„Ich denke gar nicht klein von dir. Es wäre ja nur natürlich, wenn du
mich dann nicht mehr liebtest.“
„Nein: es wäre sehr unnatürlich, Helene. Um der Wahrheit die Ehre zu
geben: vielleicht würde ich mich in Helene Hackentin nicht verliebt
haben, wenn sie nicht so wunderschön wäre. Aber verliebt sein und
lieben ist doch zweierlei. Jetzt liebe ich dich! Und wahrhaftig: ich
liebe doch nicht nur deine Schönheit, ich liebe dich um all deiner
Eigenschaften willen. Ich lieb deine Stimme, ich lieb dein Herz und
deine Seele, ich lieb dich, wenn du sonnig dreinschaust, und ich lieb
dich, wenn die Schatten über deinen schönen Augen liegen. Glaub’ es mir
nur: und wenn du heut häßlich würdest wie die Nacht, ich würde dich
lieben, lieben -- lieben!“
Er hatte seinen Arm um sie gelegt, er zog sie sanft an sich, enger
dann, immer fester. Ihren Kopf bog er sacht zu sich, bis ihr Widerstand
nachgab: „Ich liebe dich! Deine Seele liebe ich!“ Und er küßte sie auf
die geschlossenen Lider, er küßte die geschlossenen Lippen. -- --
Das waren wieder Augenblicke, in denen es in ihr Herz einzog, wie
träumendes Glücksempfinden: „Ich werde ihn lieben ... ich liebe ihn
schon ... vielleicht ... vielleicht lieb ich ihn wirklich ...“
Dann folgten Stunden, Tage, in denen sie ruhiger wurde, glauben lernte,
sich zurecht fand, sich zwang und besiegte. Um das Weihnachtsfest spann
sich solche Zeit freieren, froheren Aufatmens für sie. Ein wohliges
Gefühl des Zusammengehörens überkam sie, eigentlich zum ersten Male.
Sie gingen miteinander durch die menschenüberfüllten Straßen, ihre
kleinen Einkäufe zu besorgen. Mit den frohlockenden Jungens zogen
sie im rieselnden Schnee auf den Weihnachtsmarkt, der rund um das
alte Zollernschloß an der Spree aufgebaut war, traktierten sie bei
Josty an der Stechbahn, dem großen Süßigkeitsmann, mit Schokolade und
Pfannkuchen; Helene erzählte von Onkel Grucker und Tante Hufnagel, und
Gaston erzählte, wie er in Berlin erst den Christbaum kennen gelernt
und deutsches Weihnachten. Gemeinsam mit Martha schmückten sie die
Tanne. Dann kam der heilige Abend selber mit seinem heimeligen Zauber,
mit Fichtennadelduft und Kerzenweihrauch. So liebevoll hatte Gaston an
sie und an alle gedacht, so herzlich freute er sich über ihre kleinen
Gaben. Von einem zum andern ging er, küßte der Omama die Hand, ließ
sich von ihr streicheln, wie ein Kind; stand dann mit der Braut unter
dem leuchtenden Christbaum, sah sie mit seinen blauen zärtlichen Augen
an, fragte leise, bittend: „Hast du mich lieb?“ Da drückte sie ihm die
Hand und sagte hochaufatmend: „Ich hab dich lieb, Gaston.“ Sagte es,
wie befreit, und war gewiß, daß sie die Wahrheit sprach.
Durch die ganze frohe Festzeit hielt die schöne Stimmung an. Am
Silvesterabend hatte Wilhelm nach den polnischen Karpfen einen Punsch
gebraut. Rechte Fröhlichkeit wollte freilich nicht aufkommen; eine
leise Wehmut lag auf dem kleinen Kreise, die Erinnerung an Vater, der
am letzten Abend des Jahres immer seine kleinen Scherze getrieben
hatte mit Schiffchenschwimmen und Bleigießen und groß gewesen war im
Ausdeuten mit seinem „das heißt“. Unwillkürlich knüpfte sich manch
anderer Rückblick auf das schwindende Jahr an. Wilhelm stöhnte ein
wenig: es war geschäftlich ein schlechtes Jahr gewesen; der Zwist
zwischen Regierung und Abgeordnetenhaus wollte nicht enden, und
haarscharf nur war Preußen am Zerwürfnis mit seinem Bundesgenossen
von Schleswig-Holstein her, mit Österreich, vorübergekommen. „Wie
Blei lastet die Politik auf jeder Unternehmungslust“, meinte er. „Wer
mag denn sein Geld riskieren, wenn vielleicht schon die nächsten
Monate Krieg bringen können. Krieg mit Österreich -- es ist gar nicht
auszudenken. Wenn Vater das erlebt hätte, der immer auf Österreich
geschworen hat!“
„Wir Soldaten -- wir sehnen natürlich solch frischen fröhlichen Krieg
herbei“, warf Gaston dazwischen.
Da schrak Helene zusammen: „Sag’ das nicht!“ bat sie leise. „Sag’ das
nicht!“
„Ich wär ein schlechter Soldat, wollt’ ich’s nicht sagen. Als
Offizier Seiner Majestät ... nun ja, und es regt sich wohl auch das
Landsknechtsblut meiner Ahnen. Damit mußt du dich schon abfinden,
Helene.“
„Krieg -- es ist etwas Schreckliches um den Krieg.“
Omama saß am anderen Ende des Tisches, hatte ein kleines Nickerchen
gemacht, aber die letzten Worte doch verstanden: „Kind,“ sagte sie, „es
kann auch etwas Heiliges sein. Anno achtzehnhundertdreizehn ... ja ...
und da haben die armen Frauen, die nichts anderes hatten, ihre goldenen
Trauringe gegen eiserne vertauscht ...“
„Leicht würde unser allergnädigster Herr gewiß den Mobilmachungsbefehl
nicht unterschreiben“, meinte Wilhelm. „Krieg gegen Österreich -- und
mit Österreich vielleicht ganz Deutschland gegen uns ... es bleibt ein
Wagnis. Ich hoffe immer noch, Bismarck findet einen anderen Ausweg,
obwohl oft behauptet wird, er triebe uns dem Kriege zu.“
„... ja ... und Fräulein von Schmettau ließ sich ihr schönes Haar
abschneiden ... hat’s an den Coiffeur verkauft und das Geld fürs
Vaterland hingegeben ...“
„Daß der Herr von Bismarck den Krieg will, glaube ich nicht. Aber er
weiß wohl, daß der Krieg oft eine Notwendigkeit ist, um aus verrotteten
Zuständen herauszukommen, und er kennt keine Furcht. Solche Politik
treibt er sicher nicht, wie die, die uns arme treue Neuchateller elend
im Stich ließ.“
„... ja ... und da hielt ich das kleine Bändchen von Körner in der Hand
... ‚Leyer und Schwert‘ stand darauf ...“
Ganz still saß Helene.
Sie dachte eigentlich nicht an Gaston, daß der mit hinausziehen
müßte ins Feld. Es war nur eine unklare, unheimliche Angst in ihr.
Harro tauchte vor ihr auf, wie sie ihn zuletzt gesehen hatte: die
Primanermütze keck auf dem lockigen Blondhaar. Und Tante Marianne in
den schwarzen Trauerkleidern, mit dem blassen Gesicht, das kleiner und
immer kleiner zu werden schien. Wie unzählige trauerten gleich ihr, und
wie kurz war der Feldzug gegen Dänemark gewesen, wie gewaltig mußte ein
Krieg gegen das mächtige Österreich werden. Wie gewaltig, wie blutig.
Plötzlich brausten von der Straße her die lauten Neujahrsrufe. Die
Glocken klangen.
„Auf ein glückliches neues Jahr!“ rief Wilhelm. Merivaux stand vor
seiner Braut, sah ihr in die Augen. „Ein glückliches neues Jahr,
’elene,“ sagte auch er, und sie wußte, wie er das meinte und verstand.
Beide Hände streckte sie ihm hin: „Viel Glück wünsch ich dir, Gaston --
all das reiche Glück, das du verdienst!“
Da kamen auch schon die Jungens hereingesprungen, halb angezogen nur,
trotz des Verbots. Thede brüllte sein „Prosit Neujahr!“, Hans ging
reihherum, seinen Glückwunsch zu sagen. Ganz zuletzt kam er zu Helene
und Merivaux, machte ein etwas verlegenes Gesicht und einen etwas
linkischen Kratzfuß und begann:
„Das alte Jahr ist nun verschwunden,
In dem ihr beide euch gefunden.
+Du+ kamst aus stolzem Bergesland,
+Du+ stammtest aus dem märkischen Sand:
Es gibt der Berg und Talesgrund
Ganz sicher einen guten Bund!“
„Hallo!“ rief Wilhelm lachend. „Das sind ja Verse -- es reimt sich
wenigstens.“
Hans wurde rot wie ein Puter, aber er fuhr tapfer fort:
„So lang ihr lebt, wird dieses Jahr
Euch immer scheinen wunderbar.
Und seid ihr alt wie Omama,
Sagt sicher ihr: wie schön war’s da!
Doch wünschen wir, die hier vereint,
Daß euch die Sonn’ noch heller scheint,
Daß ihr seid wieder übers Jahr
Ein glückumstrahltes Ehepaar!“
„Der Junge, der Junge!“ Wilhelm hatte sich in einen Sessel fallen
lassen und klatschte in die Hände: „Was sagst du dazu, Martha? Na,
Mamachen, das hat er sicher von dir!“
Gaston hatte Hans rechts und links einen festen Kuß auf die roten
Wangen gedrückt. Er war gerührt und wiederholte immer aufs neue:
„Scharmant -- scharmant! Nicht wahr, Helene? Scharmant: ‚Daß ihr seid
übers Jahr -- ein glückumstrahltes Ehepaar.‘“
„Ja, Gaston“, sagte Helene leise. Und nahm Hansens Kopf zwischen ihre
beiden Hände: „Du guter Junge ... ich danke dir ...“
Omama hatte, während Hans sein Poem deklamierte, aufgemerkt, und, die
Lippen bewegend, still mitskandiert; einmal den Kopf geschüttelt, dann
so lebhaft zustimmend genickt, daß die schwarzen Schläfenlocken weit
vornüberfielen. Nun wollte sie aufstehen. Martha sprang hinzu, stützte
sie. So ging sie langsam um den Tisch herum, legte dem Enkel ihre Hand
auf den Scheitel, machte vor dem Brautpaar einen kleinen graziösen
Knix, und es schien, als wollte auch sie irgendein eigenes Verslein
sprechen. Aber sie fand wohl die Worte nicht, murmelte ein Weniges, was
niemand recht verstehen konnte, und sagte dann endlich: „Ja ... ja ...
ihr Kinder ... übers Jahr ... ein glückumstrahltes Ehepaar ...“ -- --
Am Neujahrstag war Helene in der Garnisonkirche gewesen, auf Merivaux’
besonderen Wunsch, denn sonst ging sie meist mit Martha zu Büchsel in
die Matthäikirche. Aber Gaston wollte, daß sie einmal Strauß predigen
hören sollte -- und Gaston selber war heut in die Garnisonkirche
kommandiert. Sie hatten sich freilich nur flüchtig begrüßen können.
Aber er hatte ihr doch nach dem Gottesdienst vor der Tür die Hand
geküßt, und sie hatte ihm dann noch nachgeschaut, während er seine
Gardeschützen die Alte Friedrichstraße heraufführte, zurück zur Kaserne.
So herrlich hatte Strauß gesprochen. Über die Unruhe der Zeit und den
Frieden im eigenen Herzen. Der alte König hatte in der Loge gesessen,
mitten unter seinen Kriegern, ehrwürdig und sichtlich ergriffen.
An die Predigt dachte Helene und an den königlichen Greis, während
sie langsam über die Spreebrücke schritt, am Museum vorbei, durch den
Lustgarten. An die Unruhe der Zeit und den inneren Frieden, den Frieden
des Herzens. Auch ihre Zeit war voll Unruhe gewesen, aber nun zog
allmählich der Friede in ihr Herz. „Wir müssen um ihn kämpfen, auf daß
er uns gegeben werde!“ hatte der Prediger gesagt. Auch sie hatte um ihn
gerungen, nach ihren Kräften, und nun fühlte sie ihn in ihrer Brust.
Nicht freilich als ein berauschendes Glück. Aber der Friede nach dem
Kampf war wohl nimmer solch ein ganzes, volles Glück, denn das Weh der
Kämpfe mußte noch lange, lange nachklingen. Und doch ein Glück! Eine
wohlige Ruhe, ein friedvoller Ausblick aus der Gegenwart in die Zukunft
-- das war es!
Über die Schloßbrücke ging Helene, am Kronprinzenpalais und dem
Opernhaus vorüber; blieb ein paar Augenblicke am Denkmal des Großen
Friedrich stehen, sah zu dem Eckfenster des Palais empor, an dem sich,
wie sie gehört hatte, der König häufig zeigte, wenn die Wache aufzog.
Aber es war wohl noch zu früh. Langsam ging sie weiter, die Linden
entlang.
Gerade wollte sie die Charlottenstraße überschreiten, da erschrak sie
heftig. Es war wie ein Schlag. Das Herzblut stand ihr still ...
Drüben, vom Gendarmenmarkt her, kam ein Paar.
Eine elegante, nein -- eine aufgeputzte Dame, sehr groß, sehr robust,
mit flatternden Hutbändern um das volle Gesicht, das gewiß einst schön
gewesen war --