Wieder sagte sie: „Ich hätte doch mehr Vertrauen zu Vater haben sollen.“

„Wenn Kinder groß werden, Helene, so gehen sie ihre eigenen Wege. Das

ist nicht anders in der Welt und so vom lieben Gott gefügt. Es ist

nicht nötig, daß sie dann jedesmal zu den Eltern kommen und fragen: bin

ich auf dem rechten Pfad. Die Hauptsache ist, daß es vor ihrem eigenen

Gewissen der rechte Weg ist.“

Schweigend gingen sie ein Stück weiter, wandten sich und schritten

langsam zurück. Da begann Heckstein wieder: „Der Rackower war gestern

bei mir, Helene. Deinetwegen. Du weißt schon, weshalb?“

„Ja, Onkel Pastor“, gab sie leise zurück.

„Es ist jetzt eigentlich nicht die Stunde, um dir Glück zu wünschen,

mein Töchterchen. Aber ich denke, ich kann’s doch. Gerade in Vaters

Sinn, denn er hat sich nichts sehnlicher für dich ersehnt, als einen

guten braven Mann. Daß er’s erlebt hätte! Du hast ihn gewiß sehr lieb,

deinen Neuchateller!“

Da blieb Helene stehen. Sie sah zu Boden. Zwischen ihren Brauen grub

sich die kleine schmale Falte ein.

„Onkel Heckstein --“ sagte sie dann zögernd. „Ich weiß es nicht --“

„Aber, liebe Helene!“

In diesen letzten zwei Tagen war die Erinnerung an Merivaux, die

Erinnerung an jene flüchtigen Minuten im Rackower Park wohl bisweilen

durch ihren Sinn geglitten. Aber sie hatte das abgewehrt, wie sie sich

ihm selber entzogen hatte. Nicht einmal abgewehrt vielleicht; es war

aufgetaucht und untergegangen in ihrem leidenschaftlichen Schmerz, wie

einzelne Regentropfen in einem Seespiegel verschwinden, ohne Spuren zu

hinterlassen.

„Aber, Helene!“ wiederholte Heckstein.

Da richtete sie den Kopf hoch und sah ihn an. Ganz tief eingeschnitten

stand die Falte zwischen den Brauen in dem gequälten, übernächtigten

Gesicht. Aber in ihrer müden Stimme lag doch etwas wie Trotz.

„Ich weiß es wirklich nicht“, sagte sie noch einmal. „Laßt mir Zeit.“

Und sie schluchzte kurz auf. Nur einmal. Dann kämpfte sie es herunter,

griff nach den beiden Händen Hecksteins, drückte sie krampfhaft: „Dank,

Onkel Pastor. Du hast mir doch wohlgetan! Dank!“

*

Das märkische Kirchlein, der kleine Friedhof hatte eine solche

Trauerversammlung noch nicht aufgenommen. Nun erst erwies es sich,

wieviel Liebe der alte Rittmeister, der schlichte Mann, im ganzen

Kreise und darüber hinaus besessen hatte. Heckstein hatte recht, wenn

er in seiner einfachen Rede betonte: er ist heimgegangen zum ewigen

Frieden und hinterläßt auf Erden keinen Feind.

Von weit her kam der Landadel. Aber es kamen auch die Bauern und

Kossäten aus den nächsten Dörfern mit Weib und Kind. An diesem Tage

ließen sie die Arbeit allenthalben ruhen, um dem Herrn auf Rohlbeck

die letzte Ehre zu erweisen. Und aus den kleinen Städten kam von den

Beamten und den Gewerbetreibenden, wer immer mit den Hackentins in

Verbindung gestanden hatte.

In der Mitte der Kirche stand, von dem reichen Segen der sommerlichen

Gärten verhüllt, der schwarze Sarg. Obenauf lagen die wenigen Orden.

Die kostbarsten obenan: das Eiserne Kreuz und das russische St.

Georgskreuz, das Hackentin sich bei Kulm Anno dreizehn erkämpft hatte.

Kurz und kernig sprach der Pfarrer, die eigene Ergriffenheit

niederringend, vom Altar aus. Er zeichnete das Charakterbild des

Verewigten: ein rechter und echter märkischer Edelmann, getreu seinem

König, treu der Scholle, die ihn trug; herzensgut und hilfsbereit, ein

guter Gatte, ein guter Vater, ein guter Patron, seinen Leuten allezeit

ein guter Herr; tapfer im Kriege, bescheiden im Frieden. Gott vor Augen

und im Herzen. „Manche werden vielleicht sagen und sprechen: es war

kein reiches Leben. Die Toren! Gewiß, es war kein Leben, erfüllt mit

äußeren Ehren. Es war kein Leben, emporgetragen durch großes Streben.

Es war kein Leben voll Prunk und Glanz. Klein war der Kreis, in dem

er wirkte, er, den ich durch nun fünfunddreißig Jahre meinen liebsten

Freund nennen durfte. Aber er füllte diesen engen kleinen Kreis durch

die Liebe seines großen, grundgütigen Herzens. Darum trauern wir alle

so tief um ihn, darum will uns die Lücke, die Gottes unerforschlicher

Ratschluß riß, als nimmer ausfüllbar erscheinen. Ich sage euch: es

war ein reiches, gesegnetes Leben, und in reichem Segen bleibt uns

sein Gedächtnis. Unser Herr und Gott, der dem lieben Verewigten dies

Leben schenkte bis in das Greisenalter hinein, ohne daß des Alters

Beschwerden an ihn herantraten, gab ihm auch einen gnädigen schnellen

Tod sonder Schmerzen, und er hat ihn in Gnaden aufgenommen in sein

himmlisches Reich. Amen.“

Die Orgel setzte ein. Und über den heut hundertstimmigen Chor hinaus

sang die Tochter dem Vater das Lied von Ernst Moritz Arndt, das er sich

schon vor Jahren von seinem Freunde Heckstein für diesen Tag erbeten

hatte:

„Geht nun hin und grabt mein Grab,

Denn ich bin des Wanderns müde.

Von der Erde schied ich ab,

Denn mir ruft des Himmels Friede,

Denn mir ruft die süße Ruh’

Von den Engeln droben zu --“

Dann segnete der Pfarrer den Sarg ein. Sechs alte Soldaten, märkische

Bauern, trugen ihn hinaus unter den breitästigen Maulbeerbaum, der

einst auf Befehl Friedrichs des Einzigen gepflanzt worden war,

hinaus zu der langen Reihe der Gräber, die sich um das kleine uralte

Erbbegräbnis scharten.

Nur wenige Worte konnte Heckstein hier sprechen. Dann brach ihm, der

sich so tapfer gehalten, die Stimme. Langsam sank der Sarg in die Gruft.

Wie eine schwarze Mauer stand dichtgedrängt die Masse der

Leidtragenden. Ein kurzes Schluchzen, ein verhaltenes Weinen und wieder

tiefe, tiefe, ehrfurchtsvolle Stille.

Als Erste dann wankte die gebeugte Greisin am Arm des ältesten Sohnes

an das offene Grab, warf drei Hände Heimaterde in die Gruft. Und sie

folgten alle -- alle -- zum letzten Abschiedsgruß.

Bis dann die Landwehrmänner, einer noch mit dem Kreuz von Eisen, drei

mit dem Düppelkreuz auf den langen schwarzen Bauernröcken, herantraten,

die Jagdflinte in der Hand, und dem Kameraden die drei Ehrensalven über

das Grab schossen.

Als die letzte Salve verhallt war, sprach Graf Grucker, der neben dem

Pfarrer stand und ihm liebevoll die Hand gereicht hatte: „Mir ist’s,

als hätten wir mit unserem guten Hackentin die alte Zeit begraben. Nun

kommt wohl eine neue herauf. Daß sie nur gut wird -- meine Hochachtung

-- die neue Zeit!“

Auf märkischer Erde · 第 42 / 62 题