Gaston mußte sich bescheiden --

Er mußte sich überhaupt bescheiden: Helene war eine sehr spröde, eine

herbe Braut. Sie war zu verständig, seiner Zärtlichkeit zu wehren, aber

sie erwiderte sie nicht. Ein Dulden war’s, nie ein Geben. Und dann und

wann kamen Stunden, in denen sie sich ihm ganz zu entziehen suchte, wo

ihre Herbheit zur Härte wurde, ihre Kühle zur eisigen Kälte.

Einmal sagte ihr Martha: „Nimm mir’s nicht übel, Lene, aber ich muß

dir die Leviten lesen. Du bist eine merkwürdige Braut! Hast du denn

Fischblut in den Adern? Oder ist es ein kokettes Spiel, das du mit

Gaston treibst? Ich an seiner Stelle ... ich ließe mir das einfach

nicht gefallen.“

Merivaux hatte den Abend bei Wilhelm zugebracht. Als er aufbrach,

geleitete Helene ihn gerade bis an die Zimmertür. Er stand wartend,

ihre Hand in der seinen, mit einem bittenden Lächeln: „Nun ... du

kommst doch noch einen Moment mit hinaus, ’elene?“ Da hatte sie den

Kopf geschüttelt: „Geh nur! Gute Nacht!“

Jetzt saß sie in dem alten Ohrenwangenstuhl, der von Rohlbeck aus

mitgewandert war, den Kopf ganz in die eine Ecke gedrückt, und Martha

stand vor ihr, im sonst so ruhigen Gesicht den ehrlichen Zorn.

„Nein, ich ließe es mir wahrhaftig nicht gefallen! Ein so lieber Mensch

ist Gaston. Immer gleich artig, immer aufmerksam. Und immer aufs neue

sieht man, wie er dich liebt. Und du -- wenn ich’s nicht besser wüßte,

möchte ich sagen: ein Eisblock bist du. Wenn er nur mal ordentlich

aufbrausen wollte! Dir deinen Kopf zurechtsetzen! Ich gönnte es dir!“

Ganz fest drückte Helene den Kopf gegen das harte Polster. Die Augen

hatte sie geschlossen.

„Manchmal möchte man wahrhaftig glauben, du hättest Gaston nicht lieb!“

Die beiden Hände preßte Helene auf die Armlehne. Die schmale Falte

zwischen ihren Brauen grub sich tief ein.

Und dann stand sie plötzlich auf, legte ihre Hände auf Marthas

Schultern: „Quäle mich nicht! Ich bin so müde!“ sagte sie. „Schlaf

wohl -- wenn du kannst!“ und ging hinaus. Ging in ihr Zimmer, das

sie mit Omama teilen mußte. Die lag schon im Bett, konnte aber nie

einschlafen, ehe die Tochter kam, und redete dann immer noch allerlei.

Halb waren’s Monologe, halb war’s an Helene gerichtet.

„Dein Gaston ... ja ... dein Gaston! Anno dreißig oder einunddreißig

war ich in Karlsbad. Da lernte ich einen jungen Grafen Meerwedt

kennen. Auch so chevaleresk wie dein lieber Gaston. Da haben wir

einmal eine Partie in den Wald gemacht. Der Herr von Auerswald hatte

die entrepreniert ...“ Dann kam ein halblautes Lachen ... „und da war

eine junge Komteß Adelau, und mit einem Male war der Meerwedt und sie

verschwunden, und dann fanden wir sie, gerade als er sie embrassierte

... Ja, die Jugend!“

Nun hatte sie schon Mutter gute Nacht gesagt und das Licht gelöscht.

Da fing Omama noch einmal an, kicherte ein wenig und sagte: „Hörst du

noch, Lenchen? Ich wollt nur sagen: vor dem guten Papa durft ich ja nie

davon reden. Der war ja immer so komisch, wenn ich von Körner erzählte.

Ja, wie war das doch nur? Ich find’s wohl nicht mehr recht zusammen.

Wie war das doch nur?“

Ein Weilchen schwieg Omama. „Richtig, Lene, jetzt hab ich’s. Hörst

du? Es ist so hübsch, was der Theodor sagt: Drum leb’, wer das Küssen

und Lieben erdacht ... ja ... wer das Küssen erdacht ... Ich war auch

einmal jung ... Küßt du ihn gern, deinen lieben Gaston?“

Ein leises Kichern wieder, ein halblautes: „Ja ... die Jugend ...“ Bald

kamen die tiefen, ruhigen Atemzüge. Omama schlief. Gewiß lag auf ihrem

guten Antlitz zwischen all den Runzeln und Fältchen ein Lächeln der

Erinnerung.

Aber Helene fand und fand keinen Schlaf, bis der Morgen graute. Auf ihr

lastete die Gegenwart, und sie fürchtete sich vor der Zukunft.

Wie sie alles jetzt hinausschob, hinauszögerte, als erwartete sie, daß

irgendein kommender Tag ihr eine Befreiung bringen könnte, so hatte sie

auch die nötigsten Besuche hinausgeschoben. Schließlich sah sie selber

ein, es mußte der Pflicht genügt werden.

Es waren der Besuche ja auch nicht viel zu erledigen. Von den Kameraden

Merivaux’ waren nur wenige verheiratet.

Aber auch Tante Marianne Oschitz stand auf der kleinen Liste. Es

herbstete schon stark, als das Brautpaar vor der einsamen Insel

vorfuhr; und als Helene am Arm Merivaux’ durch den Vorgarten schritt,

dachte sie unwillkürlich: ‚nun sind es drei Jahre, seit du hier

einzogst. Erst drei Jahre -- schon drei Jahre! Die dir mehr Erleben

gebracht haben, mehr als alle anderen. Und kein Glück ...‘

Sie dachte noch daran, als sie vor Tante Marianne stand. Es mochte wohl

nicht so glücküberströmend klingen, wie das gleiche Wort aus anderem

Mädchenmunde: „Mein Bräutigam, liebe Tante.“

Die kleine alte Frau machte einen hinfälligen Eindruck. Sie hatte sich

bei dem Eintritt der beiden mühsam erhoben, kam ihnen auf dem Stock mit

schwerer Elfenbeinkrücke gestützt entgegen, sagte freundlich mit ihrer

leisen, sanften Stimme: „Ich freue mich herzlich. Der Segen Gottes möge

mit eurem Bunde sein --“, und dann stutzte sie plötzlich.

Es war nur auf einen Moment, sie nötigte gleich zum Sitzen.

Immerhin war es so auffallend, daß es Helene nicht entging. Sie sah

auf Merivaux, wie eine Erklärung suchend. Aber der stand gerade

aufgerichtet, nach seiner Gewohnheit Tante Marianne mit seinen großen,

blauen Augen hell ansehend. Immer sah er allen Leuten so ins Gesicht,

so offen und zuversichtlich.

Tante Marianne war heut sehr weich und gütig, zeigte ein lebhafteres

Interesse, als sonst ihre Art war, erkundigte sich nach Merivaux’

Heimat, nach seinen Plänen für die Zukunft; schien sich zu freuen, als

er frisch und fröhlich antwortete: „Ich ’ab nur einen Plan für die

Zukunft, meine Frau recht glücklich zu machen.“ Sie lächelte, nickte

und hatte gleich eines ihrer alten Sprüchlein: „Wer glücklich ist, kann

immer glücklich machen! ... Sie haben so zuversichtlich glückliche

Augen, lieber Herr von Merivaux.“

„Ich ... glückliche Augen, gnädige Frau?“

„Jawohl, glückliche Augen. Sorge nur, Helene, daß ihnen jeder trübe

Schatten erspart bleibt.“

Sie sprachen noch dies und das. Dann war es Zeit, aufzubrechen. Aber

als sie sich schon empfohlen hatten, hielt Tante Marianne Helene noch

einmal zurück. Ihre Stimme bebte ein wenig, und in ihrem kleinen,

blassen Gesicht lag ein Zug des Ergriffenseins. „Ist dir das auch schon

aufgefallen,“ flüsterte sie hastig, „daß dein lieber Gaston die Augen

von meinem Harro hat? Ganz Harros Augen.“ Und sie hob sich plötzlich

auf den Zehenspitzen und küßte die Nichte zärtlich: „Lang mögen sie dir

leuchten ... lang ...“

Draußen, im Vorgarten, fragte Merivaux: „Was hatte deine Frau Tante dir

noch anzuvertrauen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nichts Besonderes, Gaston --“ und ging mit

gesenktem Kopf neben ihm weiter bis zum Wagen. ‚Ja, Harros Augen‘,

dachte sie. ‚Seine Augen, Harros Augen ... die haben es mir damals

angetan, im Rackower Park ... --‘

Eine verhaltene Bitterkeit, fast etwas wie ein Vorwurf, lag in dem

Gedanken. Sie fühlte es selber, empfand es als ein Unrecht. Fühlte sich

ihm gegenüber ja so oft im Unrecht. Als sie im Wagen saßen, war es ihr,

als müßte sie etwas gutmachen ihm gegenüber. Sie zwang sich, auf seine

lebhafte Unterhaltung einzugehen, mit ihm zu plaudern. Und sie fand

plötzlich, daß das gar nicht so schwer war. Er erzählte so anregend, er

hatte so viele Interessen.

Einmal sagte sie, ein wenig nachdenklich: „Ich finde eigentlich,

Gaston, daß du dich in den letzten Jahren recht verändert hast.“

„~Mon Dieu~ ...“ gab er halb im Scherz, halb wirklich erschrocken

zurück ... „Zu meinem Nachteil?“

„Nein, Gaston. Als ich dich kennen lernte, konnte ich in dir nicht mehr

sehen als einen flotten, jungen Offizier.“

„Und nun?“

„Jetzt bin ich bisweilen erstaunt, wieviel du weißt. Daß dich Literatur

und Kunst so stark interessieren.“

Er scherzte wieder: „Also gewiß ... du hast mich damals unterschätzt.“

Dann wurde er ernst: „Es liegen drei Jahre dazwischen, Helene. Drei

Jahre bedeuten viel im Menschenleben. Oder richtiger, sie können

viel bedeuten. Mir haben sie jedenfalls manch innere Wandlung

gebracht. Aber ich könnte dir zurückgeben, was du mir sagst. Als ich

dich kennen lernte, warst du auch nur ein wunderschönes charmantes

Mädchen, dem eine gütige Fee die herrliche Stimme geschenkt hatte --

eine Zufallsgabe schließlich. In den drei Jahren bist du eine andere

geworden --“

Da hielt der Wagen. Sie mußten aussteigen, um bei Frau von Gélieu die

Karten abzugeben und zu erfahren, daß die gnädige Frau ausgegangen wäre.

Als sie dann wieder im Wagen saßen, war Helene es, die den abgerissenen

Faden der Unterhaltung neu aufnahm.

„Du sagtest, ich wäre eine andere geworden. Ich wünschte dir, ich wäre

das junge Mädchen geblieben, das ich damals war.“

„Helene!“ rief er.

„Du würdest glücklicher sein.“

Es war ein Zwang in ihr, ihn anzusehen, als sie das sagte. Aber sie sah

in so leuchtende Augen, daß sie den Blick senken mußte.

„Ich kann nur noch glücklicher werden!“ sagte er dann heiß. Schwieg

einen Moment, schöpfte tief Atem und fuhr fort, nun sehr ernst. „Es

ist wirklich nicht anders, liebe Helene: ich kann nur noch glücklicher

werden. Ich weiß, daß wir es beide werden. Da du davon angefangen hast,

will ich es dir gestehen: ich leide gewiß oft unter deinem harten

Wesen. Wie könnte es anders sein! Aber sieh: mein Vater ist ein sehr

kluger Mann. Als wir drei neulich zum letztenmal beisammen waren, ging

ich mit ihm den weiten Weg bis zu seinem Hotel. Wir sprachen natürlich

von dir -- nur von dir. Er ist sehr empfänglich für Frauenschönheit.

So war er bezaubert von deiner Erscheinung. Dann schwieg er eine ganze

Weile und sagte endlich: ‚Weißt du auch, Gaston, daß du dir deine Braut

erst erobern mußt? Ihre Seele ist noch nicht bei dir.‘ Die Hand hab ich

ihm gegeben: ‚Ich weiß es, Papa. Aber ich werde um sie werben, nimmer

müde, bis sie ganz mein ist. Denn ich habe sie lieb über alles in der

Welt.‘“

Sie saß wieder mit gesenktem Kopf, sprach kein Wort.

Mit einem Male hörte sie neben sich sein frisches, fröhliches Lachen,

das so seltsam klang nach seinen ernsten Worten und doch in diesem

Augenblick so wohltuend und befreiend war.

Er deutete zum Fenster hinaus: „Hier wohnte einst mein Landsmann

Merveilleux. Kennst du seine Geschichte mit dem Droschkenkutscher?

Also wir Schützen sind doch nun mal lebenslustige Leutchen. Zwei von

uns, Merveilleux und Pfuel, waren es ganz besonders. Abend für Abend

tollten sie in Berlin herum, und oft graute der Morgen, ehe sie daran

dachten, in unser Quartier, hier weit draußen, an der Köpenicker

Landstraße, zurückzukehren. So waren sie der Schrecken der biederen

Droschkenkutscher geworden. Die fürchteten die Fahrt nach der Kaserne

wie das höllische Feuer. Geht eines Abends Pfuel allein aus. Es wird

wieder peinlich spät oder früh, ist außerdem ein schreckliches Wetter

-- ~gressillement~, wie wir’s nennen. Mein Pfuel will also

fahren, erwischt auch eine ~voiture~. Kaum aber sieht ihn der

Droschkenkutscher -- sie kannten ihn alle -- so haut er auf sein Pferd

ein und ruft nur noch: ‚Adieu, Pfuel, ... grüßen Sie Murmeljahn!‘ Fort

war er. Und jetzt sind wir bei unserer Kommandeuse --“

Seine ernsten Worte -- sein frohes Lachen tönten in ihr nach. Sie

fühlte sich frischer und freier. ‚Man muß ihn gern haben‘, dachte

sie. ‚Ich müßte ihn liebhaben.‘ Und sie dachte weiter: ‚Vielleicht --

vielleicht werde ich ihn liebhaben.‘

In dieser Stimmung ging sie auch endlich zu Frau Harriers-Wippern.

Nicht zuletzt auch auf seinen Wunsch. Er hatte schon so oft gebeten,

daß sie den Unterricht wieder aufnehmen sollte.

Die Lehrerin kam ihr mit ausgestreckten Händen entgegen. „Ich hab

ja schon gratuliert, aber ich möchte meinen Glückwunsch gern noch

einmal mündlich und recht innig wiederholen. Ich habe mich so sehr

gefreut, liebes Fräulein Helene! Nicht zuletzt, weil unser Merivaux der

Glückliche ist.“

‚Unser Merivaux‘ ... es klang Helene Hackentin ganz eigen.

Sie saßen wieder beieinander in dem kleinen Gartenzimmer der Sängerin,

und Helene hörte, doch mit einiger Verwunderung, wie beliebt und

geschätzt ihr Bräutigam in den engeren musikalischen Kreisen war.

„Es ist merkwürdig, wie viele Offiziere gerade in Berlin wirklich

verständnisvolle Musikfreunde sind. Aber unser Merivaux steht da in

erster Reihe. Ich meine natürlich nicht als ausübender Künstler --

darauf kommt es ja auch gar nicht an. Aber er hat die rechte Liebe,

hat Verständnis, hat Urteil ... und hat seine besondere, so unendlich

liebenswürdige Gabe, das alles zum Ausdruck zu bringen.“ Frau Harriers

hielt immer noch Helenes Hand und drückte sie herzlich: „Mein erster

Gedanke, als ich die Anzeige las, war ein Gedanke der Freude: sie

beide passen so trefflich zueinander. Eine kleine Spur Selbstsucht war

auch dabei, daß ich’s nur gestehe: so geht Helenens Kunst doch nicht

verloren!“

Helene war wortkarg, war in tiefem Sinnen. Sie hatte in den letzten

drei Monaten so wenig an ihren Gesang gedacht. Manchmal, wenn Merivaux

bat, wenn er sie zum Flügel führen wollte, hatte sie abgewehrt -- wie

sie immer abwehrte. Ein-, zweimal hatte er seine Geige mitgebracht: sie

hatte auch ihn nicht gebeten, zu musizieren. Nun fühlte sie auch hier

ein Unrecht. Und empfand seinen Zartsinn, der nie ungeduldig wurde, nie

drängte, nie einen Vorwurf hatte, als besondere Güte.

„Ich hoffe, Fräulein Helene, Sie bringen mir ihn bald. Vielleicht

musizieren wir dann einmal zusammen. Wie aber steht’s mit uns beiden?

Sie nehmen doch die Stunden wieder auf?“ Frau Harriers schrak ein wenig

zusammen, sie bemerkte wohl erst jetzt, daß die Braut ganz in Schwarz

gekleidet war. „Ja so, Sie armes Kind! Aber ich meine, Musik, gute

edle Musik eint sich auch mit der tiefsten Trauer. Sie trägt uns ja

himmelan, über alles Irdische hinweg.“

„Die ‚Elsa‘ möchte ich jetzt ruhen lassen ...“ sagte Helene gepreßt.

„Ich kann nicht ...“

„Das verstehe ich. Lassen Sie mich nur sorgen. Wir halten unsere alte

Zeiteinteilung fest -- nicht wahr? Und grüßen Sie mir Ihren lieben

Gardeschützen, der so gut in Ihr Herz zu treffen wußte.“

Daß er nur besser in das Herz getroffen hätte ...

Daß dies herbe spröde Herz sich gar nicht regen wollte ...

Überall, wo Helene hinkam, hörte sie Merivaux rühmen, hörte sie sein

Lob. In den verschiedensten Schattierungen. Wilhelms liebten ihn

schon jetzt wie einen Bruder; er hatte Tante Mariannens so schwer

zu erringendes Wohlgefallen gewonnen; die Frauen der verheirateten

Kameraden hatten sie ein wenig geneckt, daß sie den charmantesten aller

Junggesellen im Bataillon in Amors Fesseln geschlagen; der Kommandeur

hatte Wilhelm gegenüber Merivaux einen der begabtesten Offiziere

genannt und einen unübertrefflichen Kameraden.

Manchmal hatte sie gedacht, sich zum schwachen Troste: ja doch ... er

ist ein liebenswürdiger Charmeur! Nun hörte und erkannte sie selber

alle Tage mehr, daß das doch nur die Außenseite seines Wesens war. Daß

die glänzende Hülle auch einen schönen edlen Kern barg. Daß er gut,

vornehm denkend, daran hatte sie nie gezweifelt. Jetzt aber wußte sie,

daß er auch ein grundgescheiter, ein vielseitig gebildeter Mann war.

Und vor allem sah und fühlte sie immer tiefer, wie innig und heiß er

sie liebte.

Immer wieder sagte sie sich: man muß ihn gern haben ... ich müßte ihn

liebhaben ...

Nur: ihr Herz wußte nichts von ihm.

Es kamen Augenblicke, Stunden, in denen es in ihr schrie: wenn er

dich doch einmal recht schlecht behandeln wollte! Wenn er dich doch

einmal fühlen lassen wollte, wie kalt und schlecht du gegen ihn bist!

Vielleicht verlangt die Hackentinsche Brut die Peitsche, anstatt des

Zuckerbrots!

Aber er blieb immer der Geduldige, Nachsichtige, Rücksichtvolle;

dankbar für die geringste Freundlichkeit, für das kleinste

Entgegenkommen, für ein gutes Wort, für ein Lächeln.

Dabei fühlte sie hinter all der Geduld und Nachsicht sein heißes Blut,

sein starkes Temperament, sein Begehren, fühlte, wie er sich zwang und

wie er litt. Sie fühlte es, sie sah es. Es war ihr eine eigene Qual,

wenn er manchmal, auf kurze Momente, die Lider sinken ließ, verstummte.

Nur um sie gleich wieder mit hellen, guten Augen anzusehen, wie ein

Bittender. Wie einer, der da weiß: ich werde um sie werben, nimmer

müde, bis sie mein ist.

Und dann empörte sie wieder diese Zuversicht, dies Vertrauen und

Selbstvertrauen. Empörte sie gleich einem Zwang: als ob er ihren Willen

beugen, sie knechten wollte in alle Zukunft hinein. Scharf wurde sie

dann und bitter. Bis sie sich doch wieder sagte, es ist ja nur seine

große, große Liebe, die auf Gegenliebe hofft und wartet.

Wenn er litt, ohne zu klagen, so litt sie nicht minder, und auch sie

hatte niemand, dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Ganz genau wußte

sie: es würde sie niemand verstehen.

Es gab Tage, in denen eine wehrlose, wohltuende Müdigkeit über ihr lag.

Dann war sie sanft, nachgiebig auch zu ihm; duldete seine Zärtlichkeit,

hatte sogar eine leise Freude, einen stillen Genuß manchmal an einem

guten Gespräch mit ihm; hörte ihn spielen, ging vielleicht selbst an

den Flügel, sang irgendein schwermütiges Lied. Aber gerade der Moment

war meist der Gipfelpunkt. Wenn sie ihn dann hinter sich stehend wußte,

seinen Atem fühlte, seine Hand sah, wie sie sich nach dem Notenblatt

ausstreckte, um es zu wenden, kam der Rückschlag. Sie brach jäh ab,

sprang auf -- und es kamen Augenblicke, in denen es ihr eine boshafte

Freude war, ihm wehe zu tun. Eine Freude, die sie tiefste Qualen und

schmerzhafteste Scham kostete.

Das waren die Augenblicke, in denen sie darauf wartete: jetzt muß

er doch gehen, um nie wiederzukommen. Und doch erschauerte: wenn er

aber nie wiederkäme? Das waren dieselben Augenblicke, in denen sie

vom wehsten Mitleid erfüllt war für ihn und in denen sie sich selber

ganz als Schuldige fühlte. Frau Harriers war wenig zufrieden mit ihrer

Schülerin in diesem Winter.

Wilhelm kümmerte sich fast gar nicht um das Brautpaar; Martha sah

schließlich doch nur die Oberfläche, dachte höchstens, sagte es

vielleicht: „Du bist eine recht unausstehliche Braut.“ Mutter führte

ihr Traumleben weiter, verschmolz sich Gegenwart und Vergangenheit,

verwechselte Merivaux gelegentlich mit einem ihrer Söhne und legte

neuerdings Rouge auf. Wohl Berlin zu Ehren. Wobei es vorkam, daß nur

die eine Wange rosig leuchtete, die andere vergaß sie.

Ganz verlassen und vereinsamt fühlte sich Helene oft. Grenzenlos unnütz

dabei. Den Haushalt in der Stadtwohnung hielt Martha allein wie am

Schnürchen. So war sie zur Untätigkeit verurteilt, spürte auch so wenig

Neigung, sich wirtschaftlich zu betätigen. Und selbst ihre Kunst dünkte

sie oft ein Zwang.

Nur mit den Jungens beschäftigte sie sich mehr als früher.

Den äußeren Anlaß gab, daß Hans ein paar Male mit einem französischen

~exercice~ hilfesuchend zu ihr kam: „Hilf, Tante Helene. Du hast

ja einen Bräutigam, der solch halber Gallier ist.“ Da sie in der Tat

fertig Französisch sprach und schrieb, konnte sie helfen. Und sie half

so gern -- es war ihr eine wahre Wohltat, irgend jemand helfen zu

können. Bald kam auch Thede mit dem einen oder dem anderen Anliegen.

Richtiger: wenn der Ältere bat, forderte der Jüngere. Aber er tat’s

mit einer so drollig unverschämten Miene, daß man ihm nicht böse sein

konnte.

Manchmal war es ihr, als lernte sie die beiden Neffen erst jetzt recht

kennen. Und auch dann hatte sie wieder ihre stille Freude. Hans war

nun fast sechzehn Jahre, ein langaufgeschossener, ein wenig ungelenker

Jüngling, der seine junge Sekundanerwürde mit einigem Selbstbewußtsein

trug; ein Bücherwurm und Grundtoffel, fleißig und hübsch besinnlich.

Thede war viel lebhafter, renommierte gern einmal ein wenig, lernte

spielend, was der Ältere sich mühsamer erobern mußte. Bisweilen malte

Helene sich im stillen den Lebenslauf der beiden aus, horchte sie

wohl auch daraufhin aus. Hans wollte Architekt werden oder Techniker,

Eisenbahningenieur, Maschinenkonstrukteur; Thede schwärmte für den

bunten Rock, den ja alle Hackentins getragen hatten. Aber er hatte auch

seine besonderen Gedanken dabei: die junge preußische Flotte reizte

ihn, Kapitän Jachmann von der „Arcona“, der den Dänen bei Jasmund so

wacker die Zähne gezeigt, war sein Held und Vorbild.

Das war sicher: die Jungens gingen einmal andere Wege, als die

Hackentins bisher, Generation auf Generation, gegangen waren. In ihnen

war noch genug von dem feurigen guten Blut des alten Geschlechts, aber

das Blut der Mutter hatte sich eingemischt, drang kräftig durch; mehr

noch bei dem Älteren, aber doch auch bei Thede. Sie fanden sich gewiß

einmal gut mit dem Leben ab und in ihm zurecht. Wurden vielleicht

endlich einmal wieder Mehrer, nicht Verzehrer.

Helene dachte oft: die Hackentins können es brauchen! Gerade in diesem

Winter kam ihr das recht klar zum Bewußtsein.

Daß es in Rackow kriselte, hatte sie schon im Sommer erkannt. Einmal

erzählte Wilhelm, Ernst sei nur mit vieler List an der Schuldhaft

vorbeigekommen. Nun erfuhr man, daß die Gläubiger das Sequester

eingeleitet hatten. Dann kam Onkel Ernst nach Berlin. Aber wenn Helene

gemeint hätte, daß er niedergeschlagen sein müsse, so hatte sie sich

getäuscht. „Ja, ja, meine liebe Martha,“ meinte er mit seinem leisen

behaglichen Lachen, „wir wären also glücklich pleite. Klingt sehr

häßlich, nicht wahr? Ist aber gar nicht so schlimm. Ein paar Jahre, und

wir sind wieder obenauf. Außerdem aber -- wozu hat man seine hübschen

kleinen Konnexionen -- außerdem hab ich für die Karenzzeit ein Pöstchen

als Kurdirektor in Ems erobert. Man kann auch so leben, meine Lieben.“

Dabei sah er unter seinem Einglas um die Ecke auf Tante Marie hin.

Deren kleines Gamingesichtchen war freilich ein wenig spitzer geworden,

aber sie trug den Nacken noch steifer als sonst. „~Enfin~, ich

freue mich auf Ems. In der Saison haben wir da die Creme der ganzen

europäischen Gesellschaft. Lauer hat gesagt, Majestät müßten im Sommer

unbedingt hin. Mignonne, ich lade dich ein, wir wollen ein bissel Staat

mit dir machen. Aber dann bist du wohl schon ein glückliches kleines

Frauchen, und Merivaux wird sich nicht von dir trennen wollen.“

Als sie gegangen waren, lachte Wilhelm hinter ihnen her: „Ernst ist wie

eine Katze, er fällt schließlich immer wieder auf die Füße. Vielleicht

haben wir Hackentins alle etwas von der glücklichen Eigenschaft.

Manchmal denk ich, unser Leichtsinn ist wie ein Schwimmgürtel, der

in der Gefahr die besten Dienste tut ... Martha, ich bitt’ dich,

mach’ nicht solch mechantes Gesicht. Und du, Lene ... na, du siehst

ja jetzt oft aus wie eine betrübte Lohgerberswitwe, der alle Felle

fortgeschwommen sind ... komisches Mädel ... nur daß dir auch das gut

steht!“

Ja, es mußte ihr wohl gut stehen, daß ihr Gesicht so viel schmaler, daß

sein Ausdruck so viel ernster geworden war.

Sie war nicht eitel, aber sie war doch ein junges Mädchen und ging

dem Spiegel nicht aus dem Wege. Und wenn er es ihr nicht gesagt hätte,

würden es ihr die Männeraugen verraten haben, die ihr überall folgten,

bis zur Peinlichkeit.

Einmal sagte sie zu Merivaux: „Ich hab heute nacht geträumt, daß ich

die Pocken bekommen hätte. Furchtbar häßlich war ich geworden, und als

du kamst, hast du dich mit Abscheu von mir gewendet.“

„Aber, Helene, wie kann man nur solch törichtes Zeug träumen?“

„Es ist gar nicht so töricht. Im Gegenteil, es beschäftigt mich

sehr. Nimm einmal an, der Traum wäre Wahrheit, ich wäre plötzlich

sehr häßlich geworden. Dann würde deine Liebe zu mir sehr schnell

zerstieben. Das ist mir ganz sicher. Gib’s nur ehrlich zu -- ich nehme

es dir nicht übel.“

Sie sah ihm scharf in die Augen, wartete ungeduldig. Denn das wußte

sie, er sprach immer die Wahrheit.

Auf märkischer Erde · 第 46 / 62 题