In strengerem Sinne noch als die Luft kann man den Wind als das
eigentliche Element der Vögel bezeichnen. Wir haben bereits gesehen, daß
der Wind den Vögeln das Auffliegen sehr erleichtert, und daß viele
Vögel, wenn der zu ihrem Auffliegen erforderliche Wind nicht herrscht,
durch Vorwärtshüpfen oder Laufen eine relative Luftbewegung gegen sich
hervorrufen, bevor ihre wirkliche Erhebung erfolgt. Wir bemerken ferner,
daß die Flugbewegungen der Vögel im Winde anderer Art sind als in
ruhiger Luft. Die flatternde Bewegung bei Windstille verwandelt sich im
Winde in gemessenere Flügelschläge und wird bei vielen Vögeln zum
wirklichen Segeln.
Wenn nun zwar der Wind augenscheinlich kraftersparend auf den Flug der
Vögel einwirkt, indem er ihr Gehobenbleiben in der Luft, wie später
nachgewiesen werden soll, erleichtert, so muß doch die Ansicht, daß die
Vögel überhaupt mit besonderer Vorliebe _gegen_ den Wind fliegen, als
eine irrige bezeichnet werden. Letzteres ist nur zuzugeben mit Bezug auf
das _Auffliegen_. Wenn die Erhebung in die Luft aber erst stattgefunden
hat, fallen jene Faktoren fort, welche das Erheben von der Erde
erleichterten; denn dann kann der Vogel die ihm dienliche relative
Geschwindigkeit gegen die ihn umgebende Luft auch erreichen, wenn er mit
dem Winde fliegt; er braucht ja nur schneller zu fliegen als der Wind
weht.
Auf diese relative Geschwindigkeit zwischen Vogel und umgebender Luft
also kommt es an, und diese relativ gegen den Vogel in Bewegung
befindliche Luft trifft den Vogel stets von vorn; der Vogel verspürt
dies als einen immer nur auf ihn zuströmenden Wind. Der ganze Bau des
Vogelgefieders sowohl im allgemeinen, als auch im besonderen die
Konstruktion seiner Flügel mit Bezug auf die Federlagerung schließen von
vorn herein aus, daß der Wind den _fliegenden_ Vogel jemals von hinten
trifft. Wenn der Vogel daher mit dem Winde fliegt, so fliegt er allemal
schneller als der Wind.
Aus diesem Grunde sind auch alle jene Versuche zur Erklärung des
Kreisens der Vögel, nach denen die Vögel einmal gegen den Wind
gerichtet, diesen von vorn unter die Flügel wehen lassen, das andere
Mal, mit dem Winde fliegend, den Wind von hinten unter die Flügel
drücken lassen sollen, als ganz verfehlte Spekulation zu betrachten.
Die absoluten Geschwindigkeiten der Vögel beim Fliegen gegen
den Wind und mit dem Winde sind durchschnittlich um die
doppelte Windgeschwindigkeit verschieden; denn einmal kommt die
Windgeschwindigkeit von der relativen Bewegung zwischen Vogel und Luft
in Abzug, das andere Mal addieren sich beide zur absoluten
Ortsveränderung, bei welcher der Wind stets überholt wird.
Man kann eine sekundliche Geschwindigkeit von 10 m als eine nur mittlere
Vogelfluggeschwindigkeit bei Windstille und 6 m als eine sehr häufige
Windgeschwindigkeit bezeichnen. Die Differenz beider, also 4 m, wäre die
absolute Vogelgeschwindigkeit gegen den Wind, während der Vogel mit dem
Winde die Geschwindigkeit 10 + 6 = 16 m erhält, also viermal so schnell
fliegt als gegen den Wind.
Dieses Beispiel zeigt, wie stark sich die Flugschnelligkeit gegen den
Wind und mit dem Winde unterscheidet. Bei stärkeren Winden ist dieser
Unterschied natürlich noch viel größer.
Es ist anzunehmen, daß die Vögel bestrebt sind, diesen Unterschied in
ihren absoluten Geschwindigkeiten auszugleichen, weil sie auch gegen den
Wind möglichst schnell fliegen wollen, und daß dieser Unterschied nicht
ganz so auffällig sich zeigt, als er eigentlich sein müßte. Trotzdem
bleibt der Unterschied aber immer noch so groß, daß alles Fliegen der
Vögel gegen den Wind durchschnittlich fast zweimal so lange dauert, als
mit dem Winde. Man erhält demzufolge bei Beobachtung der Vögel den
Eindruck, als flögen dieselben viel häufiger gegen den Wind als in der
Windrichtung; und dies mag die Veranlassung gewesen sein, daß das
Fliegen gegen den Wind als Erleichterung des Fliegens angesehen wurde,
während es in Bezug auf das Vorwärtskommen eine entschiedene Erschwerung
mit sich bringt. Man kann daher wohl auch nicht annehmen, daß die Vögel
mit besonderer Vorliebe dem Wind entgegenfliegen; und wenn man dieses
Entgegenfliegen viel häufiger beobachtet als das Fliegen mit dem Wind,
so findet dieses seine natürliche Erklärung in dem ungleichen
Zeitaufwand für beide Arten des Fliegens.
Wenn die Vögel nach Richtungen fliegen, die mit der Windrichtung einen
Winkel bilden, so fühlen dieselben einen Wind, der sich aus ihrer
eigenen Bewegung mit der Windbewegung zusammensetzt und der jedesmal
eine andere Richtung hat als die absolute Vogelbewegung.
Ein Vogel beabsichtige z. B., wie in Fig. 44 gezeichnet, mit der
absoluten Geschwindigkeit ob nach der Richtung ob zu fliegen, während
der Wind mit der Geschwindigkeit ao weht. Die Stellung des Vogels
richtet sich dann nach oc, weil er den Wind von c kommend fühlt und zwar
mit der Geschwindigkeit co.
[Illustration: Fig. 44.]
Zuweilen erreicht der Wind eine solche Stärke, daß die kleineren Vögel
nicht imstande sind, gegen denselben anzufliegen. Für Krähen und Dohlen
kann ich diese Windstärke annähernd angeben. Bei unseren Versuchen im
Winde bemerkten wir, daß, wenn die Windgeschwindigkeit, cirka 3 m über
der Erde gemessen, 12 m betrug, die genannten Vögel in cirka 50 m Höhe
vergeblich gegen den Wind kämpften.
Die Windgeschwindigkeit in dieser größeren Höhe mußten wir auf 15-18 m
schätzen, so daß wir annehmen konnten, daß Krähen und Dohlen gegen einen
Wind von 18 m Geschwindigkeit nicht anzufliegen vermögen. Bei noch
kleineren Vögeln, außer bei den Schwalben, wird diese Grenze wohl noch
früher erreicht werden.
Eine größere Ausnahme bilden alle meerbewohnenden Vögel, die bis
herunter zu den kleinsten Arten auch mit dem stärksten Sturme den Kampf
aufnehmen.
Die großen Fliegekünstler des hohen Meeres, mit dem Albatros an der
Spitze, gehen in ihrer Vorliebe für den Wind sogar so weit, daß sie jene
Gegenden, welche sich durch häufige Windstillen auszeichnen, überhaupt
meiden, und sich vorwiegend in solchen Breiten und solchen Meeren
aufhalten, die durch regelmäßige stärkere Winde ausgezeichnet sind. Der
Albatros namentlich versteht mit seinen langen und schmalen, fast
säbelförmigen Flügeln sogar den Orkan zu bemeistern. Sein schwerer
Körper segelt mit seinem schlank gebauten Flugapparat auf dem Sturme
ruhend dahin. Nur wenig dreht und wendet er die Flügel, und der Sturm
trägt ihn gehorsam, wohin er ihn tragen soll, ob mit dem Sturm oder ihm
entgegen. Die Bewegung mit und gegen den Sturm unterscheidet sich durch
weiter nichts als durch die Geschwindigkeit.
Man kann den Albatros sehr gut und andauernd beobachten, denn er bleibt
in gewissen Gegenden, wie am Kap der guten Hoffnung, ein sehr
beständiger Begleiter der Schiffe, und als Liebling der Schiffer, die
sich an seinen majestätischen Bewegungen erfreuen, umspielt er das
Schiff mit großer Zutraulichkeit.
Mein Bruder sah ihn oft mit erstaunlicher Sicherheit in schräger
Stellung Spielräume der Takelung durchsegeln, die eigentlich seiner
großen Klafterbreite nicht Raum genug boten. Man stelle sich vor, welche
Gewandtheit dazu gehört, mit der Geschwindigkeit des Sturmes und der
Geschwindigkeit der großen Dampfer der Australienlinie die eigene
Geschwindigkeit so zu kombinieren, daß solch ein glatter Schwung, den
der große Vogel sich giebt, ihn ungestraft zwischen Rahen und Taue
hindurchführt.
Diese Kunststücke sind für den Albatros aber noch Nebensache; denn was
er eigentlich will, drücken seine grünlichen Augen deutlich genug aus.
Diese spähen ununterbrochen nach einem Leckerbissen, welchen das
mütterliche Meer nicht bieten kann. Und so verstehen es diese Vögel denn
auch, noch eine vierte Bewegung gleichzeitig zu verfolgen, um ihrer
Freßgier zu fröhnen, nämlich die vom Schiffe ihnen zugeworfenen
Küchenabfälle aus der Luft aufzufangen und sich gegenseitig abzujagen.
Sehr auffallend und charakteristisch ist noch das von uns vielfach
beobachtete Auffliegen der schwimmenden Seevögel bei stärkerem Winde.
Hier kann man noch deutlicher als bei dem sich in der Luft tummelnden
Vogel die nackte Hebewirkung des Windes erkennen; denn oft war ich aus
unmittelbarer Nähe ein Augenzeuge, wie die Möwen mit ausgebreiteten,
aber vollkommen stillgehaltenen Flügeln vom Wind senkrecht von der
Wasserfläche abgehoben wurden und ohne Flügelschlag ihren Flug
fortsetzten. Hierbei muß jedoch ein Wind herrschen, dessen
Geschwindigkeit ich auf mindestens 10 m schätze.
Unter solchen Beobachtungen wird man natürlich dahin gedrängt, den Wind
direkt zu den Messungen des Luftwiderstandes heranzuziehen. Zwar bietet
die Ausführung derartiger Versuche mehr Schwierigkeiten als die andere
schon besprochene Methode, aber offenbar müssen sich die an den Vögeln
im Winde auftretenden Erscheinungen so in reinerer Form darstellen, als
wenn man diese durch eine Reihe von Schlußfolgerungen aus den Versuchen
in Windstille erst ableitet. Es muß sich dann auch zeigen, ob dem Winde
Eigenschaften innewohnen, welche noch besonders zur Kraftersparnis beim
Fliegen beitragen können. Jedenfalls aber kann man die Gewißheit
hierüber durch nichts besser erlangen, als wenn man vogelflügelförmige
Flächen direkt der Einwirkung des Windes aussetzt und die entstandenen
Luftwiderstandskräfte mißt.