Es klang sehr bitter, und auf Helenes Gesicht lag wohl ein so
schmerzlicher Ernst, daß Marie Hackentin verstummte.
Erst nach einer Weile sagte sie mitleidig: „~Pauvre enfant!~ Ja
... die Männer. Ich ahne ...“
Aber gleich war wieder ein Lächeln in dem kleinen, liebenswürdigen,
häßlichen Gamingesicht. „Ah, ihr jungen Mädchen von heute, wie nehmt
ihr doch alles gleich tragisch. Eine Episode, Mignonne, eine Episode!
Was hätte es denn anders sein können? Heiraten konntet ihr euch doch
nicht. Eine Hackentin und unser guter Freund Schwarz!“
„Euer guter Freund, Tante Marie --“
„Nun ja. Aber doch nicht mehr.“
Helene schwieg. Was sollte sie antworten?!
Tante Marie hatte sich wieder gesetzt, wippte auf dem Stühlchen, besah
sich durch das Lorgnon die Wände. Und Helene stand vor ihr und sah mit
brennenden Augen zum Fenster hinaus auf das schneebedeckte Scheunendach.
„Willst du nicht einmal zu uns kommen? Auf ein paar Tage? Dir wird eine
Abwechslung gut tun. In nächster Woche haben wir einige Gäste. Auch der
nette Neuchateller, weißt du: Merivaux, wird dabei sein.“
„Ich danke dir sehr. Aber -- jetzt -- noch nicht.“
Das Lorgnon sank herab, und Tante Marie fragte, nun wieder ganz
mitleidsvoll: „Tat es denn so sehr weh, Mignonne?“
„Es tat wohl weh. Aber ich komme schon darüber hinweg.“
„Ja, man kommt wohl schließlich darüber hinweg ...“, sagte Tante Marie,
ganz anders als sie sonst sprach, langsam und schwer. „Wer von uns
hätte nicht ähnliches durchgemacht.“ Und dann war sie gegangen.
‚... ja ... man kommt wohl darüber hinweg.‘
Das dachte Helene jetzt noch, nach Jahresfrist, immer aufs neue. Und
immer aufs neue ergänzte sie: ‚im Frieden des Elternhauses ... Dank
meiner lieben, lieben Martha!‘
Man kommt darüber hinweg. Die Wunde schließt sich. Aber die Narbe
bleibt, und von Zeit zu Zeit brechen aus ihr die Schmerzen doch wieder
hervor. Nicht mehr brennend und heiß, aber mit leisem, mahnendem
Zucken. Gestalten steigen dann auf, und Träume kommen.