Es war Sonntag.
Die Kirchenglocke läutete zum ersten Male, als Helene die Treppe
hinunterstieg.
Unten am Frühstückstisch saßen nur Martha und Mutter. Gerade mußten sie
miteinander gesprochen haben: von ihr. „Lene,“ sagte Mutter und hatte
ein Tränchen, „da haben wir dich also wieder. Komm, laß schauen, wie du
aussiehst.“ Küßte sie und fuhr fort: „Schmalbäckig bist du geworden,
aber ich seh schon, es ist nichts Ernstes. Wir wollen dich schon wieder
herausfuttern.“
Dann ging Helene zu Vater hinüber. Der lag wirklich auch heut im Bett,
hatte einen Teller mit Reinetten vor sich, schälte sich gerade einen
Apfel. „Lene, Kind, ei, sieh mal! Martha hat mir schon erzählt. Ja --
das heißt, eigentlich siehst du gar nicht so elend aus. Ganz gewiß hat
die Oschitzen nicht gut für dich gesorgt. Ruhig, Diana ... willst du
wohl die Lene in Frieden lassen. Ja, das heißt, ich bin selber krank.
Wollte ja auch nach eurem großmächtigen Berlin, ja, das heißt, wollte,
aber da hat mir der Hexenschuß ’nen Strich in die Rechnung gemacht.“
Merkwürdig, merkwürdig: die Welt stürzte gar nicht ein darüber, daß
Helene Hackentin ins Elternhaus zurückgeflüchtet war. Merkwürdig,
merkwürdig: sie lasen ihr nicht vom Gesicht ab, was sie erlebt und
erlitten hatte und immer noch litt.
Die Jungens umtollten sie wie früher; der Hauslehrer machte seine
verliebten Rollaugen wie früher. Und als es zum zweiten Male läutete,
stand Mutter auf der Veranda in ihrem schwarzen Kirchenkleide, mit der
schwarzen Seidenhaube auf dem Kopf, das goldgeränderte Gesangbuch in
der Hand: „Jetzt müssen wir gehen, Lene. Ich bin nur neugierig, was der
Heckstein wieder mal für einen alten Bock schlachten wird.“
Zwischen Mutter und Martha saß sie dann im Herrschaftsgestühl.
Oben vor der Orgel stand der alte Flehr.
Der hatte das gnädige Fräulein gleich gesehen, und während er die
Register zog, dachte er bewegt: ‚Wie sie nun wohl singen wird, unser
Fräulein Helene, nun sie auf der hohen Schule war. Das wird wie eine
~vox angelica~ klingen.‘
Aber als die erste Strophe aufklang, lauschte und lauschte er
vergebens: die große, helle Stimme fehlte im Chor. Und als er sich
verstohlen umwandte, sah er, wie Helene starr vor sich hinblickte --
mit festverschlossenen Lippen.