfrage auf einen anderen Boden. Wahrhaft
berauschend muß es gewirkt haben, als vor einem Jahrhundert der erste
Mensch sich wirklich von der Erde in die Lüfte erhob. Es kann nicht
überraschen, wenn alle Welt glaubte, daß die Hauptschwierigkeit nun
überwunden sei, und es nur geringer Hinzufügungen bedürfe, um den
Aerostaten, der so sicher die Hebung in die Luft bewirkte, auch nach
beliebigen Richtungen zu dirigieren und so zur willkürlichen
Ortsveränderung ausnützen zu können.
Kein Wunder also, daß alles Streben auf dem Gebiet der Aeronautik dahin
ging, nun den Ballon auch lenkbar zu machen, und daß namentlich auch die
technisch gebildeten Kreise lebhaft diesen Gedanken verfolgten. Man
klammerte sich an das vorhandene, greifbare, sogar bestechende Resultat
und dachte natürlich nicht daran, die als außerordentliche
Errungenschaft erkannte Hebekraft des Luftballons so leicht wieder
aufzugeben. Wie verlockend war es nicht, nach diesem jahrtausendelangen
Suchen endlich die Gewißheit zu erhalten, daß auch der Luftocean seine
Räume uns erschließen mußte. Dieses neue Element nun auch für die freie
Fortbewegung zu gewinnen, konnte ja nicht mehr schwer sein. Es schien,
als ob es nur noch an einer _Kleinigkeit_ läge, um das große Problem der
Luftschiffahrt vollends zu lösen.
Diese Kleinigkeit hat sich inzwischen aber als die eigentliche, und zwar
als eine unüberwindliche Schwierigkeit erwiesen; denn wir überzeugen uns
immer mehr und mehr, daß der Ballon das bleiben wird, was er ist, --
»ein Mittel, sich hoch in die Luft zu erheben, aber kein Mittel zur
praktischen und freien Luftschiffahrt«.
Jetzt, wo diese Einsicht immer mehr Boden gewinnt, wo also der
Ballontaumel seinem Ende sich naht, kehren wir eigentlich mit der
Flugfrage zu dem alten Standpunkte zurück, den sie vor der Erfindung des
Ballons eingenommen hat, und unwillkürlich drängt sich uns die Frage
auf, wieviel die Fliegekunst hätte gefördert werden können, wenn die
Aufmerksamkeit nicht hundert Jahre von ihr abgelenkt worden wäre, und
wenn jene außerordentlichen Mittel des Geistes wie des Geldbeutels,
welche in die Lenkbarkeit des Luftballons hineingesteckt wurden, ihr
hätten zu gute kommen können.
In Zahlen lassen sich solche Fragen nicht beantworten, aber _jener_
Überzeugung können wir uns nicht verschließen, daß ohne den Luftballon
die Energie in Verfolgung der Ziele der eigentlichen Aviatik jetzt
ungleich größer sein würde, weil erst durch die Enttäuschungen, welche
der Luftballon herbeiführte, dieser leidige Skepticismus um sich griff,
der die eigentlich Berufenen der Fliegeidee so sehr entfremdete, und daß
auf diesem Forschungsgebiet, wo fast jeder systematisch ausgeführte
Spatenstich Neues zu Tage fördern muß, manches erschlossen sein würde,
über das wir uns jetzt noch in vollkommener Unwissenheit befinden.
Wir dürfen wohl somit annehmen, daß der Ballon der freien Fliegekunst
eigentlich nicht genützt hat, wenn man nicht so weit gehen will, den
Luftballon geradezu als einen Hemmschuh für die freie Entwickelung der
Flugtechnik anzusehen, weil er die Interessen zersplitterte und
diejenige Forschung, welche dem freien Fliegen dienen sollte, auf eine
falsche Bahn verwies.
Diese falsche Richtung ist aber hauptsächlich darin zu erblicken, daß
man einen allmählichen Übergang suchte von dem Ballon zu der für
schnelle, freie Bewegung in der Luft geeignete Flugvorrichtung. Der
Ballon blieb immer der Ausgangspunkt und zerstörte durch sein
schwerfälliges Volumen jeden Erfolg.
Es giebt nun einmal kein brauchbares Mittelding zwischen Ballon und
Flugmaschine. Wenn uns noch etwas zum wirklichen freien Fliegen
verhelfen kann, so ist es _kein_ allmählicher Übergang vom Auftrieb
leichter Gase zum Auftrieb durch den Flügelschlag, sondern ein _Sprung_
von der Aerostatik zurück zur _reinen Aviatik_.
Lassen wir dem Ballon sein Wirkungsfeld, welches überall da ist, wo es
sich darum handelt, einen hohen Umschauposten in Form des gefesselten
Ballons zu errichten, oder in hoher Luftreise sich mit dem Winde
dahinwehen zu lassen! Die Zwecke der Flugtechnik aber sind andere. Die
Luftschiffahrt im eigentlichen Sinne kann uns nur nützen, wenn wir
schnell und sicher durch die Luft dahin gelangen, wohin _wir_ wollen und
nicht dahin, wohin der _Wind_ will.
In der Erreichung dieses Zieles hat der Ballon uns doch wohl nur
gestört.
Dieser störende Einfluß wird aber aufhören, und man wird es um so
ernster nehmen mit den Aufgaben, die zu lösen sind, da nicht nur vieles,
sondern fast alles nachzuholen bleibt.
Auch die Techniker werden sich einigen und aus ihrer vornehmen Reserve
heraustreten; denn es ist heute unverkennbar, daß sich gegenwärtig das
Interesse wieder mehr und mehr dem aktiven Fliegen zuwendet, und so
haben wir denn auch diesen Zeitpunkt für geeignet gehalten, dasjenige,
was wir an Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt haben, der
Öffentlichkeit zu übergeben.