2. Das Grundprincip des freien Fluges.

Die Beobachtung der fliegenden Tiere lehrt, daß es möglich ist, mit

Hülfe von Flügeln, welche eigentümlich geformt sind, und in geeigneter

Weise durch die Luft bewegt werden, schwere Körper in der Luft schwebend

zu erhalten, und nach beliebigen Richtungen mit großer Geschwindigkeit

zu bewegen.

Die in der Luft schwebenden Körper der fliegenden Tiere zeichnen sich

gegen die Körper anderer Tiere nicht so wesentlich durch ihre

Leichtigkeit aus, daß daraus gefolgert werden könnte, die leichte

Körperbauart sei ein Haupterfordernis, das Fliegen zu ermöglichen.

Man findet zwar die Ansicht verbreitet, daß die hohlen Knochen der Vögel

das Fliegen erleichtern sollen, namentlich da die Hohlräume der Knochen

mit erwärmter Luft gefüllt sind. Es gehört aber nicht viel Überlegung

dazu, um einzusehen, daß diese Körpererleichterung kaum der Rede wert

ist.

Eine specifische Leichtigkeit der Fleisch- und Knochenmasse sowie

anderer Bestandteile des Vogelkörpers ist bis jetzt auch nicht

festgestellt.

Vielleicht hat das Federkleid des Vogels, welches ihn umfangreicher

erscheinen läßt, als wie er ist, besonders wenn dasselbe wie bei dem

getöteten Vogel nicht straff anliegt, dazu beigetragen, ihm den Ruf der

Leichtigkeit zu verschaffen. Von dem gerupften Vogel kann man

entschieden nicht behaupten, daß er verhältnismäßig leichter sei als

andere Tiere; auch unsere Hausfrauen stehen wohl nicht unter dem

Eindruck, daß ein Kilogramm Vogelfleisch, und seien auch die hohlen

Knochen dabei mitgewogen, umfangreicher aussieht als das gleiche Gewicht

von Fleischnahrung aus dem Reiche der Säugetiere.

Wenn nun zu dem gerupften Vogel die Federn noch hinzukommen, so wird er

dadurch auch nicht leichter, sondern schwerer; denn auch die Federn sind

schwerer als die Luft.

Die Federbekleidung kann daher, wenn sie dem Vogel auch die Entfaltung

seiner Schwingen ermöglicht, und seine Gestalt zum leichteren

Durchschneiden der Luft abrundet und glättet, kein besonderer Faktor zu

seiner leichteren Erhebung in die Luft sein. Es ist vielmehr anzunehmen,

daß bei den fliegenden Tieren die freie Erhebung von der Erde und das

Beharren in der Luft, sowie die schnelle Fortbewegung durch die Luft mit

Hülfe gewisser mechanischer Vorgänge stattfindet, welche möglicher Weise

auch künstlich erzeugt und mittelst geeigneter Vorrichtungen auch von

Wesen ausgeführt werden können, welche nicht gerade zum Fliegen geboren

sind.

Das Element der fliegenden Tiere ist die Luft. Die geringe Dichtigkeit

der Luft gestattet aber nicht, darin zu schweben und darin

herumzuschwimmen, wie es die Fische im Wasser vermögen, sondern eine

stetig unterhaltene Bewegungswirkung zwischen der Luft und den

Trageflächen oder Flügeln der fliegenden Tiere, oft mit großen

Muskelanstrengungen verbunden, muß dafür sorgen, daß ein Herabfallen aus

der Luft verhindert wird.

Jedoch diese geringe Dichtigkeit der Luft, welche das freie Erheben in

derselben erschwert, gewährt andererseits einen großen Vorteil für die

sich in der Luft bewegenden Tiere.

Das auf der geringen Dichtigkeit beruhende leichte Durchdringen der Luft

gestattet vielen Tieren mit außerordentlicher Schnelligkeit vorwärts zu

fliegen; und so nehmen wir denn namentlich an vielen Vögeln

Fluggeschwindigkeiten wahr, welche in Erstaunen setzen, indem sie die

Geschwindigkeit der schnellsten Eisenbahnzüge bei weitem übertreffen.

Hat daher eine freie Erhebung von der Erde durch die Fliegekunst erst

stattgefunden, so erscheint es nicht schwer, eine große Geschwindigkeit

in der Luft selbst zu erreichen.

Als Eigentümlichkeit beim Bewegen in der Luft haben wir daher weniger

das schnelle Fliegen anzusehen, als vielmehr die Fähigkeit, ein

Herabfallen aus der Luft zu verhindern, indem das erstere sich fast von

selbst ergiebt, sobald die Bedingungen für das letztere in richtiger

Weise erfüllt sind.

Die fliegende Tierwelt und obenan die Vögel liefern den Beweis, daß die

Fortbewegung durch die Luft an Vollkommenheit allen anderen

Fortbewegungsarten der Tierwelt und auch den künstlichen

Ortsveränderungen der Menschen weit überlegen ist.

Auch auf dem Lande und im Wasser giebt es Tiere, denen die Natur große

Schnelligkeit verliehen hat, teils zur Verfolgung ihrer Beute, teils zur

Flucht vor dem Stärkeren, eine Schnelligkeit, die oft unsere Bewunderung

erregt. Aber was sind diese Leistungen gegen die Leistungen der

Vogelwelt?

Einem Sturmvogel ist es ein Nichts, den dahinsausenden Oceandampfer in

meilenweiten Kreisen zu umziehen und, nachdem er meilenweit hinter ihm

zurückgeblieben, ihn im Nu wieder meilenweit zu überholen.

Mit Begeisterung schildert _Brehm_, dieser hervorragende Kenner der

Vogelwelt, die Ausdauer der meerbewohnenden großen Flieger. Ja, dieser

Forscher hält es für erwiesen, daß ein solcher Vogel auf weitem Ocean

Hunderte von Meilen dem Tag und Nacht unter vollem Dampf dahineilenden

Schiffe folgt, ohne bei seiner kurzen Rast auf dem Wasser die Spur des

schnellen Dampfers zu verlieren und ohne jemals das Schiff als Ruhepunkt

zu wählen.

Diese Vögel scheinen gleichsam in der Luft selbst ihre Ruhe zu finden,

da man sie nicht nur bei Tage, sondern auch bei Nacht herumfliegen

sieht. Sie nützen die Tragekraft des Windes in so vollkommener Weise

aus, daß ihre eigene Anstrengung kaum nötig ist.

Und dennoch sind sie da, wo sie nur immer sein wollen, als wenn der

Wille allein ihre einzige Triebkraft bei ihrem Fluge wäre.

Diese vollkommenste aller Fortbewegungsarten sich zu eigen zu machen,

ist das Streben des Menschen seit den Anfängen seiner Geschichte.

Tausendfältig hat der Mensch versucht, es den Vögeln gleich zu thun.

Flügel ohne Zahl sind von dem Menschengeschlechte gefertigt, geprobt und

-- verworfen. Alles, alles vergeblich und ohne Nutzen für die Erreichung

dieses heiß ersehnten Zieles.

Der wahre, freie Flug, er ist auch heute noch ein Problem für die

Menschheit, wie er es vor Tausenden von Jahren gewesen ist.

Die erste wirkliche Erhebung des Menschen in die Luft geschah mit Hülfe

des Luftballons. Der Luftballon ist leichter als die von ihm verdrängte

Luftmasse, er kann daher noch andere schwere Körper mit in die Luft

heben. Der Luftballon erhält aber unter allen Umständen, auch wenn

derselbe in länglicher zugespitzter Form ausgeführt wird, einen so

großen Querschnitt nach der Bewegungsrichtung, und erfährt einen so

großen Widerstand durch seine Bewegung in der Luft, daß es nicht möglich

ist, namentlich gegen den Wind denselben mit solcher Geschwindigkeit

durch die Luft zu treiben, daß die Vorteile der willkürlichen schnellen

Ortsveränderung, wie wir sie an den fliegenden Tieren wahrnehmen, im

Entferntesten erreicht werden könnten.

Es bleibt daher nur übrig, um jene großartigen Wirkungen des Fliegens

der Tierwelt auch für den Menschen nutzbar zu machen, auf die helfende

Wirkung des Auftriebes leichter Gase, also auf die Benutzung des

Luftballons ganz zu verzichten, und sich einer Fliegemethode zu

bedienen, bei welcher nur dünne Flügelkörper angewendet werden, welche

dem Durchschneiden der Luft nach horizontaler Richtung sehr wenig

Widerstand entgegensetzen.

Der Grundgedanke eines solchen Fliegens besteht in der Vermeidung

größerer Querschnitte nach der beabsichtigten Bewegungsrichtung und der

Hebewirkung durch dünne Flugflächen, welche im wesentlichen horizontal

ausgebreitet und relativ zum fliegenden Körper annähernd vertikal bewegt

werden.

Die fliegenden Tiere sind imstande, unter Aufrechterhaltung dieses

Princips eine freie Erhebung und schnelle Fortbewegung durch die Luft zu

bewirken. Wollen wir also die Vorteile dieses Princips uns auch zu nutze

machen, so wird es darauf ankommen, die richtige Erklärung für solche

Fliegewirkung zu suchen.

Die Zurückführung aber einer derartigen Wirkung auf ihre Ursache

geschieht durch das richtige Erkennen der beim Fliegen stattfindenden

mechanischen Vorgänge, und die Mechanik, also die Wissenschaft von den

Wirkungen der Kräfte, giebt uns die Mittel an die Hand, diese

mechanischen Vorgänge zu erklären.

Die Fliegekunst ist also ein Problem, dessen wissenschaftliche

Behandlung vorwiegend die Kenntnis der Mechanik voraussetzt. Die hierzu

erforderlichen Überlegungen sind jedoch verhältnismäßig einfacher Natur

und es lohnt sich, zunächst einen Blick auf die Beziehungen der

Fliegekunst zur Mechanik zu werfen.

Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst Ein Beitrag zur Systematik der Flugtechnik · 第 2 / 50 题