Und stammelnd, wie ein Kind, sprach sie: „Ich, ich hab dich lieb ...“

„Sag’: Gaston!“

„... Gaston ...“

Da nahm er sie in die Arme und küßte ihr die Tränen aus den Augen.

Acht Wochen später gingen die Verlobungsanzeigen ins Land.

Wilhelms waren nun längst wieder in Berlin, Omama und Helene mit ihnen.

Man hatte sich etwas stark einschachteln müssen in der Wohnung. Helene

mußte mit der Mutter ein Zimmer teilen; der Flügel war in Wilhelms

Arbeitszimmer untergebracht worden. Eng war es, aber Martha wußte für

alles Rat. Sie freute sich der Omama wie eines lieben Vermächtnisses,

betreute und verhätschelte sie und wurde nur, dann und wann, ein

wenig ungnädig, wenn sie die Jungens gar zu sehr verzog, ihnen zur

unrechten Stunde eines ihrer unzähligen Hausmittelchen eindoktern

wollte, oder wenn Omama sich an ihrer Nähmaschine zu tun machte. Denn

diese Nähmaschine, die ihr Wilhelm kürzlich geschenkt hatte, war ihr

etwas wie ein Heiligtum. Sie kostete freilich auch fast genau hundert

Taler, und alle bekannten Damen kamen, um das neue Wunder anzustaunen,

das die Singer-Kompanie gerade erst in Preußen einzuführen begonnen

hatte. Omama konnte wohl ein Viertelstündchen dem Spiel des blanken

Schiffchens zusehen; dann aber ging sie meist, kopfschüttelnd, zu

ihrem Sorgenstuhl an das andere Fenster und schaute auf den Platz vor

der Halleschen Brücke hinaus; wenn dort zwei Omnibusse hielten, drei

Torwagen ihres Wegs zogen und ein halbes Dutzend Menschlein hasteten,

dann sagte sie: „Liebes Kind, welch eine Cohue! Welch eine Cohue!“ Und

sie schüttelte dabei die ewig kohlschwarzen, an jedem Morgen mit dem

Tolleisen gebrannten Locken, die zu zwei und zwei rechts und links an

ihren Schläfen wie Perpendikel hin und her schwangen.

* *

*

Einige Tage nach der Ankunft in Berlin war der alte Herr von Merivaux

gekommen, um die Braut seines Sohnes zu begrüßen. Ein stattlicher,

vornehmer Herr, mit einem rosigen Gesicht, langem, weißem Schnurrbart

und weißem Henriquatre; im Knopfloch seines schwarzen Gehrocks trug er

ostentativ das Bändchen des Roten Adlerordens.

Er war herzlich zu Helene, ein wenig zurückhaltend Wilhelms gegenüber.

Helene hatte die Empfindung, als ob er bisweilen seine Augen etwas

erstaunt, etwas enttäuscht über die einfache Einrichtung schweifen

ließe, und sie straffte sofort den Nacken: sollte ich ihm vielleicht

nicht gut genug sein, hat er eine reiche Schwiegertochter erwartet?

Aber sie mußte bald erkennen, daß sie sich getäuscht hatte. Der alte

Herr entwickelte eine herzgewinnende natürliche Liebenswürdigkeit.

Er sagte ihr die reizendsten Artigkeiten, erklärte, daß er sehr

erfreut wäre, eine preußische Aristokratin, eine Tochter aus so alter

märkischer Familie, zur Schwiegertochter zu erhalten -- fügte lächelnd

hinzu: „Daß mein neues Töchterchen +so+ schön ist, konnte ich

freilich trotz Gastons Enthusiasmus nicht ahnen.“ Und dann kam die

Frage, die sie gefürchtet hatte. Wieder mit einem leichten Lächeln:

„Junge Leute haben es immer eilig, und sie haben recht. Man kann nicht

früh genug ganz glücklich werden. So darf ich gewiß fragen, ob Sie

schon den Termin der Hochzeit festgesetzt haben?“

Sie schöpfte tief Atem. „Keinesfalls -- vor Ablauf des Trauerjahres“,

sprach sie dann rasch und entschieden. Im gleichen Augenblick sah

sie, wie Gaston errötete, daß Wilhelm, der der französisch geführten

Unterhaltung nur mühsam folgen konnte, wie abwehrend die Hand hob.

Aber da verbeugte der alte Herr sich schon gegen sie: „Pardon ...

ich muß wirklich sehr um Verzeihung bitten. Ihr Entschluß ehrt Ihre

Gesinnung, liebe Tochter. Eine gute Tochter wird stets auch eine gute

Frau. Sie haben durchaus recht. Gaston wird sich bescheiden müssen, so

schwer das seiner Liebe gewiß ist.“

Auf märkischer Erde · 第 45 / 62 题