Und nun gab es keine Flucht mehr und kein Entrinnen --

... als den Tod ...

Ihr Tod -- was hätte er ihm genützt! Ihr Tod hätte ihm den größten

Schmerz des Lebens zugefügt, und nie würde er ihn überwinden können.

Aufrecht saß Helene, mit pochenden Pulsen, die Augen starr auf das

Fenster gerichtet. Langsam aus der Dämmerung erhob sich der Tag. Ihr

Hochzeitstag.

Der Tod! Nein -- dagegen schrie doch auch ihre blühende Jugend, ihr

gesundes Blut empörte sich. Wenn du eine Schuld auf dich geladen hast,

so trage sie bis zum Ende!

Und sie sah ihn wieder im Geiste vor sich, wie sie ihn morgen sehen

würde. Mit den glücklichen Augen, aus denen die Liebe lachte. Sie hörte

seine Stimme, die so männlich und so zärtlich klang: ‚Meine Helene!

Meine Helene!‘

Es war eine Fügung. Alles ist Fügung, muß als Fügung genommen werden.

Das Herz wurde ruhiger. Eine stille Ergebung kam über sie. Leise sprach

sie vor sich hin: ‚Ich hab ihn gern ... ich möchte ihn recht liebhaben.

Ich will immer gut zu ihm sein. Immer gut und dankbar für seine große

Liebe ...‘

Sie sah geradeaus zum Fenster, hinter dem es nun hell geworden war. Ein

einzelner Sonnenstrahl kam. Schmal nur, aber goldig leuchtend glitt er

ins Zimmer, bis zu ihr hin, wie der erste Gruß des jungen Tages. Ihres

Hochzeitstages.

Nur ein kleiner Kreis war bei der Feier zugegen. Gastons Vater war

durch die Sperrung der süddeutschen Bahnen am Kommen verhindert. Er

war nur bis Basel gelangt und konnte nur von dort aus telegraphisch

seine Glück- und Segenswünsche senden. Aber daß ein anderer sich unter

den wenigen Gästen befand, rührte Helene tief. Der alte Heckstein war

von Frankfurt aus mit der Extrapost gekommen. Sie sah ihn erst, als

sie am Arm ihres Mannes aus der Kirche schritt. Unter Tränen lächelte

er ihr zu: „Leneken, ich mußte dir doch für unser ganzes Rohlbeck die

Glückwünsche bringen. Gottes Segen sei mit dir und mit deinem Mann.“

Eine stille blasse Braut war sie. Doch laut und fest hatte ihr Ja durch

das Gotteshaus geklungen.

Als sie aus der Kirche traten, sah Gaston sie glücklich an: „Meine

Helene! Wie danke ich dir.“

Und als der kleine Kreis dann bei dem einfachen Festmahl saß, das

Martha gerüstet hatte, sagte Tante Oschitz leise zu Wilhelm: „Daß

Helene schön ist, hab ich immer gewußt. Daß sie so schön aussehen

könnte wie heut mit dem Myrtenkranz -- das hätt’ ich doch nicht

geglaubt. Wenn mein armer lieber Harro sie so gesehen hätte.“

Ruhig und rührend sanft erschien Helene.

Nur als Gaston ihr ein leises Zeichen gab, zuckte sie ein wenig

zusammen. Aber sie erhob sich sofort.

Gaston hatte das mit Wilhelms besprochen: „Ich muß heut abend in das

Kantonnement zurück. Laßt sie mir ein paar kurze Stunden und macht kein

Aufhebens, wenn wir aufbrechen.“

So nahmen sich alle zusammen. Selbst die Jungens. Die lauschten

freilich gerade auf den lebhaften Disput, der sich zwischen Tante

Marianne und dem Onkel Pastor angeknüpft hatte über die Gottlosigkeit

des Krieges. Onkel Pastor war doch ein streitbarer Mann.

Martha ging mit dem jungen Paar hinaus, half Helene beim Umkleiden.

Und dann kam Omama noch auf einen Augenblick auf den Flur, küßte die

Tochter, tätschelte mit ihrer welken Hand Gastons Wange: „Seid gut

miteinander ... und kommt recht gesund von der Hochzeitsreise zurück,

ihr Kinder.“ Sie hatte längst vergessen, daß Merivaux in den Krieg

ging, hatte es wohl nie recht begriffen. --

Es war spät am Abend, als Helene heimkam.

Bis vor die Tür hatte sie Gaston gebracht. Im Hausflur umarmte er sie

noch einmal, küßte sie leidenschaftlich. „Meine geliebte Frau!“ Ein

paar Augenblicke ruhte sie weinend an seiner Brust. „Gott schütze dich,

Gaston!“

Dann riß er sich los.

Langsam stieg sie die Treppe hinauf; schloß die Tür auf.

Martha, die an alles dachte, alles überlegte, hatte auch das so

gewollt: es sollte niemand auf die junge Frau warten. Sie hatte es

auch eingerichtet, daß Helene nun ihr Zimmer für sich bewohnte.

Auf dem Flur brannte die Lampe. Sie nahm sie, ging in ihr Zimmer,

stellte sie beiseite.

Da lag noch ihr Brautkleid und all der bräutliche Schmuck.

Lange stand sie davor, in tiefem Sinnen, mit gefalteten Händen. Es war

ihr alles wie ein Traum.

Sie nahm den Myrtenkranz, ließ ihn langsam, zärtlich durch die Finger

gleiten. Leise sprach sie ihren Hochzeitsspruch vor sich hin: „... und

hättet der Liebe nicht.“ -- „Gott schütze dich, Gaston.“

Unruhige Zeiten! Unruhige Herzen!

Der Conte war in Berlin, Graf Grucker. Kam auch zu Wilhelms oder

eigentlich zu der jungen Frau, die immer sein Liebling gewesen war. In

Johanniteruniform, gestiefelt und gespornt, feldzugsgemäß, aber mit

einem Riesenstrauß in der Rechten und einer massigen silbernen Bowle

unter dem linken Arm. „Meine Hochachtung, Leneken. Da, nimm mal erst.

Und nu’n Schmatz. Hast du brav gemacht. Na, wer war nur der Prophete?

Wer hat dir gesagt: Leneken, der Neuchateller! Besinn dich man:

zwischen der Schnapstheke und Madame Hufnagel. Da ... die Blumen vor’s

Herz un den Kübel für’n Hausstand. Der Artenau, der Stickereimajor, die

Dusche, kann euch die Rezepte dazu geben.“

Schwer ließ er sich in den nächsten Stuhl fallen. „Sind das Zeiten!

Was, Wilhelm? Da ist der Manteuffel in Holstein eingerückt, und der

Gablentz hat mit seinen Österreichern das Feld geräumt. Na, schön ...

aber weißt du’s Neueste? Österreich hat gestern die Bundesexekution

gegen Preußen beantragt. Scheußliche Geschichte! Wenn man so denkt, der

janze deutsche Bund gegen Preußen! Bruderkrieg! Bruderkrieg!“

Weit streckte er die Riesenstiefel von sich: „Und, Wilhelm, unsre

Alliance mit den italienischen Revolutionären von Mazzinis Gnaden ...

brrr ... ’s geht einem doch höllisch ~contre cœur~. Da hat man nu

fünfzig Jahre und so die Fahne hochgehalten gegen den Umsturz ... ja

... und nu soll man sich mit ’n Male umkrempeln. Immer hat man’s mit

Österreich gehalten, auch wenn se uns mal schlecht behandelt haben --

das haben se manchmal -- und nu heißt’s: linksum kehrt! Wenn das der

alte Rittmeister erlebt hätte!“

Mit einem Male stand er wieder auf den Beinen, straff, zog den

Uniformrock herunter. „Der König hat’s befohlen. Wird wohl nicht anders

gegangen sein. Und gut ist’s schon, daß die Schwadronneure ’mal ’s Maul

halten müssen. Ich sage euch, draußen in der Mark gilt wieder der alte

Preußenruf: Mit Gott, für König und Vaterland! Na, Leneken, Mädel ...

pardon! ... junge Frau, was machst du denn für’n ernstes Gesicht?“

„Ach -- Onkel Grucker --“

„Paperlapapp! Warst doch immer ’n tapferes Frauenzimmerchen. Jede

Kugel, die trifft ja nicht. Un was so’n richtiges märkisches Mädel ist,

das beißt die Zähne zusammen, wenn der Herzallerliebste in’n Krieg muß.

Pflicht -- einfach Pflicht! Ich muß ja auch auf’n Kriegsschauplatz. Na

wart ’mal, wenn ich deinem Mann begegne, werd’ ich ’n grüßen. Weißt

du, was ich ’m sage: ~Monsieur de Merivaux.~ Sie sein ein janz

verfluchtigter Schwerenöter. Aber Sie haben einen janz exzellenten

Geschmack! Hol mich dieser und jener -- meine Hochachtung!“ -- --

Unruhige Zeiten! Unruhige Herzen!

‚Was geht mich die Politik an? Was geht mich die Zeitung an?‘ hatte

Helene sonst gedacht. Nun harrte und wartete sie, mit den Jungens,

die ganz rabiat geworden waren, um die Wette auf die alte verhuzelte

Zeitungsfrau, kämpfte mit Hans und Thede jedesmal einen kleinen Kampf

um das erste Blatt.

Die Preußen in Hannover. Die Preußen in Dresden. Der alte deutsche

Bund nach Preußens Erklärung aufgelöst. Und dann der herrliche Aufruf

des Königs „An mein Volk“ -- ganz wie Vater so oft von Anno dreizehn

erzählt hatte -- mit den verheißungsvollen Schlußworten: „Verleiht

uns Gott den Sieg, dann werden wir auch stark genug sein, das lose

Band, welches die deutschen Lande mehr dem Namen als der Tat nach

zusammenhielt, in anderer Gestalt fester und heilvoller zu erneuern!“

Spärlich kamen die Nachrichten von Gaston. Er hatte es vorausgesagt:

„Ich werde so oft schreiben, wie ich kann. Aber sorge dich nicht, wenn

einmal die Briefe ausbleiben.“

Spärlich kamen die Briefe, und sie waren kurz. Aber immer wieder stand

es in ihnen: „Meine geliebte Frau!“

Als sie das zum ersten Male las, war ihr das Blut jäh in die Wangen

gestiegen. Und jedesmal, wenn wieder ein Brief kam, flüchtete sie in

irgendeine stille Ecke der Wohnung, daß niemand sie beobachten konnte.

Und jedesmal sann und sann sie, lange, über dem Brief -- und über sich

selber.

Zum Altar war sie geschritten mit mühsam errungener Selbstbeherrschung;

aufrecht gehalten durch den Gedanken an seine große, geduldige,

nachsichtige Liebe, und doch mit quälendem Vorwurf im Herzen.

Auf märkischer Erde · 第 53 / 62 题