Wieder lag der Schnee über der Rohlbecker Flur, und die Buchenscheite
knatterten in den Kachelöfen. Der alte Rittmeister -- das war
er geblieben, wenn er auch in den Listen der Veteranen nur als
Premierleutnant figurierte -- der Rittmeister war trotz der schlechten
Ernte des letzten Jahres in gehobener Stimmung. Donnerten doch
endlich einmal wieder die preußischen Kanonen: gerade vor acht Tagen
hatten die Preußen und Österreicher die Dänen aus Schleswig-Holstein
herausgeworfen, so daß die nur noch in Düppel und auf Alsen saßen.
Man denke: Preußen und Österreicher! Fast wie Anno 1813/14 war das,
und wenn der Rittmeister auch manchmal über die Strategie der
Bundesgenossen von damals bedenklich den Kopf geschüttelt hatte, auf
die österreichische Tapferkeit ließ er nichts kommen. Sogar die alte
Gnädige nahm Interesse an den Vorgängen „da oben“. Recht genau verstand
sie die Zusammenhänge nicht, aber wenn Vater aus der „Kreuzzeitung“
vorlas, dann klangen auch einzelne Reminiszenzen aus vergangenen Tagen
in die Gegenwart hinüber: einen Rittmeister von Gablentz hatte sie im
Jahre achtzehnhundertfünfunddreißig, oder war’s sechsunddreißig, oder
war’s siebenunddreißig, in Karlsbad kennengelernt, sicher denselben,
der „da oben“ nun als Feldmarschalleutnant kommandierte; und dann der
alte Wrangel: der hatte ihr ja schon, als sie ein blutjunges Komteßchen
war, in die Backe gekniffen -- damals, als er gerade Stabsrittmeister
bei den ostpreußischen Kürassieren geworden war.
Wenn der Herr von Hackentin am runden Tisch in der großen Stube, auf
dem immer noch keine Petroleumlampe leuchten durfte, aus der ersten
Seite der „Kreuzzeitung“ die neuesten Nachrichten vom Kriegsschauplatz
vorlas, dann flammten seine Augen auf und zu den beiden Enkeln hinüber:
„Ja, Jungens, die Preußen und die Österreicher! Die Alliierten von
dreizehn! Schade, daß ihr nicht dabei seid! Das heißt -- hm! -- es hat
ja auch so seine zwei Seiten mit dem Krieg. Aber ’n Lump, der nicht
kommt, wenn der König ruft!“ Sobald er jedoch auf die zweite Seite der
Zeitung kam, wurde er verdrießlich. „Der Deubel sollte sie holen, diese
Demokraten! Das heißt: ich will nicht fluchen. Aber da haben sie im
Abgeordnetenhause rundweg die Kriegsanleihe abgelehnt. Natürlich bloß
aus Opposition! Und der große Schulze-Delitzsch erklärt feierlichst:
‚Preußen mißbraucht seine Großmachtstellung.‘ Na, natürlich unser
roter Kreisrichter wird wohl auch in dasselbe Horn blasen.“ Nur er
durfte im Hause noch den Namen des zweiten Sohnes nennen und tat’s
stets mit größter Erbitterung: „roter Kreisrichter“ war noch eine
sanfte Bezeichnung. Und dann bekam, zum Schluß, immer der Hauslehrer
seine Pille: „Na, Herr Doktor, ich hab immer noch nichts von Ihrem
Beitritt zu unserem guten Preußischen Volksverein gehört! Sind wohl
auch heimlicher Nationalvereinler? Ja, und denken auch so: preußischer
Großmachtskitzel. Wie? Das heißt ... natürlich ... haben ja noch kein
Pulver gerochen!“
Martha und Helene saßen dazwischen und zupften Scharpie. Kleinen
Hügeln gleich bauten sich vor ihnen die weißen losen Fäden auf,
und wöchentlich einmal nahm die Botenfrau den Packen mit nach
Stellberg, wo in der Apotheke eine Sammelstelle errichtet war. Sobald
Vater aber seine Zeitung zusammengefaltet und das Beiblatt mit den
Familienanzeigen an Mutter abgegeben hatte, damit die „ihren Honig
daraus sauge“, fing er an, Kriegsgeschichten zu erzählen. Dann schoben
die Jungens ihre Schmöker beiseite und lauschten. So schön wie
Großvater erzählte, so schön stand’s doch nicht in den Büchern.
Manchmal aber, wenn die Posttasche entleert wurde, schob Vater auch
Helene einen Brief zu. Neuerdings immer mit einem gewissen Respekt,
denn die Briefe trugen den Feldpoststempel „von da oben“.
Bekam Helene solch einen Brief, so tauschte sie mit der Schwägerin
einen Blick des Einverständnisses und ging hinauf in ihr Zimmer, um
den Brief in der Einsamkeit zu lesen. Vater murrte dann manchmal:
„Natürlich wieder vom Harro. Als ob sie die Epistel von dem Jungen
nicht auch hier lesen könnte. Das heißt, Junge darf man eigentlich
nicht mehr sagen, seit er’s Portepee hat ... der Oschitz.“ Gegen
Neujahr war Harro beim vierten Garde-Regiment als Junker eingetreten.
Wenn Helene vor einem der frischen fröhlichen Feldzugsbriefe saß, aus
dem so viel junger Mut und so viel Freude am Drauflosgehen sprach,
dann dachte sie jedesmal an den ersten Brief zurück, den sie von ihm
erhalten hatte. Ein Brief war’s eigentlich nicht gewesen, sondern nur
ein doppelter Aufschrei: „Das hier für Dich. Es wurde abgegeben und
ich hab’s ergattert, damit’s nicht in unrechte Hände kommt. Schicken
mußt ich’s Dir ja wohl. Ach, liebe Helene, ich bin so traurig. Ich habe
solche Sehnsucht nach Dir!“
„Das hier“ war ein eingelegter Brief von Alfred Schwarz.
Sie hielt das verschlossene Kuvert lange in der bebenden Hand. Dann
ging sie, schwer und langsam, bis zum Ofen und warf den Brief in die
Flammen.
Nicht lange darauf war Tante Marie aus Rackow heruntergekommen,
unerwartet und unangesagt, zur Kaffeestunde. Hatte unten ein wenig
paradiert in ihrem fußfreien perlgrauen Popelinekleide mit der
braunroten Tunika darüber und dem Pelzbesatz um den Hals: „Denkt euch,
ja, man darf’s endlich wieder zeigen, wenn man ein hübsches Füßchen
hat, und die Krinoline wird kleiner und immer kleiner --“; hatte diese
kleinen Füßchen in den Lackstiefeln und, unerhört, ein Stückchen eines
rotgezwickelten Strumpfes sehen lassen, sowie ihren neuen „Pagenhut“;
hatte lachend erzählt, daß Ernst endlich einen guten Käufer für das
Vorwerk Grunow gefunden hätte, und hatte dann Helene unter den Arm
gefaßt: „Mignonne, Liebes, jetzt komm’ ich auf einen Stipps mit dir
hinauf.“
Oben setzte sie sich vor den kleinen Schreibtisch, wippte hin und her,
lächelte ein wenig verlegen, ein wenig verschmitzt, sprang wieder auf,
küßte in der alten Herzlichkeit Lene auf beide Wangen und fragte dann
plötzlich: „Nun, Mignonne, was hast du eigentlich mit unserem Freunde
Schwarz gehabt?“
Vom Augenblick an, da der Rackower Schlitten einfuhr, hatte Helene
geahnt, was da kommen würde; sie wußte ja, daß die Rackowschen in
Berlin gewesen waren.
Nun stand sie doch vor der Tante, wie mit Blut übergossen. Aber auch
innerlich gefaßt genug, um antworten zu können: „Sei nicht böse, Tante
Marie. Ich muß das mit mir allein abmachen.“
„Ja, doch! Ich bin ja gar nicht so neugierig, Kind. Nur -- der Arme ist
so unglücklich. Du hast sein Herz gebrochen, du grausame kleine Person.“