Der Sturmesrausch, den sie einst erträumt, der freilich war nicht
gekommen. Nicht das Gefühl höchster Seligkeit, nicht die Wonne und Glut
der Leidenschaft. Aber eine sanfte dankbare Zärtlichkeit füllte ihr
Herz.
Hans und Thede hatten eine große Karte des Kriegsschauplatzes
mitgebracht. Da verfolgten sie zu dritt nach den Zeitungsnachrichten
und auch nach Gastons Briefen die Stellung der Truppen, so gut es eben
ging, und nicht zuletzt suchten die Jungens nach jedem Quartier der
Gardeschützen.
Sein letzter Brief kam aus Haindorf, dicht an der böhmischen Grenze:
„Heut ritt der Kronprinz an uns vorüber. Die Schützen jubelten ihm
zu. Übermorgen geht’s, hoffen wir, nach Österreich hinein. Sorge
Dich nicht, meine geliebte Frau. Gott wird mich schützen. ~Vive le
roi!~“
Mit der Morgenpost war der Brief gekommen. Gegen Mittag stürzte
Wilhelm die Treppe hinauf. Er hatte die Wache aufziehen lassen, war in
Paradeuniform. Kaum im Zimmer, riß er die Schärpe herunter: „Martha,
wir haben eine große Schlacht verloren!“ Die hellen Tränen liefen ihm
über die Wangen. „Man weiß noch nichts Näheres. Aber es ist Tatsache.
Eine große Schlacht! Die arme Armee! Der arme König!“
Er war in völliger Verzweiflung, aufgelöst, fast besinnungslos. Rannte
im Zimmer auf und ab. „Eine große Schlacht verloren! Wie wird das nun
werden! Wenn das Vater erlebt hätte.“ Vergeblich suchte Martha ihn zu
beruhigen. „Gut, daß die Jungens noch nicht größer sind. Daß sie noch
nicht ganz verstehen können, was wir verspielt haben.“
Auf Helene achteten sie nicht.
Sie stand an der Wand, mußte sich fest anlehnen, hatte die Hände vor
die Brust gepreßt, und alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen.
Sie dachte nicht an die verlorene Schlacht, sie hörte nicht mehr, was
der Bruder in seiner maßlosen Erregung sagte. Nur an Gaston dachte sie.
Und plötzlich kam aus Angst und Sorge die Sehnsucht über sie.
Sie sah ihn vor sich in Not und Gefahr. Sie meinte ihn stürzen zu
sehen, von Blut überströmt -- die Feinde brachen über ihn herein, er
lag unter Rossehufen --