Die Wölbung, welche die Vogelflügel besitzen, scheint aber doch fast zu
gering zu sein, um solche hervorragenden Unterschiede in der Wirkung zu
erzeugen. So dachten auch wir, als wir im Jahre 1873 in einer großen
Berliner Turnhalle während der Sommerferien einen Meßapparat aufstellten
und mit allerhand gekrümmten Flächen versahen, um womöglich noch bessere
Flügelformen herauszufinden, als die Natur sie verwendet.
Ein solcher Meßapparat ist bereits beschrieben und in Fig. 14
dargestellt; er gestattete, Größe und Richtung des Luftwiderstandes bei
beliebigen Flächen, unter beliebigen Richtungen und Geschwindigkeiten
bewegt, zu messen.
Die verwendeten Flächen waren aus biegsamen Materialien hergestellt, so
daß man ihnen leicht jede beliebige Form geben konnte. Es kam ja eben
darauf an, Vergleiche zwischen den Wirkungen der Flächenformen
anzustellen mit Bezug auf ihre Verwendbarkeit zur Flugtechnik.
Diese bessere oder schlechtere Verwendbarkeit muß nun noch einmal einer
näheren Untersuchung unterzogen werden.
Es liegt in der Absicht, diejenige Flächenform zu finden, welche den
größten Vorteil zur Arbeitsersparnis beim Fliegen gewährt. Die
Fliegearbeit aber besteht immer in einem Produkt aus Kraft und
sekundlichem Weg. Wenn dieses Arbeitsprodukt verringert werden soll, so
müssen die einzelnen Faktoren verringert werden. Mit dem Kraftfaktor
läßt sich aber nicht viel hierin beginnen, weil diese Kraft immer
mindestens gleich dem Gewicht des zu hebenden Körpers sein muß. Wir
müssen also unser Augenmerk darauf richten, den Wegfaktor oder die
arbeiterfordernde Flügelgeschwindigkeit günstig zu beeinflussen.
Fühlbar für die Anstrengung ist aber beim vorwärtsfliegenden Vogel
nur die Geschwindigkeit der Flügel relativ zum Vogelkörper
also im besonderen der vertikale Geschwindigkeitsanteil des
Luftwiderstandscentrums.
Es liegt nahe, nach Flügelformen zu suchen, welche beim Vorwärtsfliegen
diejenigen Vorteile gewähren, die bei ebenen Flügeln vergeblich gesucht
wurden, und es fragt sich:
»Giebt es Flächenformen, welche, als Flügel beim Vorwärtsfliegen bewegt,
mehr hebende aber weniger hemmende Wirkung hervorrufen als die unter
gleichen Verhältnissen angewendete ebene Flugfläche?«
_Es kommt also darauf an, eine Flächenform zu finden, welche in einer
gewissen Lage, unter möglichst spitzem Winkel zum Horizont bewegt, eine
möglichst große hebende, das Gewicht tragende, und eine möglichst
kleine, die Fluggeschwindigkeit wenig hemmende Luftwiderstandskomponente
giebt._
Der Wert der Flügelform besteht also darin, daß eine möglichst _starke_
und _reine Hebewirkung_ sich bildet, wenn der Flügel gleichzeitig
langsam abwärts und schnell vorwärts bewegt wird.