Es war ein böser Abend, der Abend des 28. Juni. Wilhelm ging noch
einmal in die Stadt, um Nachrichten einzuholen. Aber niemand wußte
etwas Bestimmtes. Nur unklare Gerüchte schwirrten. Vergeblich umlagerte
die Masse die Zeitungsredaktionen. Im Kriegsministerium zuckte man
die Achseln. Ein höherer Offizier, den Wilhelm traf, lachte ihn aus:
„Unsinn! Wir haben die besten Nachrichten. Der Kronprinz hat die
böhmischen Pässe schon überschritten.“ Ein anderer sprach von einem
unentschiedenen Gefecht gegen die hannöversche Armee, die sich nach
dem Süden durchschlagen wollte.
Als er endlich heimkam, war Helene ruhiger geworden. Aber ihre Augen
schienen von seinen Lippen ablesen zu wollen, was er für Nachricht
brächte. Er hatte sich nun schon selber bezwungen, ärgerte sich über
sein hitziges Temperament, das ihn immer alles pechschwarz oder
rosenrot sehen ließ, versuchte zu scherzen. Aber da bat sie, mit
erhobenen Händen: „Bitte -- bitte -- nein!“
* *
*
Am nächsten Vormittag lachte die Siegessonne über Berlin. Die Glocken
läuteten. Die Jungens kamen glückstrahlend heim: die Schule war
geschlossen worden auf die Siegeskunde von allen Seiten: von Nachod
und Soor und Alt-Rognitz und Königinhof. Genug des Triumphes, um die
übertriebenen Gerüchte von gestern, die die Schläge von Trautenau und
Langensalza zu schweren Niederlagen gestempelt, vergessen zu machen.
Die Siegessonne lachte über Berlin.
Helene stand am Fenster und sah, wie auf allen Häusern die
schwarzweißen Fahnen aufstiegen. Drüben am Rotherschen Stift vor
der Anschlagsäule drängte sich das Volk um die Depeschen. An der
Brücke stand ein langer Tisch, ein paar Bürger dahinter, mit großen
schwarzweißen Kokarden an den Zylinderhüten und Sammelbüchsen in den
Händen: „Für unsere tapferen Krieger.“
Die Siegessonne leuchtete über Berlin. Wie Jauchzen und Jubeln klang es
von fern her. Und dann und wann, wenn wieder ein Packen Extrablätter
unter die Masse vor der Litfaßsäule flog, brach dort ein brausendes
Hurrarufen aus.
Die Siegessonne lachte über ganz Preußen. Auch über die
Hunderttausende, die sich um Vater, Mann oder Kind härmten.
An Vater dachte Helene, an den alten Rittmeister, und was der ihr wohl
gesagt hätte: ‚... das heißt, mein Lenchen, in solchen Stunden kann
die Frau erst zeigen, was sie wert ist. Fünf Brüder gingen wir Anno
dreizehn ins Feld, zwei kamen wir nur zurück. Aber meine Mutter hat
nicht gejammert und geflennt. Wenn sie von den Brüdern sprach, hat sie
immer nur gesagt: Sie starben für König und Vaterland den Heldentod.‘
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Unruhige Zeiten! Glückliche Zeiten!
Wieder klangen die Glocken. Die hannöversche Armee war zur Kapitulation
gezwungen, und während der König auf den Kriegsschauplatz eilte, brach
Prinz Friedrich Karl den heldenmütigen Widerstand der Österreicher und
Sachsen bei Gitschin.
Wieder jubelte Berlin. Und wieder harrten und härmten sich
Hunderttausende um Väter, Gatten, Brüder, Söhne.
Eine kurze Zeile nur hatte Helene erhalten, mit Bleistift beim
Biwakfeuer geschrieben: „Bin gesund und denke Dein in Liebe und
Sehnsucht. Gaston.“ In unaussprechlichem Dankgefühl schlossen sich ihre
Hände um das kleine Blatt. -- -- --
„Der Gouverneur soll Viktoria schießen.“
Die Schlacht bei Königgrätz war geschlagen. Das tapfere österreichische
Heer im vollen Rückzug.
Und fast zugleich trafen die ersten Verlustlisten ein. Vereinzelte
Zeitungsnachrichten zuerst, vereinzelte Anzeigen der Regimenter,
und dann, dann die große Liste, Truppenteil an Truppenteil, Name an
Name gereiht. Lang, endlos lang war sie und trug die Trauer über das
jubelnde Land.
Auf den Bahnhöfen kamen die ersten Verwundeten an. In die hellen
Sommerkleider auf den Straßen mischte sich das Schwarz. Neben die
siegesfrohen Gesichter traten die tränendurchfurchten.
Wieder wie achtzehnhundertvierundsechzig ging Martha an den
Leinenschrank, saß und zupfte Scharpie, Fädchen auf Fädchen. Und
Helene saß dabei, die Linnenstreifen in der untätigen Hand, zwang
sich, geduldig zu scheinen und ruhig, und bebte doch in harrender
Erregung. Dann brachten die Jungens Zeitungsblätter, und sie durchflog
Spalte um Spalte mit fiebrigen Augen. Wilhelm kam von vergeblichen
Erkundigungsgängen heim, war selber beunruhigt; auch um Fritz, der
bei den Fünfunddreißigern mitgekämpft hatte. Schlecht und ungeschickt
verbarg er die eigene Sorge.
Es konnte ja nur ein gutes Anzeichen sein, daß keine Nachricht da war.
Ja, doch! Ja, doch! Es konnte --
Man muß Geduld haben. Es geht Zehntausenden nicht anders als uns. Ja,
doch! Ja, doch! Aber sie härmen sich auch wie wir --
„Du mußt bedenken, liebe Helene, wie schlecht die Verbindungen in
solchen Tagen sind.“ -- „Ja, doch -- ja, doch --“