37. Über die Möglichkeit des Segelfluges.

Die im letzten Abschnitt beschriebenen und von uns vielfältig

ausgeführten Versuche zeigen, daß der Luftwiderstand gewölbter Flächen

Eigenschaften besitzt, mit Hülfe deren ein wirkliches Segeln in der Luft

sich ausführen läßt. Der segelnde Vogel, ein Drachen ohne Schnur, er

existiert nicht bloß in der Phantasie, sondern in der Wirklichkeit.

Vielleicht ist es nicht jedem, der für die Vorgänge beim Vogelfluge

Interesse hat, vergönnt gewesen, große segelnde Vögel so genau zu

beobachten, daß die Überzeugung von der Arbeitslosigkeit eines solchen

Fluges tiefe Wurzeln schlagen konnte, und doch giebt es jetzt wohl schon

sehr viele Beobachter, die davon durchdrungen sind, daß hier in dem

anstrengungslosen Segeln der Vögel eine allerdings höchst wunderbare,

aber doch unumstößliche Thatsache obwaltet.

Wie schon erwähnt, gehören zu den Vögeln, welche das Segeln ohne

Flügelschlag verstehen, vor allem die Raubvögel, Sumpfvögel und die

meerbewohnenden Vögel. Es ist damit nicht ausgeschlossen, daß auch noch

viele andere Vogelarten, deren Lebensweise sie nicht zum Segeln

veranlaßt, dennoch die Fähigkeit zum Segeln besitzen. Ich wurde einst

sehr überrascht, eine große Schar Krähen schön und andauernd in

beträchtlicher Höhe kreisen zu sehen, während ich früher glaubte, daß

der eigentliche Segelflug der Krähe unbekannt sei.

Die Ausübung des Segelns ist bei den einzelnen Vogelarten aber etwas

verschieden.

Die Raubvögel bewegen sich meist kreisend und in der Regel mit dem Winde

abtreibend, das heißt, die Kreise schließen sich nicht, sondern bilden

in Kombination mit der Windbewegung cykloidische Kurven. Es hat den

Anschein, als wenn diese Form des Segelns die am leichtesten ausführbare

sei, denn alle Vögel, welche überhaupt segeln können, verstehen sich auf

diese Segelart.

Es ist nicht ganz ausgeschlossen, daß dergleichen Segelbahnen durch ihre

etwas schräge Lage die Geschwindigkeitsdifferenz des Windes in

verschiedenen Höhen beim Tragen der Vögel zur Mitwirkung bringen, und

daß dadurch dieses Kreisen das Segeln etwas erleichtert. Jedenfalls ist

aber die Höhendifferenz und somit der Unterschied in den

Windgeschwindigkeiten nicht beträchtlich genug, um darauf allein das

Segeln zu basieren. Wir wissen vielmehr, daß der Auftrieb des Windes in

Vereinigung mit den vorzüglichen Widerstandseigenschaften gewölbter

Flugflächen allein imstande ist, die Hebung der Vögel ohne Flügelschlag

zu bewirken.

Daß das Kreisen beim Segeln mehr Nebensache sein muß, wird auch dadurch

schon bewiesen, daß von den Vögeln auch sehr viel ohne Kreisen gesegelt

wird. Was sollen wir denn vom Falken sagen, der minutenlang unbeweglich

im Winde steht? Dieses Stillstehen mag wohl seine besonderen

Schwierigkeiten haben, denn viele Vögel, die hierauf sich verstehen,

giebt es sicher wenigstens unter den Landvögeln nicht. Der Falk verfolgt

hierbei offenbar den Zweck, möglichst unauffällig von oben das Terrain

nach Beute zu durchspähen; denn oft sahen wir ihn plötzlich aus solcher

Stellung niederstoßen.

Die kreisende Segelform wird von den anderen Raubvögeln auch wohl

angewendet, um eine vollkommene Absuchung ihres Jagdrevieres zu

bewirken. Auch diese Vögel sieht man plötzlich das Kreisen unterbrechen

und auf die Beute herabstürzen.

Die Sumpfvögel scheinen das Kreisen namentlich anzuwenden, um erst eine

größere Höhe zu erreichen. Zum Segeln gehört Wind von einer gewissen

Stärke, der sich oft erst in höheren Luftregionen findet. Und da

scheinbar das Kreisen eine Erleichterung beim Segeln bietet, läßt es

sich auch schon bei einer etwas geringeren Windstärke ausführen. Hat der

Sumpfvogel nun die genügende Höhe erreicht, so sieht man ihn häufig

segelnd geradeaus streichen, genau seinem Ziele zu. Bei Störchen kann

man diese Bewegungsform sehr häufig beobachten. Alle diese Künste aber

verstehen die an der Küste und auf offenem Meere lebenden Segler. Bei

diesen Vögeln scheint die Flügelform ganz besonders zum Segeln geeignet

zu sein. Sie können außer dem Kreisen daher auch jede andere Bewegung

segelnd ausführen, und auch diese Vögel sieht man zuweilen in der Luft

stillstehend den Wind zum Tragen ausnützen.

Zu allen diesen Bewegungen gehört eigentlich keine besondere motorische

Leistung, sondern nur das Vorhandensein richtig geformter Flügel und die

Geschicklichkeit oder das Gefühl, die Flügelstellung dem Winde

anzupassen.

Es ist wahrscheinlich, daß die von uns angewendeten Versuchsflächen,

wenn sie auch das Kriterium der zum Segeln erforderlichen Eigenschaften

enthielten, dennoch lange nicht alle jene Feinheiten besaßen, die der

vollendete Segelflug erheischt. Die Reihe der aufklärenden Versuche darf

daher auch noch lange nicht als abgeschlossen betrachtet werden. So viel

geht aber aus den angeführten Experimenten hervor, daß es sich wohl der

Mühe lohnt, auf dem betretenen Wege weiter zu forschen, um schließlich

das Ideal aller Bewegungsformen, das anstrengungslose, freie Segeln in

der Luft nicht bloß am Vogel zu verstehen und als möglich zu beweisen,

sondern schließlich auch für den Menschen zu verwerten.

Fragen wir uns noch einmal, worauf wir die Möglichkeit des Segelns

zurückzuführen haben, so müssen wir in erster Linie die geeignete

Flügelwölbung dafür ansehen; denn nur solche Flügel, deren Querschnitte

senkrecht zu ihrer Längsachse die geeignete Wölbung zeigen, erhalten

eine so günstige Luftwiderstandsrichtung, daß keine größere

geschwindigkeitverzehrende Kraftkomponente sich einstellt. Aber es muß

noch ein anderer Faktor hinzutreten; denn ganz reichen die Eigenschaften

der Fläche allein nicht aus, um dauerndes Segeln zu gestatten. Es muß

ein Wind von einer wenigstens mittleren Geschwindigkeit wehen, welcher

dann durch seine aufsteigende Richtung die Luftwiderstandsrichtung so

umgestaltet, daß der Vogel zu einem Drachen wird, der nicht nur keine

Schnur gebraucht, sondern sich sogar frei gegen den Wind bewegt.

Es sollen an dieser Stelle noch einige Experimente Erwähnung finden,

welche auch geeignet sind, Aufschluß hierüber zu gewähren.

Wir haben uns mehrfach Drachen hergestellt, welche nicht bloß in der

Flugflächenkontur sondern auch in dem gewölbten Flügelquerschnitt der

Vogelflügelform ähnlich waren. Derartige Drachenflächen verhalten sich

anders wie der gewöhnliche Papierdrachen.

Schon die gewöhnlichen Papierdrachen selbst haben je nach ihrer

Konstruktion verschiedene Eigenschaften.

Zunächst sei erwähnt, daß ein Drachen mit Querstab a in Fig. 61 nicht so

leicht steigt als ein Drachen ohne solchen Querstab. Die Seitenansicht

der Drachen giebt hierüber Aufschluß. Ein Drachen mit steifem Querstab a

wird nach Fig. 62, von der Seite gesehen, zwei einzelne Wölbungen

zeigen, während Fig. 63 einen Drachen ohne Querstab, von der Seite

gesehen, zeigt. Bei letzterem bildet sich rechts und links vom Längsstab

nur _eine_ und zwar eine größere Wölbung, die dem Drachen eine viel

vorteilhaftere Gestalt verleiht, weil sich jede Hälfte der einheitlichen

Vogelflügelwölbung mehr nähert. Der Unterschied in der Wirkung zeigt

sich darin, daß der letztere Drachen bei derselben Schnurlänge und

derselben Windstärke höher steigt als der Drachen Fig. 62. Es kommt dies

daher, daß der Drachen Fig. 63 sich unter einen flacheren Winkel zum

Horizont stellt als der Drachen Fig. 62, weil bei Fig. 63 die

Hebewirkung des Windes gegenüber der forttreibenden Wirkung größer ist

als bei Fig. 62.

[Illustration: Fig. 61.

Fig. 62.

Fig. 63.]

Der Wölbung ihrer Flügel verdanken übrigens auch die japanischen Drachen

ihre vorzügliche Steigekraft.

[Illustration: Fig. 64.

Fig. 65.]

Will man, daß die Hebewirkung noch vorteilhafter gegenüber der

forttreibenden Wirkung auftrete, so muß man dem Drachen auch die

zugespitzte Kontur der Vogelflügel geben. Wir führten solche Drachen in

der Weise aus, wie in Fig. 64 gezeichnet ist. a, b, c und d sind

untereinander befestigte Weidenruten, und die Fläche besteht aus

Schirting mit Schnureinfassung bei e, f und g.

Ein solcher Drachen stellt sich mit geblähten Flügeln fast horizontal

nach Fig. 65, und die haltende Schnur steht unter dem Drachen fast

senkrecht.

Man kann aber noch mehr erreichen, wenn man die Flügel solcher Drachen

in fester Form ausführt, so daß man auf die Wölbung der Flächen durch

den Wind nicht angewiesen ist. Man muß dann nach der Querrichtung der

Flügel gekrümmte leichte Rippen einfügen, durch welche die Bespannung

zur richtigen Wölbung gezwungen wird.

[Illustration: Fig. 66.]

Einen solchen Drachenapparat Fig. 66 hatten wir durch zwei Schnüre a und

b so befestigt, daß wir die Drachenneigung in der Luft beliebig ändern

konnten, je nachdem wir Schnur a oder Schnur b anzogen. Brachte man nun

durch Anziehen von a den Apparat in horizontale Lage, so schwebte

derselbe ohne zu sinken vorwärts gegen den Wind. Es war aber nicht

möglich, dieses Schweben dauernd zu unterhalten; denn durch das

Vorwärtsschweben wurden die haltenden Schnüre schlaff, wie auch in Fig.

66 angedeutet, und die geringste Windänderung störte die

Gleichgewichtslage. Nur einmal konnten wir, bei zufällig längerer

Periode gleichmäßigen Windes, ein längeres freies Schweben gegen den

Wind beobachten. Der Vorgang dabei war folgender:

Wir hatten den Drachenkörper wiederholt zum freien Schweben gebracht,

bis er aus der Gleichgewichtslage kam und vom Wind zurückgedrängt wurde.

Während eines dieser Versuche dauerte das Schweben gegen den Wind jedoch

länger an, so daß wir uns veranlaßt sahen, die Schnüre loszulassen. Der

Drachen flog dann ohne zu fallen gegen den Wind, der etwa 6 m

Geschwindigkeit hatte, indem er uns, die wir so schnell als möglich

gegen den Wind liefen, überholte. Nach Zurücklegung von etwa 50 m

verfing sich indessen eine der nachgeschleiften Schnüre in dem die Ebene

bedeckenden Kraut, so daß die Gleichgewichtslage gestört wurde, und der

Flugkörper herabfiel.

Von diesem Versuche, der im September des Jahres 1874 auf der Ebene

zwischen Charlottenburg und Spandau stattfand, sind wir heimgekehrt mit

der Überzeugung, daß der Segelflug nicht bloß für die Vögel da ist,

sondern daß wenigstens die Möglichkeit vorhanden ist, daß auch der

Mensch auf künstliche Weise diese Art des Fluges, die nur ein

geschicktes Lenken, aber kein kraftvolles Bewegen der Fittige erfordert,

hervorrufen kann.

Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst Ein Beitrag zur Systematik der Flugtechnik · 第 39 / 50 题