Nachher gereute es sie ein wenig. Hatte sie nicht zu schnell zugesagt?
Ob es Gaston auch recht sein würde? Es war ja für die Verwundeten! Ob
sie’s auch gut machen würde?
Aber all die Bedenken gingen unter in dem großen Glücksempfinden, das
sie heut erfüllte.
Das Konzert -- nun dachte sie kaum noch an das Konzert und an ihre
Zusage. Sie saß und schrieb einen langen Brief an Gaston. Ganz anders,
als sie bisher an ihn geschrieben. Ohne die Worte zu überlegen, ohne zu
wägen. Nur wissen sollte er, wie selig sie war, wissen, wie sie sich
nach ihm sehnte, wissen -- wissen, daß sie ihn liebte!
Selbst trug sie den Brief zur Post. ‚Nein! Ich trag ihn lieber zum
Anhalter Bahnhof -- dann kommt er schneller in Gastons Hände.‘ Und
sie ging zum ersten Male seit Tagen durch die Straßen, die noch im
Siegesschmuck lagen. Immer hatte sie ja zu Haus gesessen -- gewartet --
gewartet --
Alles sah sie erst jetzt. Die Fahnen und die Girlanden. An der
altersgrauen Stadtmauer ging sie entlang und mußte lachen. Da hatten
die Berliner Rangen winzig kleine Löcher durch die zermürbten Steine
gestoßen, und darum stand: „Hier zieht Benedeck in Berlin ein!!!“ Stand
in Kreideschrift im Halbkreis herum mit drei Ausrufungszeichen dahinter.
Plötzlich fiel ihr ein: ‚Tante Oschitz! Jetzt gehst du noch zu Tante
Marianne. Die muß doch Nachricht haben.‘ Aller Welt hätte sie zujubeln
mögen, wie glücklich sie war.
Und sie ging weiter, über den Potsdamer Platz, durch die
Bellevuestraße, am Tiergartensaum entlang. Dachte: da drüben am
Goldfischteich hat Gaston zum erstenmal von unserem Hochzeitstag
gesprochen. Lachte in sich hinein, wie hilflos sie damals gewesen.
Lief wie ein Kind durch den Vorgarten der Stillen Insel, fiel Tante
Marianne um den Hals: „Ich hab einen Brief. Mein Gaston ist gesund!“
War glücklich, daß die Greisin sich mit ihr freute. Weinte wie Kinder
weinen, als Tante Marianne sie vor das große Bild Harros führte, das
sie von Professor Richter hatte malen lassen. „Ach, Harro -- unser
guter lieber Harro!“ Und hatte, als sie die Stille Insel verlassen,
doch nur wieder das eine Glücksgefühl im Herzen und nur den einen
Gedanken an Gaston.
* *
*
Das Konzert fand in der Singakademie statt. Frau Harriers-Wippern hatte
nachträglich noch zwei, trotz der Ferien zufällig in Berlin anwesende
Mitglieder des Königlichen Opernhauses gewonnen, den Bassisten Salomon
und Fräulein Horina. Für Helene waren drei Nummern reserviert.
Ein wenig befangen war Helene doch.
Als am Morgen die Jungens jubelten: „Tante Helene steht an den
Litfaßsäulen! Tante Helene steht in der ‚Kreuzzeitung‘!“ war sie rot
wie ein Schulmädchen geworden. Und als sie mit Martha zur Singakademie
fuhr, hatte sie eine unheimliche Empfindung im Kehlkopf: ‚Du wirst ja
keinen Ton herausbringen können.‘ Auch der Zuspruch von Frau Harriers
half nicht viel. Einmal lugte sie in den überfüllten Zuschauerraum: sie
sah nur eine Masse Menschen die wie ins Dunkle getaucht schien.
Schon klang die Ouvertüre zu „Struensee“ auf.
Im Konversationszimmer stand der Baumeister Harriers neben Helene,
hatte eine halbe Flasche Champagner in der Hand und sagte gutmütig
lächelnd: „Ich kenn’ das von meiner Frau. Die hat heut noch manchmal
Lampenfieber. Dann hilft nur ein Glas Champagner.“ Sie wehrte wortlos
ab -- und dann stürzte sie doch ein Glas herunter.
Draußen sang gerade Fräulein Horina ...