„Warum, Lene? Er ist wirklich ein Ehrenmann und würde seine Frau auf
Händen tragen. Außerdem: Ihr paßt zusammen, finde ich. Ist er dir denn
unsympathisch?“
Die Klammern waren im Körbchen gesammelt. Sie standen auf -- aber der
Korb blieb zwischen ihnen im Grünen stehen.
Einen Augenblick stand Helene stumm. Die schmale Falte erschien, tief
eingegraben, zwischen ihren Augenbrauen. Dann sagte sie hastig: „Ich
bitte dich, Martha, wenn du irgend etwas dazu tun kannst, erspare mir
und ihm das. Er mag ein vortrefflicher Mensch sein, aber ich empfinde
auch nicht das Geringste für ihn.“
Die Schwägerin hatte den Korb schon aufgenommen und wieder mit ihrer
Arbeit begonnen: „Du solltest nicht so schnell entscheiden, liebe
Lene“, sprach sie ein wenig schwer. „Weißt du: ich kenne Ehen, in die
die Frau mit heißem, hoffnungsfrohem Herzen trat, und die ihr nachher
Bitternis auf Bitternis brachten. Und ich kenne andere Ehen, für die
der Verstand der Frau allein das entscheidende Wort sprach, und die
sehr, sehr glücklich wurden!“
Helene schüttelte den Kopf.
Was wollte Martha eigentlich? Da war wieder einmal der
Temperamentsunterschied zwischen ihnen, das Trennende bei aller
Übereinstimmung ihres Fühlens. Vielleicht auch ein Etwas, dachte
Helene weiter, das Wilhelms Verhalten wenn nicht entschuldbar, so doch
erklärlicher, begreiflicher erscheinen ließ: ein Gran Nüchternheit.
Das bleibt meist auf dem Untergrund. Aber dann und wann tritt es doch
zutage, so wundervoll sonst alle Wesenseinheiten in der lieben Martha
gemischt sind. Vielleicht hat Natur das gerade gut gemeint. Vielleicht
könnte sie sonst nicht tragen, wie sie trägt.
Sie vollendeten schweigend ihre Arbeit. Erst als sie durch den Garten
wieder dem Hause zugingen, sagte Helene: „Ich hoffe immer noch, du hast
vorhin gescherzt. Wenn das aber nicht der Fall ist, und du kannst mir’s
ersparen -- ich bitte dich, liebe Martha, tu’s.“
„Wie sollte ich das? Holfen hat kein Wort zu mir gesprochen, es waren
nur Vermutungen. Aber ich glaube freilich, nicht unberechtigte. Ich
meinte es gut, Lene, ich wollte dich ein wenig vorbereiten. Und ich
meine auch jetzt noch: überleg dir’s, handle nicht unbedacht.“
Helene schüttelte wieder nur den Kopf.
Aber in ihrer Seele war durch das Zwiegespräch nun doch die alte, kaum
vernarbte Wunde angerührt worden, daß sie neu schmerzte. Wieder kamen
die Erinnerungen, und es kam der Vergleich: in Leid und Weh hatte ihre
Liebe sie gerissen, bis dicht an den Abgrund; aber die Seligkeiten,
die sie ihr gebracht, die waren unvergeßlich, würden ewig unvergeßlich
bleiben. Es waren doch Augenblicke -- gelebt im Paradiese. Und daneben
stand die Prosa: ein Ehrenmann, hatte Martha gesagt, der seine Frau auf
Händen tragen wird. Und wenn der andere -- der andere als ein Schuft
an dir gehandelt hat: gleichviel -- in uns strömte doch die große, die
göttliche Leidenschaft. Und wenn der Ehrenmann dir wirklich die Hände
unter die Füße breiten würde, dein ganzes Leben hindurch: dies Leben
würde dir zur Hölle werden, wenn du die Liebe nicht hättest.
Nein! Nein! Und tausendmal Nein!
Sie wurde noch vorsichtiger Herrn von Holfen gegenüber, wich ihm aus,
wo sie nur konnte.
Aber sie fand, daß er sich stets gleichblieb. Er war immer gleich
respektvoll, sehr artig -- nicht mehr. Martha mußte sich doch wohl
getäuscht haben; vielleicht, dachte Helene bisweilen, neigt sie auch
ein wenig dazu, Ehen stiften zu wollen.
So schlummerte allmählich ihr Mißtrauen ein.
Darüber war der Sommer vergangen, der Herbst war gekommen.
Und in dieser Zeit, wo der Landwirt etwas mehr Muße hat, lud Holfen
die Rohlbecker ein, sich einmal anzuschauen, wie er sich in Grunow
eingerichtet hatte. Zum ersten Male. Bisher hatte er immer lachend
gebeten, ihn zu entschuldigen: es wäre bei ihm noch die reine Wüstenei.
Es war eine kleine Gesellschaft; die Rackowschen, auch Grucker,
dessen ältester Sohn bei den Pasewalker Kürassieren stand, Artenau,
der Stickereimajor und Bowlenkünstler, mit seiner semmelblonden Frau
und der semmelblonden Tochter. Man kam augenscheinlich, sich über die
Junggesellenhäuslichkeit des Neulings im Kreise ein wenig zu amüsieren,
und war überrascht, wie hübsch sich Holfen „etabliert“ hatte, um mit
Tante Marie zu reden, die das alte Verwalterhaus kaum wiedererkannte
und staunend, mit dem langstieligen Lorgnon vor den Augen, von einem
Zimmer zum andern ging.
„Aber wirklich, mein lieber Herr von Holfen, Sie haben Wunder
geschaffen. Ganz deliziös. Fehlt nur noch, daß Sie eine liebenswürdige
Hausfrau in das fertige Nestchen setzen.“
Nur der Garten hatte noch nicht ganz ihren Beifall. Als man draußen
unter der großen Linde beim Kaffee saß, zeichnete sie mit der Spitze
ihres Sonnenschirms in den Kies einen ganzen Plan, nach dem der Garten
freilich fast zu einem Park wurde.
„Meine Hochachtung!“ rief Graf Grucker. „Marie, du bist und bleibst
sublim! Verwandle doch gleich das ganze Vorwerkchen in einen Jardin!
Die geborene Depensière bist du!“
Tante Marie zog die Achseln hoch: „Was du nicht weißt, mein Lieber!
Aber dein Französisch ist mäßig. Falls du mich wirklich als
Verschwenderin bezeichnen wolltest, hättest du besser Dissipatrice
gesagt. Depensière hat so eine dumme Nebenbedeutung.“
„Meine Hochachtung! Welche denn?“
Während sie das zum Gaudium des kleinen Kreises auseinandersetzte, daß
nämlich die Speisemeisterin in den französischen Klöstern Depensière
genannt würde, sah ihr Mann sie etwas kummervoll unter seinem Einglas
um die Ecke an. Er dachte wahrscheinlich daran, welche Wege sein
hübsches Vorwerk gewandelt war. Überhaupt, er war still und in sich
gekehrt, Ernst Hackentin. Sogar dem harmlosen Artenau fiel das auf,
so daß er den Vetter einmal leise anstieß: „Was hast du denn nur,
Dickerchen?“ Er bekam nur eine knurrige Antwort: „Ach, laß mich.
Schlechte Zeiten! Schlechte Zeiten!“
Holfen war der liebenswürdigste Wirt. Aber er war wie von einer leisen,
ihm sonst ganz fremden Unruhe erfüllt. Vielleicht gerade, weil er zum
erstenmal Gäste bei sich sah und ihm die Hausfrau fehlte. Martha machte
zwar auf seine Bitte die Honneurs, aber auch sie wußte ja nicht recht
Bescheid. So hastete er ein wenig zu viel umher.
Nach Tisch setzten sich die Herren zu ihrem unvermeidlichen Whist.
Die Damen blieben im Vorderzimmer. Die alte Gnädige saß, ein
wenig träumend, auf dem Sofa. Tante Marie führte fast allein die
Unterhaltung. Sie amüsierte sich. Die beiden Semmelblonden aus
Stellberg machten immer so furchtbar dumme Gesichter, wenn sie
irgendeine ihrer kleinen Pikanterien erzählte; wie auf Kommando
sperrten Mutter und Tochter die Mäulchen auf und klappten sie wieder
zu. Es war ja aber auch toll. Da sollte eine Duchesse sich ein Kleid
von kristallisierter Gaze haben machen lassen, vier Röcke übereinander,
das oberste mit acht Volants, und zu dem Ganzen hatte Laferriere, der
große Modeschneider, nicht weniger als elfhundert Ellen Zeug gebraucht.
Aber alle Pariser Damen waren freilich nicht so verschwenderisch mit
dem Stoff. Es gab sogar sehr sparsame. Die Gräfin Castiglione --
„Ihr wißt ja, man sagt, daß sie die Nebenbuhlerin der Kaiserin ist“
-- die Gräfin Castiglione ist im vorigen Jahr auf einem Ball des
Marineministers als Salambo erschienen -- „Ihr kennt doch jedenfalls
den Roman von Flaubert, der von der schönen Karthagerin handelt --“,
als Salambo also und war in einem Kostüm, das nur aus dem wunderbaren
Schmuck bestand, den der Kaiser ihr heimlich geschenkt hat.
Die Tür zum Hinterzimmer stand halb offen. Dann und dann dröhnte
Gruckers mächtige Stimme: „Himmel, hast du keine Flinte! Meine
Hochachtung, Artenau. Karten hat der Mensch -- Karten!“ Whist sollte
Schweigen heißen. Aber davon hielten die Herren nichts.
Helene langweilte sich. Vor solchen Geschichtchen, wie Tante Marie sie
heut liebte, hatte sie einen Abscheu. Sie stahl sich leise fort. Sah
auf einen Augenblick ins Herrenzimmer, aber da war ein Zigarrenrauch,
den man mit dem Messer hätte durchschneiden können. So trat sie auf
die kleine Veranda, die nach dem Garten hinaus neu angebaut war. Ein
winziges Ding, gerade vier Personen hätten darauf Platz finden können.
Aber die Aussicht war entzückend. Der Garten fiel ziemlich steil
ab. Unten lag der Grunower See, von dunklen Fichten umkränzt. Der
Mondschein lag darauf, silbrig leuchtete das Wasser.
Sie lehnte an der Brüstung, schaute hinab und dachte: Unsere Mark ist
doch schön.
Mit einem Male stand Holfen seitwärts hinter ihr. Hier, wo das
Mondlicht nicht hinkam, im Dachschatten, war es fast ganz dunkel. Sie
fühlte Holfen mehr als sie ihn sah. Und sie erschrak.