Daß wir uns die Vögel zum Muster nehmen müssen, wenn wir danach streben,
die das Fliegen erleichternden Prinzipien zu entdecken, und demzufolge
das aktive Fliegen für den Menschen zu erfinden, dieses geht aus den
bisher angeführten Versuchsresultaten eigentlich ohne weiteres hervor.
Wir haben gesehen, daß beim wirklichen Vogelfluge so viele auffallend
günstige, mechanische Momente eintreten, daß man auf die Möglichkeit des
freien Fliegens wohl ein für allemal verzichten muß, wenn man diese
günstigen Momente nicht auch benutzen will.
Unter dieser Annahme ist es am Platze, noch einmal etwas näher auf die
besonderen Erscheinungen beim Vogelfluge einzugehen.
Selbstverständlich werden wir uns, wenn wir die Vögel als Vorbild
nehmen, nicht nach denjenigen Tieren richten, bei denen, wie bei vielen
Luftvögeln, die Flügel fast anfangen rudimentär zu werden. Auch kleinere
Vögel, wie die Schwalben, obwohl wir deren Meisterschaft und Gewandtheit
im Fliegen bewundern müssen, gewähren uns nicht das vorteilhafteste
Beobachtungsobjekt. Sie sind zu winzig und ihre ununterbrochene Jagd auf
Insekten erfordert zu viele unstäte Bewegungen.
Will man eine Vogelart herausgreifen, welche in besonderem Maße geeignet
ist, als Lehrmeisterin zu dienen, so können wir z. B. die Möwen als
solche bezeichnen.
An der Meeresküste hat man die ausgiebigste Gelegenheit, diese Vögel zu
beobachten, welche, da sie wenig gejagt werden, große Zutraulichkeit zum
Menschen besitzen und am Beobachter in fast greifbarer Nähe
vorbeifliegen. Wenige Armlängen nur entfernt in günstiger Beleuchtung
unterscheidet man jede Wendung ihrer Flügel und kann, mit den
eigentümlichen Erscheinungen des Luftwiderstandes am Vogelflügel
vertraut, nach und nach einige Rätsel ihres schönen Fluges entziffern.
Was aber für die Möwen gilt, gilt mehr oder weniger auch für alle
anderen Vögel und für alle fliegenden Tiere überhaupt.
Wie aber fliegt die Möwe? Gewöhnlich ist die Luft an der See bewegt, und
meistens hat daher die Möwe Gelegenheit, sich segelnd in der Luft
fortzubewegen, nur dann und wann mit einigen Flügelschlägen nachhelfend,
selten kreisend, bald rechts oder links umbiegend, bald steigend, bald
sinkend, den Kopf geneigt und immer mit den Augen die futterspendende
Wasserfläche durchsuchend.
Die Flügelschläge mit den schlanken, schwach gewölbten Schwingen lassen
auf den ersten Blick eine auffallende Bewegungsart erkennen. Diese
Flügelschläge erhalten nämlich dadurch ein besonders sanftes und
elastisches Aussehen, daß eigentlich nur die Flügelspitzen sich
wesentlich auf und nieder bewegen, während der breitere, dem Körper
naheliegende Armteil der Flügel nur wenig an diesem Flügelausschlage
teilnimmt, und ein Bewegungsbild in die Erscheinung tritt, wie Fig. 67
zeigt.
[Illustration: Fig. 67.]
Weist uns aber nicht wiederum die Möwe hier einen Weg, auf dem wir
abermals zu einer Flugerleichterung, zu einer Kraftersparnis gelangen?
Ist aus dieser Bewegungsform nicht sofort herauszulesen, daß die Möwe
mit den wenig auf und nieder bewegten Armteilen ihrer Flügel ruhig
weiter segelt, während die nur aus Schwungfedern bestehenden, leicht
drehbaren Flügelhände die verlorene Vorwärtsgeschwindigkeit ergänzen? Es
ist die Absicht unverkennbar, den dem Körper naheliegenden breiteren
Flügelteil bei wenig Ausschlag und wenig Arbeitsleistung zum Tragen zu
verwenden, während die schmalere Flügelspitze bei wesentlich stärkerem
Ausschlag die vorwärts ziehende Wirkung in der Luft besorgt, um dem
Luftwiderstand des Vogelkörpers und der etwa noch vorhandenen hemmenden
Luftwiderstandskomponente am Flügelarm das Gleichgewicht zu halten.
Wenn dieses feststeht, so muß man in dem Flugorgan des Vogelflügels, das
um das Schultergelenk als Drehpunkt sich auf und nieder bewegt, das
durch seine Gliederung eine verstärkte Hebung und Senkung sowie eine
Drehung der leichten Flügelspitze bewirken läßt, eine höchst sinnreiche,
vollkommene Anordnung bewundern.
Der Armteil des Flügels ist schwer, er enthält Knochen, Muskeln und
Sehnen, er setzt daher jeder schnelleren Bewegung eine größere Trägheit
entgegen. Dieser breitere Flügelteil ist aber zum Tragen wohl geeignet,
weil er nahe am Körper liegend durch den kürzeren Hebelarm des
Luftwiderstandes ein kleineres, den ganzen Flügelbau weniger
beanspruchendes Biegungsmoment ergiebt. Die Flügelhand dagegen ist
federleicht, weil sie eigentlich fast nur aus Federn besteht. Sie ist
nicht an einem schnellen Heben und Senken gehindert. Der durch sie
verursachte Luftwiderstand würde aber, wenn er dem größeren
Flügelausschlag entsprechend zunähme, sowohl eine unvorteilhaft starke
Beanspruchung der Flügel, als auch einen großen Arbeitsaufwand
verursachen. Es ist eben zu vermuten, daß die Funktion der Flügelspitzen
weniger in der Erzeugung eines größeren hebenden als vielmehr eines
kleineren, aber vor allen Dingen vorwärts ziehenden Luftwiderstandes
besteht.
[Illustration: Fig. 68.
Fig. 69.]
Und in der That, die Beobachtung hinterläßt hierüber keinen Zweifel; man
braucht nur bei Sonnenschein die Möwen zu beobachten und wird an den
Lichteffekten die wechselnde Neigung der Flügelspitzen deutlich
wahrnehmen, die ein förmliches Aufblitzen bei jedem Flügelschlag
hervorruft. Es bietet sich ein veränderliches Bild, wie die 2 Figuren 68
und 69 es zeigen, an denen einmal die Flügelstellung beim Aufschlag, das
andere Mal beim Niederschlag angegeben ist. Die von uns fortfliegende
Möwe zeigt uns beim Aufschlag Fig. 68 die Oberseite ihrer Flügelspitzen
hell von der Sonne beschienen, während wir beim Niederschlag Fig. 69 die
schattige Höhlung von hinten erblicken. Offenbar geht also die
Flügelspitze mit gehobener Vorderkante herauf und mit gesenkter
Vorderkante herunter, was beides auf eine ziehende Wirkung hindeutet.
Auch die an uns vorbeieilende Möwe wird dem geübten Beobachter verraten,
welche Rolle die Flügelspitzen bei den Flügelschlägen spielen.
[Illustration: Fig. 70.]
Fig. 70 zeigt eine Möwe beim Flügelniederschlag von der Seite gesehen.
Nach der Spitze zu hat der Flügel den nach vorn geneigten Querschnitt
acb. Der absolute Weg dieser Flügelstelle hat die Richtung cd, und ce
ist der entstandene Luftwiderstand. Man sieht, wie letzterer außer der
hebenden gleichzeitig eine vorwärtsziehende Wirkung erhält.
Ob aber der Flügel beim Aufschlag in allen Teilen eine ähnliche Rolle
übernimmt, also zum Vorwärtsziehen dient, ist nicht ein für allemal
ausgemacht. Wäre dieses der Fall, so könnte es unbedingt nur auf Kosten
einer gleichzeitig niederdrückenden Wirkung geschehen. Vielleicht
geschieht es in stärkerem Grade dann, wenn es dem Vogel um ganz
besondere Schnelligkeit zu thun ist.
Im übrigen kann der Aufschlag auch bei solcher Neigung vor sich gehen,
daß ein Druck weder von oben noch von unten kommt; und endlich kann der
Aufschlag so geschehen, daß noch eine Hebung daraus hervorgeht. Im
letzteren Falle tritt der bemerkenswerte Umstand ein, daß bei einem
solchen Fluge alle Flügelteile während der ganzen Flugdauer hebend
wirken, und welch günstigen Einfluß dies auf die Arbeitsersparnis
ausübt, haben wir früher gesehen.
Allerdings wird der Aufschlag viel weniger Hebung hervorbringen als der
Niederschlag, es erwächst aber auch schon ein Vorteil für den Vogel,
wenn beim Aufschlag nur so viel Widerstand von unten entsteht, als zur
Hebung des Flügels und Überwindung seiner Massenträgheit erforderlich
ist, so daß der Vogel beim Heben der Flügel so gut wie keine Kraft
anzuwenden braucht.
Hierbei ist es noch denkbar, daß beim vorwärtsfliegenden Vogel der
Luftwiderstand sich am aufwärts geschlagenen und windschief gedrehten
Flügel, wenn eine verstärkte Hebung des Handgelenkes hinzutritt, so
verteilt, daß ein hebender Druck am Flügelarm entsteht, während die
Flügelspitze Widerstände erfährt, welche, schräg nach vorn und unten
gerichtet, ziehend wirken, wie in Fig. 71 angedeutet ist. Die
schädlichen, abwärts drückenden Bestandteile des Widerstandes an der
Spitze werden dann durch die nach oben gerichteten Widerstände am
Armteil desselben Flügels überwunden und unschädlich gemacht.
[Illustration: Fig. 71.]
In dieser Weise kann man sich vorstellen, daß beim Ruderflug während des
Aufschlages der Flügel noch eine teilweise Hebung erfolgt, während keine
Hemmung der Fluggeschwindigkeit eintritt, oder womöglich noch ein
kleiner nach vorn gerichteter Treibedruck übrigbleibt.
Daß übrigens die vorwärtsfliegenden Vögel auch während des
Flügelaufschlages den Luftwiderstand hebend auf sich einwirken lassen,
beweist ein einfaches Rechenexempel, indem man vergleicht, wieviel der
Vogel in seiner Flugbahn mit seinem Schwerpunkte sich heben und senken
würde, wenn er nur durch Niederschlagen der Flügel sich höbe gegenüber
der Hebung und Senkung, welche beim fliegenden Vogel in der That
festgestellt werden kann.
Eine große Möwe hebt und senkt sich auch in Windstille beim Ruderfluge
kaum um 3 cm, obwohl sie bei ihren 2½ Flügelschlägen pro Sekunde sich
bei jedem Doppelschlag etwa um 10 cm heben und senken müßte.
[Illustration: Fig. 72.]
Die Schlangenlinie in Fig. 72 giebt ein Bild vom absoluten Wege des
Schwerpunktes einer Möwe, welche von links nach rechts fliegend nur
durch die Niederschläge der Flügel eine Hebung hervorruft, während der
Aufschlag ohne wesentlichen Widerstand vor sich geht.
Rechnet man eine gleiche Zeitdauer zum Heben und Senken der Flügel, so
kommt 1/5 Sekunde zum Auf- und 1/5 Sekunde zum Niederschlag.
In a beginnt die Möwe die Flügel zu heben; ihre vorher erlangte aufwärts
gerichtete Geschwindigkeit verzehrt sich unter dem Einfluß ihres
Gewichtes und verwandelt sich in ein Sinken. Der Möwenschwerpunkt
beschreibt einfach die Wurfparabel abc, während die Flügelhebung
vollendet wird. Von a bis b und von b bis c braucht die Möwe je 1/10
Sekunde. Dem Gesetz der Schwere folgend, die jeden Körper in t Sekunden
den Weg s = ½gt^2 zurücklegen läßt, wo g die Beschleunigung der Schwere
gleich 9,81 m bedeutet, wird auch die Möwe in 1/10 Sekunden um den Weg s
= ½ × 9,81 × 1/100 = cirka 0,05 m oder um 5 cm fallen. Der Bogen abc ist
also 5 cm hoch.
Jetzt kehrt sich das Spiel um, und die Flügel schlagen herunter, den
doppelten Luftwiderstand des Möwengewichtes erzeugend, so daß als
Hebekraft das einfache Möwengewicht übrig bleibt. Der Schwerpunkt
beschreibt daher den gleichen, jetzt nur nach unten liegenden, Bogen
cde, der ebenfalls um 5 cm gesenkt ist. Die ganze Hebung und Senkung
betrüge also zusammen 10 cm, wie behauptet wurde.
Etwas anders wird zwar der Ausfall der Rechnung, wenn der
Flügelaufschlag schneller erfolgt als der Niederschlag; aber selbst,
wenn die Aufschlagzeit nur 2/5 der Doppelschlagperiode ausmacht, erhält
man immer noch über 6 cm Hub des Schwerpunktes. Man kann daher wohl auf
eine Hebewirkung während des Flügelaufschlages schließen, wenn sich die
Beobachtung mit der Rechnung decken soll.
Wir müssen aber diese Eigentümlichkeit der Flügelschlagwirkung wiederum
als ein Moment zur vorteilhaften Druckverteilung auf den Flügel und
somit als einen Faktor zur Erleichterung beim Fliegen ansehen.
Dieser Vorteil erwächst den Vögeln, wie allen fliegenden Tieren also
daraus, daß ihre Flügel eine auf und nieder pendelnde Bewegung machen,
deren Ausschlag allmählich von der Flügelwurzel bis zur Spitze zunimmt.
Auf diese Weise beschreibt nun jeder Flügelteil in der Luft einen
anderen absoluten Weg. Die Teile nahe am Körper haben fast keine Hebung
und Senkung und im wesentlichen beim normalen Ruderfluge nur
Horizontalgeschwindigkeit, sie werden daher eine ähnliche Funktion
verrichten, wie beim eigentlichen Segeln der Vögel der ganze Flügel
verrichtet, und dem entsprechend wird die Lage dieser Flügelteile eine
solche sein, daß ein möglichst hebender Luftdruck von unten auf ihnen
ruht, ohne eine allzu große hemmende Kraftkomponente zu besitzen. Die
dennoch stattfindende Hemmung des Vorwärtsfliegens, namentlich auch
durch den Vogelkörper hervorgerufen, wird dadurch aufgehoben, daß beim
Niederschlag die Flügelenden in ihrem mehr abwärts geneigten absoluten
Wege selbst eine _nach vorn geneigte Lage_ annehmen und einen _schräg
nach vorn_ gerichteten Luftwiderstand erzeugen, der groß genug ist, die
gewünschte Vorwärtsgeschwindigkeit aufrecht zu erhalten.
[Illustration: Fig. 73.]
Während nun beim Flügelaufschlag die nahe dem Körper gelegenen Teile
fortfahren, beim Durchschneiden der Luft tragend zu wirken, werden die
mehr Ausschlag machenden Flügelteile, deren absoluter Weg schräg
aufwärts gerichtet ist, eine solche Drehung erfahren, daß dieselben
möglichst schnell und ohne viel Widerstand zu finden in die gehobene
Stellung zurückgelangen können. Wir haben uns demnach die von den
einzelnen Flügelteilen beschriebenen schwachen und stärkeren
Wellenlinien wie in der Fig. 73 angegeben zu denken, während die
einzelnen Flügelquerschnitte dabei Lagen annehmen und Luftwiderstände
erzeugen, wie sie in dieser Figur eingezeichnet sind. Hierbei ist
angenommen, daß beim Aufschlag alle Flügelteile hebend mitwirken.
Die Mittelkraft dieser Luftwiderstände muß so groß und so gerichtet
sein, daß einmal dem Vogelgewicht und zweitens dem Luftwiderstand des
Vogelkörpers das Gleichgewicht gehalten wird.
Um dies hervorzurufen, muß sich also der Vogelflügel beim Auf- und
Niederschlag drehen, an der Wurzel fast gar nicht, in der Mitte wenig,
an der Spitze viel.
Die Drehung wird vor sich gehen beim Wechsel des Flügelschlages. Während
dieses Umwechselns der Flügelstellung, wobei immer eine gewisse Zeit
vergehen wird, findet vielleicht, namentlich an den Flügelenden, wo viel
Drehung nötig ist, ein geringer Verlust statt. Dieser Verlust beim
Hubwechsel wird um so geringer sein, je schmaler die Flügel sind. Als
Beispiel sei der Albatros erwähnt, dessen Flügelbreite nur etwa 1/8 der
Flügellänge beträgt.
Bei Vögeln mit breiten Flügeln, wie bei den Raub- und Sumpfvögeln, hat
die Natur daher auch wohl aus diesem Grunde die Gliederung der
Schwungfedern herausgebildet, so daß der geschlossene Flügelteil nur
ganz schwache Drehungen zu machen braucht, während die stärkeren
Drehungen von jeder Schwungfeder allein ausgeführt werden.
[Illustration: Fig. 74.]
Die Rolle der ungeteilten Flügelspitzen der Möwen übernehmen also bei
den Vögeln mit ausgebildetem Schwungfedermechanismus wahrscheinlich die
einzelnen Schwungfedern selbst. Zu dem Ende müssen, was auch der Fall
ist, die Schwungfedern einzelne, schmale, gewölbte Flügel bilden, und
sich genügend drehen können, sie dürfen sich daher nicht gegenseitig
überdecken.
Wer die Störche beim Fliegen aufmerksam beobachtet hat, wird ein solches
Spiel der Schwungfedern bestätigen können, indem beim wechselnden Auf-
und Niederschlag der Durchblick durch die gespreizten Fingerfedern bald
frei, bald verhindert ist.
Wie zweckbewußt die Natur hierbei zu Werke ging, zeigt die Konstruktion
derartiger Schwungfedern und die scharfe Trennung des geschlossenen
Flügelteils von demjenigen Teil, der sich in einzelne drehbare Teile
gliedert.
Zunächst sehen wir dies an Fig. 74, an der in 1/6 Maßstab gezeichneten
Schwungfeder des Kondors.
In der Nähe ihres Kieles ist die Fahne der Feder 75 mm breit und hat bei
a den Querschnitt Fig. 75, der wohl geeignet ist, die nächste Feder von
unten dicht zu überdecken und eine sicher geschlossene Fläche zu bilden.
[Illustration: Fig. 75.
Fig. 76.]
Der längere vordere Teil der Feder hat beiderseits viel schmalere Fahnen
und zwar ist die Feder bei b 48 mm und bei c 55 mm breit. Der
Querschnitt dieses schmaleren, einen gesonderten Flügel bildenden Teiles
ist nach Fig. 76 geformt und hier im natürlichen Maßstabe dargestellt,
um ein genaues Bild seiner parabolischen Wölbung geben zu können, und
zwar im belasteten Zustande, wo der Kondor kreisend auf der Luft ruhend
gedacht ist. Dergleichen Schwungfederfahnen sind übrigens so stark, daß,
obwohl eine stärkere Längsverbiegung der Feder eintritt, der
Fahnenquerschnitt sich nur sehr wenig verändert.
Wenn man eine solche Schwungfeder nach Abschnitt 27, Fig. 36 behandelt,
so findet man eine vom Kiel anfangende und bis zum Ende der Feder
zunehmende Torsion derselben, die davon herrührt, daß die hintere Fahne
bedeutend breiter, etwa 6mal so breit ist als die vordere. Diese
Verdrehung der Feder steht aber im vollkommenen Einklang mit ihrer
Funktion, Luftwiderstände zu erzeugen, die vorwärtsziehend wirken.
Wir sehen hier, daß jede einzelne eigentliche Schwungfeder einen kleinen
getrennten Flügel für sich bilden soll, der imstande ist, seine
zweckdienlichen gesonderten Bewegungen und namentlich gesonderte
Drehungen auszuführen.
Am deutlichsten läßt dies der in den Figuren 77 und 78 sowohl beim Auf-
als auch beim Niederschlag gezeichnete Querschnitt durch den
Schwungfedermechanismus des Kondors erkennen.
Besonders auf die getrennte Wirkung der Schwungfedern hindeutend ist
auch noch ihr Breiterwerden nach der Spitze zu anzusehen (siehe Punkt c
Fig. 74). Dieses hat offenbar nur bessere Flächenausnützung bei
vollkommen freier Drehung zum Zweck bei diesen radial stehenden Federn.
[Illustration: Fig. 77.
Fig. 78.]
Was zur Ausführung dieser einzelnen Federdrehungen den Vögeln an Sehnen
und Muskeln fehlt, und was das Fester- und Loserlassen der Häute, in
denen der Federkiel steckt, an Drehung nicht hervorzubringen vermag,
wird möglicherweise dadurch ersetzt, daß jede Schwungfeder nach vorn
eine schmale, nach hinten aber eine breite Fahne hat. Die Natur macht
nichts ohne besondere Absicht. Die Konstruktion dieser Schwungfedern
deutet offenbar auf ihre Verwendung hin, nach welcher sie als die
Auflösung eines größeren, breiten, geschlossenen Flügels in mehrere
einzelne schmale, leichter drehbare Flügel anzusehen sind, welche sich
aber nicht überdecken dürfen, damit die hinteren breiteren Fahnen, wenn
nicht durch willkürliche Muskelkraft, so doch durch den auf der breiten
hinteren Fahne ruhenden Luftdruck beim Niederschlag nach
oben durchschlagen können. Es ist dies ein Hauptmerkmal der
Schwungfedereinrichtung bei allen größeren Raub- und Sumpfvögeln,
welches auch wohl schwerlich anders gedeutet werden kann.
* * * * *
Wir können dieses Thema nun nicht verlassen, ohne noch einmal auf einen
Vogel zurückzukommen, welcher gleichsam zum Fliegevorbilde für den
Menschen geschaffen zu sein scheint, welcher als einer der größten Vögel
unseres Erdteiles auch alle Künste des Fliegens versteht, ein Vogel, den
wir in seinem Naturzustande, in der vollen Freiheit seiner Bewegungen
beobachten können, wie keinen anderen. Ich meine den Storch, der
alljährlich in unsere Ebenen aus seiner, tief im Innern Afrikas
gelegenen, zweiten Heimat zurückkehrt, der auf unseren Häusern geboren
wird, auf unseren Dächern seine Jugendtage verlebt und über unseren
Häuptern von seinen Eltern im Fliegen unterrichtet wird.
Fast möchte man dem Eindrucke Raum geben, als sei der Storch eigens dazu
geschaffen, um in uns Menschen die Sehnsucht zum Fliegen anzuregen und
uns als Lehrmeister in dieser Kunst zu dienen; fast hört man's, als rief
er die Mahnung uns zu:
»O, sieh', welche Wonne hier oben uns blüht,
Wenn kreisend wir schweben im blauen Zenith,
Und unter uns dehnt sich gebreitet
Die herrliche, sonnenbeschienene Welt,
Umspannt vom erhabenen Himmelsgezelt,
An dem nur Dein Blick uns begleitet!
Uns trägt das Gefieder; gehoben vom Wind
Die breiten, gewölbten Fittige sind;
Der Flug macht uns keine Beschwerde;
Kein Flügelschlag stört die erhabene Ruh'.
O, Mensch, dort im Staube, wann fliegest auch Du?
Wann löst sich Dein Fuß von der Erde?
Und senkt sich der Abend, und ruhet die Luft,
Dann steigen wir nieder im goldigen Duft,
Verlassen die einsame Höhe.
Dann trägt uns der Flügelschlag ruhig und leicht
Dem Dorfe zu, ehe die Sonne entweicht;
Dann suchen wir auf Deine Nähe.
So siehst Du im niedrigen Fluge uns ziehn
Im Abendrot über die Gärten dahin.
Zum Neste kehren wir wieder.
Auf heimischem Dache dann schlummern wir ein,
Und träumen von Wind und von Sonnenschein,
Und ruh'n die befiederten Glieder.
Doch treibt Dich die Sehnsucht, im Fluge uns gleich
Dahinzuschweben, im Lüftebereich
Die Wonnen des Flug's zu genießen,
So sieh' unsern Flügelbau, miß unsre Kraft,
Und such' aus dem Luftdruck, der Hebung uns schafft,
Auf Wirkung der Flügel zu schließen.
Dann forsche, was uns zu tragen vermag
Bei unserer Fittige mäßigem Schlag,
Bei Ausdauer unseres Zuges!
Was uns eine gütige Schöpfung verlieh'n,
Draus mögest Du richtige Schlüsse dann zieh'n,
Und lösen die Rätsel des Fluges.
Die Macht des Verstandes, o, wend' sie nur an,
Es darf Dich nicht hindern ein ewiger Bann,
Sie wird auch im Fluge Dich tragen!
Es kann Deines Schöpfers Wille nicht sein,
Dich, Ersten der Schöpfung, dem Staube zu weih'n,
Dir ewig den Flug zu versagen!«
Was treibt denn den Storch sonst, die Nähe des Menschen zu suchen? Den
Schutz des Menschen braucht er nicht; er hat keinen Feind aus dem
Tierreiche zu fürchten, und Marder, sowie Katzen, die seiner Brut
schaden könnten, finden sich auf den Dächern mehr als in der Wildnis.
Aber auch diese werden sich hüten, ihn zu stören; denn seine
Schnabelhiebe würden sie töten oder wenigstens ihres Augenlichtes
berauben. Sein schwarzer Stammesbruder, der seinen menschenfreundlichen
Zug mit ihm nicht teilt, trotzdem er in der Gefangenschaft ebenso zahm
wird, läßt ihm auch genug Bäume des Waldes übrig, auf denen er seinen
Horst fest und sicher aufschlagen könnte. Es ist also keine Wohnungsnot,
die ihn zwingt, zu den Bäumen oder Dächern der Dörfer und Städte seine
Zuflucht zu nehmen. Sollte die Stimme, der Gesang des Menschen es sein,
was ihn anzieht, seine Nähe aufzusuchen, oder hat er vielleicht Freude
an des Menschen Wirken und Schaffen? Wer könnte jemals sicheren
Aufschluß hierüber geben, ohne die eigentümliche Sprache des Storches zu
verstehen?
Jedenfalls reicht diese Freundschaft und dieses Zusammenleben zwischen
Storch und Mensch in die sagenhafte Vorzeit zurück; uns aber bleibt
nichts anderes übrig, als darüber erfreut zu sein, daß es, sei es durch
Klugheit, Zufall oder Aberglauben, so gekommen ist, daß einer der
größten Vögel und vorzüglichsten Flieger selbst den Menschen aufsucht,
und gerade dann, wenn der herrliche Himmel der warmen Jahreszeit uns in
seine Räume lockt, den Anblick seiner Fittige mit ihren weichen, schönen
Bewegungen zu unserem Fliegestudium darbietet.
Aber die große Stadt zieht den Storch nicht an, in den stillen Dörfern
fühlt er sich am wohlsten, und dort zeigt er sich gegen den Menschen,
der ihn stets schonte, sehr zutraulich. So sieht man ihn ganz dicht bei
den Feldarbeitern Nahrung suchen. Im hohen Kornfeld, das für ihn so
manche Leckerbissen verbirgt, kann er weder gehen noch von demselben
wieder auffliegen, darum leistet er den Schnittern Gesellschaft, um
dicht hinter ihnen die frei gewordene Fläche nach Ungeziefer abzusuchen.
Er weiß, daß unter den Kartoffelsäcken die Mäuse sich gern verbergen,
und wenn die Säcke mit den Frühkartoffeln auf den Wagen geladen werden,
paßt er gut auf, und manche Feldmaus wandert dabei in seinen Kropf.
Angesichts dieser nützlichen Beschäftigung würde der Landmann ein Thor
sein, den Storch nicht zu hegen und zu pflegen, wo er nur kann. Diese
praktischen Gesichtspunkte verschaffen dem Landbewohner nun aber auch
das Vergnügen, seinen Freund als prächtigen Flieger täglich über sich zu
sehen.
Es ist wirklich kein Wunder, wenn die Landleute, über deren Haus und Hof
in jedem Sommer ein großes Fliegen dieser 2 m klafternden Vögel beginnt,
ein regeres Interesse für die Fliegekunst an den Tag legen. Aber der
Landmann fürchtet, für einen Windbeutel gehalten zu werden, wenn jemand
erfährt, daß er sich mit einer so brotlosen Kunst abgiebt. Und dennoch
ist der Verfasser aus keinem anderen Stande so oft als aus diesem
angegangen worden, leichte Betriebsmaschinen zu einem verschämt geheim
gehaltenen Zweck zu konstruieren.
Gewährt nun schon die Beobachtung des eigentlich wilden Storches, wenn
er diesen Namen überhaupt verdient, viel Anregendes, so ist der Umgang
mit ganz gezähmten Störchen erst recht interessant und lehrreich. Der
junge aus dem Nest genommene Storch läßt sich mit Fleisch und Fisch
leicht aufkröpfen und gewöhnt sich sehr an seinen Pfleger; er erreicht
einen hohen Grad von Zutraulichkeit und weicht der liebkosenden Hand
seines Herrn nicht aus.
Die Flugübungen solcher jung gezähmter Störche geben Anlaß zu den
mannigfaltigsten Betrachtungen. Der Jungen Wohnstätte ist von den
Dächern entfernter Dörfer in den Garten verlegt, dem sie durch
Vertilgung von Ungeziefer sehr nützlich sind. Mehr wie einen jungen
Storch erlangt man übrigens selten aus einem Nest, das gewöhnlich 4
Junge enthält; denn die Besitzer von Storchnestern hängen mit inniger
Liebe an ihrem Hausfreund auf dem Dache und lassen meist um keinen Preis
irgend welche Störung der Storchfamilie zu. Man muß es daher schon als
eine ganz besondere Vergünstigung betrachten, wenn man ein einziges
Junges aus dem Neste nehmen darf. Die Beschaffung mehrerer junger
Störche kann daher auch nur aus mehreren Nestern, sogar meist nur aus
mehreren Dörfern geschehen. Dies ist aber auch dann nötig, wenn man
Paarungen der gezähmten Störche beabsichtigt, weil der Storch die
Inzucht haßt, und die Geschwister niemals Paarungen untereinander
eingehen.
Im Garten oder Park also wachsen die zahmen Jungen heran, und der große
Rasenplatz dient als Versuchsfeld für die Flugübungen.
Zunächst wird die grüne Fläche des Morgens nach Insekten und Schnecken
abgesucht, und mancher Regenwurm, der noch von seinem nächtlichen
Treiben her mit dem spitzen Kopfe aus der Erde hervorlugt, wird von den
scharfen Augen selbst im tiefsten Grase erspäht, mit der Schnabelspitze
langsam hervorgezogen, damit er nicht abreißt, und mit Appetit in den
Schlund geworfen. Dann aber beginnt das Studium des Fliegens, wobei
zunächst die Windrichtung ausgekundschaftet wird. Wie auf dem Dache, so
werden auch hier alle Übungen gegen den Wind ausgeführt. Aber der Wind
ist hier nicht so beständig wie auf dem Dache und daher die Übung
schwieriger. Zuweilen ruft ein stärkerer, von einer geschützten Seite
anwehender Wind Luftwirbel hervor, die bald von hier, bald von dort
anwehen. Dann sieht es lustig aus, wie die übungsbeflissenen Störche mit
gehobenen Flügeln herumtanzen und nach den Windstößen haschen, die bald
von vorn, bald von hinten, bald von der Seite kommen. Gelingt ein so
versuchter kurzer Aufflug, dann erschallt sofort freudiges Geklapper.
Bläst der Wind beständig von einer freien Seite über die Lichtung, dann
wird ihm hüpfend und laufend entgegengeflogen, Kehrt gemacht, und
gravitätisch wieder an das andere Ende des Platzes stolziert, um von
neuem den Anflug gegen den die Hebung erleichternden Wind zu versuchen.
So werden die Übungen täglich fortgesetzt. Zuerst gelingt bei einem
Aufsprung nur ein einziger Flügelschlag; denn bevor zum zweiten Schlage
ausgeholt ist, stehen die langen vorsichtig gehaltenen Beine schon
wieder auf dem Boden. Sowie aber diese Klippe erst überwunden ist, wenn
der zweite Flügelschlag gemacht werden kann, ohne daß die Beine
aufstoßen, wenn der Storch also beim zweiten Heben der Flügel den Boden
nicht erreichte, dann geht es mit Riesenschritten vorwärts; denn die
vermehrte Vorwärtsgeschwindigkeit erleichtert den Flug, so daß auch bald
3, 4 und mehr Flügelschläge bündig hintereinander in einem Satze
ausgeführt werden können; unbeholfen, ungeschickt, aber nie unglücklich,
weil stets vorsichtig.
Der Storch aber, den man bei niedrigem, langsamem Fluge an den durch
Bäume geschützten überwindigen Stellen für einen Stümper hielt, erlangt
sofort eine Sicherheit und Ausdauer im Fluge, sobald er über die
Baumkronen sich erheben kann und den frischen Wind unter den Flügeln
verspürt. Daran merkt man so recht, was der Wind den Vögeln ist, indem
auch die jungen Störche gleich durch den Wind verführt werden, die
anstrengenden Flügelschläge zu sparen und das Segeln zu versuchen.
Durch diese unerwartete Vervollkommnung im Fluge der jungen Störche,
habe ich einst meine drei besten Flieger verloren; denn ich glaubte an
eine so schnelle Entwickelung nicht, als eine nur dreitägige Reise mich
von Hause rief, und gab daher keine Anweisung, die Störche eingesperrt
zu halten, obwohl die Zeit des Abzuges nahte. Bei meiner Rückkehr mußte
ich denn auch leider erfahren, daß durch den höheren Flug und die
zufällig eingetretenen windigen Tage diese drei jungen Störche, die
vorher den Eindruck machten, als hätten sie die größten Anstrengungen
bei ihren kleinen niedrigen Flügen, daß diese Tiere plötzlich
ausdauernde Flieger geworden, und schon am 31. Juli von anderen
vorüberziehenden Störchen zur Mitreise verführt worden seien.
Auf die an die Meinen gerichtete Frage, warum denn der hohe Flug der
Störche, von dem sie doch zuerst abends wieder in den Stall
zurückkehrten, keine Veranlassung gegeben habe, sie vorsichtig
eingeschlossen zu halten, erhielt ich die Antwort: »Hättest du gesehen,
wie schön unsere Störche geflogen sind, wie sie sich in den letzten
Tagen in der Luft wiegend höher und höher erhoben, du hättest es selbst
nicht übers Herz gebracht, sie eingesperrt zu halten und an diesen
herrlichen Bewegungen zu hindern, nach denen ihr bittender Blick aus
ihren sanften schwarzen Augen verlangte«.
Wir aber wollen am Storch, mit dem unsere Einleitung begann, und der so
oft als Beispiel uns diente, später noch eine Rechnung durchführen,
welche zeigen wird, in welcher natürlichen Weise sich die Hebewirkungen
beim Fliegen entwickeln, wenn diejenigen Momente Berücksichtigung
finden, welche hier als die Flugfähigkeit fördernd aufgestellt sind,
wenn also die durch Messungen ermittelte Flügelwölbung in Rechnung
gezogen wird, und diejenigen Luftwiderstandswerte zur Anwendung
gelangen, welche solche gewölbten Flügelflächen bei ihrer Bewegung durch
die Luft wirklich erfahren.
Durch die Kenntnis der Luftwiderstandserscheinungen an flügelförmigen
Körpern sind wir imstande, wenigstens einigermaßen den Zusammenhang
zwischen den Ursachen und Wirkungen beim Vogelfluge zu erklären. Wir
können aus den Formen und Bewegungen der Vogelflügel diejenigen Kräfte
konstruieren, welche thatsächlich imstande sind, den Vogel mit den
Bewegungen, die er nach unseren Wahrnehmungen ausführt, in der Luft zu
tragen und seine Fluggeschwindigkeit aufrecht zu erhalten. Wir haben
gesehen, wie den Vögeln die längliche, zugespitzte oder in Schwungfedern
gegliederte Form ihrer Flügel hierbei zu statten kommt. Wir haben ferner
gesehen, daß das Auf- und Niederschlagen der Flügel, welches eigentlich
in einer Pendelbewegung besteht, die von Drehbewegungen um die
Längsachse begleitet ist, daß diese Flügelbewegung, sobald es sich
nebenbei um ein schnelles Vorwärtsfliegen handelt, die größere
Tragewirkung der Flugfläche nicht etwa auf die mit starkem Ausschlag
versehenen Flügelspitzen verlegt, sondern daß gerade den breiteren, nahe
dem Körper gelegenen Flügelteilen, welche wenig auf und nieder gehen,
der Hauptanteil zum Tragen des Vogels zufällt.
Die Natur entfaltet gerade in diesen Bewegungsformen des Vogelflügels
eine Harmonie der Kräftewirkungen, welche uns so mit Bewunderung
erfüllen muß, daß es uns nur nutzlos erscheinen kann, wenn auf anderen
Wegen versucht wird zu erreichen, was die Natur auf ihrem Wege so schön
und einfach erzielt.