Sie hatte die Frage erwartet und erschrak doch vor ihr. Hatte sich die
Antwort zurechtgelegt und brachte sie doch nur mühsam heraus: „Ich ...
sah dich dort ... drüben ...“
„So? So! Es war also nur eine Begrüßung, quer über die Straße. Es klang
auch ganz so ... so wie eine Begrüßung.“
Die Tränen schossen ihr in die Augen. Sie war so matt, so zerschlagen,
so widerstandslos.
„Quäl’ mich nicht, Harro!“ bat sie.
Er war stehengeblieben, sah zu Boden, sah dann wieder sie an. Der Trotz
wich aus seinem Gesicht, aber die Bitterkeit blieb in seiner Stimme:
„Nein, ich will dich nicht quälen. Ich hab dich zu lieb dazu. Ich seh
ja auch, dich ... dich quält anderes genug.“
„Es wird schon wieder besser werden. Es ist nur, weißt du -- du hast
doch gewiß auch oft Verdruß in den Stunden.“
Sie war eine so schlechte Lügnerin, schämte sich so, daß sie gerade vor
Harro lügen mußte. Das Blut schoß ihr ins Gesicht.
„In den Stunden also --“
„Quäl’ mich nicht, Harro!“
Da ging er weiter. Die Haustür glitt ins Schloß, ganz sanft drückte
Harro sie zu. Schweigend schritten sie nebeneinander die breiten
Eichenstufen hinan. Erst vor ihrer Tür, oben im halbdunklen Korridor,
blieb er noch einmal stehen. Tief schöpfte er Atem, es war, als ringe
er mit sich. Dann sprach er dringend, heiß: „Du hast neulich nichts von
mir wissen wollen, Helene. Aber ich muß es dir doch noch einmal sagen,
wie gern ich dir helfen möchte. Wenn ... wenn er nur deiner wert ist
...“
Ganz leise hatte er das letzte geflüstert in seiner verhaltenen dunklen
Jungensstimme. Verschämt fast und doch so innig. Sie hörte es mit
geschlossenen Augen, gegen die Wand gelehnt.
Als sie die Augen öffnete, war Harro fort. Und sie ging in ihr Zimmer
und weinte sich aus.
* *
*
Am Nachmittag kam Bruder Wilhelm. Helene wurde heruntergerufen, ließ
aber um Entschuldigung bitten: sie hätte schreckliche Kopfschmerzen.
Die Wahrheit war’s und doch nicht die ganze Wahrheit, sondern eine
Ausrede. Nur niemand sehen, niemand hören wollte sie.
Da kam aber Wilhelm selbst heraufgepoltert, sah in das dunkle Zimmer,
holte vom Korridor die Lampe: „Aber Lene, was machst du? Tante Marianne
klagte auch, du sähst miserabel aus. Laß doch mal zusehen. Wo fehlt’s
denn?“
Die Augen taten ihr weh in dem plötzlichen grellen Licht. Sie hielt die
Hand vor, auch deshalb: wozu brauchte er die Tränenspuren zu sehen!
Ein Lächeln zwang sie heraus, indem sie ihm die Hand gab: „Kopfweh,
Wilhelm, weiter nichts. Morgen ist alles wieder gut.“
Der große Optimist war leicht beruhigt, schob die Lampe beiseite,
setzte sich: „Na ja, so leicht sind wir Hackentiner nicht
unterzukriegen. Ja ... und ich möcht dir doch noch Prost Neujahr sagen.
Eine ganze Hucke Grüße und Wünsche bring ich dir aus unserm lieben
alten Rohlbeck mit.“
„Ach ... Rohlbeck ... ja, unser altes liebes Rohlbeck ...“ Wie sie das
sagte, hatte sie eine ganz unbestimmte Empfindung: dies Rohlbeck mußte
weit, weit abliegen. Unermeßlich weit.
Wilhelm machte sich’s behaglich und begann zu erzählen. Natürlich
zuerst von Martha und seinen Schlingels; mit dem üblichen kleinen
Seufzer: ja, wer es so gut hätte und immer bei ihnen sein könnte. Von
Vater und Mutter dann und von ganz Rohlbeck, mit dem alten Heckstein
an der Spitze, der am ersten Feiertag prächtig gepredigt, aber am
zweiten dafür wieder mal einen uralten Bock abgeschlachtet hätte --
„na, freilich hatten wir am Abend bis Glock eins Whist gedroschen.“ Vom
Weihnachtsfest erzählte Wilhelm: wie sie alle in der großen Stube um
den Christbaum gestanden hätten. Vater hätte gemeint: „Sehr schön, sehr
schön, das heißt, schöner wär’s, wenn die Lene hier wäre“, und Mutter
hatte etwas wie Tränen in der Stimme gehabt. Mutter wurde recht alt.
Anfangs hörte Helene nur mit halbem Ohr zu. Aber allmählich, mehr und
mehr, gewannen die lieben Gestalten, von denen Wilhelm sprach, doch
Leben vor ihrer Seele. Gerade, weil die so matt und flügellahm war. Ihr
war’s, als wehte der Duft der großen Kiefer, um die sie alle gestanden,
noch heut zu ihr; der großen Kiefer, die Vater in jedem Jahr mit dem
Großknecht selber im Walde aussuchen ging. Etwas wie leises, leises
Heimweh überkam sie; jetzt, plötzlich, nachdem sie so lange fast gar
nicht an die Heimat gedacht hatte.
Ganz anders klang es wie vorhin, als sie nun noch einmal sagte: „Ja ...
ja, unser liebes altes Rohlbeck!“
Sie schwiegen ein Weilchen. Dann fragte er, wie sie über das Fest
fortgekommen wäre. „Pläsierlich wird’s ja nicht gewesen sein, taxier
ich. So mit Tante Oschitz ... ich kenn das. Du hättest doch lieber
mitkommen sollen, Lene. Na, übrigens, Vater wird ja jedenfalls zum 3.
Februar herkommen.“
„Vater -- herkommen?“
„Ihr lebt aber hier, scheint’s, wirklich auf der berühmten einsamen
Insel. Lest ihr denn keine Zeitungen? Zum großen Veteranenfest!
Kinder, seid ihr komisch. Zur Enthüllung des Denkmals des
hochseligen Königs sollen doch möglichst all die alten Krieger von
Achtzehnhundertdreizehn, aus den Freiheitskriegen, nach Berlin kommen.
Hast du denn nicht einmal vom König gelesen, wie er das Programm
abgeändert hat? Da hatten die Hofschranzen fein säuberlich geschrieben:
‚Alle Krüppel werden dem Veteranenzuge in Wagen aus dem königlichen
Marstall folgen.‘ Dick streicht’s unser allergnädigster Herr aus und
schreibt eigenhändig dafür hin: ‚Diejenigen, welche infolge ihrer bei
der Landesverteidigung erhaltenen ehrenvollen Wunden gelähmt sind ...‘
und so weiter. Fein, nicht wahr? Und schön! Ja, also, ich denk’, Vater
wird bestimmt kommen.“
Helene schwieg. In ihr arbeitete es: Vater würde kommen, und Vaters
Jägeraugen waren scharf. Er las gewiß in ihrem Gesicht, was sie
erlebt. Und wenn er dann fragte! War’s doch überhaupt wie ein Wunder,
daß bisher alle blind gewesen waren -- bis auf das eine Paar heller
Jungensaugen! Wenn Vater kam und sie ansah und fragte -- -- --
„Gerade redselig bist du nicht, Lene.“
„Wilhelm, mein armer Kopf.“
„Ja so ...“ und er erzählte weiter. Von den Rackowern, die diesmal
den Winter daheim bleiben wollten. Sie müßten sparen, hatte der dicke
Ernst gesagt. „Na, Lene, die Rackowschen und sparen! Schaden könnt’s
ja nicht, denn man munkelt, Ernst sitze bei Ephraim Hirsch feste in
der Kreide. Aber die und sparen. Tante Marie hat zu Weihnachten einen
Kaschmirschal geschenkt bekommen, der seine tausend Taler unter Brüdern
kostet.“ Übrigens hätten sie sehr nach Helene gefragt.
„Wann bist du denn zurückgekommen?“ Sie sagte es eigentlich nur, um
etwas zu sagen.
„Gestern nachmittag. Ich wär schon gestern zu dir gekommen, aber meine
englischen Freunde hatten mich auf acht Uhr zu Ewest eingeladen. Da
traf ich übrigens auch den Russen, wie du ihn ja wohl immer nanntest,
Herrn Schwarz. In einer höchst fidelen Gesellschaft.“
Ganz weit lehnte sie sich zurück und deckte die Hand noch fester über
die Augen.
„Theatervölkchen, weißt du. Wir haben noch ein paar Flaschen Cliquot
zusammen getrunken. Meinen Engländern machte das einen Heidenspaß. Der
eine, Mister Forster, hätte am liebsten angebändelt. Es war da eine
bildschöne Person darunter, aus Frankfurt, die gefiel dem edlen Briten
über die Maßen -- doch die war in festen Händen. Aber was red’ ich da
... das ist ja nichts für Mädchenohren.“
Er schämte sich ein wenig und lachte verlegen. Sah nicht, wie die
Schwester ganz hintenübersank, wie sie sich dann wieder aufrichtete,
starr und steif. Hörte nicht, wie ihre Brust sich hob, ihr Atem
schneller ging und immer schneller.
Er sah und hörte nichts. Er sprach schon wieder von Rohlbeck. Es ging
so doch nicht mehr lange mit dem ewigen Hin- und Herkutschieren. Wenn
endlich die Konzession für die Eisenbahn von Frankfurt nach Posen
hinaus wäre -- und er hätte sie sicher in der Tasche, und das gäbe
einen ordentlichen Batzen Geld --, dann müßten sie ganz nach Berlin
ziehen. Schon der Jungens wegen, damit die in eine ordentliche Schule
kämen.
„Na, Lene, und nun Gott befohlen. Soll ich die Lampe mit herausnehmen?
Bist wohl lieber im Dunkeln? Ja, solche verdeubelten Kopfschmerzen.
Kenn’ ich, hab ich auch manchmal; wenn auch von anderer Art. Adieu,
Lene, gib mir die Hand. Donnerwetter, was hast du für eiskalte Hände.
Soll ich dir ’n Doktor schicken? Gute Besserung liebe Lene --“
Nun war er endlich gegangen.
Helene hatte ihr Taschentuch herausgezerrt und biß auf das Leinen.
Sonst hätte sie aufschreien müssen. Aufschreien, daß es durch das ganze
Haus gellte.
Ihm nachschreien: das ist gelogen! Wie kannst du es wagen, vor meinen
Ohren Alfred so zu verleumden! Weißt du denn nicht, daß er mich liebt?
Mich -- nur mich!
Gelogen! Gelogen! Gelogen!
Immer wieder sprach sie es in Gedanken vor sich hin. Es tat ihr
körperlich weh, es war, als ob das Wort jedesmal einer spitzen Nadel
gleich ihr ins Gehirn stoße. Aber sie wiederholte, wiederholte: gelogen
-- gelogen -- gelogen --
Eine Stunde wohl saß sie so, ohne sich zu rühren. Ohne einen einzigen
anderen Gedanken fassen zu können. Nur, daß ihr wohl ein Wort durch
den Sinn schoß, das er neulich gesprochen hatte, lachend: „Du bist
doch nicht eifersüchtig?“ Aber es war nur wie eine unklare Erinnerung.
Eifersüchtig?! Wie sollte sie eifersüchtig sein? Es war doch alles
gelogen -- gelogen -- gelogen --
Einmal steckte Tante Oschitz den Kopf durch die Türspalt: „Immer noch
Kopfschmerzen? Armes Kind! Mach dir doch einen ordentlichen Umschlag
von Eau de Cologne.“
„Ja, liebe Tante.“
„Ich muß zu Madame Sandern. Willst du das Abendbrot auf dein Zimmer?“
„Wie du befiehlst, liebe Tante.“
O Gott, daß auch diese sanfte Stimme schmerzen konnte.
„Soll dir das Mädchen die Lampe bringen?“
„Bitte nein, liebe Tante.“
„Recht gute Besserung, Kind. Ich stelle dir unten das Akonit hin. Zehn
Tropfen, hörst du.“
„Ja, liebe Tante.“
Langsam schloß sich die Tür wieder. Tante Marianne hatte so
geräuschlose Sohlen. Aber heut hörte Helene jeden, jeden ihrer Schritte
auf der Treppe, bis zur letzten Stufe, und jeder dieser sanften
schleifenden Tritte schmerzte.
Wieder saß sie im tiefen Dunkel. Saß regungslos. Und dachte immer
wieder: gelogen -- gelogen -- gelogen --
Und dachte nun doch zurück an den heutigen Vormittag. Gerade weil
sie ja wußte, was der Bruder da leichthin geredet hatte, war gelogen.
Selbstverständlich gelogen. Alfred, der ihr heute -- heute -- ins Ohr
geflüstert hatte: „Mann und Frau“ ... „wir allein, ganz allein“: Alfred
sollte gestern abend ...
... sollte überhaupt! Ach, diese schlechten, schlechten Menschen!