Neuntes Kapitel

Die alten Herrschaften saßen allein auf Rohlbeck.

Wilhelm hatte gleich erklärt: jetzt müßte es ein Ende haben mit der

ewigen Trennung. Er sehne sich, Weib und Kind bei sich zu haben. Die

Jungens sollten auch aufs Gymnasium. Das letztere war vielleicht für

Martha das Ausschlaggebende. Denn sie schied schmerzenden Herzens von

der Scholle, die ihr so lieb geworden war, als hätte ihre eigene Wiege

darauf gestanden. Und sie fürchtete sich vor Berlin.

Helene war mit Wilhelms im Herbst übergesiedelt. Zuerst nur, um bei

dem Umzug und bei der Neueinrichtung zu helfen. Dann blieb sie, auf

Vaters ausdrücklichen Wunsch. Sie war so still und ohne rechte Frische

gewesen in all der letzten Zeit; seit der Nachricht von Harros Tode,

hätte man beinahe sagen können. Ein wunderliches Mädel, fand der alte

Rittmeister. Ja, ja doch, es war ja sehr traurig. Aber, du mein Gott,

der Junge hatte doch einen so herrlichen Tod gehabt, für König und

Vaterland. Und ohne Schmerzen, gleich dahin. Daß Lene das so naheging!

Das heißt, sie hatte wirklich immer an dem Harro gehangen, fast wie

eine Schwester. Aber nun das schmale, blasse Gesichtchen. Nun, sie

mußte mal ordentlich heraus. Sollte auch wieder Unterricht nehmen, daß

sie auf andere Gedanken käme. Nicht einen Ton hatte sie gesungen seit

dem letzten Male in der Kirche, wo Heckstein der toten Sieger gedachte.

Sie wollte nicht nach Berlin. Wollte nicht -- wollte auch die alten

Eltern nicht allein lassen. Da sprach der Rittmeister ein Machtwort.

„Und überhaupt, das heißt, so alt sind wir denn doch noch nicht! Das

bißchen Wirtschaften hier! Für immer und ewig brauchst du ja nicht

fortzubleiben, und wenn erst die Eisenbahn fertig ist, dann ist das ja

nur ein Katzensprung.“

Wilhelm hatte vor dem Halleschen Tor gemietet. In einem ganz neuen

Hause, das die spottsüchtigen Berliner „Neu-Amerika“ getauft hatten,

weil es so weit draußen lag und weil es so sehr groß war. Ein

Riesenkasten, aber schön gelegen. Von der Vorderfront sah man über die

Kanalbrücke auf den Belleallianceplatz mit der Rauchschen Viktoria;

die andere Front der Wohnung ging nach der breiten Bellealliancestraße

hinaus, und jenseits lag das große Rothersche Stift inmitten eines

gewaltigen Gartens. So hatte man doch den Blick auf grüne Bäume. Und

die Jungens jubelten: fast an jedem Morgen wurden sie durch lustige

Militärmusik mit Piefkes Düppelmarsch geweckt, und wenn sie dann ans

Fenster stürzten, dann sahen sie unten die langen, bunten Kolonnen, die

durch die Bellealliancestraße dem Kreuzberg zuzogen.

Martha lebte sich anfangs sehr schwer ein. Die Wohnung war gewiß für

Berliner Verhältnisse recht geräumig, aber sie empfand überall ihre

Enge gegenüber dem Rohlbecker Hause; litt überhaupt unter der Enge der

großen Stadt nach den langen Jahren des Landlebens, fand sich auch

nicht leicht in die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, hatte

für ihre emsigen Hände zu wenig zu tun. Aber sie war doch glücklich,

mit ihrem Manne vereint zu sein. Und allmählich gewöhnte sie sich

mehr und mehr, hatte ihr kleines Vergnügen an einem Bummel durch die

Leipziger Straße, suchte überall nach den billigsten Quellen und kam

jedesmal stolz vom Wochenmarkt auf dem Belleallianceplatz zurück;

besonders stolz, wenn sie in einem kleinen Preisdisput mit einem der

groben Marktweiber glorreich obgesiegt hatte. Allmählich gewann sie

Berlin fast lieb.

Auf Helene wirkte dies Berlin ganz anders als vor zwei Jahren. Sie

war gleichgültig geworden gegen die große Stadt. Es interessierte sie

nichts mehr, es reizte sie nichts mehr: nichts zum Staunen, nichts zur

Bewunderung, nichts zum Widerspruch. Und auch die Erinnerungen glitten

nun, wenn sie kamen, an ihr ab wie etwas Fremdgewordenes. Mit Ausnahme

der einen, um die der Tod frischen Lorbeer gewunden hatte.

Ihr erster Gang hatte der einsamen Insel gegolten. Sie fand die Tante

merkwürdig gefaßt. Ganz schmal und durchsichtig zart war das kleine

Gesicht unter der Trauerhaube, aber aufrecht und ruhig: „Der Herr hatte

ihn mir gegeben, der Herr hat ihn mir genommen,“ sagte sie fast wie

Hiob, „der Name des Herrn sei gelobt.“ Es lag etwas Tiefergreifendes in

ihrer Ergebenheit. In Helene lebte der Schmerz anders; sie hätte ihn

klagend gen Himmel schreien mögen.

In sein kleines Stübchen führte Tante Marianne sie. Da stand und lag

noch alles, wie er es verlassen. An dem letzten Tage vor dem Ausmarsch

war er noch darin gewesen.

Tante Marianne setzte sich vor seinen Schreibtisch, ließ die Bücher,

die auf dem Tisch lagen, langsam durch ihre Hände gleiten, rückte an

dem Tintenfaß. Helene hatte sich ein Korbsesselchen herangezogen,

stützte den Kopf in beide Hände und weinte. Sprechen konnte sie nicht.

Auch die Tante saß lange schweigend, nun mit gefalteten Händen auf der

Schreibmappe.

Dann sagte sie ganz langsam: „Er hat dich sehr lieb gehabt, Helene.

Mehr vielleicht, als er sollte. Ich hab das auch erst gemerkt, als du

fort warst.“

‚Mehr vielleicht, als er sollte.‘ Helene hörte eigentlich nur das.

Konnte man denn einen Menschen mehr liebhaben, als man sollte?

Aber sie durfte ja nicht mit der Mutter rechten. Und Tante Marianne

würde auch nimmer verstanden haben, wenn sie ihr von dieser reinen

und heißen Jünglingsliebe gesprochen hätte und von dem, was ihr Harro

gewesen und geworden war in der Zeit ihrer Not. Vielleicht meinte Tante

Marianne auch nur ‚Er hat dich sehr liebgehabt -- mehr als mich.‘

Nur eins mußte sie sagen. Und es mochte wohl wie ein Auftrotzen

klingen: „Ich hab ihn auch sehr liebgehabt.“ Wie ein Auftrotzen, und

war doch großer Schmerz.

Tante Marianne sah auf und senkte den Kopf wieder. Vielleicht hatte

sie auch das nicht recht verstanden, daß man jemand liebhaben kann in

reinster Freundschaft. Vielleicht lebte auch in ihren Gedanken ihr

Harro nur noch als Knabe; vielleicht hatte sie nie ganz begriffen, daß

aus dem Knaben ein Jüngling geworden war, mit all der Lust und all dem

Leid des Jünglingsherzens.

Sie stiegen wieder herunter und saßen im düsteren Wohnzimmer einander

gegenüber.

Die Tante fragte nach Rohlbeck, nach den Eltern, nach Wilhelms. Helene

gab Antwort. Und beider Gedanken waren doch nur bei ihm. Er stand für

sie drüben an der Tür, er saß für sie in der tiefen Fensternische, er

ging draußen vorüber unter den blühenden Kastanien.

Plötzlich sagte Tante Marianne, und nun klang doch der ganze Schmerz

des Mutterherzens durch all ihre Ergebung hindurch: „Warum mußte er

Soldat werden! Ich wollte es nicht. Fast auf den Knien hab ich ihn

gebeten --“

Und wieder saß Helene wortlos. Was sollte sie sagen? Auch das würde

Tante Marianne nicht verstehen: daß der Tod auf dem Schlachtfelde der

schönste Tod ist und daß mit Harro Hunderte und aber Hunderte, arm und

reich, hoch und gering, in den Tod gegangen waren -- mit Gott, für

König und Vaterland.

Mit Gott! Den Kopf hätte Tante Marianne geschüttelt: ‚Du sollst nicht

töten!‘

Und dabei fühlte sie, wie wieder der fragende, vorwurfsvolle Blick auf

ihr ruhte. Fast als ob er zu ihr spräche: Du bist schuld daran, daß er

so früh eintrat! Daß er ein Mann sein wollte, wo er noch ein Knabe war!

Es fröstelte sie in dem düsteren Zimmer.

Schwer stand sie auf. Küßte der Tante die Hand. „Ich muß nun wohl

gehen --“

Tante Marianne blieb auf dem steiflehnigen Sofa sitzen, sagte nur müde:

„Grüße Wilhelm und Martha.“

Aber dann plötzlich, als Helene schon an der Tür war, kam die Tante

hinter ihr drein, umschlang sie mit beiden Armen, drückte sie an sich

und rief unter Schluchzen: „Er hat dich so liebgehabt. Er hat dich ja

so liebgehabt!“

Und da weinten sie beide, Wange an Wange. Weinten um den, der in ihren

Herzen nie sterben würde: um den Knaben, um den Jüngling, um den jungen

Helden, der mit einem Lächeln in den Tod gegangen war.

Seitdem ging Helene häufig nach der einsamen Insel. Mehr und mehr

lernte sie Tante Marianne verstehen und schätzen. Auch lieben. Aber

diese Liebe rankte sich doch fast nur um die Erinnerung an Harro. Bei

allem Verstehen und aller Verehrung, auch in aller Zuneigung blieb

etwas Fremdes. Und manchmal dachte Helene: ‚Es ist nicht anders wie

in deinem Verhältnis zu Martha. Wir haben uns gefunden, und sind doch

nicht ganz eins geworden.‘

Bisweilen, wenn sie von der einsamen Insel kam, ging sie auch an der

kleinen Konditorei in der Bendlerstraße vorüber. Einmal stand sogar

das alte Kuchenfräulein vor der Tür und sah in den lachenden Frühling

hinaus, knixte und machte große Augen. Da grüßte Helene mit einem

leichten Kopfneigen und lächelte, indem sie weiterschritt. Wirklich,

sie konnte lächeln. Wunderte sich selber darüber, wie fern ihr nun

diese Episode lag, und daß sie ihr aus einem großen Erleben zu einer

Episode hatte werden können. Aber sie wußte auch: die emsige Arbeit

und ihre Kunst hatten das erste und vielleicht das Beste an ihr getan,

und doch nicht alles; es mußte die Zeit helfen, sie das Überwinden

zu lehren, und es mußte Harros Tod kommen, um das Überwinden zur Tat

werden zu lassen. Wie denn der eine Schmerz so oft den andern löst.

Monat auf Monat war verstrichen, und der Sommer stand schon vor

der Tür, da raffte sich Helene endlich auch zu dem Besuch bei Frau

Harriers-Wippern auf. Immer wieder hatte sie ihn hinausgeschoben. Nun

drängten Vaters Briefe; es drängte auch das eigene Gewissen. Denn sie

wußte, Mitte Juni ging die Sängerin meist in die Ferien.

Das Herz klopfte ihr doch, als sie die teppichbelegten Stufen zur

Wohnung hinaufstieg und die Klingel zog. Sie fühlte sich schuldbewußt

der gütigen Meisterin, schuldbewußt auch ihrer eigenen Kunst gegenüber.

Die Worte klangen in ihr auf, die die Lehrerin nach der ersten Prüfung

gesprochen hatte: von der Heiligkeit der Gabe, die ihr verliehen, und

wie man sie hegen und pflegen müsse. Sie aber kam ja eigentlich auch

jetzt nicht, um sich in ganzer Hingebung wieder der Kunst zu widmen.

Fast gezwungen kam sie, unlustig, wie sie in all diesen Wochen gewesen

war.

Sie mußte ein wenig warten. Es war alles wie früher. Unter den großen

Blattgewächsen saß sie im Salon, die wohlbekannten Bilder blickten von

den Wänden auf sie herab. Aus dem Zimmer nebenan klangen halblaute

Worte, dann einzelne Töne, eine Halbkadenz, ein paar Anschläge auf dem

Flügel. Wie sie das alles kannte! Frau Harriers sang mit halblauter

Stimme. Glockenhell aber. Nun die Schülerin. Hilf Himmel -- meine arme

Lehrerin! Solch eine Stümperei! Wie gequält, wie mühsam -- schlecht,

einfach schlecht. Was sollte das sein? Heiliger Mozart, wie man sich

so an dir versündigen kann! Wenn das unser alter, guter Kantor hören

müßte --

Seit Wochen, seit zwei Monaten hatte Helene nicht gesungen, keine Musik

gehört. Nun, ganz plötzlich, regte es sich wieder in ihr. Waren es

Erinnerungen, war’s die Atmosphäre dieses Hauses, waren es die Töne,

die, gedämpft durch Tür und Vorhang, zu ihr drangen? Das Blut wallte.

Sie sprang auf, hastete ein paar Male durch das Zimmer, blieb wieder

stehen, horchte, lauschte.

Dann ging die Tür. Ein schmächtiges junges Ding, elegant, im lichten

Sommerkleid mit ungeheuerlichen Pagodeärmeln, huschte vorüber. Aber

gleich hinter ihr trat Frau Harriers-Wippern in den Salon. Blieb an der

Schwelle stehen, schlug die Hände zusammen: „Fräulein von Hackentin!“

-- kam dann auf Helene zu, faßte sie um den Gürtel: „Sind Sie’s, oder

ist’s Ihr Geist?“ -- lachte ihr altes, helles Lachen: „Nein, ich

fühl’s, sie ist es selber, die Ungetreue, Ungetreueste! Die einzige

Ungetreue, der ich je nachtrauerte! Helene Hackentin! Wie ich mich

freue! Wie ich mich freue!“

Es stand ihr auf dem schönen Gesicht geschrieben, daß sie sich wirklich

freute. Das war nicht mehr die ernste, gemessene Lehrerin, als die

Helene sie kannte; fast übermütig war sie: „Da muß man sich nun mit

solch einer Demoiselle Stern quälen, die keine Stimme hat, kein Talent,

nicht einmal Gehör, nichts, nichts, als einen reichen Vater, muß sich

quälen und ärgern und läßt eine Helene Hackentin warten! Warum haben

Sie’s mich nicht wissen lassen, daß Sie’s sind -- hinausgeworfen hätt’

ich das Modepüppchen aus dem Tempel! Aber nun lassen Sie sich mal

ordentlich anschauen --“

Dann wurde sie doch ernst, las wohl in Helenens Zügen das Leid. Sie

schob die Hand vertraulich unter ihren Arm: „Kommen Sie fort aus

dieser kalten Pracht. Ich hab hinten, nach den Gärten hinaus, ein

Privatzimmerchen, in dem wir gemütlicher plaudern können.“

So saßen sie denn in dem kleinen Raum, in den die grünen Baumwipfel

hineinwinkten und durch dessen weitgeöffnetes Fenster die laue

Sommerluft wehte. Saßen nebeneinander auf der winzigen Couchette wie

zwei gute Freundinnen. Doch das Plaudern wollte nicht recht gelingen.

Luise Harriers mochte nicht fragen, und Helene Hackentin waren die

Lippen geschlossen. Auch in ihr war herzliche Freude über den Empfang.

Aber sie konnte doch nicht sprechen über das, was sie erlebt hatte,

von dem sie zu niemand gesprochen hatte, außer in den Stunden ihrer

größten Herzensangst zu Martha. Nur Harros Tod berührte sie kurz. Und

dann war da noch etwas, was ihr die Lippen schloß. Frau Harriers hatte

gleich anfangs gesagt, leichthin: „Sie waren ja wohl mit Alfred Schwarz

bekannt? Wissen Sie, daß er sich im Winter mit der Theresa Carena

verheiratet hat?“

Auf märkischer Erde · 第 32 / 62 题