Da sagte er schnell: „Und bald kommt der Sommer, und dann -- dann
reisen wir beide nach meiner Heimat.“
Nebeneinander standen sie am Teich. Lustig huschten die goldschuppigen
Fische, die grünen Wipfel spiegelten sich im Wasser. Weit und breit war
kein Mensch außer ihnen.
Immer noch sah er ihr in das liebe schöne Gesicht, in dem langsam ein
feines Rot emporstieg. Seine Hand hatte er um ihren Gürtel gelegt. „Ich
freue mich ja so darauf, dir meine Heimat zu zeigen, unseren herrlichen
See, unsere Berge. Anfang August, denk ich, reisen wir -- gleich nach
unserer Hochzeit.“
Ein leichtes Beben ging durch ihre Glieder. Aber sie nickte wieder.
„Es ist dir recht so?“
„Ja, Gaston.“
Dann gingen sie langsam weiter und um das Wasser herum. Mit dem
leichten Plaudern war’s freilich vorbei. Er hatte ihre Hand wieder in
seinen Arm gezogen, sprach von seinem alten Vater, sprach dann davon,
daß er nun eine Wohnung mieten wollte. „Ich hab immer noch gezögert,
denn man hat mir angedeutet, daß ich Adjutant bei der Inspektion
werden soll. Dann brauchten wir nicht so weit hinaus zu ziehen, in die
häßlichste Gegend Berlins. Ich möchte dich so gern in ein recht, recht
hübsches Heim führen, Helene.“
Plötzlich blieb sie wieder stehen, sah zu Boden, sah dann auf: „Du bist
ein rechter Wagehals?“
„Wieso denn?“
„Daß du es mit mir wirklich versuchen willst. So unliebenswürdig wie
ich bin, so apathisch oft ...“
Er lachte. „Ach geh doch! Was sind denn das für Dummheiten. Laß nur den
Sommer kommen. Laß uns nur erst auf meiner lieben kleinen Terrasse am
See sitzen, wir beide ganz allein. Oder im Boot auf der blauen Flut.
Oder in die Berge fahren, höher, immer höher! Wenn ich dich nur erst
ganz für mich habe! Ich will dir schon die Falte da aus der Stirn
küssen -- die da!“
Und mit einem Male hatte er sie umfaßt, die Hutkrempe weit
zurückgebogen und küßte sie wirklich gerade zwischen die Brauen. Ganz
wenig nur wehrte sie sich, gar nicht fast. Da küßte er sie auch auf
die Lippen, und heut hielt sie still. „Der Frühling --“, sagte er und
lachte ihr in die Augen.
Wieder gingen sie weiter, den schmalen Fußweg zur Rousseauinsel.
„Also Anfang August!“ meinte er froh. „Dann müssen wir in den ersten
Septembertagen zurück sein. Das Manöver schenkt der König von Preußen
auch den glücklichsten Leuten nicht. Alles freilich nur, wenn es nicht
Krieg gibt.“
„Krieg ... was ihr alle immer von Krieg redet. Wilhelm hat auch weiter
nichts im Sinn.“
„Bedenklich genug sieht’s aus, Helene. Gestern hieß es bei uns schon,
die Reserven sollten eingezogen werden. Nachher war’s nur ein Gerücht.“
„Krieg mit Österreich --“
„Vielleicht nicht nur das. In der „Kreuzzeitung“ stand, daß Sachsen und
Hannover auch schon rüsten.“
„Sind wir Preußen denn so böse, daß man uns durchaus an den Kragen
will?“
„Du Kind! Aber ich bin nicht viel besser als du, höchstens daß ich
weiß: die Preußinnen können reizend sein! Ist mir auch wichtiger als
die ganze Politik. Und nun laß gut sein. Ich bin so froh heut, so froh
-- --“
Als Helene daheim die Treppe hinaufstieg, tönte es in ihr, wie ferner,
ferner Glockenklang: Du hast heut einen lieben Menschen sehr, sehr
glücklich gemacht! Und sie war froh darüber.
Sie war so froh, daß sie oben Martha umarmte, dann zur alten Mutter
lief, die am geöffneten Fenster in den Frühling hinausträumte, sie
leise umfaßte: „Ich muß es dir doch sagen, Mama, Anfang August ist
unsere Hochzeit.“
Omama sah auf, schüttelte verwundert den Kopf, nickte dann: „So ...
so! Ja! Ja! Anfang August. Wir haben auch im August geheiratet. Ja
... warte einmal, Lenchen ... und Grucker auch. Damals ... also den
lieben Gaston ... ich weiß ja ... ich weiß alles. Aber so blaß darfst
du zur Hochzeit nicht aussehen, Lenchen ... und wir trugen damals
den Brautschleier hinten fest in die Coiffüre gesteckt und ~par
devant~ ein ganz schmales Myrtenkränzchen ...“ Sie kicherte leise
und sang mit ihrer matten Stimme vor sich hin: „Wir winden dir den
Jungfernkranz -- mit veilchenblauer Seide! Ja, ja, mein Lenchen ... wir
winden dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide ...“
Da kamen die Jungens hereingestürmt, erregt, mit roten Gesichtern. Sie
schrien durcheinander, wollten sich nicht zu Worte kommen lassen. „Wißt
ihr’s schon? Wie wir aus der Schule kamen, wurden die Extrablätter
ausgerufen. Auf Bismarck ist geschossen worden! Unter den Linden. Er
soll tot sein. Nein, schwer verwundet. Den Mörder haben sie gleich
aufgeknüpft. Nein, Bismarck hat ihm selber noch die Pistole aus der
Hand geschlagen --“
Es ging wirr durcheinander. Und dann war plötzlich Wilhelm da, auch
er mit rotem Kopf. Er wußte alles ganz genau, hatte gerade bei Hiller
gefrühstückt, nicht weit vom Schauplatz des Attentats. Nein, gottlob,
Bismarck war nicht einmal verwundet, trotzdem der Mörder -- Blind
sollte er heißen und ein fanatischer Demokrat sein -- aus nächster
Nähe fünf Schüsse auf ihn abgefeuert hatte. Auf dem Wege zum König war
Bismarck gewesen, zum Vortrag bei Seiner Majestät.
Wilhelm lief kreuz und quer durch die Stube, fast wie Vater es getan
hatte, wenn er sehr erregt war. „Was für Zeiten, Martha, was für
Zeiten! Heut morgen erst die Nachrichten aus Österreich und Italien.
Überall Rüstungen, Mobilmachung. Dann die Börse -- reine Kriegspanik.
Was für Zeiten! Man mag es gar nicht ausdenken: wir dicht vor einem
Kriege mit Österreich. Stellt euch das nur vor: mit Österreich, unserem
Bundesgenossen seit achtzehnhundertdreizehn! Womöglich noch Krieg mit
Sachsen, Hannover, Bayern, mit all den anderen deutschen Staaten!
Wir allein! Dabei den Hader im Innern. Die Demokraten auf Bismarck
spinnefeind -- weg mit Bismarck, heißt’s hier, diesem Ministerium
keinen Groschen! heißt’s da. Und unsere guten Konservativen -- nun,
weiß Gott, zum Verwundern ist’s nicht, daß sie den Bruch mit der
österreichischen Freundschaft bitter beklagen. Wenn wir wirklich Krieg
bekommen, ist’s ein schrecklicher Bruderkrieg. Wenn das Vater erlebt
hätte! Unser armes Preußen!“
Nun stand er in der Mitte des Zimmers: „Jungens, glotzt mich nicht so
dumm an. Wenn ihr älter seid, werdet ihr’s begreifen, was das heißt,
Deutsche gegen Deutsche! Das Herz könnte sich einem im Leibe umdrehen.
Und dabei geht’s um die Existenz, einfach um Sein oder Nichtsein.
Wenn wir geschlagen werden -- und wer kann im voraus wissen, wie die
Würfel fallen -- wenn wir geschlagen werden, hat Preußen aufgehört,
eine Großmacht zu sein. Sie wollen uns ja längst den Großmachtkitzel
austreiben. Lieber Gott, wie mag unserem König zumute sein vor der
Entscheidung!“
Helene war noch immer bei der Mutter am geöffneten Fenster, durch das
die milde Frühlingsluft hereinströmte.
Sie verstand das alles nur halb, was der Bruder in seiner Erregung
heraussprudelte. Verstand es so wenig, wie sie früher Vaters politische
Erörterungen verstanden hatte. Nur das eine verstand sie: Krieg --
Deutsche gegen Deutsche! Und sie schauerte leise zusammen. Krieg -- da
zog dann auch Gaston hinaus --
„Aber Wilhelm, du sprichst ja, als ob das schon so gewiß wäre -- das
mit dem Krieg“, sagte Martha zag dazwischen.
„Sicher? Wer weiß das. Man hofft ja immer noch auf Frieden. Hofft?
Heut war der Prinz Hohenlohe bei Hiller. Der hat Verwandte in der
österreichischen Armee -- die brennen alle auf unsere Demütigung.
Freunde haben wir nirgendwo. Was heißt da hoffen? Zu Kreuze kriechen
wir Preußen nicht. Wenn’s nicht anders sein kann, muß eben das Schwert
entscheiden!“
Mit einem Male hob Omama wieder an: „Ja ... ja. Das Schwert ...“ Und
sie sang leise vor sich hin: „Nun laßt das Liebchen singen -- daß
helle Funken springen -- Der Hochzeitsmorgen graut --“
Da fielen die Jungens ein, wie auf Kommando: „Der Hochzeitsmorgen graut
-- Hurra, du Eisenbraut!“
Wenn in den nächsten Tagen Wilhelm nach Haus kam, war’s jedesmal mit
umwölkter Stirn. Immer wieder stöhnte er: „Die Zeiten! Die Zeiten!“
Immer neue Nachrichten brachte er mit: Der König hatte nach langem
Zögern die Mobilmachung von vier Armeekorps befohlen; Napoleon mischte
sich in den Streit ein, bot seine Vermittlung an -- natürlich um im
Trüben zu fischen. Dann wußte er von Friedenspetitionen zu erzählen,
die aus einzelnen Provinzen an Seine Majestät abgegangen wären, von
schmachvollen Äußerungen einzelner demokratischer Führer: ‚Lieber
die Kroaten in Berlin, als Bismarck noch länger am Staatsruder!‘
Dann wieder von patriotischen Regungen, wie wacker sich die zunächst
bedrohten Schlesier hielten: ‚Wir wollen keinen schlechten Frieden!‘
hieß es gerade in ihrer Adresse. Aber immer waren seine letzten Worte:
„Schlechte Zeiten! Schlechte Zeiten!“
Merivaux konnte nicht so viel kommen wie bisher. Der Dienst nahm ihn
stark in Anspruch. Aber jedesmal, wenn er kam, war’s, als ob ein paar
Sonnenstrahlen ins Haus glitten. Die Jungens, in denen eine gewaltige
romantische Kriegslust erwacht war, jubelten ihm entgegen, Omama
wachte, sobald er ins Zimmer trat, aus ihrem Traumleben auf, mit Martha
und Wilhelm tauschte er Neuigkeiten. Und immer war er selber froh,
heiter, zuversichtlich. Es lag etwas eigen Beruhigendes in seiner
männlichen Frische, das auch auf Helene wirkte. Solange er bei ihr war,
blieb sie ruhig. Sobald er gegangen, klang immer wieder in ihr auf: der
Krieg -- der Krieg! Einst hatte sie nur an Harros Tod gedacht, wenn
vom Kriege die Rede war: nun bebte sie in Sorge um den lieben Freund,
dessen Ring sie am Finger trug.
„Unruhige Zeiten! Schlechte Zeiten!“ Heut der Schimmer einer
Friedenshoffnung. Morgen die sichere Erwartung: der Krieg ist
unvermeidlich. Auf den Straßen die eingezogenen Rekruten und
Landwehrleute in langen Zügen. An jedem Morgen endlose Kolonnen,
die mit schmetternder Musik die Bellealliancestraße hinaufzogen zum
Kreuzberg. Dann regelmäßig der König, der hinausfuhr, seine Garden noch
einmal zu besichtigen.
Es war doch merkwürdig, es fiel auch Helene auf, wenn sie vom
Eckfenster aus den schlichten Wagen des greisen Kriegsherrn schon
von weitem sah: von Tag zu Tag fast steigerte sich der Jubel, der
ihn umrauschte. Manchmal ging ihr durch den Sinn, wie sie ihn zuerst
gesehen hatte, am Brandenburger Tor, vor nun drei Jahren, daß ihn
damals nur wenige grüßten. Und heut standen die Bürgersteige voll
wartender Menschen, vom Belleallianceplatz her hob es an und pflanzte
sich fort, das dröhnende Hurra! Es war, als ob die Preußenherzen
erwachten. Wenn das Vater erlebt hätte!
Dann war eines Tages Fritz da, der rote Kreisrichter. Ganz plötzlich
und unerwartet, in aller Morgenfrühe, als unten gerade die Alexandriner
mit klingendem Spiel vorüberzogen.
„Wilhelm, ich trag’s nicht länger. Ich habe aus lauterer Überzeugung
gehandelt. Ich kann auch jetzt noch nicht mit Bismarck gehen, ich
verurteile seine Stellung gegen den Augustenburger. Aber ich fühl’s,
daß nun der innere Zwist schweigen muß. Wenn Preußen in Gefahr ist,
müssen wir alle einig sein. Daß du’s nur weißt: ich bin gestern auf dem
Generalkommando gewesen und hab mich zum Diensteintritt gemeldet.“
Wenn das Vater erlebt hätte! Wenn das Vater erlebt hätte!
Unruhige Zeiten! Das Abgeordnetenhaus, das jede Kriegsanleihe
verweigert hätte, aufgelöst; Darlehnskassenscheine mußten ausgegeben
werden, um die nötigsten Millionen zu schaffen, und konnten oft nur
schwer untergebracht werden. Heut hieß es: die Österreicher rücken
unter Benedeck in Schlesien ein. Morgen verlautete, Preußen hätte mit
Italien einen Bündnisvertrag geschlossen, und in Venetien seien schon
die ersten Kanonenschüsse gefallen. Noch nie seit fünfzig Jahren war
der Kurs der preußischen Staatspapiere so tief gesunken wie in diesen
Tagen.
Nun hatte auch Wilhelm die Uniform wieder angezogen, führte eine
Ersatzkompagnie beim Franz-Regiment und war nicht wenig stolz
im Schmuck der Waffen, war wieder ganz Soldat. Jetzt sprach er
plötzlich nicht mehr von den „Schlechten Zeiten!“ Er sprach nur
noch von +seiner+ Kompagnie, von +seinen+ Offizieren, von
+seinem+ Feldwebel. Und wenn er in den Dienst ging, bürstete
Martha an ihm herum und sah ihm verliebt nach.
Eines Morgens hatte Helene eine kleine Besorgung am Belleallianceplatz
gemacht. Als sie zurückkam, stand auf der Halleschen Brücke ein
baumlanger Bauer, zog seine graue Kappe und greinte über das ganze
braune Gesicht.
„Metschke! Metschke, wie kommen Sie denn hierher?“
„Jo, gnä’ Frölen, mei Willem steht doch bei de Franzer. Un ik wollt
ihm doch noch mal sehn tun, e’ er ’n Krieg muß. Von wegen, deß ich ihm
sag: tu du deine Schuldigkeit, mein Sohn, daß werr keene Schande an der
ha’n. Na, gnä’ Frölen, er hätt’s jo och so getan, der Willem.“
„Das glaub ich, Metschke. Wollen Sie nicht mit heraufkommen? Da drüben
an der Ecke wohnen wir.“
„Nee, gnä’ Frölen, ich wart hier, bis der oll König ’rückkommt. ’s isch
man jutt, daß der oll klug König die Suldaten nich abgeschafft hätt.
Un denn muß ick widder zur Kaserne. Morjen rücken se aus, die Franzer.
Aberscht scheen Gruß soll ick vertellen vom Herrn Kantohr und von
Herrn Pastohr. Min Jott, sein dis Zeiten! Aberscht passen Se uff, gnä’
Frölen, wie wer se vertobacken wer’n, wir Preußen! Wenn dat der gnä’je
Herr Rittmeister erlebt hätt!“
Die blauen Märkeraugen glänzten, wie der Metschke das sagte.
Oben saß Gaston schon am Fenster und wartete.
Sie sah’s ihm gleich an, heut war auch er erregt.
„Helene, morgen rücken wir aus. Erschrick nicht: zunächst nur in
Kantonnements bei Kottbus.“
Alles Blut war aus ihren Wangen gewichen. „Morgen --“ sagte sie tonlos.
Aber er nahm ihre beiden Hände: „Ich habe mit dir zu sprechen. Eine
große, große Bitte hab ich.“ Sie sah ihn an, sah ihm in die Augen, und
wußte nur ein: ‚um was er auch bitten mag, ich werde nicht nein sagen‘.
„Immer wieder ist mir in diesen unruhigen Tagen durch die Seele
gegangen, wie du nun allein zurückbleibst. Ich denke nicht an den Tod.
Gott bewahr’ mich. Aber niemand kann wissen, was der Krieg bringt.
Helene, der Gedanke quält mich, daß ich nicht für dich sorgen kann --
auf alle Fälle. Ich würde keinen Moment Ruhe haben -- draußen. Und
dann ... ich habe Sehnsucht, dich mein zu wissen. Ich bitte dich: laß
übermorgen unseren Hochzeitstag sein.“
Sie bebte. Immer größer waren ihre Augen geworden. Das Herzblut
stockte, dann pulste es aufwärts, daß ihr die Sinne schwinden wollten.
Sie fühlte den Druck seiner Hände, und sie sah die fiebrige Erregung in
seinem Gesicht, die heiße, sehnsuchtsvolle Erwartung.