3. Die Fliegekunst und die Mechanik.

Wenn wir uns mit der Mechanik des Vogelfluges beschäftigen wollen,

werden wir hauptsächlich mit denjenigen Kräften zu thun haben, die am

fliegenden Vogel in Wirkung treten. Das Fliegen der Tiere ist weiter

nichts als eine beständige Überwindung derjenigen Kraft, mit welcher die

Erde alle Körper, also auch alle ihre Geschöpfe anzieht. Der fliegende

Vogel aber spottet dieser Anziehungskraft vermöge seiner Fliegekunst und

fällt nicht zur Erde nieder, obwohl die Erde ihn ebenso an sich zu

ziehen und festzuhalten sucht wie ihre nicht fliegenden Lebewesen.

Das Fliegen selbst aber ist ein dauernder Kampf mit der Anziehungskraft

der Erde und zur Überwindung dieses Gegners ist es wichtig, ihn zunächst

etwas näher zu betrachten.

Die Anziehungskraft der Erde oder die Schwerkraft ist das Ergebnis eines

Naturgesetzes, welches das ganze Weltall durchdringt und nach welchem

alle Körper der Welt sich gegenseitig anziehen. Diese Anziehungskraft

nimmt zu mit der Masse der Körper und nimmt ab mit dem Quadrate ihrer

Entfernung. Als Entfernung der sich anziehenden Körper ist die

Entfernung ihrer Schwerpunkte anzusehen.

Wenn daher ein Vogel sich höher und höher in die Luft erhebt, so kann

man trotzdem kaum von einer Abnahme der Erdanziehung sprechen, denn

diese Erhebung ist verschwindend klein gegen die Entfernung des Vogels

vom Schwerpunkt oder Mittelpunkt der Erde.

Da wir der Erde so sehr nahe sind im Vergleich zu anderen Weltkörpern,

so verspüren wir nur die Kraft, mit welcher wir von der Erde angezogen

werden.

Das Gewicht eines Körpers ist gleich der Kraft, mit welcher die Erde

diesen Körper an sich zieht. Als Krafteinheit pflegt man das Gewicht von

1 kg anzusehen und hiernach alle anderen Kräfte zu messen.

Die bildliche Darstellung einer Kraft geschieht durch eine Linie in der

Kraftrichtung von bestimmter Länge je nach der Größe der Kraft.

Die Schwerkraft ist immer wie die Lotlinie nach dem Mittelpunkt der Erde

gerichtet.

Die Anziehungskraft der Erde kann man wie alle anderen Kräfte nur durch

ihre Wirkung wahrnehmen. Ihre sichtbare Wirkung aber besteht, wie bei

allen Kräften, in Erzeugung von Bewegungen.

Wenn eine Kraft auf einen freien, ruhenden Körper stetig wirkt, so

beginnt der Körper in der Richtung der Kraftwirkung sich zu bewegen und

an Geschwindigkeit stetig zuzunehmen. Die Größe der Bewegung in jedem

Augenblick wird durch den in einer Sekunde zurückgelegten Weg gemessen,

wenn die Bewegung während dieser Sekunde gleichmäßig wäre. Man nennt

diesen sekundlichen Weg die Geschwindigkeit eines Körpers.

Die Anziehungskraft der Erde oder Schwerkraft wird einem Vogel in der

Luft, dem plötzlich die Fähigkeit des Fliegens genommen ist, eine nach

unten gerichtete Bewegung erteilen, welche an Geschwindigkeit stetig

zunimmt; der Vogel wird fallen, bis er an der Erde liegt.

Ein solches Fallen in der Luft giebt aber keine genaue Darstellung von

der Wirkung der Schwerkraft, weil der Widerstand der Luft die

Fallgeschwindigkeit sowie die Fallrichtung beeinträchtigt.

Die unbeschränkte Wirkung der Schwerkraft läßt sich daher nur im

luftleeren Raum feststellen, und in diesem fällt jeder Körper ohne

Rücksicht auf seine sonstige Beschaffenheit mit derselben gleichmäßig

zunehmenden Schnelligkeit und zwar so, daß er am Ende der ersten Sekunde

eine Geschwindigkeit von 9,81 m hat, die stetig und gleichmäßig zunimmt,

sich also nach jeder ferneren Sekunde um 9,81 m vermehrt. Diese

sekundliche Zunahme der Geschwindigkeit nennt man Beschleunigung. Die

Beschleunigung der Schwerkraft ist also 9,81 m.

Auch an dem nicht aus der Luft geschossenen, fliegenden Vogel wird die

Beschleunigung der Schwerkraft sichtbar sein; denn wenn der Vogel zu

neuem Flügelschlage ausholt, setzt sofort die Schwerkraft mit ihrer

Beschleunigung ein, und senkt den Vogel um ein Geringes, bis der neue

Flügelniederschlag erfolgt, der den Vogelkörper um die gefallene Strecke

wieder hebt und so die Wirkung der Schwerkraft ausgleicht.

Die Anziehungskraft der Erde ist aber nicht die einzige Kraft, die auf

den Vogel wirkt, vielmehr verdankt er seine Flugfähigkeit gerade dem

Auftreten verschiedener anderer Kräfte, mit denen er die Wirkung der

Schwerkraft bekämpft.

Die Mechanik pflegt die Kräfte in 2 Klassen zu teilen, in treibende

Kräfte, oder in Kräfte in engerem Sinne, und in hemmende Kräfte oder

Widerstände.

Die treibenden Kräfte sind geeignet, Bewegungen zu erzeugen und, wie ihr

Name sagt, als Triebkraft zu dienen.

Zu diesen Kräften haben wir außer der Schwerkraft z. B. auch die

Muskelkraft der Tiere zu rechnen, sowie das Ausdehnungsbestreben des

gespannten Dampfes, der gespannten Federn u. s. w.

Jede treibende Kraft kann aber auch als hemmende Kraft auftreten,

insofern sie an einem in Bewegung befindlichen Körper dieser Bewegung

entgegengesetzt wirkt und dadurch die Bewegung vermindert, wie es der

Fall ist in Bezug auf die Wirkung der Schwerkraft an einem in die Höhe

geworfenen Körper.

Zu den hemmenden Kräften gehört vor allem diejenige Kraft, deren

Eigenschaften die Natur bei dem Fluge der Vögel in so vollkommener Weise

ausnützt und mit der wir uns in diesem Werke ganz eingehend beschäftigen

müssen, der sogenannte »Widerstand des Mittels«, den jeder Körper

erfährt, wenn er sich in einem Mittel, z. B. in der Luft, bewegt. Ein

solcher Widerstand kann deshalb nie direkt treibend wirken, weil er

durch die Bewegung selbst erst hervorgerufen wird, er dann aber diese

Bewegung stets wieder zu verkleinern sucht und nicht eher aufhört, bis

die Bewegung selbst wieder aufgehört hat.

Der Widerstand des Mittels, also der Widerstand des Wassers, sowie der

Luftwiderstand kann nur _indirekt_ als treibende Kraft auftreten, wenn

das Mittel selbst, also das Wasser oder die Luft in Bewegung sich

befindet, wovon alle Wasser- und Windmühlen und, wie wir später sehen

werden, auch die segelnden Vögel ein Beispiel geben.

Fernere Widerstandskräfte sind beispielsweise die Reibung sowie die

Kohäsionskraft der festen Körper, auch diese können nicht unmittelbar

treibend wirken, sondern nur als Widerstand auftreten, wenn es sich um

ihre Überwindung, z. B. beim Transport von Lasten und bei der

Bearbeitung des Holzes, der Metalle oder anderer fester Körper handelt,

wo der schneidende Stahl die Kohäsionskraft aufheben muß.

Eine Kraft ist zwar stets die Ursache einer Bewegung, aber wenn ein

Körper sich nicht bewegt, so ist daraus noch nicht zu schließen, daß

keine Kräfte auf ihn einwirken. Wenn z. B. ein Körper auf einer

Unterstützung ruht, so wirkt dennoch die Anziehungskraft der Erde auf

ihn; ihr Einfluß wird nur aufgehoben, weil eine andere gleich große aber

entgegengesetzt gerichtete Kraft zur Wirkung kommt, und zwar der

Unterstützungsdruck, der von unten ebenso stark auf den Körper drückt,

wie der Körper durch sein Gewicht auf die Unterstützung.

Hier heben sich die beiden wirksamen Kräfte gegenseitig auf und der

Körper ist im Gleichgewicht der Ruhe.

Auch an dem in der Höhe schwebenden Vogel muß ein nach oben gerichteter

Unterstützungsdruck wirksam sein, den der Vogel sich irgendwie geschafft

haben muß, und welcher dem Vogelgewichte das Gleichgewicht hält.

Auch am fliegenden Vogel werden die wirksamen Kräfte sich

zusammensetzen, wie die Mechanik es lehrt, sodaß, wenn sie in gleicher

Richtung auftreten, sie sich in ihrer Wirkung ergänzen, und wenn sie

entgegengesetzt gerichtet sind, sich ganz oder teilweise aufheben, je

nach ihrer Größe.

Auch Kräfte, welche nicht nach derselben Richtung am Vogelkörper wirksam

sind, kann man nach der Diagonale des aus diesen Kraftlinien gebildeten

Parallelogramms zusammensetzen, ebenso, wie man eine Kraft nach dem

Parallelogramm der Kräfte in zwei oder mehrere Kräfte zerlegen kann, die

dasselbe leisten wie die unzerlegte Kraft.

Auch die durch Kräfte hervorgerufenen Bewegungserscheinungen werden am

Vogel sich nicht anders äußern als an jedem anderen Körper.

Wenn eine Kraft einen Körper in Bewegung gesetzt hat und hört dann auf

zu wirken, oder eine andere Kraft tritt hinzu, welche der ersten Kraft

das Gleichgewicht hält, so bleibt der Körper in Bewegung, aber mit

derselben Geschwindigkeit und in derselben Richtung, die er im letzten

Augenblicke hatte, als er noch unter dem Einflusse einer einzigen

Kraftwirkung stand; er ist dann im Gleichgewicht der Bewegung und keine

wirksame Kraftäußerung findet mehr statt, obgleich Bewegung vorhanden

ist.

In solcher Lage befindet sich der Körper eines mit gleichmäßiger

Geschwindigkeit dahinfliegenden Vogels. Auch hier herrscht Gleichgewicht

unter den Kräften, weil der Vogel durch seine Flügelschläge nicht bloß

eine Kraftwirkung hervorruft, wodurch er die Schwerkraft aufhebt,

sondern er überwindet auch dauernd den Widerstand, den das

Durchschneiden der Luft nach der Bewegungsrichtung verursacht.

Wie nun die Natur aus dem ewigen Spiel der Kräfte an der gleichfalls

ewigen Materie sich bildet, bringt der Mensch das Kräftespiel durch

Wirkung und Gegenwirkung in der Technik zum bewußten Ausdruck.

Einfach erscheint uns der Vorgang, wenn wir durch die Kraft unseres

tretenden Fußes die Drehbank oder den Schleifstein in Bewegung setzen,

um die Metalle zu bearbeiten und so die Muskelkraft unseres Beines zur

Überwindung der Kohäsionskraft und Reibung verwenden. Nicht minder

einfach bei richtiger Zergliederung sind die Überlegungen, welche uns

dahin führen, die im Brennmaterial schlummernde Kraft als Dampfkraft in

Thätigkeit treten zu lassen, wenn es sich darum handelt, Widerstände zu

überwinden, denen unsere Muskelkraft nicht gewachsen ist.

Auch die Zeit kann einmal kommen, wo die Flugtechnik einen wichtigen

Teil der Beschäftigung des Menschen ausmacht, wenn für die Fliegekunst

jene große Überbrückung aus dem Reiche der Ideen in die Wirklichkeit

stattfinden sollte, wenn der erste Mensch in klarer Erkenntnis

derjenigen Mittel, welche eine übergroße Kraftäußerung beim wirklichen

Fliegen entbehrlich machen, einen freien Flug durch die Luft unternimmt.

Sei es, daß jener Mensch seinen Flügelapparat, was wünschenswert wäre,

so anzuwenden versteht, daß seine Muskelkraft ausreicht, ihn die

erforderliche Bewegung machen zu lassen, sei es, daß er zur

Maschinenkraft greifen muß, um seine Flügel mit dem erforderlichen

Nachdruck durch die Luft zu führen; in jedem Falle gebührt ihm das

Verdienst, zum ersten Male Sieger geblieben zu sein in jenem Ringen,

welches sich um die Überwältigung der zum Fliegen notwendigen

Kraftanstrengung entsponnen hat.

Die Größe dieser Kraftanstrengung, dieser Arbeitsleistung müssen wir

unbedingt kennen lernen. Nur wenn dieses im vollsten Maße geschehen ist,

können wir weiter auf Mittel sinnen, das große Problem seiner

Verwirklichung entgegenzuführen.

Was aber ist Kraftanstrengung, was versteht man unter Arbeitsleistung

beim Fliegen? Auch diese Begriffe können für die Fliegekunst nur

dieselbe Bedeutung haben wie in der sonstigen Technik. Jede Kraft, wenn

sie in sichtbare Wirkung tritt, leistet Arbeit, jeder Widerstand

erfordert Arbeit zu seiner Überwindung. Arbeit ist nötig, um eine Anzahl

Ziegelsteine auf das Baugerüst zu heben, Arbeit ist nötig, um das Wasser

aus der Erde zu pumpen, Arbeit verursacht das Mischen des Mörtels mit

dem Wasser, Arbeit ist auch erforderlich, um -- einen Flügel durch die

Luft zu schlagen.

Die Größe der Arbeit hängt ab von der Größe der Arbeit leistenden Kraft

oder dem zu überwindenden Widerstande. Sie hängt ferner davon ab, auf

welcher Wegstrecke diese Überwindung stattfindet.

Arbeitskraft und Arbeitsweg sind also Faktoren, aus denen die Arbeit

sich zusammensetzt. Das Produkt aus diesen Faktoren, also »_Kraft mal

Weg_« giebt einen Maßstab für die Arbeitsmenge.

Dieses Produkt aus der zu überwindenden Kraft und der Wegstrecke, auf

welcher diese Kraft überwunden wird, nennt man »_mechanische Arbeit_«

und mißt in der Regel die Kraft in Kilogrammen und den Weg in Metern.

Das auf diese Weise gebildete Produkt bezeichnet man dann mit

Kilogrammmetern (kgm).

Die Schnelligkeit, mit welcher eine derartige mechanische Arbeit

geleistet wird, hängt von der Stärke oder Energie des dazu verwendeten

Kraftaufwandes ab. Die zu einer Arbeitsleistung erforderliche Zeit ist

also maßgebend für die Leistungsfähigkeit der Arbeit verrichtenden

Kraft.

Die auf eine Sekunde entfallende mechanische Arbeitsleistung pflegt man

als Maß dieser Arbeitskraft anzusehen, und in Vergleich mit derjenigen

Arbeitsleistung zu stellen, welche ein Pferd durchschnittlich in einer

Sekunde hervorzubringen imstande ist.

Ein Pferd kann eine Kraft von 75 kg in einer Sekunde auf einer Strecke

von 1 m überwinden, es kann also sekundlich 75 kgm leisten. Hierbei ist

gleichgültig, wie groß die Kraft und wie groß die sekundliche

Geschwindigkeit ist, wenn nur das Produkt beider 75 beträgt.

Man nennt diese in einer Sekunde vom Pferde zu leistende Arbeit eine

Pferdeleistung, Arbeitskraft des Pferdes oder kurz Pferdekraft, das

Zeichen dafür ist »HP«.

Die Arbeitsleistung des Menschen beträgt ungefähr den vierten Teil einer

Pferdekraft, wenn es sich um dauernde Kraftabgabe handelt. Vorübergehend

kann jedoch der Mensch bedeutend mehr leisten, besonders, wenn dabei die

stark mit Muskeln ausgerüsteten Beine zur Wirkung kommen, wie beim

Ersteigen von Treppen.

Auf leicht ersteigbaren Treppen kann man für kurze Zeit sein Gewicht um

1 m pro Sekunde heben. Ein Mann von 75 kg Gewicht leistet also dabei 75

× 1 = 75 kgm oder eine Pferdekraft (HP).

Für die Größe der Arbeit ist nur die Größe der zu überwindenden Kraft

und nur der in die Richtung der Kraft fallende sekundliche Weg oder die

Geschwindigkeit maßgebend, mit welcher die Kraft zu überwinden ist,

nicht aber die Richtung dieser Kraft oder des Überwindungsweges; denn

diese Richtung läßt sich durch einfache mechanische Mittel beliebig

ändern.

Indem nur noch auf die hebelartige Wirkung der Flügel und die dabei zur

Anwendung kommenden Gesetze der Kraftmomente, in denen der

Luftwiderstand am Flügel sich äußert, hingewiesen werden soll, erscheint

die Fliegekunst als ein mechanisches Problem, dessen Zergliederung die

nächste Aufgabe sein soll.

Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst Ein Beitrag zur Systematik der Flugtechnik · 第 3 / 50 题