„Ich wollte ein wenig Luft schöpfen.“
„Ist das nicht hübsch, der Ausblick auf den See? Hier ist mein
Lieblingsplatz. Fast jeden Abend sitz ich hier und träume nach des
Tages Arbeit ein wenig.“
Er sprach ruhig. Aber Helene fühlte, in der Ruhe lag etwas
Beherrschtes. Sie wäre gern ausgewichen, in das Zimmer zurückgetreten.
Aber er stand vor der Eingangstür. Und dann -- es war wohl doch nur
Einbildung --
„Der Platz ist wirklich sehr hübsch. Ich habe oft bedauert, daß wir in
Rohlbeck so wenig Wasser haben.“
„Gefällt Ihnen Grunow auch sonst in seiner neuen Gestalt, gnädiges
Fräulein?“
Er war ein wenig nach vorn getreten, und seine Stimme vibrierte nun
trotz aller Beherrschung leise. Jetzt fühlte sie deutlich, daß ihre
erste Befürchtung nicht falsch gewesen war. Und sie dachte nur: wie
ersparst du’s ihm und dir? Aber es war kaum noch möglich. Denn er
wartete ihre Antwort gar nicht ab, sprach gleich weiter: „Man hat mir
heut mehrfach gesagt, ernst der eine, neckend die andere, es wäre fast,
als ob ich dies Haus hier schon für seine zukünftige Herrin vorbereitet
hätte. Niemand hat wohl geahnt, daß dem wirklich so ist, daß ich seit
Monaten täglich, stündlich an diese Herrin gedacht habe.“
Nein -- er durfte nicht vollenden! Sie mußte dem lieben Menschen die
Beschämung ersparen.
So fiel sie schnell ein: „Das freut mich, Herr von Holfen. Wir alle
werden uns sehr freuen, wenn Sie heiraten.“ Aber indem sie sprach,
erschrak sie vor ihren eigenen Worten. Wenn er die nun falsch auffaßte?
Wie man nur so ungeschickt sein konnte! Hastig fuhr sie fort: „Sehen
Sie, jetzt geht der Mond hinter dem Walde unter. Der See liegt im
Dunkeln. Es wird plötzlich recht kühl. Ich will doch lieber --“
Da stand er schon dicht neben ihr, beugte sich ganz vor und bat:
„Würden Sie hier als Herrin einziehen mögen -- als meine Herrin?
Fräulein Helene ... ich habe Sie so sehr lieb. Fast vom ersten Sehen an
wußt’ ich es --“
Seine Hand fühlte sie neben der ihren tastend auf dem Geländer. Fühlte,
wie sein Auge durch die Dunkelheit sie suchte.
Sie wich seitwärts aus. Ganz schmal machte sie sich, drückte sich gegen
die Wand.
„Fräulein Helene ...“
Tief schöpfte sie Atem.
„Herr von Holfen ... bitte ... sprechen Sie nicht weiter ...“ Mühsam,
stockend nur brachte sie es heraus. „Ich darf Sie nicht hören ...“
Sie wagte nicht aufzusehen. Dachte nur, jetzt wird er gehen. Und so
leid tat er ihr, so unsagbar leid.
Aber er ging nicht. Einen Augenblick schwieg er. Dann hörte sie wieder
seine Stimme, bittend, beschwörend: „Weisen Sie mich nicht so ab. Sie
kennen mich ja kaum. Vielleicht war das mein Fehler. Ich verstehe
mich wenig auf das Werben um ein Mädchenherz. Aber Liebe soll ja doch
Gegenliebe wecken. Ich will geduldig sein, will warten, ausharren. Ich
hab Sie ja so lieb, Fräulein Helene --“ Und dann, als keine Antwort
kam, fragte er heiß: „Ist Ihr Herz nicht frei?“
Es war für sie wie ein Schlag. Denn mit einem Male wußte sie: nein,
dein Herz ist nicht frei. Du hast es dir selber nur vorgetäuscht.
Du hast vielleicht überwunden, aber nicht vergessen. Mit einem Male
standen die Erinnerungen wieder vor ihr, die seligen Erinnerungen,
und die qualvoll durchwachten Nächte, die lodernden Sehnsuchten,
die sie in die Kissen hineingeweint hatte, Glück und Leid, all das
Himmelhochjauchzende, all das zu Tode Betrübte.
Nein, ihr Herz war noch nicht frei. Überwunden mochte es haben,
vergessen konnte es nicht.
Sie kämpfte mit Tränen. Und mit tränenerstickter Stimme bat sie: „Bitte
... lassen Sie mich ...“
Da trat er zurück. Es war ja auch eine Antwort.
Ganz schmal machte sie sich, glitt am Geländer entlang, zur Tür dann,
trat in den Salon. Wie das helle Kerzenlicht den Augen weh tat nach der
Dunkelheit draußen --
Tante Marie war noch immer in Paris. Sie erzählte gerade von einer
Soiree bei der Fürstin Pauline Metternich, der österreichischen
Botschafterin, und daß da Hortense Schneider -- „Ihr wißt, die die
‚Schöne Helena‘ kreiert hat“ -- anwesend gewesen wäre, und Madame
Térésa von Alcazar d’Eté hätte ihre famosen Gassenhauer gesungen:
„~Rien n’est sacré pour un sapeur!~“ Die beiden semmelblonden
Artenaus sperrten die Mäulchen auf. Mutter nickte ein wenig in ihrer
Sofaecke und sagte nur einmal aus ihrem Halbtraum heraus: „Ja ... die
Pauline Metternich, das ist eine geborene Sandor ... eine Ungarin.“
Dann polterte Onkel Grucker herein: „Meine Hochachtung! Der Rittmeister
hat uns heut aber ordentlich belehrt. ’n Daler acht Groschen! I ... und
da ist ja unser Leneken ... Mädel ... ’n Schmatz! Aber ’n ordentlichen,
nich so’n vulgären Onkel-Nichten-Kuß, bei dem man nicht weiß, wie und
warum!“
Und dann fuhr man hinaus in die dunkle Nacht.
* *
*
In den nächsten Wochen ließ sich Holfen nicht in Rohlbeck sehen. Die
Rackower erzählten, er wäre in Berlin. „Das heißt,“ meinte Vater, „der
Mann kann sich schon mal ’ne Erholung leisten. Was der den Sommer über
auf seiner Klitsche geleistet hat, geht auf keine Kuhhaut.“ Martha sah
bisweilen, wenn von ihm die Rede war, ein wenig vorwurfsvoll zu Helene
hinüber. Aber sie fragte nicht.
Erst als der Schnee schon lag, sah Helene Holfen wieder. Er kam nun
wieder nach Rohlbeck, nicht so häufig vielleicht wie früher, aber
scheinbar ganz der alte. Immer liebenswürdig, bei allen beliebt; hatte
seine kleinen wirtschaftlichen Anfragen bei Martha, nahm, wenn er
einmal zum Abend blieb, den Jungens eine Partie Mühle nach der andern
ab. Helene und er begegneten sich, als wäre nichts zwischen ihnen
vorgefallen. Und sie war ihm dankbar, daß er ihr das ermöglichte.
Sie hatte an jener Abendstunde auf der kleinen Veranda doch schwer
gelitten. Nicht nur um Holfens willen, so leid er ihr tat. Sie mußte
von neuem einsargen, was damals lebendig geworden, auferstanden war.
Wieder waren ihr Arbeit und Kunst getreue Helferinnen. Zumal ihre
Kunst. Harro mußte ihr Noten über Noten senden: Mendelssohn, Schumann,
Schubert. Ein paar Opernpartien studierte sie: aus dem „Waffenschmied“,
aus dem „Feldlager in Schlesien“. Dann wagte sie sich, zögernd, an
die Elsa. Aber da dachte sie sehnsüchtig an ihre Lehrerin zurück,
fühlte das Fehlen der verständnisvollen Anleitung, des ermunternden
Zuspruchs. Richard Wagner stand noch vor ihr wie ein Koloß. Etwas
Erbarmungsloses, fand sie bisweilen, lag in seinen Ansprüchen. Einmal
war sie in ihren Nöten zum alten Flehr geflüchtet. Doch der schüttelte
nur das graue Haupt, ließ die Hand verlegen um die ewigen Stoppeln auf
seinem Kinn gleiten und sagte schmerzlich: „Da kann ich nicht mit,
gnädiges Fräulein.“ Beugte sich, immer die lange Pfeife im Munde,
mit seinen kurzsichtigen Augen tief auf die Noten, versuchte auf
seinem Klimperkasten ein paar Sätze -- ging dann plötzlich zu seinem
geliebten Mozart über, schlug die blauen Augen auf, daß sie ordentlich
leuchteten: „Das ist doch noch Musik!“
... man mußte sich schon selber helfen ...
Jetzt schickte Harro keine Noten mehr.
Aber dafür seine frohen, übermütigen Briefe von „da oben“ her. Und
Vater beorderte dann und wann Helene ans Klavier, daß sie ihm das
Chemnitzsche Lied sänge:
„Schleswig-Holstein, meerumschlungen,
Deutscher Sitte hohe Wacht,
Wahre treu, was schwer errungen,
Bis ein schön’rer Morgen tagt!
Schleswig-Holstein, stammverwandt,
Wanke nicht, mein Vaterland!“
Manchmal mußte Helene auch aus Harros Briefen vorlesen. Die Garde stand
jetzt schon oben auf jütischem Boden, bei Kolding. Ein wenig neidisch
schrieb der tatendurstige Junker von den Kameraden, denen vor den
Düppeler Schanzen größere Lorbeeren winkten. Aber kleinere Gefechte
gab’s bei ihnen auch, und lustige Geschichtchen wußte er immer zu
erzählen. Gestern hatte „Einer von meinem Regiment“ einen flüchtenden
Dänen angeschossen, ihn dann eingeholt, triumphierend zurückgebracht:
„Das ist +mein Däne+!“ und ihn durchaus selber gesund pflegen
wollen. Vater schmunzelte oder lachte auch hell auf. Als Harro
beschrieb, wie wunderschön drollig jetzt die Posten aussähen: im großen
weißen neugelieferten Schafpelz mit dem Helm dazu auf dem Kopfe, meinte
er: „So sahen unsere Kerle im Winter Anno achtzehnhundertundzwölf auch
aus, oben in Kurland, beim alten Yorck. Das heißt, geliefert waren uns
die Pelze nicht. Die hatten wir -- gestohlen. Aber Helme hatten wir
noch nicht, und unsere alten Hüte waren immer so steifgefroren, daß man
Suppe draus hätte löffeln können.“
Dann, Ende März, kam ein förmlicher Jubelruf: „Hurra, nun kommen wir
doch noch vor Düppel. Unsere neuformierten Garde-Regimenter sollen
beweisen, daß sie hinter den alten nicht zurückstehen. Wir wollen’s den
Dannemanns schon zeigen! Und wenn der „Rolf Krake“ angeschwommen kommt,
dann stecken wir den mitsamt seinen dicken Panzerplatten in die Tasche.
Halt mir den Daumen, liebe, liebe Lene! Wenn alles gut geht und ich
kann mich ein bissel auszeichnen, bin ich vielleicht in vier Wochen
Offizier.“
Helene mußte lächeln. Hinter Harros Zeilen stand immer noch etwas
Besonderes, etwas Heimliches, nur für sie Bestimmtes. Er schrieb nie
von seiner anbetenden Liebe. Manchmal hatte sie geglaubt, daß er die
mit der Schulmappe und der Jungensmütze abgestreift, daß sie sich ihm
und ihr wirklich in gute Kameradschaft gewandelt hätte. Aber dann kamen
wieder Wendungen, die sie anders deuten mußte. „Wir haben gestern
nacht die dritte Parallele ausgehoben. Ganz dicht vor den Schanzen.
Sternenklar war die Nacht. Da hab ich hinaufgeschaut zu den blitzenden
Sternen, und ich hab immerfort an Dich denken müssen.“
Vater war sehr unruhig in diesen Tagen. Nie konnte er die Posttasche
erwarten. Und wenn er aus der „Kreuzzeitung“ das Neueste vom
Kriegsschauplatz vorlas, dann kramte er aus dem kleinen Schatz
seiner kriegsgeschichtlichen Erinnerungen allerlei Ergänzungen,
Erläuterungen hervor. Der Sturm auf die Düppeler Schanzen stand ja
bevor. „Wird viel Blut kosten, das heißt, die Artillerie hat natürlich
mächtig vorgearbeitet. Aber so ein sturmfreies Werk, mit Graben und
Bastionen -- keine Kleinigkeit das!“ Ganz aus dem Häuschen waren die
Jungens. Papier und Bleistift schleppten sie heran, Großvater mußte
ihnen aufzeichnen, wie das eigentlich war: ein sturmfreies Werk und
Parallelen und Laufgräben. Eine ganz wunderliche Zeichnung kam dabei
heraus. Am Sonntag betete Heckstein von der Kanzel für unsere Tapferen
in Schleswig-Holstein.
Und Helene betete herzinnig mit. Nicht daß sie sich um Harro sorgte.
Wie hätte dem frischen lieben Harro etwas geschehen sollen? Das schien
ihr ganz ausgeschlossen, sie dachte gar nicht daran. Aber die Hände
schloß sie doch und bat um Sieg und flocht auch Harro dabei im stillen
einen Lorbeerkranz.
Am 18., in der Dämmerstunde, ritt eine Estafette in Rohlbeck ein, ein
Stellberger Postillion. Artenau hatte einmal eine vernünftige Idee
gehabt und an den ungeduldigen alten Rittmeister gedacht, sich’s zwei
blanke Taler kosten lassen.
Mit zitternden Händen riß Vater die Depesche auf. Sie umdrängten
ihn alle auf der Veranda, sogar Mutter war herausgekommen, als der
Postillion am Tor ins Horn gestoßen hatte.
„Düppel heut vormittag glorreich erstürmt. Schwere Verluste. General
Raven tödlich verwundet.“
Der alte Rittmeister hatte sein Käppchen abgenommen.
Sie sahen alle zu ihm empor. Er las noch einmal. Und dann setzte er
hinzu, mit bebender Stimme: „Unsere brave Armee! Endlich wieder einmal
ein preußischer General für König und Vaterland geblutet. Der erste
nach fünfzig Jahren. Jungens, nun lauft! Zum Kantor. Läuten soll er --
läuten!“
Eine Stunde später war die Posttasche da. Die „Kreuzzeitung“ wußte
noch nichts. Und auch die vom nächsten Tage brachte nur die erste
Siegesdepesche und einen einzigen Zusatz: siebzig Offiziere tot und
verwundet, gegen tausend Mann. Aber ein kurzer Brief Wilhelms an Martha
war dabei: „Ich komme morgen. Lauter gute Nachrichten. Berlin schwimmt
in Begeisterung und Jubel.“
Mit Extrapost kam er, ein paar Stunden früher, als erwartet. Die
Jungens hatten oben von ihrem Fenster aus mit ihren Luchsaugen die
Postchaise schon erspäht, als sie noch bei der Dampfmühle war, und
hatten das ganze Haus alarmiert. Wieder standen alle auf der Veranda.
Als er aus dem Wagen sprang, rief er: „Martha, Vater -- ich hab die
Konzession. Die Eisenbahn ist durch!“
Er stürmte die Stufen hinauf, umhalste einen nach dem andern, sagte,
rief immer wieder: „Ich hab die Konzession. Es ist alles in Ordnung.
Vater, ich hab vierzigtausend Taler dabei verdient. So freut euch doch!
Freut euch doch!“
Sie freuten sich ja auch alle. Aber die große Spannung war in so
ganz anderer Weise gelöst, als sie es erwartet hatten. Er mußte es
endlich merken. Er lachte: „Ja, so -- natürlich, ihr habt alle Düppel
im Kopf! Ihr wißt wohl gar nichts Näheres? Großartig! Berlin hättet
ihr vorgestern abend sehen sollen. Wie toll zogen die Massen durch die
Straßen. Alle Häuser waren illuminiert. Da haben die Berliner nun auf
die Soldateska geschimpft und geschimpft, und jetzt sind sie auf einmal
Feuer und Flamme. Der König bekam die Depesche von der Erstürmung der
ersten sechs Schanzen auf dem Tempelhofer Felde, als er gerade die
Franzer besichtigte. Er fuhr gleich nach dem Palais. Da standen schon
Hunderte und Tausende und sangen das Preußenlied. Er soll Tränen in den
Augen gehabt haben.“
Wilhelm hatte sehr schnell gesprochen. Nun holte er Atem und fuhr
langsam fort: „Freilich -- schwere Verluste. Daß General von Raven
schwer verwundet ist, wißt ihr wohl schon. Ja, und unsere arme Tante
Oschitz ... Harro ist vor Schanze VI gefallen --“
Da schrie Helene auf.