Die alten Herrschaften saßen allein auf Rohlbeck.
Wilhelm hatte gleich erklärt: jetzt müßte es ein Ende haben mit der
ewigen Trennung. Er sehne sich, Weib und Kind bei sich zu haben. Die
Jungens sollten auch aufs Gymnasium. Das letztere war vielleicht für
Martha das Ausschlaggebende. Denn sie schied schmerzenden Herzens von
der Scholle, die ihr so lieb geworden war, als hätte ihre eigene Wiege
darauf gestanden. Und sie fürchtete sich vor Berlin.
Helene war mit Wilhelms im Herbst übergesiedelt. Zuerst nur, um bei
dem Umzug und bei der Neueinrichtung zu helfen. Dann blieb sie, auf
Vaters ausdrücklichen Wunsch. Sie war so still und ohne rechte Frische
gewesen in all der letzten Zeit; seit der Nachricht von Harros Tode,
hätte man beinahe sagen können. Ein wunderliches Mädel, fand der alte
Rittmeister. Ja, ja doch, es war ja sehr traurig. Aber, du mein Gott,
der Junge hatte doch einen so herrlichen Tod gehabt, für König und
Vaterland. Und ohne Schmerzen, gleich dahin. Daß Lene das so naheging!
Das heißt, sie hatte wirklich immer an dem Harro gehangen, fast wie
eine Schwester. Aber nun das schmale, blasse Gesichtchen. Nun, sie
mußte mal ordentlich heraus. Sollte auch wieder Unterricht nehmen, daß
sie auf andere Gedanken käme. Nicht einen Ton hatte sie gesungen seit
dem letzten Male in der Kirche, wo Heckstein der toten Sieger gedachte.
Sie wollte nicht nach Berlin. Wollte nicht -- wollte auch die alten
Eltern nicht allein lassen. Da sprach der Rittmeister ein Machtwort.
„Und überhaupt, das heißt, so alt sind wir denn doch noch nicht! Das
bißchen Wirtschaften hier! Für immer und ewig brauchst du ja nicht
fortzubleiben, und wenn erst die Eisenbahn fertig ist, dann ist das ja
nur ein Katzensprung.“
Wilhelm hatte vor dem Halleschen Tor gemietet. In einem ganz neuen
Hause, das die spottsüchtigen Berliner „Neu-Amerika“ getauft hatten,
weil es so weit draußen lag und weil es so sehr groß war. Ein
Riesenkasten, aber schön gelegen. Von der Vorderfront sah man über die
Kanalbrücke auf den Belleallianceplatz mit der Rauchschen Viktoria;
die andere Front der Wohnung ging nach der breiten Bellealliancestraße
hinaus, und jenseits lag das große Rothersche Stift inmitten eines
gewaltigen Gartens. So hatte man doch den Blick auf grüne Bäume. Und
die Jungens jubelten: fast an jedem Morgen wurden sie durch lustige
Militärmusik mit Piefkes Düppelmarsch geweckt, und wenn sie dann ans
Fenster stürzten, dann sahen sie unten die langen, bunten Kolonnen, die
durch die Bellealliancestraße dem Kreuzberg zuzogen.
Martha lebte sich anfangs sehr schwer ein. Die Wohnung war gewiß für
Berliner Verhältnisse recht geräumig, aber sie empfand überall ihre
Enge gegenüber dem Rohlbecker Hause; litt überhaupt unter der Enge der
großen Stadt nach den langen Jahren des Landlebens, fand sich auch
nicht leicht in die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, hatte
für ihre emsigen Hände zu wenig zu tun. Aber sie war doch glücklich,
mit ihrem Manne vereint zu sein. Und allmählich gewöhnte sie sich
mehr und mehr, hatte ihr kleines Vergnügen an einem Bummel durch die
Leipziger Straße, suchte überall nach den billigsten Quellen und kam
jedesmal stolz vom Wochenmarkt auf dem Belleallianceplatz zurück;
besonders stolz, wenn sie in einem kleinen Preisdisput mit einem der
groben Marktweiber glorreich obgesiegt hatte. Allmählich gewann sie
Berlin fast lieb.
Auf Helene wirkte dies Berlin ganz anders als vor zwei Jahren. Sie
war gleichgültig geworden gegen die große Stadt. Es interessierte sie
nichts mehr, es reizte sie nichts mehr: nichts zum Staunen, nichts zur
Bewunderung, nichts zum Widerspruch. Und auch die Erinnerungen glitten
nun, wenn sie kamen, an ihr ab wie etwas Fremdgewordenes. Mit Ausnahme
der einen, um die der Tod frischen Lorbeer gewunden hatte.
Ihr erster Gang hatte der einsamen Insel gegolten. Sie fand die Tante
merkwürdig gefaßt. Ganz schmal und durchsichtig zart war das kleine
Gesicht unter der Trauerhaube, aber aufrecht und ruhig: „Der Herr hatte
ihn mir gegeben, der Herr hat ihn mir genommen,“ sagte sie fast wie
Hiob, „der Name des Herrn sei gelobt.“ Es lag etwas Tiefergreifendes in
ihrer Ergebenheit. In Helene lebte der Schmerz anders; sie hätte ihn
klagend gen Himmel schreien mögen.
In sein kleines Stübchen führte Tante Marianne sie. Da stand und lag
noch alles, wie er es verlassen. An dem letzten Tage vor dem Ausmarsch
war er noch darin gewesen.
Tante Marianne setzte sich vor seinen Schreibtisch, ließ die Bücher,
die auf dem Tisch lagen, langsam durch ihre Hände gleiten, rückte an
dem Tintenfaß. Helene hatte sich ein Korbsesselchen herangezogen,
stützte den Kopf in beide Hände und weinte. Sprechen konnte sie nicht.
Auch die Tante saß lange schweigend, nun mit gefalteten Händen auf der
Schreibmappe.
Dann sagte sie ganz langsam: „Er hat dich sehr lieb gehabt, Helene.
Mehr vielleicht, als er sollte. Ich hab das auch erst gemerkt, als du
fort warst.“
‚Mehr vielleicht, als er sollte.‘ Helene hörte eigentlich nur das.
Konnte man denn einen Menschen mehr liebhaben, als man sollte?
Aber sie durfte ja nicht mit der Mutter rechten. Und Tante Marianne
würde auch nimmer verstanden haben, wenn sie ihr von dieser reinen
und heißen Jünglingsliebe gesprochen hätte und von dem, was ihr Harro
gewesen und geworden war in der Zeit ihrer Not. Vielleicht meinte Tante
Marianne auch nur ‚Er hat dich sehr liebgehabt -- mehr als mich.‘
Nur eins mußte sie sagen. Und es mochte wohl wie ein Auftrotzen
klingen: „Ich hab ihn auch sehr liebgehabt.“ Wie ein Auftrotzen, und
war doch großer Schmerz.
Tante Marianne sah auf und senkte den Kopf wieder. Vielleicht hatte
sie auch das nicht recht verstanden, daß man jemand liebhaben kann in
reinster Freundschaft. Vielleicht lebte auch in ihren Gedanken ihr
Harro nur noch als Knabe; vielleicht hatte sie nie ganz begriffen, daß
aus dem Knaben ein Jüngling geworden war, mit all der Lust und all dem
Leid des Jünglingsherzens.
Sie stiegen wieder herunter und saßen im düsteren Wohnzimmer einander
gegenüber.
Die Tante fragte nach Rohlbeck, nach den Eltern, nach Wilhelms. Helene
gab Antwort. Und beider Gedanken waren doch nur bei ihm. Er stand für
sie drüben an der Tür, er saß für sie in der tiefen Fensternische, er
ging draußen vorüber unter den blühenden Kastanien.
Plötzlich sagte Tante Marianne, und nun klang doch der ganze Schmerz
des Mutterherzens durch all ihre Ergebung hindurch: „Warum mußte er
Soldat werden! Ich wollte es nicht. Fast auf den Knien hab ich ihn
gebeten --“
Und wieder saß Helene wortlos. Was sollte sie sagen? Auch das würde
Tante Marianne nicht verstehen: daß der Tod auf dem Schlachtfelde der
schönste Tod ist und daß mit Harro Hunderte und aber Hunderte, arm und
reich, hoch und gering, in den Tod gegangen waren -- mit Gott, für
König und Vaterland.
Mit Gott! Den Kopf hätte Tante Marianne geschüttelt: ‚Du sollst nicht
töten!‘
Und dabei fühlte sie, wie wieder der fragende, vorwurfsvolle Blick auf
ihr ruhte. Fast als ob er zu ihr spräche: Du bist schuld daran, daß er
so früh eintrat! Daß er ein Mann sein wollte, wo er noch ein Knabe war!
Es fröstelte sie in dem düsteren Zimmer.
Schwer stand sie auf. Küßte der Tante die Hand. „Ich muß nun wohl
gehen --“
Tante Marianne blieb auf dem steiflehnigen Sofa sitzen, sagte nur müde:
„Grüße Wilhelm und Martha.“
Aber dann plötzlich, als Helene schon an der Tür war, kam die Tante
hinter ihr drein, umschlang sie mit beiden Armen, drückte sie an sich
und rief unter Schluchzen: „Er hat dich so liebgehabt. Er hat dich ja
so liebgehabt!“
Und da weinten sie beide, Wange an Wange. Weinten um den, der in ihren
Herzen nie sterben würde: um den Knaben, um den Jüngling, um den jungen
Helden, der mit einem Lächeln in den Tod gegangen war.
Seitdem ging Helene häufig nach der einsamen Insel. Mehr und mehr
lernte sie Tante Marianne verstehen und schätzen. Auch lieben. Aber
diese Liebe rankte sich doch fast nur um die Erinnerung an Harro. Bei
allem Verstehen und aller Verehrung, auch in aller Zuneigung blieb
etwas Fremdes. Und manchmal dachte Helene: ‚Es ist nicht anders wie
in deinem Verhältnis zu Martha. Wir haben uns gefunden, und sind doch
nicht ganz eins geworden.‘
Bisweilen, wenn sie von der einsamen Insel kam, ging sie auch an der
kleinen Konditorei in der Bendlerstraße vorüber. Einmal stand sogar
das alte Kuchenfräulein vor der Tür und sah in den lachenden Frühling
hinaus, knixte und machte große Augen. Da grüßte Helene mit einem
leichten Kopfneigen und lächelte, indem sie weiterschritt. Wirklich,
sie konnte lächeln. Wunderte sich selber darüber, wie fern ihr nun
diese Episode lag, und daß sie ihr aus einem großen Erleben zu einer
Episode hatte werden können. Aber sie wußte auch: die emsige Arbeit
und ihre Kunst hatten das erste und vielleicht das Beste an ihr getan,
und doch nicht alles; es mußte die Zeit helfen, sie das Überwinden
zu lehren, und es mußte Harros Tod kommen, um das Überwinden zur Tat
werden zu lassen. Wie denn der eine Schmerz so oft den andern löst.
Monat auf Monat war verstrichen, und der Sommer stand schon vor
der Tür, da raffte sich Helene endlich auch zu dem Besuch bei Frau
Harriers-Wippern auf. Immer wieder hatte sie ihn hinausgeschoben. Nun
drängten Vaters Briefe; es drängte auch das eigene Gewissen. Denn sie
wußte, Mitte Juni ging die Sängerin meist in die Ferien.
Das Herz klopfte ihr doch, als sie die teppichbelegten Stufen zur
Wohnung hinaufstieg und die Klingel zog. Sie fühlte sich schuldbewußt
der gütigen Meisterin, schuldbewußt auch ihrer eigenen Kunst gegenüber.
Die Worte klangen in ihr auf, die die Lehrerin nach der ersten Prüfung
gesprochen hatte: von der Heiligkeit der Gabe, die ihr verliehen, und
wie man sie hegen und pflegen müsse. Sie aber kam ja eigentlich auch
jetzt nicht, um sich in ganzer Hingebung wieder der Kunst zu widmen.
Fast gezwungen kam sie, unlustig, wie sie in all diesen Wochen gewesen
war.
Sie mußte ein wenig warten. Es war alles wie früher. Unter den großen
Blattgewächsen saß sie im Salon, die wohlbekannten Bilder blickten von
den Wänden auf sie herab. Aus dem Zimmer nebenan klangen halblaute
Worte, dann einzelne Töne, eine Halbkadenz, ein paar Anschläge auf dem
Flügel. Wie sie das alles kannte! Frau Harriers sang mit halblauter
Stimme. Glockenhell aber. Nun die Schülerin. Hilf Himmel -- meine arme
Lehrerin! Solch eine Stümperei! Wie gequält, wie mühsam -- schlecht,
einfach schlecht. Was sollte das sein? Heiliger Mozart, wie man sich
so an dir versündigen kann! Wenn das unser alter, guter Kantor hören
müßte --
Seit Wochen, seit zwei Monaten hatte Helene nicht gesungen, keine Musik
gehört. Nun, ganz plötzlich, regte es sich wieder in ihr. Waren es
Erinnerungen, war’s die Atmosphäre dieses Hauses, waren es die Töne,
die, gedämpft durch Tür und Vorhang, zu ihr drangen? Das Blut wallte.
Sie sprang auf, hastete ein paar Male durch das Zimmer, blieb wieder
stehen, horchte, lauschte.
Dann ging die Tür. Ein schmächtiges junges Ding, elegant, im lichten
Sommerkleid mit ungeheuerlichen Pagodeärmeln, huschte vorüber. Aber
gleich hinter ihr trat Frau Harriers-Wippern in den Salon. Blieb an der
Schwelle stehen, schlug die Hände zusammen: „Fräulein von Hackentin!“
-- kam dann auf Helene zu, faßte sie um den Gürtel: „Sind Sie’s, oder
ist’s Ihr Geist?“ -- lachte ihr altes, helles Lachen: „Nein, ich
fühl’s, sie ist es selber, die Ungetreue, Ungetreueste! Die einzige
Ungetreue, der ich je nachtrauerte! Helene Hackentin! Wie ich mich
freue! Wie ich mich freue!“
Es stand ihr auf dem schönen Gesicht geschrieben, daß sie sich wirklich
freute. Das war nicht mehr die ernste, gemessene Lehrerin, als die
Helene sie kannte; fast übermütig war sie: „Da muß man sich nun mit
solch einer Demoiselle Stern quälen, die keine Stimme hat, kein Talent,
nicht einmal Gehör, nichts, nichts, als einen reichen Vater, muß sich
quälen und ärgern und läßt eine Helene Hackentin warten! Warum haben
Sie’s mich nicht wissen lassen, daß Sie’s sind -- hinausgeworfen hätt’
ich das Modepüppchen aus dem Tempel! Aber nun lassen Sie sich mal
ordentlich anschauen --“
Dann wurde sie doch ernst, las wohl in Helenens Zügen das Leid. Sie
schob die Hand vertraulich unter ihren Arm: „Kommen Sie fort aus
dieser kalten Pracht. Ich hab hinten, nach den Gärten hinaus, ein
Privatzimmerchen, in dem wir gemütlicher plaudern können.“
So saßen sie denn in dem kleinen Raum, in den die grünen Baumwipfel
hineinwinkten und durch dessen weitgeöffnetes Fenster die laue
Sommerluft wehte. Saßen nebeneinander auf der winzigen Couchette wie
zwei gute Freundinnen. Doch das Plaudern wollte nicht recht gelingen.
Luise Harriers mochte nicht fragen, und Helene Hackentin waren die
Lippen geschlossen. Auch in ihr war herzliche Freude über den Empfang.
Aber sie konnte doch nicht sprechen über das, was sie erlebt hatte,
von dem sie zu niemand gesprochen hatte, außer in den Stunden ihrer
größten Herzensangst zu Martha. Nur Harros Tod berührte sie kurz. Und
dann war da noch etwas, was ihr die Lippen schloß. Frau Harriers hatte
gleich anfangs gesagt, leichthin: „Sie waren ja wohl mit Alfred Schwarz
bekannt? Wissen Sie, daß er sich im Winter mit der Theresa Carena
verheiratet hat?“