Und wieder, wieder brachte er keine Nachricht. Drucksachen, Umschläge
mit gleichgültigen Geschäftsadressen -- keinen Feldpostbrief!
Der dritte, der vierte Tag, nachdem die Geschütze mit donnerndem Salut
den großen Sieg gekündet -- und keine Nachricht!
‚Ich will eine tapfere Soldatenfrau sein!‘ rief Helene sich immer
wieder zu. Aber dann versagte plötzlich die Kraft, der Kopf sank
vornüber, sie schluchzte auf.
Martha legte den Leinwandstreifen zur Seite, beugte sich zärtlich
über sie, strich sanft über das rostbraune Haar: „Mein Schwesterchen!
Morgen! Morgen gewiß! Nur Gottvertrauen und Mut! ... Siehst du, wie
lieb du deinen Gaston hast!“
Mit todtraurigen Augen schaute Helene auf: „Vielleicht liegt er hilflos
irgendwo ... in einer elenden Hütte ... und ich kann nicht bei ihm sein
... kann ihm nichts sein! Die erbarmungslose Untätigkeit! Martha, ich
ertrag’s nicht!“
Und Martha nahm ihre Hände, sprach ihr gut zu, fühlte, wie vergeblich
Worte waren, und dachte doch immer: ‚wie lieb sie ihn nun hat ... wie
lieb sie ihn nun hat ...‘
Am Abend saß Omama an ihrem Traumfenster, sah auf den mondüberströmten
Rotherschen Garten hinaus und sprach sich mit ihrer zittrigen Stimme
ein Lied von Anno dreizehn vor, wie sie nun eins nach dem andern in
diesen Tagen in ihr aufstiegen: „... wie glühen dann die Herzen -- so
froh und stark und weich! Wer fällt, der kann’s verschmerzen -- Der hat
das Himmelreich!“
Plötzlich kniete Helene neben ihr, umklammerte ihre Knie, bat: „Hör
auf, Mutter, hör’ auf!“
Die Greisin schüttelte verwundert den Kopf. „Aber Kind ... es ist doch
ein sehr schönes, gutes Gedicht ... ‚Der hat das Himmelreich!‘“
„Ach, Mutter --“ und Helene warf den Kopf in Omamas Schoß. „Ich kann’s
nicht hören!“
Endlos die bangen Nächte.
Helene lag und rang die Hände: „Erbarme dich, lieber Gott, laß ihn
mir!“ Übersann, wieder und wieder, jede Stunde des Zusammenseins mit
ihm: wie gut, wie geduldig er immer gewesen, wie er nimmer ermüdend um
ihre Liebe geworben. Sie sah seine traurigen Augen, sah seine Augen im
Glück, fühlte seine Lippen auf ihrem Munde.
„Erbarme dich, lieber Gott, laß ihn mir!“
An jene Nacht vor der Hochzeit dachte sie zurück, an ihre Kämpfe, an
ihre Verzweiflung. Und nun stand das alles vor ihr, als ob sie schlecht
gewesen wäre. Undankbar gegen ihn und ungerecht! Gefallsüchtig heut --
kalt und herzlos morgen! Gespielt hatte sie mit ihm! Nicht Vertrauen
mit Vertrauen vergolten!
„Allmächtiger Gott, erbarm dich, laß ihn mir! Daß ich gut machen kann!“
-- -- --
Wieder kam der Tag.
Da stürmte plötzlich Hans herauf, jubelte, schwenkte einen Brief in der
Hand: „Tante Helene! Tante Helene!“
Das Herz wollte ihr stillstehen. Ein einziger Laut rang sich von ihren
Lippen.
Und sie riß den Brief an sich, barg ihn zwischen den Händen, küßte ihn
unter heißen Glückstränen.
Der große Junge stand daneben, wischte sich die Augen, wartete eine
lange Weile, wehrte sich gegen die eigene Rührung, ließ dann die Tränen
kullern, wie sie wollten, räusperte sich. Bis er endlich doch bat: „So
lies doch, Tante Helene.“
Da sah sie ihn an mit feuchten Augen, schlang den Arm um ihn, küßte ihn
zärtlich --
... und dann las sie.
Wie ein Kind fast, zusammengekauert, saß sie auf dem Sessel, hielt den
einen Briefbogen zwischen den Händen, die noch immer bebten, hatte den
zweiten auf dem Schoß. Las mit fliegender Hast und überlas dann jede
Seite gleich noch einmal. Das Blut kam und ging in dem schönen Gesicht.
Einmal gleich im Anfang sagte sie, hochaufatmend, aber ohne aufzusehen,
sehr eilig: „Gesund, Hans --“ Las wieder ein paar der eng mit Bleistift
beschriebenen Seiten weiter, blätterte zurück: „Am 3. abends -- Herr
Gott, wie langsam der Brief ging!“ Sah auf einen kurzen Moment auf,
nickte Hans mit glückstrahlenden Augen zu, nahm den zweiten Bogen auf.
„Das muß ich dir aber doch vorlesen, Hans --“
„... wir wollten -- so gegen vier Uhr -- die jenseits Leipa eroberte
Batterie verlassen, da kam der König mit seiner Suite angeritten,
Bismarck und Moltke waren auch dabei. Alles brach in lauten Jubel aus,
unsere Schützen waren gar nicht mehr zu halten. Wir stürzten auf den
König los, wer zunächst war, faßte seine Hand und küßte sie. Stell
Dir das vor, ~ma chérie~, noch mitten im Kanonendonner, unter
Hurrarufen, das gar nicht enden wollte. Seine Majestät sahen sehr ernst
aus, aber so mild, so gütig. Und denk’ Dir, plötzlich erkannte er mich.
Er winkte mir zu und grüßte: „~Bonjour~, Merivaux.“ Da hab ich in
den Kanonendonner hinein, recht aus voller Brust, gejubelt: „~Vive
le roi! Vive le roi!~“ Wie ich’s als Kind von meinem Vater gelernt
hatte. Da lächelte der König ...“
Weiter las sie, blätterte zurück, las wieder.
Las dann noch einmal halblaut: „Jetzt liegen wir im ~bivouac~. Ich
schreib dies schon in der Dämmerung. Gerade klang die Retraite über
das Schlachtfeld und der Choral ‚Nun danket alle Gott‘. Wir alle haben
mitgesungen.“
Und dann verstummte sie. Das brauchte der Junge doch nicht zu hören,
all die Zärtlichkeit, die Liebesworte der letzten Zeilen, all die
Sehnsucht, die ihr entgegenklang -- -- --
Aber sie sprang auf, lief durch die ganze Wohnung. Nun sollten es alle
wissen. Von einem lief sie zum andern, küßte Omama, umhalste Martha.
Immer wie ein jubelndes Kind und immer mit Glückstränen in den Wimpern.
Am Nachmittag ließ sich Frau Harriers-Wippern melden.
Mit ausgebreiteten Armen kam sie auf Helene zu: „Ich brauch’ ja nicht
zu fragen! Das Glück steht Ihnen auf dem Gesicht geschrieben, Frau von
Merivaux. Aber gratulieren will ich -- recht von Herzen! Sie haben
sicher die besten Nachrichten.“ Und sie küßte Helene auf beide Wangen.
Dann wurde sie rot: „Übrigens muß ich gestehen, ich komme eigentlich
nicht nur, um zu gratulieren. Ich komme mit einer Bitte ... Was Sie
immer für sonderbare Augen machen können, Frau von Merivaux! Ganz
andere Augen als andere Menschen. Ja, also, um mit der Tür ins Haus zu
fallen: Sie sollen mit mir in einem Konzert singen.“
Helene erschrak. Aber Frau Harriers ließ sie gar nicht zu Worte kommen:
„In einem Konzert zum Besten unserer Tapfern, unserer Verwundeten! Da
können Sie doch gar nicht nein sagen! ... Aber da stehen in Ihren Augen
schon wieder alle möglichen Fragen -- immer kann man’s in Ihren Augen
lesen, was Sie denken. Warum ich gerade zu Ihnen komme? Erstens weil
ich so ziemlich die einzige Sängerin von einigem Renommee bin, die
in Berlin geblieben ist, die sogenannten ersten Kräfte also mangeln.
Hauptsächlich aber -- werden Sie nur ganz nach Belieben rot! -- weil
ich Sie wenigstens einmal herausbringen möchte. Also aus reiner elender
Lehrerinneneitelkeit.“ Sie lachte fröhlich. „Nun?“
„Es ist ... es kommt so plötzlich ...“
„Das Gute kommt meist plötzlich. Übrigens hab ich alles vorbedacht.
Wir haben acht Tage Zeit. Ihre Hand, liebe Helene, was zögern Sie?
Nicht wahr, Sie wollen?“