33. Die Vermehrung des Auftriebes durch den Wind.

Wenn man bei den zuletzt angeführten Versuchen die vertikalen

Luftwiderstandskomponenten nach Fig. 46 messen will, und die Fläche ab

in der Richtung des Hebels cma nach Fig. 49 angebracht hat und, durch g

abbalanciert, sich selbst im Winde überläßt, so stellt der Hebel sich

_nicht_ horizontal, sondern die Fläche wird, indem sie etwas auf und

nieder schwankt, merklich gehoben, und ihre mittlere Stellung liegt etwa

um 12° über dem Horizont. Will man die Fläche herunterziehen bis

dieselbe mit dem Hebel horizontal steht, so muß man eine verhältnismäßig

große Kraft anwenden, die etwa halb so stark ist, als der Luftwiderstand

der Fläche quer gegen den Wind betragen würde.

[Illustration: Fig. 49.]

In der Lage cmab hat also die Fläche keinen Winddruck nach oben oder

unten, oder wenigstens gleich viel Druck nach oben und unten; denn der

Wind stellt sich selbst die Fläche in diese Lage ein.

Wenn man nun die Fläche ab umkehrt und mit der Höhlung nach oben

anbringt, so entsteht die punktierte Lage c_1ma_1b_1, d. h. der Hebel

senkt sich an dem Ende, welches die Fläche trägt, aber nicht auch wieder

um 12° unter den Horizont, sondern im Mittel nur um cirka 4°.

Hieraus folgt, daß eine Fläche ohne Wölbung, also eine ebene Fläche, in

der Richtung des Hebels angebracht, sich im Winde so einstellen muß, daß

der Winkel ama_1, halbiert wird.

[Illustration: Fig. 50.]

Diesen Versuch haben wir denn auch wiederholt ausgeführt. Es stellte

sich dabei in der That die ebene Fläche in die beschriebene mittlere

Lage, indem, wie bei Fig. 50, der Hebel mit der Fläche um 3-4° gehoben

vom Winde eingestellt wurde. Wiederum war hierbei ein Auf- und

Niederschwanken sichtbar, es ließ sich jedoch die mittlere Neigung

deutlich genug erkennen.

Hiernach ist es klar, weshalb im Winde sich so starke Auftriebe, oder so

starke hebende Komponenten ergeben; denn der Wind hat eine solche

Wirkung, als sei er schräg aufwärts gerichtet, und das muß

notwendigerweise die Hebewirkung sehr vermehren.

Der Apparat nach Fig. 50 bildet gewissermaßen eine Windfahne mit

horizontaler Achse. Eine solche Windfahne in der Nähe von Gebäuden

aufgestellt giebt Aufschluß über die bedeutenden Schwankungen des Windes

nach der Höhenrichtung. An solchen Orten wechselt die aufsteigende

Windrichtung mit der sinkenden sehr stark, so daß die Schwankungen oft

mehr wie 90° betragen. Auf weiten kahlen Ebenen hingegen ist die

Windrichtung nach der Höhe viel beständiger, wenn auch ein

immerwährendes geringes Schwanken, oberhalb und unterhalb von einer

gewissen Mittellage, erkennbar bleibt. Diese Mittellage befindet sich

bei etwa 3,5° über dem Horizont.

Seltsamerweise zeigt sich fast keine Veränderung in dieser Erscheinung,

wenn man den Apparat Fig. 50 auf etwas steigendem oder etwas fallendem

Terrain aufstellt, wenn nur die Versuchsebene im großen und ganzen

horizontal liegt. Unter anderem konnten wir noch die genannte Steigung

der 4 m über dem Erdboden befindlichen Windfahne feststellen, wenn das

Terrain auf mehr als 200 m Länge unter 5° in der Windrichtung abfiel.

Unsere zahlreichen Versuche bewiesen uns, daß die genannte

Eigentümlichkeit der Windwirkung mit großer Beständigkeit auftritt.

Weder die Windrichtung und Windstärke noch die Jahreszeit oder Tageszeit

riefen unserer Erfahrung nach eine wesentliche Abweichung in der

beobachteten Windsteigung hervor.

Hervorgerufen wird diese Eigenschaft der Luft höchst wahrscheinlich

dadurch, daß die Windgeschwindigkeit nach der Höhe beträchtlich zunimmt.

Wenn auf freiem Felde z. B. der Windmesser 1 m über der Erde 4 m

Windgeschwindigkeit zeigt, so giebt er oft in 3 m Höhe schon 7 m

sekundliche Geschwindigkeit des Windes.

Auf die Erklärung über die Entstehung dieser steigenden Windrichtung

kommt es hier eigentlich nicht an. Für die Theorie des Vogelfluges und

die Flugtechnik genügt die Thatsache, daß die Winde eine solche Wirkung

auf die Flugflächen ausüben, als besäßen sie eine aufsteigende Richtung

von 3-4°.

Um noch mehr Gewißheit über dieses für die ganze Flugfrage höchst

wichtige Faktum zu erlangen, bauten wir einen Apparat wie Fig. 51, der 5

Windfahnen mit horizontalen Achsen in Höhen von 2, 4, 6, 8 und 10 m

übereinander trug.

[Illustration: Fig. 51.]

Die früher beobachtete Windsteigung von 3-4° zeigten alle 5 Windfahnen.

Die Lage derselben war jedoch nicht immer parallel, sondern die Fahnen

schwankten manchmal einzeln und manchmal gleichzeitig, aber verschieden

stark mit ihren Richtungen.

Um eine einheitliche Wirkung zu erhalten, verbanden wir die Hebel der

Windfahnen beiderseits von ihren Drehpunkten in gleichen Abständen mit

feinen Drähten, wie auch in Fig. 51 angedeutet, und zwangen dieselben

dadurch untereinander parallel zu bleiben. Hierdurch erhielten wir die

mittlere Windsteigung bis zu 10 m Höhe über dem Erdboden.

Auch diese mittlere Windrichtung nach der Höhe schwankte um die

Mittellage von 3-4° Steigung unaufhörlich auf und nieder.

Um nun über die wahre Mittellage durch diese Schwankungen keinem Irrtum

anheimzufallen, haben wir durch den Wind selbst eine Reihe von

Diagrammen über seine steigende Richtung aufzeichnen lassen.

Aus der Fig. 51 ist leicht ersichtlich, wie die zu diesem Zweck

getroffene Einrichtung in Wirkung trat. Der unterste Windfahnenhebel

verpflanzte durch eine leichte Stange die gemeinsame Bewegung der

Windfahnen auf einen Zeichenstift. Letzterer bewegte sich nach der

wechselnden Windsteigung daher auf und nieder. Wenn man nun einen mit

Papier bespannten Cylinder, auf dem die Spitze des Zeichenstiftes mit

leichtem Druck ruhte, gleichmäßig drehte, so erhielt man eine

Wellenlinie auf dem Papier. Um den Grad der Schwankungen der Hebel zu

erkennen, wurden zuförderst die Hebel nach der Wasserwage eingestellt,

und der Papiercylinder einmal herumgedreht. Dadurch zeichnete der Stift

eine gerade Linie vor, welche die Lage markierte, in welcher die Hebel

horizontal standen, wo also der Wind bei freier Beweglichkeit der Hebel

genau horizontal wehen mußte.

Auf diese Weise ergaben sich Diagramme, aus denen sich die mittlere

Windsteigung genau ermitteln ließ. Fig. 3 auf Tafel V zeigt eine solche

durch den Wind selbst gezeichnete Wellenlinie für die Dauer von einer

Minute. Man sieht, daß der Zeichenstift sich meistens über der

Horizontalen bewegte und im ganzen zwischen +10° und -5° schwankte. Die

größten von uns beobachteten Schwankungen, die aber seltener eintraten,

lagen zwischen 16° über und 9° unter der Horizontalen.

Die Diagramme, welche wir erhielten, zeigten alle gewisse gemeinsame

Merkmale. Für den Zeitraum von einer Minute ergab sich aus allen fast

derselbe mittlere Wert von 3,3°. In jeder ganzen Minute steigt auch der

Zeichenstift einige Male, wenn auch nur für kurze Zeit, unter die

Horizontale. Innerhalb einer Minute wiesen alle erhaltenen Kurven fast

die gleiche Zahl von Gipfelpunkten auf und zwar cirka 20 Maxima und 20

Minima. Auf eine steigende und fallende Tendenz der Kurve kommen also

durchschnittlich 3 Sekunden. Nur ausnahmsweise bleibt die Windsteigung

etwa 6-8 Sekunden annähernd konstant.

Man erkennt hieran übrigens deutlich, mit welchen Schwierigkeiten man

bei den Messungen des Luftwiderstandes im Winde zu kämpfen hat, und daß

nur durch recht zahlreiche Versuche gute Mittelwerte sich bestimmen

lassen.

Es sei noch erwähnt, daß uns bei diesen Versuchen besonders auffiel, daß

die Windfahnen sich meistens hoben, wenn wir an der Erde am Fuße des

Gestelles sitzend wenig Wind verspürten, wo also anzunehmen war, daß die

Differenz in den Windgeschwindigkeiten nach der Höhe verhältnismäßig

groß sein mußte. Wenn dagegen der Wind an der Erde stärker blies,

bewegten sich die Windfahnen meistens stärker abwärts. Es ist jedoch

besonders zu betonen, daß beides nicht immer zutraf, und sich daher auch

nicht ohne weiteres eine Gesetzmäßigkeit daraus ableiten läßt.

Die Zunahme des Windes nach der Höhe muß notwendigerweise mit einer die

ganze Luftmasse mehr oder weniger erfüllenden rollenden Bewegung

begleitet sein; denn es ist nicht denkbar, daß sich Luftschichten von

verschiedenen Geschwindigkeiten geradlinig übereinander fortschieben,

ohne durch die entstehende Reibung auch bei ganz stetiger Zunahme der

Windgeschwindigkeiten nach der Höhe sich gegenseitig in ihren

Bewegungsrichtungen zu beeinflussen. Die Tendenz zu rollenden Bewegungen

muß cykloidische Wellenlinien als Bahnen der Luftteile zur Folge haben,

die durch die Unebenheiten der Erdoberfläche namentlich in der Nähe der

letzteren unregelmäßig gestaltet werden, und nur in größeren Perioden

einen gleichmäßigen Charakter bewahren können.

In der Reibung der dahin streichenden Luft an der Erdoberfläche, an dem

Temperaturunterschied und Druckausgleich, welche den Wind immer zwingen,

dorthin zu wehen, wo Anhäufungen der Atmosphäre nötig sind, müssen wir

das beständige Schwanken in der Höhenrichtung des Windes um eine gewisse

über dem Horizont liegende Mittellage, sowie die den Auftrieb

verstärkende Windwirkung erblicken.

Schließlich möchten wir noch die Ansicht vertreten, daß die Linie,

welche der, den hohen, freistehenden Fabrikschornsteinen entströmende

Rauch in der windigen Luft beschreibt, ebenfalls ein treffendes Bild von

der Luftbewegung und ihrer steigenden Richtung angiebt, wenn auch der

Einwand hörbar werden wird, daß die heißen Schornsteingase diese

Steigung hervorrufen. Dieser durch Wärme hervorgerufene Auftrieb kann

doch wohl nur in unmittelbarer Nähe des Schornsteins wirksam sein und

sich nicht auf Kilometer weite Strecken ausdehnen.

Um den genaueren Zusammenhang aller dieser in diesem Abschnitt erwähnten

Erscheinungen mit ihren mutmaßlichen Ursachen genauer zu erforschen und

eine wirkliche Gesetzmäßigkeit erkennen zu können, ist es jedenfalls

nötig, die Untersuchungen viel weiter auszudehnen und namentlich neben

den Schwankungen der Windsteigung auch die Schwankungen der seitlichen

Windrichtung und die sich stets verändernde Windstärke und deren Zunahme

nach der Höhe mit in Betracht zu ziehen und gleichzeitig zu messen.

Es wäre sehr wünschenswert, wenn nach dieser Richtung hin recht

ausführliche Versuche gemacht würden, die nicht nur für die Flugtechnik,

sondern wohl auch für die Meteorologie die größte Wichtigkeit hätten.

34. Der Luftwiderstand des Vogelflügels in ruhender Luft nach den

Messungen im Winde.

Wir können nun annehmen, daß im Durchschnitt bei den Versuchen, welche

das Diagramm Tafel V ergaben, der Wind durchschnittlich eine

aufsteigende Richtung von wenigstens 3° hatte. Wenn wir daher

vergleichen wollen, wie sich die Resultate der Messungen im Winde zu

denen am Rotationsapparat verhalten, so müssen wir bei den Messungen im

Winde die Neigung der Fläche nicht zum Horizont messen, sondern zur

Windrichtung, das heißt, wir müssen die Winkel zum Horizont stets noch

um 3° vermehren. Thut man dieses, so erhält man das Diagramm Tafel VI,

Fig. 1, bei dem ebenfalls zum Vergleich die entsprechende Linie von

Tafel IV punktiert angedeutet ist.

Jetzt erst kann man erkennen, welcher Unterschied zwischen diesen beiden

Methoden der Messung bestehen bleibt; und zwar hat man die Abweichungen

auf die Fehlerquellen zurückzuführen, die der Rotationsapparat mit sich

bringt und die früher schon besprochen sind. Hiernach stellt Tafel VI

den Luftwiderstand dar, welcher entsteht, wenn eine vogelflügelförmige

Fläche geradlinig in ruhender Luft bewegt wird. Diese Widerstände,

ebenso wie diejenigen, welche vom Winde verursacht werden, sind auf

Tafel VII in ihren Verhältnisgrößen durch die obersten Linien

eingetragen. Auch hier erkennt man, wie stark der Widerstand durch die

Flächenwölbung vermehrt wird. Aber nicht die Größe des Luftwiderstandes

allein ist maßgebend für die Beurteilung der Wirkung, sondern eigentlich

noch mehr die Richtung des Luftwiderstandes.

Jetzt kann man aber auch wieder aus Fig. 1 auf Tafel VI einen Vergleich

der Luftwiderstandsrichtungen herbeiführen und die stets horizontal

ausgebreitete gewölbte Fläche ab nach den Richtungen 0°-90° abwärts

bewegt denken.

Fig. 2 auf Tafel VI enthält dann die Luftwiderstandslinien so

gezeichnet, wie sie zur Fläche ab wirklich gerichtet sind, wenn die

gewölbte Fläche in ruhender Luft geradlinig sich bewegt, während die im

Winde gemessenen Widerstandswerte zu Grunde gelegt sind.

35. Der Kraftaufwand beim Fluge in ruhiger Luft nach den

Messungen im Winde.

Auch die beim Vorwärtsfliegen in ruhiger Luft eintretende Kraftersparnis

läßt sich wie früher berechnen und ergiebt die Werte, welche in Fig. 2

auf Tafel VI bei den betreffenden Winkeln der mittleren

Bewegungsrichtung der Flügel verzeichnet sind, und welche wieder in

Vergleich gestellt sind mit der Arbeit A, die ohne Vorwärtsfliegen nötig

ist.

Jetzt zeigt sich die geringste Arbeitsleistung, wenn die Flügel sehr

schnell vorwärts und langsam abwärts sich bewegen, also bei

verhältnismäßig schnellem Fluge.

Selbst wenn man den Luftwiderstand des Vogelkörpers mit berücksichtigt,

erhält man kaum 1/10 von derjenigen Arbeitsleistung, die beim Fliegen

auf der Stelle nötig ist. Nachdem nun aber die Abwärtsbewegung der

Flügel sehr langsam geworden ist, wird sich der Nutzen, der durch die

Schlagwirkung entsteht, bedeutend verringern.

Nach Abschnitt 18 beträgt das Minimum der Arbeit beim Fliegen auf der

Stelle für den Menschen 1,5 HP. Bei teilweisem Fortfall der Vorteile der

Schlagwirkung würde sich aber wohl die doppelte Leistung, also 3 HP

ergeben, und diese 3 HP müßte man nach Tafel VI als die Arbeit A

ansehen. Man erhielte dann bei einem Fluge, bei dem die Flügel

durchschnittlich unter einem Winkel von 3° sich abwärts bewegen, für den

Menschen die erforderliche mechanische Leistung von 0,3 HP.

Dieses wäre nun aber ein Kraftaufwand, den der Mensch bei einiger Übung

sehr wohl längere Zeit zu leisten vermag. Wenn daher der Flugapparat,

dessen man sich bedienen müßte, eine recht günstige Form hätte und bei

etwa 15-20 qm Flugfläche nicht über 10 kg wöge, so wäre es wohl denkbar,

daß damit in ruhiger Luft horizontal bei großer Geschwindigkeit geflogen

werden könnte.

Was aber mit einem solchen Apparate auch ohne Flügelschläge sicher

ausgeführt werden könnte, wäre ein längerer schwach abwärts geneigter

Flug, der immerhin des Lehrreichen und Interessanten genug bieten

möchte.

36. Überraschende Erscheinungen beim Experimentieren mit

gewölbten Flügelflächen im Winde.

Wer die Diagramme auf Tafel V und VI betrachtet und sich dessen bewußt

ist, was uns zum Fliegen not thut, dem wird die Tragweite der

eigentümlichen Wirkung des Windes auf vogelflügelähnliche Flächen nicht

entgehen. Eine trockene, nüchterne Darstellung, wie solche Diagramme sie

geben, verschafft aber schwer den richtigen Eindruck, wie ihn derjenige

hat, der solche, ein gewisses auffallendes Gesetz enthaltenden Linien

entstehen sah. Da nun die in diesen Diagrammen ausgedrückte

Gesetzmäßigkeit des Luftwiderstandes geradezu den Schlüssel für viele

Erscheinungen beim Vogelfluge bietet, so ist es von Wichtigkeit, die

besonders auffallenden Wahrnehmungen bei den diesen Diagrammen zu Grunde

liegenden Versuchen näher hervorzuheben.

Wer solche Versuche selbst vornimmt, der wird viele Eindrücke empfangen,

die sich durch einfache Zahlenangaben und graphische Darstellungen nicht

wiedergeben lassen, denn Kraftwirkungen, von denen man nicht bloß sieht

und hört, sondern die man selbst sogar fühlt, prägen sich der

Vorstellung in Bezug auf ihre Bedeutung für die verfolgten Ziele

ungleich deutlicher ein. Und so ist es denn im höchsten Grade lehrreich,

selbst mit richtig geformten größeren Flugflächen im Winde zu operieren.

Allen denen aber, die hierzu keine Gelegenheit haben, diene folgendes

zum besseren Verständnis.

Als wir zuerst mit derartigen leicht gebauten Flächenformen in den Wind

kamen, wurde in uns die Ahnung von der Bedeutung der gewölbten

Flügelfläche sofort zur Gewißheit. Schon beim Transport solcher größerer

Flügelkörper nach der Versuchsstelle macht man interessante Bemerkungen.

Man ist befriedigt, daß der Wind kräftig bläst, weil die Messungen um so

genauer werden, je größer die gefundenen Zahlenwerte sich herausstellen,

aber der Transport der Versuchsflächen über freies Feld hat bei starkem

Wind seine Schwierigkeiten. Die Flächen sind beispielsweise aus leichten

Weidenrippen zusammengesetzt und beiderseits mit Papier überspannt. Man

muß also schon behutsam mit ihnen umgehen. Der Wind schleudert aber in

so unberechenbarer Weise mit den Flächen herum, drückt sie bald nach

oben, bald nach unten, daß man nicht weiß, wie man die Flächen halten

soll. Aber schon auf dem ersten Gang zur Versuchsstelle ergiebt sich

eine unfehlbare Praxis für den leichten Transport. Man findet, daß eine

solche flügelförmig gewölbte Fläche, welche mit der Höhlung nach oben so

schwer zu tragen war, als wenn sie mit Sand gefüllt wäre, nach der

Umkehrung, wo also die Höhlung nach unten liegt, vom Winde selbst sanft

gehoben und getragen wird. Wenn man dann nur eine flache Hand leicht auf

die Fläche legt und letztere am Aufsteigen verhindert, sowie nebenbei

die horizontale Lage sichert, so schwimmt die Versuchsfläche förmlich

auf dem Winde, und wenn die Fläche etwa 0,5 qm groß ist, so kann man bei

starkem Wind noch einen Teil des eigenen Armgewichtes mit von der Fläche

tragen lassen.

Jetzt, wo die Diagramme vor uns liegen, ist es ja ein Leichtes, die

Hebewirkung eines etwa 10 m schnellen Windes auf eine solche Fläche

auszurechnen. Nehmen wir als Hebedruck nur den halben Druck der normal

getroffenen Fläche an, so erhalten wir bei 10 m Windgeschwindigkeit bei

dieser 0,5 qm großen Fläche den Luftwiderstand L = ½ × 0,13 × 0,5 × 100

= 3,25 kg. Wenn nun die Fläche selbst 1,25 kg wiegt, so muß man dieselbe

noch mit 2 kg herunterdrücken, damit sie nicht vom Winde hochgehoben

wird. Man fühlt, wie die Fläche auf dem Winde schwimmt und braucht nicht

einmal Sorge zu tragen, daß der Wind die Fläche in seiner Richtung mit

sich reißt; denn der Luftwiderstand ist senkrecht nach oben gerichtet

und ein Zurückdrücken der wohlgeformten Fläche von einer Wölbung gleich

1/12 der Breite findet nicht statt, was denjenigen, welcher mit solchen

Wahrnehmungen noch nicht vertraut ist, in nicht geringem Grade

überraschen muß. Man sagt sich unwillkürlich, daß diese Flugfläche nur

entsprechend größer zu sein brauchte, um ohne weiteres mit derselben

absegeln zu können, wenn man statt der Fläche von 0,5 qm etwa eine

solche von 20 qm hätte. Freilich wird man ja auch an die

Gleichgewichtsfrage erinnert und gewahrt, daß doch eine erhebliche Übung

noch hinzukommen muß, um so große Flächen im Winde sicher dirigieren zu

können.

Wenn dann das Gerüst mit dem beweglichen Versuchshebel Fig. 46

aufgestellt ist, und man befestigt zunächst die Fläche so, daß ihre

Ränder in der Richtung des Hebels liegen, so daß also bei horizontaler

Hebelstellung die Fläche auch horizontal ausgebreitet ist, so fühlt man

schon bei schwachem Wind, daß die Fläche das Bestreben hat, sich zu

heben; denn durch das Gegengewicht ist ihr eigenes Gewicht abbalanciert.

Läßt man dann die Fläche los, so hebt sich das Hebelende mit der Fläche

wesentlich höher, dieselbe Erscheinung wie im Abschnitt 33 besprochen.

Zu Hause im geschlossenen, windstillen Raum hat man das Gegengewicht so

befestigt, daß die Versuchsfläche gerade ausbalanciert wird, und der

Hebel in jeder Lage im Gleichgewicht bleibt, wobei das sogenannte

indifferente Gleichgewicht herrscht. An eine Täuschung ist hierbei also

nicht zu denken.

Während der nun folgenden Kraftmessungen stellen sich alle jene großen

Unterschiede ein gegen die beim Experimentieren mit ebenen Flächen

gefundenen Resultate. Wie man schon durch das Gefühl über die an der

gewölbten Fläche auftretenden Vergrößerungen des Winddruckes überrascht

wird, so hat man erst recht Grund zur Verwunderung über die Hebewirkung

des Windes, wenn die Vorderkante der Fläche bedeutend tiefer liegt als

die Hinterkante. Diese Hebekraft hört, wie wir aus dem Diagramm Tafel V

gesehen haben, erst auf, wenn die Sehne des Querschnittbogens der Fläche

gegen den Wind um 12° abwärts gerichtet ist, wo der Uneingeweihte doch

sicher annehmen würde, daß hier der Wind die Fläche schon stark

herabdrücken müßte.

Nachdem man dann die Messung der vertikalen Komponenten des Winddruckes

ausgeführt hat, stellt man den Hebel vertikal, um auch die horizontalen

Drucke zu bestimmen nach Fig. 45.

[Illustration: Fig. 52.]

Mit der wagerechten Flächeneinstellung nach Fig. 52 beginnend, wird

einem sofort wieder eine neue Überraschung zu teil; denn gegen alle

Voraussetzung bleibt der Hebel mit dem oben befindlichen großen

Versuchskörper selbst im starken Sturm senkrecht stehen, nur wenig um

diese Mittellage hin und her schwankend. Die Projektion der Fläche nach

der Windrichtung beträgt einschließlich der Flächendicke über 1/10 ihrer

ganzen Grundfläche und dennoch schiebt der Wind die Fläche nicht zurück,

indem der Hebel bei schwachen Pendelbewegungen die vertikale Lage

behauptet.

Erstaunt hierüber bringt man den Hebel absichtlich aus der Mittellage

heraus, sowohl mit dem Wind als gegen den Wind und findet, daß die

Versuchsfläche immer wieder nach dem höchsten Punkte wandert, der Hebel

sich also immer wieder senkrecht stellt. Die Fläche _kann_ also nicht

bloß in der höchsten Lage bleiben, sie _muß_ sogar diese Lage behalten

und befindet sich daher nicht im labilen, sondern im stabilen

Gleichgewicht. Um diesen Eindruck noch zu verstärken, kann man irgend

einen schweren Körper, z. B. einen Stein a (bei unseren Versuchen 2 kg)

unter der Fläche am Hebel befestigen, so daß das obere Hebelende

thatsächlich schwerer wird wie das untere, aber auch dann noch bleibt

die Fläche oben in stabiler Lage, wenn mit dem hinzugefügten Gewicht bei

gewisser Windstärke eine gewisse Grenze nicht überschritten wird.

Wenn, wie hier, die Diagramme Tafel V vorliegen, ist die

Erklärung dieser Erscheinung nicht schwer. Man sieht aus diesen

Kraftaufzeichnungen, daß bei einer Flächenneigung von Null Grad gegen

den Horizont der Winddruck normal zur Fläche, also senkrecht steht, daß

aber bei negativen Winkeln, wenn also die Fläche gegen den Wind abwärts

gerichtet ist, der Winddruck schiebend auf die Fläche wirkt. Die

Stellung Fig. 53 wird daher einen Winddruck x ergeben, der die Fläche

zur Mittelstellung zurücktreibt. Ruft man aber künstlich die Stellung

Fig. 54 hervor, so entsteht bei Winkeln bis zu 30° ein Luftwiderstand y,

der von der Normalen zur Fläche nach der Windseite zu liegt, den Hebel

also um seinen Drehpunkt m nach links dreht, und die Fläche dem Wind

entgegen zieht. Es kann also weder die Stellung Fig. 53 noch die

Stellung Fig. 54 verbleiben, sondern beide Stellungen werden sich von

selbst wieder ändern, bis die senkrechte Mittelstellung Fig. 52

entsteht, wo der Winddruck bei wagerechter Flächenlage senkrecht hebend

gerichtet ist.

Diese Erscheinung, von der man vorher keine Ahnung haben konnte,

charakterisiert nun am deutlichsten die Befähigung der schwachgewölbten

Flugflächen zum Segeln, das heißt zu einem Fluge, der ohne

Flügelbewegung und ohne wesentliche dynamische Leistung seitens des

fliegenden Körpers vor sich geht.

Die zuletzt betrachtete Flugfläche würde sich ohne weiteres hochheben,

wenn sie nicht am Hebel befestigt wäre, und wenn man ihre horizontale

Lage sichern könnte, was natürlich am besten durch ein lebendes Wesen

geschehen würde, dem diese Fläche als Flügel diente.

[Illustration: Fig. 53.

Fig. 54.]

Die segelnden Vögel können nun aber nicht nur auf dem Winde ruhend in

der Luft still stehen, wie wir dies häufig am Falken beobachten, wenn er

Beute suchend, weder sinkend noch steigend, weder rückwärts noch

vorwärts gehend, fast unbeweglich die Erdoberfläche durchmustert,

sondern sie bewegen sich auch segelnd gegen den Wind, nicht nur

kreisend, sondern auch geradlinig. Oft bemerkten wir bei diesen zuletzt

erwähnten Experimenten, wobei wir nach den das Segeln ermöglichenden

Kraftwirkungen suchten, wie Raub- oder Sumpfvögel in segelndem Fluge

hochoben im Blauen über unseren Apparaten dem Winde entgegen schwebten.

Unsere Messungen ließen uns nun zwar keinen Zweifel darüber, daß es

Flugflächen giebt, welche im Winde senkrecht gehoben und nicht in der

Windrichtung zurückgedrückt werden. Die Vögel belehrten uns aber

darüber, daß es auch Flugflächen geben muß, welche wenigstens in höheren

Luftregionen dem Winde segelnd entgegengezogen werden müssen, bei denen

in der Ruhelage zur Erde also ein Winddruck auftreten muß, der nicht

bloß senkrecht steht, sondern noch etwas gegen den Wind ziehend wirkt,

um den Luftwiderstand des Vogelkörpers dauernd zu überwinden.

Diese Erscheinung ist natürlich erst recht nur aus einer aufsteigenden

Windrichtung zu erklären. Die regelrechte Untersuchung hierüber wird man

aber wohl erst anstellen können, wenn man imstande ist, den Luftdruck

frei unter den eigenen Flügeln zu fühlen.

Was in diesem Abschnitt von den Flügelflächen gesagt ist, gilt aber auch

teilweise für alle anderen gewölbten Flächen, welche dem Winde

ausgesetzt sind. Wir werden hierbei an manche Erscheinung des täglichen

Lebens erinnert, wo die seltsame Wirkung des Windes an gewölbten Flächen

sich auffallend markiert.

Die auf freiem Platze im Winde zum Trocknen auf der Leine hängende

Wäsche belehrt uns ebenso wie die an horizontaler Stange wehende Fahne,

daß alle nach oben gewölbten Flächen einen starken Auftrieb im Winde

erfahren und trotz ihres Eigengewichtes gern über die Horizontale

hinaussteigen. Das kleine Bildchen Fig. 55 wird manchen an einen oft

gehabten Anblick erinnern.

Aber auch die Technik macht, wenn auch häufig unbewußt vielfach

Anwendung von den aerodynamischen Vorteilen der Flächenwölbungen. Sowohl

die Segel der Schiffe wie die Flügel der holländischen Windmühle

verdanken einen großen Teil ihres Effektes der Wölbung ihrer Flächen,

welche sie entweder von selbst annehmen oder die ihnen künstlich gegeben

wird.

[Illustration: Fig. 55.]

Nachdem wir gesehen haben, welche gewaltigen Unterschiede sich

einstellen, wenn eine vom Winde schräg unter spitzem Winkel getroffene

Fläche nur wenig aus der Ebene sich durchwölbt, so ist es erklärlich,

daß man nur schwache Annäherungen an die Wirklichkeit erhalten kann,

wenn man die Segelleistung der Schiffe unter Annahme ebener Segel

berechnet, und daß man sich nicht wundern darf, wenn der Segeleffekt

derartige Berechnungen weit übertrifft.

Auch das immerwährende Flattern der Fahnen an vertikaler Stange im

starken Winde ist auf die genannten Eigenschaften gewölbter Flächen

zurückzuführen.

Die steife Wetterfahne aus Blech stellt sich ruhig in die Windrichtung.

Nicht so die Fahne aus Stoff. Während Fig. 56 die Oberansicht der

Wetterfahne angiebt, flattert die Stoffahne in großen Wellenwindungen

hin und her. Die Erklärung ist folgendermaßen zu denken: Bei der Fahne

aus Stoff bildet sich ein labiles Verhältnis, denn die geringste

entstehende Wölbung nach einer Seite verstärkt den Winddruck nach dieser

Seite eben auf Grund der uns jetzt bekannten Eigenschaften gewölbter

Flächen, wodurch die Wölbung sich vergrößert und Fig. 57 als Grundriß

der Fahne entsteht, bis der Winddruck bei a so groß wird, daß die

Wölbung durchgeklappt wird, und Fig. 58 daraus sich formt. Dieses Hin-

und Herklappen der Wölbung von rechts nach links ruft das Flattern der

Fahnen hervor und ihre immer gleichen Wellenbewegungen.

[Illustration: Fig. 56.

Fig. 57.

Fig. 58.]

An dieser Stelle kann auch darauf aufmerksam gemacht werden, daß man

jedem Boomerang, dessen Querschnitt bei den käuflichen Exemplaren die

leicht herstellbare Form nach Fig. 59 hat, ungleich leichter fliegend

machen kann, wenn man die Flächen nach Fig. 60 wirklich aushöhlt; denn

Fig. 59 ist nur eine unvollkommene Annäherungsform zu Fig. 60.

[Illustration: Fig. 59.

Fig. 60.]

Endlich finden wir, daß die Natur auch im Pflanzenreich den Vorteil

gehöhlter Flügel ausnützt, indem sie die geflügelten Samen vieler

Gewächse auf leicht gewölbten Schwingen im Winde dahinsegeln läßt.

Die hier für die Erscheinungen in der Luft angeführten Versuche mit

gewölbten Flächen dürften nun vielleicht nicht weniger interessant und

ergiebig mit geeigneten analog geformten Körpern im Wasser sich

ausführen lassen. Schon im kleinsten Maßstabe, sagen wir in der

gefüllten Kaffeetasse, kann man sich hierüber schon einigen Eindruck

verschaffen, wenn man fühlt, wie der seitlich hin und her bewegte

Theelöffel das deutlich erkennbare Bestreben hat, nach der Richtung

seiner Wölbung hin auszuweichen.

Also auch in den tropfbaren Flüssigkeiten erfahren die gewölbten Flächen

nach der Richtung ihrer Sehne bewegt einen stärkeren nach der Seite der

Wölbung zu liegenden Druck, und man kann annehmen, daß auch die an die

Fig. 30 in Abschnitt 25 angeknüpften Betrachtungen in gewissem Grade für

die Bewegungen im Wasser zutreffen. Sollte nun nicht die Theorie der

Schiffsschraube auch noch eine Lücke darin enthalten, daß diese

Querschnittswölbung nicht genügend gewürdigt ist?

Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst Ein Beitrag zur Systematik der Flugtechnik · 第 38 / 50 题