Zehntes Kapitel

Als Helene nach Rohlbeck kam, war Vater bereits seit zwei Stunden

verschieden. Ohne schweren Todeskampf war der alte Rittmeister

hinübergegangen zu den ewigen Heerscharen. Martha führte die Schwägerin

zu ihm. Er lag wie ein Schlafender auf seinem schmalen Bett. Auf dem

Nachttisch standen zwei Lichter. Das Fenster des Sterbezimmers war

geöffnet, nach altem märkischem Brauch. Die Kerzenflammen flackerten

leicht in der Zugluft, und der wechselnde Reflex gab dem stillen

Greisengesicht dann und wann den Schein des Lebens.

Helene warf sich am Bett auf die Knie, griff nach Vaters Hand, schrie

auf, drückte den Kopf neben Vaters Haupt in das Kissen, schluchzte

und weinte. Sie wollte nicht glauben, daß Vater tot wäre. Sie konnte

überhaupt keinen Gedanken fassen. Zum erstenmal in ihrem Leben stand

das große ewige Rätsel des Vergehens vor ihr, und ihr war’s, als müßten

ihr Schmerz und ihr Flehen den Vater erwecken können, als müßte Gott

sich erbarmen und ein Wunder tun.

Nicht fassen und nicht begreifen konnte sie auch dann, als Martha sie

mit sanfter Gewalt emporhob, als der alte Heckstein kam und, selber mit

tränenden Augen, tief ergriffen, ihr milden Trost zuzusprechen suchte.

Nicht fassen und nicht begreifen konnte ihre leidenschaftliche Seele,

daß es einen Trost geben sollte für solchen Schmerz. Nicht fassen und

nicht begreifen auch, wie ruhig und still die anderen waren. Mutter

sogar. Die saß zwar am Fußende des Bettes, weinte dann und wann leise

vor sich hin, aber sie fand doch Worte. Worte! Fragte, ob Wilhelm

und Fritz benachrichtigt wären, ob das Läuten schon bestellt sei.

Und Martha schaltete und waltete, dachte an alles, wollte Helene gar

nachher drüben an den Kaffeetisch zwingen. Gott im Himmel! Hatten sie

alle denn Vater so wenig lieb gehabt?

Die Jungens standen scheu, verstört, mit roten Augen. Sie riß sie an

sich -- die mußten doch mit ihr fühlen! Ja, die Tränen saßen ihnen

locker. Aber nachher schlichen sie auf den Zehenspitzen zu ihren

Kaffeetassen. Und drüben lag Vater, Großvater, der sie so sehr geliebt

hatte!

„Martha! Martha, wie ist es denn nur möglich! Wie ist’s denn nur

gekommen?“

„Du mußt ruhiger sein, Lene. Ehre Gottes Willen! Er hat unserem lieben

Vater doch ein so langes Leben und einen so sanften Tod geschenkt!“

„Vater war so rüstig! Vater hätte noch zehn, zwanzig Jahre leben

können. Martha, wie ist es gekommen?“

Da sagte es Martha.

Vater war ganz munter gewesen, hatte noch mit beiden Jungens selber die

Posttasche geholt. Dann hatten sie um den runden Tisch gesessen, Vater

bei der Zeitung --

Martha stockte ein wenig. Aber es war nur wie ein zögerndes Atemholen.

„Vater hat sich vielleicht über etwas in der Zeitung geärgert, hat auch

geschimpft. Aber dann ist er aufgestanden und ist auf und ab gegangen

-- du weißt ja, wie alle Tage. Mutter hatte die Familiennachrichten

vor sich. Ich häkelte. Siehst du -- und da kommt Vater mit einem

Male zu Mamachen, beugt sich ein wenig über sie und sagt: ‚Ich weiß

nicht, Elisabeth, ich weiß nicht, mir ist so komisch, das heißt --‘

und da fällt er auch schon vornüber. Grad, daß ich ihn noch auffangen

konnte. Wir haben ihn gleich zu Bett gebracht. Der Hans ist zum

Pastor gelaufen. Vater hat noch ein paar undeutliche Worte gesprochen,

lag dann still. Da schrieb ich schnell an dich und hab an Wilhelm

depeschiert und einen reitenden Boten nach Stellberg geschickt zu Fritz

und zum Doktor --“

„Ja -- ja -- du hast an alles gedacht!“

„Das mußte ich doch, Helene. Wer sollte es denn sonst? Und dann ist

Papa sanft hinübergeschlafen. Ich war zuletzt allein bei ihm und hab

ihm die Lider zugedrückt.“

Helene hatte keine Träne mehr. Heiß brannten ihre Augen, aber der

Tränenquell war versiegt. Sie starrte vor sich hin. Ja, sie waren alle

so ruhig, waren alle so überlegt, so gefaßt. Als ob nur gerade ein

Licht ausgelöscht wäre. Als ob nicht eine Lücke gerissen wäre in ihrer

aller Leben, die sich nie, nie wieder füllen konnte. Nie -- nie --

nie --

In den nächsten Tagen, bis zur Beerdigung, ging sie umher wie eine

Träumende. Und nur wie durch einen Schleier sah sie alles, was um sie

her geschah.

Die Brüder kamen, standen mit gefalteten Händen an Vaters Bahre, hatten

Tränen in den Augen, sprachen leise und gedämpft, saßen beieinander,

küßten Mutter, beredeten allerlei mit Martha und Heckstein und Flehr.

Martha brachte ein Trauerkleid: „Helene, du mußt verständig sein. Man

darf sich auch dem tiefsten Schmerz nicht so leidenschaftlich hingeben.“

Onkel Ernst kam und mit ihm Merivaux. Er drückte ihr die Hände, sprach

sanft und lieb, wollte sie küssen. Sie schrak zusammen und entwand sich

ihm. Sah ihn an fast wie einen Fremden, neigte dann den Kopf, ließ es

sich gefallen, daß er ihre Hände hielt --

Sie sah einen Wagen vorfahren, sah, wie der schwarze, florbespannte

Sarg heruntergehoben wurde, und lief hinauf in ihr Zimmerchen, lief in

dem hin und her, von einer Wand zur anderen, wohl eine Stunde lang.

So fand sie Wilhelm. Er fragte, ob sie denn Vater nicht noch einmal

sehen wollte, ehe der Sarg geschlossen würde.

‚... ehe der Sarg geschlossen wird ...‘, klang es in ihr nach. Schrill

und schneidend. Aber sie nickte, und da nahm sie der Bruder unter den

Arm, stützte sie, sagte auch wie Martha: „Helene, du mußt verständig

sein. Wir trauern doch alle um unseren guten Papa. Aber das Leben

fordert seine Rechte. Man muß darüber hinfortzukommen suchen, und wenn

es noch so schwer ist.“

Sie nickte wieder, aber verstanden hatte sie kaum, was Wilhelm sagte.

Dann, als sie draußen an der Treppe standen, begann er noch einmal,

leise: „Sei gut zu Fritz. Der trägt’s am schwersten.“

Verständnislos sah sie ihn an, bewegte die Lippen. Er mochte es für

eine Frage nehmen.

„Nun -- er muß doch denken, daß Vater sich so aufgeregt hat, weil er

sich bei der Ersatzwahl für den Kreis als fortschrittlicher Kandidat

hat aufstellen lassen. Das hat Vater zuletzt in der Zeitung gelesen.

Sei gut zu dem armen Fritz --“

Sie hauchte ein Ja, aber recht verstanden hatte sie das auch nicht.

Vater! Vater! Sie haben ja alle nichts als Worte.

Und dann stand sie am offenen Sarge. Wie versteint zuerst. Sah auf das

stille Greisengesicht, das ganz klein geworden schien, sah auf die

weißen Locken, sah auf die wachsweißen Hände, zwischen die Martha ein

Kreuzchen und einen kleinen Strauß blauer Vergißmeinnicht gelegt hatte.

Sah dann langsam im Kreise herum, auf die Ihren, die um den Sarg

standen. Und sie sah zum ersten Male in all den Gesichtern den heiligen

Ernst und den tiefen Schmerz, erkannte zum erstenmal, daß sie alle von

der selben Trauer erfüllt waren, wie sie.

Ganz sacht ging sie zur Mutter hinüber, legte den Arm um ihre Schulter,

küßte ihre Stirn. Trat an den Sarg -- und da endlich kamen die Tränen.

Sie lösten sich sanft, und sie konnte leise ein stilles Gebet sprechen.

Auch Heckstein stand am Sarge seines alten Freundes.

Als sie hinausgingen, lag Diana vor der Tür und winselte. Der Pfarrer

beugte sich und klopfte dem Tier leise auf den Kopf, fast zärtlich:

„Da reden die klugen dummen Menschen von der unverständigen Kreatur“,

meinte er wehmütig und streichelte den Hund. „Kusch, Diana. Er hat dich

auch lieb gehabt.“

Dann schob er seine Hand unter Helenes Arm: „Komm, Kind, wir wollen

einmal durch den Garten gehen.“

Schweigend gingen sie bis zu den großen Kastanien, unter deren Schatten

er mit dem alten Rittmeister so oft gewandelt war. Da bog er ein,

drückte Helenes Arm: „Kind, sie haben mir erzählt, daß du wie von

Sinnen bist. Das ist nicht recht von dir. Sieh mal, ich will dir nicht

mit billigen Trostworten kommen und auch nicht mit Vorwürfen. Aber

ich hab dich getauft und konfirmiert, da hab ich schon ein Recht, mit

dir ein paar ernste Worte zu sprechen. Die Juden stellten Klageweiber

an und zerrissen ihr Gewand und streuten Asche auf ihre Häupter. Wir

Christen müssen und sollen den Tod anders anschauen. Er darf keinen

Schrecken für uns haben. Uns ist er ja nichts als der Übergang aus der

Weltlichkeit in die Ewigkeit. Und was könnten wir Schöneres wissen von

einem geliebten Toten, denn: ihm ist wohl.“

Sie schritt neben ihm, mit tief gesenktem Kopf.

„Ich kenne dich ja, Helene“, sprach er weiter. „So warst du von klein

auf: immer kochte es bei dir über, in der Freude und im Schmerz. Das

Leben aber fordert ein Maßhalten. Du mußt dich beherrschen, auch grade

jetzt. Denk’ nur daran, Kind, daß dein guter Vater nun nicht mehr ist.

Denk’ mehr daran, wie lieb er dich gehabt hat. Ich kann’s dir sagen:

du warst sein besonderer Liebling. Noch in den letzten Tagen hat er

mit mir so manches über dich gesprochen, in Zärtlichkeit und auch in

Sorgen. Aber die Sorgen hab ich ihm ausgeredet, und dann leuchteten

seine schönen blauen Augen: ‚Mein Spätling!‘ sagte er.“

Ihre Hand bebte auf seinem Arm. „Onkel Pastor“, sagte sie ganz leise.

„Ich hab Vater ja so sehr, so sehr liebgehabt. Ich kann gar nicht

sagen, wie sehr. Aber nun quält mich der Vorwurf: ich bin nicht gut

genug gegen ihn gewesen, ich bin nicht dankbar genug gewesen, ich --

ich hab auch nicht das volle rechte Vertrauen zu ihm gehabt.“

„Kind, so mußt du nicht denken. Denk’ nur daran, daß du ihn liebgehabt

hast. Das ist genug und ist alles. Das andere: liebes Kind, es ist wohl

aller Eltern Los, daß ihnen ihre Liebe nie ganz vergolten wird. Ein

Kind +kann+ vielleicht Elternliebe und Elternsorgen nicht ganz

vergelten, denn beide sind zu groß und zu unendlich. Aber danach fragen

Elternherzen gar nicht. Die wollen nur wissen und fühlen, daß die

Kinder sie liebhaben und gut tun in ihrem Sinn.“

Auf märkischer Erde · 第 41 / 62 题