Martha und Merivaux saßen im Wohnzimmer sich gegenüber.
Es war Ende März, und draußen meldete sich der erste Frühling. Zag
noch, wie verschämt, aber ausnahmsweise kalendermäßig. Auch die
Truppen hatten bereits Frühling gemacht, zogen fleißig auf den
Kreuzberg, früher als sonst; es lag ja außer dem milden Frühlingswehen
auch allerlei Unruhe in der Luft. Österreich, hieß es, mobilisierte
insgeheim. Man erzählte wieder einmal von scharfen diplomatischen Noten
über die Regelung der Verhältnisse in Schleswig-Holstein, über die
Erbansprüche des Augustenburgers, denen Bismarck im Interesse Preußens
widerstrebte; man erzählte, wie hinter diesen Noten das Verlangen nach
einer neuen Ordnung des deutschen Bundes stehe.
Darüber sprachen auch Martha und Gaston.
Er war von einer Truppenübung gekommen, hatte am Halleschen Tor sein
Pferd dem Burschen übergeben und war heraufgesprungen, um Helene guten
Morgen zu sagen. Aber sie war ausgegangen. Martha meinte, sie müsse
bald heimkehren. Da bat er um ein Butterbrot.
Und so saßen sie sich gegenüber; er frühstückte und erzählte allerlei,
was die Zeitungen in den letzten Tagen gebracht und was er sonst
erfahren hatte. Er sprach sehr lebhaft und war sehr entrüstet über die
laue Stimmung in Berlin.
Martha hörte lächelnd zu, bis er plötzlich schwieg und, nun auch
lächelnd, meinte: „Ich glaube, beste aller Schwägerinnen, du lachst
ganz veritabel über deinen untertänigsten Diener.“
„Das nun gerade nicht, Gaston. Eigentlich freu ich mich nur über dich.
Aber, weißt du, merkwürdig kommt’s mir schon vor, wie du dich verändert
hast.“
„Ich? Wieso denn?“
„Ja, so leicht ist das nicht zu sagen. Einmal rein äußerlich. Wenn ich
so denke, wie du radebrechtest, fast radebrechtest, als ich dich kennen
lernte, und wie gut du jetzt unsre swere Sprak’ sprichst -- das ist
doch schon erstaunlich. Sogar über das H kommst du ganz glatt hinweg.“
„Das macht die Übung, Martha. Gerade des H! Denk’ doch nur, wenn man
alle Augenblicke Helene sagen möchte, wenn man sogar Helene laut denkt,
alle Tage, alle Stunden, alle Minuten --“
„Sei so gut und laß wenigstens die Sekunden aus. Obwohl ich dir das
auch zutrauen würde. Die Sprache ist doch nur ein Äußerliches. Du hast
dich aber in den letzten Jahren auch zum Preußen umgedacht.“
„Umgedacht -- das ist ein neues Wort, das ich mir merken werde. -- Ich
bin doch Offizier Seiner Majestät des Königs von Preußen.“
Sie schob ihm den Teller mit den Brötchen näher und schenkte ihm sein
Glas wieder voll.
„Das warst du früher auch. Aber du warst es, sozusagen, als
Neuchateller. Jetzt aber merke ich, daß du ganz Preuße geworden bist.
Fast möchte ich sagen: Märker. Wie du vorhin auf die Demokraten
geschimpft hast, mußte ich an meinen guten seligen Schwiegerpapa
denken. Viel besser konnte das der alte Rittmeister auch nicht.“
Martha hatte bisweilen im Gesicht einen Ausdruck von Schelmerei, der
ihr allerliebst stand. So auch jetzt. Gaston machte ihr eine kleine
Verbeugung: „Ich muß dich öfter zum Lächeln bringen,“ meinte er, „du
hast dann zwei Grübchen in der Wange, die ganz reizend sind. Pardon
für die Abschweifung. Ja ... du hast recht,“ fuhr er fort, „als ich
eintrat, war mir Preußen eigentlich völlig Nebensache. Aber es ist wohl
so: wenn man mit Leib und Seele Soldat ist, schließt man sich eben an
das große Ganze immer enger an. Und dies Preußen hat überhaupt eine
merkwürdige Assimilationskraft. Eure Mark noch besonders. Erst hab ich
riesengroße Sehnsucht nach meinen Bergen gehabt und euren Sand fast
gehaßt. Nun lieb ich ihn.“
„Es blüht freilich ein gewisses schönes Röslein auf diesem Sande -- ein
schönes Röslein, wenn es auch Dornen hat.“
„Laß nur die Dornen, ~ma belle-sœur~ -- Die sind gar nicht so bös
mehr ... Aber es scheint, da kommt Helene --“
Er war, als die Flurglocke klang, sofort aufgesprungen und ging seiner
Braut entgegen. Die Tür blieb offen. Martha konnte von ihrem Platz
aus gerade sehen, wie sie sich begrüßten. Sie lächelte wieder, aber
diesmal fehlte die Schelmerei in ihrem Gesicht. Sie wunderte sich nur,
sie ärgerte sich ein wenig, und sie dachte daran, wie sie einst ihrem
Wilhelm bei jedem Wiedersehen, und wenn es nach einer Trennung von
wenigen Stunden gewesen, an den Hals geflogen war.
Diese beiden da blieben ewig und immer zeremoniös. Gaston küßte
Helene die Hand, sie hielt ihm, wenn es hoch kam, die Wange hin; dann
schüttelten sie sich die Hände wie zwei gute Freunde; er nahm ihr den
Mantel ab, und sie sprachen miteinander wieder wie gute Kameraden. Sie
hörte es: „Du hier, Gaston!“ -- „Ja, Helene, auf einen Sprung, gerade
vom Kreuzberg. Verzeih den Dienstanzug.“ -- „Aber ich bitt dich.“ --
„Wo warst du denn, wenn ich fragen darf?“ -- „Bei Frau Harriers.“ --
„Das freut mich --“
Früher, vor zwei, drei Monaten noch, war zwischen den beiden dort
häufig etwas wie ein Kampfzustand gewesen, ein heimliches Ringen, das
auch dem Unbeteiligten nicht verborgen bleiben konnte. Jetzt schienen
sie sich in einem schönen Gleichmaß gefunden zu haben. Schön? War
dies Gleichmaß wirklich schön? Ja ... wenn man nicht beiden doch
immer angemerkt hätte, daß es nur auf ein Beherrschen herauskam. Wenn
man nicht das starke Temperament gekannt hätte, das in den beiden
steckte. Auch in der Lene. Gerade in der Lene! Man brauchte ja nur
zurückzudenken --
Sie kamen herein. Helene nickte der Schwägerin zu. „Kann ich von
Gastons Frühstück mit profitieren?“
„Du wirst dem hungrigen Kriegsmann doch nicht seine paar kümmerlichen
Brötchen fortessen. Wart’, ich hol’ dir was.“
Hinaus war sie. Aber hinter der Tür blieb sie stehen. ‚Die Welt wird
nicht umstürzen, wenn ich einmal lausche. Ob sie sich jetzt wenigstens
einen ordentlichen Kuß gaben?‘
Sie horchte vergeblich. Die da drinnen sprachen wie zwei gute Freunde.
Von Musik natürlich wieder. Musik ist ja eine schöne Sache -- ohne
Zweifel. Aber ein Brautpaar hat doch eigentlich etwas Besseres zu tun.
„Wir haben die Elsa wieder aufgenommen ...“ „Ich hätte mir den Schritt
vom belcanto zu Wagner doch nicht so schwer gedacht ...“ „Alles kommt
darauf an, den Charakter herauszuarbeiten, der Persönlichkeit gerecht
zu werden.“ ‚Du mein Gott, werdet euch doch selber gerecht, ihr beiden
lieben Narren. Wenn ihr wüßtet, wie kurz selbst eine lange Brautzeit
ist und daß sie so nie wiederkehrt. Ihr Narren -- ihr Narren!‘
Ärgerlich gab sie den Lauscherposten auf, ging in die Küche, machte
eigenhändig eine Schrippe zurecht, benutzte die Gelegenheit, ihrer
Minna nach bewährtem Rohlbecker Rezept gründlich den Kopf zu waschen,
weil gestern abend ein baumlanger Grenadier vor der Küchentür gestanden
hatte -- „anständige Mädchen sind nicht so verliebt wie du dumme
Trine!“ -- und ging ins Wohnzimmer zurück.
Da saßen die beiden immer noch in ansehnlicher Distanz und sprachen
immer noch kluge Worte. Diesmal hatten sie die Literatur beim Wickel.
Natürlich -- Lene schmökerte ja neuerdings in jeder freien Stunde,
anstatt mal in der Küche nach dem Rechten zu sehen, was für eine
angehende Hausfrau jedenfalls wichtiger wäre. Und wovon schnackten sie?
Von dem neuen Roman, von dem jetzt alle Welt redete, der „Ägyptischen
Königstochter“. Hilf, Himmel ... wann spielte die Geschichte? Im
sechsten Jahrhundert vor Christi Geburt? Wenn es noch der herrliche
Roman gewesen wäre, der jetzt gerade in der „Gartenlaube“ erschien:
„Goldelse“ hieß er ja wohl. Aber das alte Ägypten!
Da saßen sie und redeten Bücher, und die Schrippe rührte Helene auch
nicht an. Redeten und redeten -- und machten sich selber nur was
vor. Man brauchte sie ja nur anzusehen: Gaston sprach ganz ruhig,
in seinem allerschönsten Deutsch, aber in seinen Augen lohte das
verhaltene Feuer. Die Marlitt, oder wie die Verfasserin des Romans in
der „Gartenlaube“ hieß, hätte leidenschaftliche Augen nicht besser
beschreiben können, als man sie hier sah. Und Lene saß da, sprach
ebenso ruhig, sah aber gar nicht auf. Nun, man kannte ja ihre Augen. In
denen lag jetzt immer ein eigner feuchter Schimmer. Man kannte sie --
aber klug wurde man aus ihnen nicht und aus Helene überhaupt nicht. Nur
daß das Gesicht immer blasser und immer schmaler wurde, das sah man,
aber dabei wurde das Mädel auch immer hübscher. Zum Verwundern war’s.
Endlich schien sich Gaston an Marthas Anwesenheit zu erinnern.
„Wo ist Wilhelm eigentlich, liebe Martha?“
„In Warschau. Es schwebt da ein Projekt wegen der Verlängerung der Bahn
über die russische Grenze hinaus.“
„Der gute Wilhelm muß viel auf der Eisenbahn liegen.“
„Ja -- leider --“
Dann sprachen die beiden schon wieder miteinander. „Wir müssen
nächstens in die Ausstellung am Kantianplatz, Helene. Es ist ein
wunderschöner Richter dort.“
‚Wofür die sich auch alles interessierten? Musik -- Literatur --
Malerei -- und waren Braut und Bräutigam und saßen da wie die Ölgötzen.
Mochten sie! Was hatte Gaston gesagt? Der gute Wilhelm! Ja ... leicht
hatte er’s ja nicht. Aber man hatte es auch nicht leicht, so viel
allein mit den großen Jungens, die Vaters Hand noch so sehr bedurften.
So viel allein! Beinahe so viel allein, wie früher in Rohlbeck. Aber es
ging wohl nicht anders. Zuerst war der Verdienst an der Bahnkonzession
wie unerschöpflich erschienen. Du mein Gott! Nachher war er zum
größten Teil vorgegessenes Brot gewesen. Als Tante Marianne bezahlt war
und die vielen Wechsel eingelöst waren, da blieb nicht arg viel. Sparen
konnte Wilhelm ja nicht -- leider --‘
‚Leider --‘
Und da ging die Tür, und Omama kam herein, auf ihren Stock gestützt.
Die schwarzen Locken pendelten rechts und links von den Schläfen, und
sie hatte wieder nur auf einer Wange Rouge aufgelegt. Aber sie lachte
vergnügt: „Ich muß doch einmal nach unserem lieben Brautpärchen sehen
... Was das Lenchen heut wieder für verliebte Augen macht ...“ -- --
Gaston hätte wohl vor Glück gejauchzt, wenn aus Helenes Augen ihm
einmal die Liebe entgegengeleuchtet haben würde. Aber sie blieb
gemessen und kühl. Sie wehrte sich nicht mehr, sie trotzte nicht mehr,
sie weinte nicht mehr. Sie schien ganz ruhig geworden nach dem einen
letzten großen Sturm um die Jahreswende.
Er wartete.
Es gab wohl Stunden, in denen er verzweifeln wollte, in denen er
meinte: es geht so nicht weiter, du trägst es nicht mehr! Du pochst
gegen einen Stein, der nie Funken sprühen wird.
Aber er zwang sich immer wieder.
Sie waren wirklich gute Freunde geworden. Martha sah ganz recht.
Manchmal dachte Helene: es ist ja nicht anders als früher, wir waren
ja immer gute Kameraden. Manchmal dachte sie: wir werden immer gute
Freunde bleiben, ohne Streit und Zwist; was könnte ich mir Besseres
wünschen; wie viele Ehen mögen selbst dieser Freundschaft entbehren.
Aber oft, oft, in einsamen Stunden schrie es auch in ihr: soll es nun
immer, immer so weitergehen! Und wenn du’s erträgst, kann er es denn
ertragen, soll er darben ein ganzes langes Leben hindurch! Denn sie
fühlte, daß hinter seinem beherrschten Wesen die Leidenschaft wachte,
daß er wartete von Tag zu Tag. Und je vertrauter sie miteinander
wurden, desto mehr litt sie um ihn, und konnte ihm doch nicht helfen.
‚Gib mich frei!‘ hatte sie ihn noch einmal gebeten. Er hatte nur
den Kopf geschüttelt. In seinem Gesicht aber stand dabei ein fast
fanatischer Ausdruck, wie sie ihn einst auf alten Märtyrerbildern
gesehen hatte: ein Ausdruck des Leidens und des Glücks im Leiden.
Dann war das Gesicht weich geworden. ‚Niemals!‘ hatte er gesagt. ‚Du
kannst mir verbieten, dich zu sehen. Dich zu lieben kannst du mir nicht
verbieten.‘
Oft dachte sie an seine Worte: ‚Wir alle können nicht vergessen, aber
wir können überwinden. Und du hast längst überwunden.‘
Sie hatte nicht daran geglaubt, damals, als die Begegnung mit Schwarz
ihr das Herz zerrissen. Nun wußte sie, daß er doch recht gehabt.
Wenige Tage später sprach Frau Harriers-Wippern plötzlich von Schwarz.
Achselzuckend, mitleidig: „Sie kannten ihn ja. Er war immer ein Bruder
Leichtsinn, der seine Gaben verschleuderte wie sein Geld. Jetzt war
er hier, ohne Engagement. Zu mir ist er nicht gekommen, er schämte
sich wohl. Aber ich hörte, daß es ihm schlecht geht, und daß er sehr
unglücklich mit seiner Frau lebt. Röder hat ihnen beiden schließlich
ein Engagement nach Odessa besorgt, aber mit einer Gage, die wohl
gerade nur das Leben fristet.“ Sie seufzte leise. „Einer von vielen.
Wer in unserem Beruf nicht Charakter hat und starken Willen, der leidet
leicht Schiffbruch.“
Sie hatte es geahnt, und das Mitleid preßte ihre Seele, als sie es
nun hörte. Die heiße Erregung jedoch, welche die Begegnung in ihr jäh
wachgerufen, zitterte nicht mehr in ihr. Es war so, wie Gaston gesagt:
überwunden hatte sie. Nur das Mitleid blieb. Und vielleicht nur ein
dumpfes Weh: Die Leidenschaft für ihn hat all deine Kraft zur Liebe so
ausgeschöpft, daß dein Herz arm geworden ist und arm bleiben wird für
immer.
Gaston sprach zu ihr nie von dem Termin der Hochzeit.
Aber sie hörte, daß er mit den Geschwistern davon gesprochen, daß er
den Frühherbst in Aussicht genommen hatte. Dann und wann kam auch die
praktische Martha mit einer Anfrage wegen der Aussteuer. Sie hatte
schon Leinen eingekauft und die Näherin im Hause, als könnte es gar
nicht anders sein. Als ganz selbstverständlich, als Pflicht nahm sie es
an, daß sie für Mutter eintrat.
Zuerst war Helene zusammengezuckt, als Martha von all dem sprach. Aber
dann hatte sie lächeln können. „Du ordnest das gewiß am besten -- ich
danke dir.“ Und sie wunderte sich selber: ihr graute nicht vor der
Entscheidung, ganz ruhig nahm sie sie hin. Wieder mit dem Empfinden:
wie wenigen Mädchen mag die Erfüllung der höchsten Wünsche vergönnt
sein, wie unendlich viele müssen sich bescheiden. Du hast es immer noch
gut: Du hast Gaston sehr gern, du schätzt ihn, ihr seid eins in so
vielem, so vielem. Unglücklich mit ihm kannst du nie werden. Nur ob du
ihn glücklich machen wirst ...?
Sie war ruhig und gefaßt.
„Meine liebe Hackentin“, sagte einmal Frau Harriers etwas unzufrieden.
„Sie sind ein wunderliches Menschenkind. Ich habe bei meinen
Schülerinnen doch schon so manches erlebt, aber solche Wandlungen noch
nie wie bei Ihnen.“
Helene wurde rot. Sie hatte immer noch diesen jähen Farbenwechsel, ja
er war wohl noch auffallender, seit ihr Gesicht blaß und durchsichtig
geworden war. „Was hab ich denn verbrochen?“ fragte sie etwas kleinlaut.
„Gar nichts. Sie schreiten in der Technik unaufhaltsam fort, ich werde
Ihnen bald nichts mehr zu geben wissen. Aber die Technik ist doch nicht
alles. Du lieber Gott! Das Organ gab Ihnen die gütige Natur, und wer
die Stimme hat, kann schließlich bei dem nötigen Fleiß all das dazu
lernen, was die Kunst zu lehren vermag. An Fleiß fehlt’s bei Ihnen auch
nicht. Aber ich habe mit Ihnen Zeiten von so schwankender Stimmung
durchgemacht, daß ich manchmal vor Rätseln stehe. Wie oft hab ich
zügeln müssen, wenn das Temperament mit Ihnen durchgehen wollte --“
Sie standen vor dem Flügel. Die Stunde war beendet, im Vorzimmer
wartete wohl schon eine andere Schülerin, oder der Herr Baumeister, der
Gatte der Sängerin, wartete gar mit dem Mittagessen. Frau Harriers war
ein wenig ungeduldig. Sie schloß den Flügel.
„Ja ... und soll ich Ihnen sagen, wie jetzt Ihre Stimme klingt?
Apathisch klingt sie. Nach Resignation klingt sie! Alles schön, rund,
tadellos, ein wahrer Genuß, diese Atemökonomie! Aber manchmal singen
Sie ... wie drück’ ich’s nur aus? ... nun, wie aus Pflichtgefühl, aus
einem müden Pflichtgefühl heraus. Wenn ich nicht wüßte, daß Sie ein
glückliches Bräutchen sind und einen der besten Männer bekommen, würde
ich mir allerlei Gedanken machen. So -- nun ist’s heraus, und nun
machen Sie, daß Sie fort kommen. Merivaux steht doch schon drüben und
wartet auf Sie.“
... aus Pflichtgefühl ...
So also sang sie? Handelte sie auch so? Nur aus Pflichtgefühl? Und
würde sie, nur aus Pflichtgefühl, Gaston eine gute Gattin werden? Alles
nur aus armseligem Pflichtgefühl! Als ob sie sich treiben ließ auf
einem der großen Bettelsuppenströme des Lebens!
Der Gedanke empörte sie. Denn sie hatte Gaston doch gern! Sehr gern
sogar!
Ihr war es, als müßte sie sich selber aufrütteln. Sich herausreißen aus
dem Sich-gehen-lassen, aus dem stumpfen Gleichmaß. Kämpfen gegen sich
selber.
Unten, drüben auf dem Trottoir, ging wirklich Gaston auf und ab.
Ein paar Augenblicke blieb sie im Hausflur stehen, sah zu ihm hinüber.
Die schmale Falte zwischen ihren Brauen grub sich tief ein.
Dann schritt sie schnell über die Straße, nickte, lächelte, hing sich
in seinen Arm.
„Guten Morgen, lieber Gaston. Ich freue mich, daß du kommen konntest.
Hast du Zeit? Können wir einen kleinen Bummel durch den Tiergarten
machen?“
Er bejahte eifrig, sichtlich erfreut. Und sie gingen die Querallee
hinauf, bogen zum Goldfischteich ein.
In den ersten Maitagen war es. Der Tiergarten stand im duftigen jungen
Grün. Die Lenzsonne lag warm auf Weg und Steg. In den dichten Büschen
zwitscherten die Amseln. Die Welt war schön geworden, fast über Nacht,
denn plötzlich war der Frühling in die Mark gekommen.
Um diese Stunde war der Tiergarten wenig belebt. Am Rande der Wege ein
paar Kinderwagen, aus denen rosige Babygesichter zur Sonne lachten;
einige Spreewälderinnen in ihren bunten Röcken, dann und wann eine
Matrone, die einsam Luft schöpfen ging, ein pensionierter alter Herr,
der seinen Gesundheitsmarsch machte. Es verlor sich in der Weite.
Sie plauderten dies und das, wie gute Freunde plaudern, bunt
durcheinander: von Marthas Wirtschaftlichkeit, von Wilhelms nie
rastenden Plänen, von der Omama; von der Charlotte Wolter, der
großen jungen Tragödin, von der Erhardt, der schönen Künstlerin des
Schauspielhauses, und von der Lucca, die jüngst als Julia unerhört
gefeiert worden war; und daß der Krollsche Garten nächstens wieder
eröffnet werden würde, in noch feenhafterer Beleuchtung als je zuvor.
Es war wie immer zwischen ihnen. Und doch anders. Er empfand es,
wie lebhafter heute Helene war, angeregter, daß ihr Ton wärmer war.
Manchmal fühlte er den leichten Druck ihrer Hand auf seinem Arm.
Federnden Schrittes ging sie an seiner Seite, und einmal sagte sie:
„Ist das schön heut! Ich möchte stundenlang so gehen. Womöglich ganz
allein mit dir durch einen weiten, weiten Wald.“
Er sah sie an, und auf ihrem Gesicht war ein Lächeln.