4. Die Kraft, durch welche der fliegende Vogel gehoben wird.

Die Frage, warum der Vogel beim Fliegen nicht zur Erde fällt, wie es

kommt, daß der Vogel in der Luft durch eine unsichtbare Kraft getragen

wird, ist in Bezug auf _die Art_ der Kraft, welche dem Vogel diesen

unsichtbaren Stützpunkt beim Fliegen gewährt, als vollkommen gelöst zu

betrachten. Wir wissen, daß diese tragende Kraft nur aus dem

Luftwiderstand bestehen kann, den die bewegten Vogelflügel in der Luft

hervorrufen.

Wir wissen ferner, daß dieser Luftwiderstand an Größe mindestens gleich

dem Vogelgewichte sein muß, während seine Richtung der Anziehungskraft

der Erde entgegengesetzt, also von unten nach oben wirken muß.

Da der fliegende Vogel eben mit keinem anderen Körper in Berührung ist

als mit der ihn umgebenden Luft, so kann auch die ihn hebende Kraft nur

aus der Luft selbst stammen, und die Luft oder Eigenschaften der Luft

müssen es sein, welche das Tragen des fliegenden Vogels verursachen.

Diese hier tragend wirkende, durch Flügelbewegungen und Muskelarbeit in

der Luft hervorgerufene Kraft kann daher nichts Anderes als

Luftwiderstand sein, also diejenige Kraft, welche jeder Körper

überwinden muß, wenn er sich in der Luft bewegt, oder der Widerstand,

welcher sich dieser Bewegung entgegensetzt. Sie ist aber auch die Kraft,

mit welcher bewegte Luft oder Wind auf die im Wege stehenden Körper

drückt.

Wir wissen, daß diese Kraft mit der Querschnittsfläche des bewegten oder

im Wege stehenden Körpers zunimmt, und im höheren Grade noch mit der

Geschwindigkeit wächst, mit welcher der Körper durch die Luft bewegt

wird oder mit welcher der Wind auf einen Körper trifft.

Auch auf die von oben nach unten geschlagenen Vogelflügel wird eine

dieser Bewegung entgegenstehende also von unten nach oben wirkende

Luftwiderstandskraft drücken, aber nur, wenn die Geschwindigkeit des

Flügelschlages genügend groß ist, wird ein genügend großer

Luftwiderstand entstehen, der imstande ist, das Herabfallen des Vogels

zu verhindern.

Das Wiederaufschlagen der Flügel muß dabei unter anderen Bedingungen vor

sich gehen, damit nicht auch die umgekehrte Kraft dabei entsteht, die

den Vogel ebenso viel niederdrückt, als der Flügelniederschlag ihn hob.

Man kann sich vorläufig denken, daß vor dem Aufschlag die Flügel eine

solche Drehung machen, daß möglichst wenig Widerstand beim Heben

derselben in der Luft entsteht, oder daß die Luft beim Aufschlag

teilweise zwischen den etwa in anderer Stellung befindlichen Federn des

Flügels hindurchdringen kann, und so dem Aufschlag wenig Widerstand

entgegensetzt.

Was noch an niederdrückender Wirkung beim Heben der Flügel entsteht, muß

durch einen Überschuß an Hebewirkung beim Niederschlagen der Flügel

wieder aufgehoben werden.

Hieraus ergiebt sich nun, daß durch die Flügelschläge eines fliegenden

Vogels ein Luftwiderstand entstehen muß, dessen Gesamtwirkung

durchschnittlich gleich einer Kraft ist, welche eine Richtung nach oben

und mindestens die Größe des Vogelgewichtes hat.

Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst Ein Beitrag zur Systematik der Flugtechnik · 第 4 / 50 题