31. Die Vögel und der Wind.

In strengerem Sinne noch als die Luft kann man den Wind als das

eigentliche Element der Vögel bezeichnen. Wir haben bereits gesehen, daß

der Wind den Vögeln das Auffliegen sehr erleichtert, und daß viele

Vögel, wenn der zu ihrem Auffliegen erforderliche Wind nicht herrscht,

durch Vorwärtshüpfen oder Laufen eine relative Luftbewegung gegen sich

hervorrufen, bevor ihre wirkliche Erhebung erfolgt. Wir bemerken ferner,

daß die Flugbewegungen der Vögel im Winde anderer Art sind als in

ruhiger Luft. Die flatternde Bewegung bei Windstille verwandelt sich im

Winde in gemessenere Flügelschläge und wird bei vielen Vögeln zum

wirklichen Segeln.

Wenn nun zwar der Wind augenscheinlich kraftersparend auf den Flug der

Vögel einwirkt, indem er ihr Gehobenbleiben in der Luft, wie später

nachgewiesen werden soll, erleichtert, so muß doch die Ansicht, daß die

Vögel überhaupt mit besonderer Vorliebe _gegen_ den Wind fliegen, als

eine irrige bezeichnet werden. Letzteres ist nur zuzugeben mit Bezug auf

das _Auffliegen_. Wenn die Erhebung in die Luft aber erst stattgefunden

hat, fallen jene Faktoren fort, welche das Erheben von der Erde

erleichterten; denn dann kann der Vogel die ihm dienliche relative

Geschwindigkeit gegen die ihn umgebende Luft auch erreichen, wenn er mit

dem Winde fliegt; er braucht ja nur schneller zu fliegen als der Wind

weht.

Auf diese relative Geschwindigkeit zwischen Vogel und umgebender Luft

also kommt es an, und diese relativ gegen den Vogel in Bewegung

befindliche Luft trifft den Vogel stets von vorn; der Vogel verspürt

dies als einen immer nur auf ihn zuströmenden Wind. Der ganze Bau des

Vogelgefieders sowohl im allgemeinen, als auch im besonderen die

Konstruktion seiner Flügel mit Bezug auf die Federlagerung schließen von

vorn herein aus, daß der Wind den _fliegenden_ Vogel jemals von hinten

trifft. Wenn der Vogel daher mit dem Winde fliegt, so fliegt er allemal

schneller als der Wind.

Aus diesem Grunde sind auch alle jene Versuche zur Erklärung des

Kreisens der Vögel, nach denen die Vögel einmal gegen den Wind

gerichtet, diesen von vorn unter die Flügel wehen lassen, das andere

Mal, mit dem Winde fliegend, den Wind von hinten unter die Flügel

drücken lassen sollen, als ganz verfehlte Spekulation zu betrachten.

Die absoluten Geschwindigkeiten der Vögel beim Fliegen gegen

den Wind und mit dem Winde sind durchschnittlich um die

doppelte Windgeschwindigkeit verschieden; denn einmal kommt die

Windgeschwindigkeit von der relativen Bewegung zwischen Vogel und Luft

in Abzug, das andere Mal addieren sich beide zur absoluten

Ortsveränderung, bei welcher der Wind stets überholt wird.

Man kann eine sekundliche Geschwindigkeit von 10 m als eine nur mittlere

Vogelfluggeschwindigkeit bei Windstille und 6 m als eine sehr häufige

Windgeschwindigkeit bezeichnen. Die Differenz beider, also 4 m, wäre die

absolute Vogelgeschwindigkeit gegen den Wind, während der Vogel mit dem

Winde die Geschwindigkeit 10 + 6 = 16 m erhält, also viermal so schnell

fliegt als gegen den Wind.

Dieses Beispiel zeigt, wie stark sich die Flugschnelligkeit gegen den

Wind und mit dem Winde unterscheidet. Bei stärkeren Winden ist dieser

Unterschied natürlich noch viel größer.

Es ist anzunehmen, daß die Vögel bestrebt sind, diesen Unterschied in

ihren absoluten Geschwindigkeiten auszugleichen, weil sie auch gegen den

Wind möglichst schnell fliegen wollen, und daß dieser Unterschied nicht

ganz so auffällig sich zeigt, als er eigentlich sein müßte. Trotzdem

bleibt der Unterschied aber immer noch so groß, daß alles Fliegen der

Vögel gegen den Wind durchschnittlich fast zweimal so lange dauert, als

mit dem Winde. Man erhält demzufolge bei Beobachtung der Vögel den

Eindruck, als flögen dieselben viel häufiger gegen den Wind als in der

Windrichtung; und dies mag die Veranlassung gewesen sein, daß das

Fliegen gegen den Wind als Erleichterung des Fliegens angesehen wurde,

während es in Bezug auf das Vorwärtskommen eine entschiedene Erschwerung

mit sich bringt. Man kann daher wohl auch nicht annehmen, daß die Vögel

mit besonderer Vorliebe dem Wind entgegenfliegen; und wenn man dieses

Entgegenfliegen viel häufiger beobachtet als das Fliegen mit dem Wind,

so findet dieses seine natürliche Erklärung in dem ungleichen

Zeitaufwand für beide Arten des Fliegens.

Wenn die Vögel nach Richtungen fliegen, die mit der Windrichtung einen

Winkel bilden, so fühlen dieselben einen Wind, der sich aus ihrer

eigenen Bewegung mit der Windbewegung zusammensetzt und der jedesmal

eine andere Richtung hat als die absolute Vogelbewegung.

Ein Vogel beabsichtige z. B., wie in Fig. 44 gezeichnet, mit der

absoluten Geschwindigkeit ob nach der Richtung ob zu fliegen, während

der Wind mit der Geschwindigkeit ao weht. Die Stellung des Vogels

richtet sich dann nach oc, weil er den Wind von c kommend fühlt und zwar

mit der Geschwindigkeit co.

[Illustration: Fig. 44.]

Zuweilen erreicht der Wind eine solche Stärke, daß die kleineren Vögel

nicht imstande sind, gegen denselben anzufliegen. Für Krähen und Dohlen

kann ich diese Windstärke annähernd angeben. Bei unseren Versuchen im

Winde bemerkten wir, daß, wenn die Windgeschwindigkeit, cirka 3 m über

der Erde gemessen, 12 m betrug, die genannten Vögel in cirka 50 m Höhe

vergeblich gegen den Wind kämpften.

Die Windgeschwindigkeit in dieser größeren Höhe mußten wir auf 15-18 m

schätzen, so daß wir annehmen konnten, daß Krähen und Dohlen gegen einen

Wind von 18 m Geschwindigkeit nicht anzufliegen vermögen. Bei noch

kleineren Vögeln, außer bei den Schwalben, wird diese Grenze wohl noch

früher erreicht werden.

Eine größere Ausnahme bilden alle meerbewohnenden Vögel, die bis

herunter zu den kleinsten Arten auch mit dem stärksten Sturme den Kampf

aufnehmen.

Die großen Fliegekünstler des hohen Meeres, mit dem Albatros an der

Spitze, gehen in ihrer Vorliebe für den Wind sogar so weit, daß sie jene

Gegenden, welche sich durch häufige Windstillen auszeichnen, überhaupt

meiden, und sich vorwiegend in solchen Breiten und solchen Meeren

aufhalten, die durch regelmäßige stärkere Winde ausgezeichnet sind. Der

Albatros namentlich versteht mit seinen langen und schmalen, fast

säbelförmigen Flügeln sogar den Orkan zu bemeistern. Sein schwerer

Körper segelt mit seinem schlank gebauten Flugapparat auf dem Sturme

ruhend dahin. Nur wenig dreht und wendet er die Flügel, und der Sturm

trägt ihn gehorsam, wohin er ihn tragen soll, ob mit dem Sturm oder ihm

entgegen. Die Bewegung mit und gegen den Sturm unterscheidet sich durch

weiter nichts als durch die Geschwindigkeit.

Man kann den Albatros sehr gut und andauernd beobachten, denn er bleibt

in gewissen Gegenden, wie am Kap der guten Hoffnung, ein sehr

beständiger Begleiter der Schiffe, und als Liebling der Schiffer, die

sich an seinen majestätischen Bewegungen erfreuen, umspielt er das

Schiff mit großer Zutraulichkeit.

Mein Bruder sah ihn oft mit erstaunlicher Sicherheit in schräger

Stellung Spielräume der Takelung durchsegeln, die eigentlich seiner

großen Klafterbreite nicht Raum genug boten. Man stelle sich vor, welche

Gewandtheit dazu gehört, mit der Geschwindigkeit des Sturmes und der

Geschwindigkeit der großen Dampfer der Australienlinie die eigene

Geschwindigkeit so zu kombinieren, daß solch ein glatter Schwung, den

der große Vogel sich giebt, ihn ungestraft zwischen Rahen und Taue

hindurchführt.

Diese Kunststücke sind für den Albatros aber noch Nebensache; denn was

er eigentlich will, drücken seine grünlichen Augen deutlich genug aus.

Diese spähen ununterbrochen nach einem Leckerbissen, welchen das

mütterliche Meer nicht bieten kann. Und so verstehen es diese Vögel denn

auch, noch eine vierte Bewegung gleichzeitig zu verfolgen, um ihrer

Freßgier zu fröhnen, nämlich die vom Schiffe ihnen zugeworfenen

Küchenabfälle aus der Luft aufzufangen und sich gegenseitig abzujagen.

Sehr auffallend und charakteristisch ist noch das von uns vielfach

beobachtete Auffliegen der schwimmenden Seevögel bei stärkerem Winde.

Hier kann man noch deutlicher als bei dem sich in der Luft tummelnden

Vogel die nackte Hebewirkung des Windes erkennen; denn oft war ich aus

unmittelbarer Nähe ein Augenzeuge, wie die Möwen mit ausgebreiteten,

aber vollkommen stillgehaltenen Flügeln vom Wind senkrecht von der

Wasserfläche abgehoben wurden und ohne Flügelschlag ihren Flug

fortsetzten. Hierbei muß jedoch ein Wind herrschen, dessen

Geschwindigkeit ich auf mindestens 10 m schätze.

Unter solchen Beobachtungen wird man natürlich dahin gedrängt, den Wind

direkt zu den Messungen des Luftwiderstandes heranzuziehen. Zwar bietet

die Ausführung derartiger Versuche mehr Schwierigkeiten als die andere

schon besprochene Methode, aber offenbar müssen sich die an den Vögeln

im Winde auftretenden Erscheinungen so in reinerer Form darstellen, als

wenn man diese durch eine Reihe von Schlußfolgerungen aus den Versuchen

in Windstille erst ableitet. Es muß sich dann auch zeigen, ob dem Winde

Eigenschaften innewohnen, welche noch besonders zur Kraftersparnis beim

Fliegen beitragen können. Jedenfalls aber kann man die Gewißheit

hierüber durch nichts besser erlangen, als wenn man vogelflügelförmige

Flächen direkt der Einwirkung des Windes aussetzt und die entstandenen

Luftwiderstandskräfte mißt.

Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst Ein Beitrag zur Systematik der Flugtechnik · 第 36 / 50 题