22. Wertbestimmung der Flügelformen.

Die Wölbung, welche die Vogelflügel besitzen, scheint aber doch fast zu

gering zu sein, um solche hervorragenden Unterschiede in der Wirkung zu

erzeugen. So dachten auch wir, als wir im Jahre 1873 in einer großen

Berliner Turnhalle während der Sommerferien einen Meßapparat aufstellten

und mit allerhand gekrümmten Flächen versahen, um womöglich noch bessere

Flügelformen herauszufinden, als die Natur sie verwendet.

Ein solcher Meßapparat ist bereits beschrieben und in Fig. 14

dargestellt; er gestattete, Größe und Richtung des Luftwiderstandes bei

beliebigen Flächen, unter beliebigen Richtungen und Geschwindigkeiten

bewegt, zu messen.

Die verwendeten Flächen waren aus biegsamen Materialien hergestellt, so

daß man ihnen leicht jede beliebige Form geben konnte. Es kam ja eben

darauf an, Vergleiche zwischen den Wirkungen der Flächenformen

anzustellen mit Bezug auf ihre Verwendbarkeit zur Flugtechnik.

Diese bessere oder schlechtere Verwendbarkeit muß nun noch einmal einer

näheren Untersuchung unterzogen werden.

Es liegt in der Absicht, diejenige Flächenform zu finden, welche den

größten Vorteil zur Arbeitsersparnis beim Fliegen gewährt. Die

Fliegearbeit aber besteht immer in einem Produkt aus Kraft und

sekundlichem Weg. Wenn dieses Arbeitsprodukt verringert werden soll, so

müssen die einzelnen Faktoren verringert werden. Mit dem Kraftfaktor

läßt sich aber nicht viel hierin beginnen, weil diese Kraft immer

mindestens gleich dem Gewicht des zu hebenden Körpers sein muß. Wir

müssen also unser Augenmerk darauf richten, den Wegfaktor oder die

arbeiterfordernde Flügelgeschwindigkeit günstig zu beeinflussen.

Fühlbar für die Anstrengung ist aber beim vorwärtsfliegenden Vogel

nur die Geschwindigkeit der Flügel relativ zum Vogelkörper

also im besonderen der vertikale Geschwindigkeitsanteil des

Luftwiderstandscentrums.

Es liegt nahe, nach Flügelformen zu suchen, welche beim Vorwärtsfliegen

diejenigen Vorteile gewähren, die bei ebenen Flügeln vergeblich gesucht

wurden, und es fragt sich:

»Giebt es Flächenformen, welche, als Flügel beim Vorwärtsfliegen bewegt,

mehr hebende aber weniger hemmende Wirkung hervorrufen als die unter

gleichen Verhältnissen angewendete ebene Flugfläche?«

_Es kommt also darauf an, eine Flächenform zu finden, welche in einer

gewissen Lage, unter möglichst spitzem Winkel zum Horizont bewegt, eine

möglichst große hebende, das Gewicht tragende, und eine möglichst

kleine, die Fluggeschwindigkeit wenig hemmende Luftwiderstandskomponente

giebt._

Der Wert der Flügelform besteht also darin, daß eine möglichst _starke_

und _reine Hebewirkung_ sich bildet, wenn der Flügel gleichzeitig

langsam abwärts und schnell vorwärts bewegt wird.

Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst Ein Beitrag zur Systematik der Flugtechnik · 第 30 / 50 题