Lachen müßte man -- wenn man nur könnte --

Aber sie selber: sie selber war auch schlecht gewesen. Denn schlecht

war es, daß sie kein volles Vertrauen zu ihm fassen konnte. Wie kam

das überhaupt? Wenn man jemand liebt, muß man volles Vertrauen haben.

Unbedingtes, grenzenloses Vertrauen. Muß Opfer bringen können. Ja,

hätte sie denn nicht für ihn sterben mögen ... sterben mit tausend

Freuden!

Sie aber ... sie hatte nach Harro gerufen. Wie um Hilfe. Nach dem

dummen Jungen, der seines Weges kam, schlendernd, mit der Mappe

unter dem Arm. Die Fäuste in den Manteltaschen. In den Augen dieses

argwöhnische Überwachen. Was fiel dem Jungen ein!

Mit Verachtung hätte Alfred sie strafen müssen. Aber er war der

Großmütigere gewesen, der Überlegene, der Verzeihende.

Und immer -- immer war sie klein gewesen, klein und kleinlich ...

Und nun gar eifersüchtig. Nein, nein! Das nicht! Es war ja alles

erlogen -- erlogen -- erlogen --

Wieder saß sie eine Weile ganz still, regungslos.

Dann sprang sie plötzlich jäh auf. Sie tastete im Dunkeln nach ihrem

Schrank, riß ihren Mantel heraus und den Pelzhut. Alles im Dunkeln,

ohne zu wählen; warf den Mantel um. Mit hastenden, unsicheren Händen.

Der Hut wollte und wollte nicht sitzen. Ihr Haar hatte sich wohl

gelockert. Sie griff hinein, preßte es gewaltsam unter die Hutform,

schürzte die Bänder unter dem Kinn.

Aber als sie die Türklinke in der Hand hatte, wandte sie sich noch

einmal um. Nun brauchte sie doch Licht. Strich das Schwefelholz an,

entzündete die Kerze, kniete vor der Kommode nieder. Da lag, ganz unten

versteckt, die Brosche mit den Topasen. Die mußte sie doch anstecken --

heute.

Das ging nur vor dem Spiegel. ‚Mein Gott, wie siehst du aus!‘ dachte

sie erschrocken. Auf einen Augenblick kam ihr die Besinnung zurück.

Soweit wenigstens, daß sie sich das Haar glatt strich. ‚Nein, häßlich

darf er dich nicht finden.‘ So weit wenigstens, daß sie die Knöpfe des

Mantels richtig schloß, den Hut gerade rückte.

Die Topasen schimmerten und glänzten, wie sie so bei dem matten Schein

der Kerze die Brosche vor sich hin hielt. Ein leises Lächeln huschte

über ihr Gesicht. Darüber wird er sich gewiß freuen, daß du die

angesteckt hast. Heute --

Nun war sie fertig, war ruhig. Wirklich, glaubte sie, ‚ich bin nun ganz

ruhig‘. Es war ja nur der Entschluß, der so schwer war.

Sie löschte die Kerze. Sie huschte die Treppe herunter und über den

Flur. Leise, vorsichtig, öffnete sie die Haustür. An Harros scharfe

Ohren dachte sie dabei. Leise, vorsichtig drückte sie die Tür wieder

zu. Es war doch ein Glücksfall, daß Tante Oschitz gerade heut abend aus

war. Bei der alten Madame Sandern. Da saßen sie jetzt und strickten

Missionsstrümpfe. Komisch eigentlich: um die Neger da hinten, da unten

in Afrika sorgte sich Tante Oschitz.

Draußen war es schneidend kalt. Aber die Kälte tat Helene wohl. Sie

atmete tief auf. Der Kopfschmerz war verschwunden. Wie fortgezaubert.

Durch die Kälte vielleicht, durch den Entschluß vielleicht. Durch einen

großen, guten Entschluß! Der das Herz so leicht macht und so froh.

Schnellen Schrittes ging sie die Tiergartenstraße entlang, dann durch

die Lennéstraße. Es war sehr leer auf den Straßen bei der starken

Kälte. Im Rauhreif standen links die Bäume des Tiergartens, winkten

rechts die des Radziwillparks über die alte Stadtmauer. Sogar auf dem

Pariser Platz war es still. Der Posten an der Brandenburger Torwache

lief in schwerem Mantel hinter dem Gitter herum, um sich warm zu

halten. ‚Das ist der Weg, den wir am ersten Tage in Berlin gegangen

sind‘, dachte Helene. ‚Und nun gehe ich zu ihm -- zu ihm!‘

Das kurze Stück Unter den Linden, die Wilhelmstraße. ‚Ja, zu ihm!

Was er wohl für Augen machen wird? ‚Du, Helene?!‘ Ans Herz wird er

mich nehmen, und ich will ihm abbitten, alle meine Zweifel, all meine

häßlichen kleinen, kleinlichen Gedanken.‘

Jetzt kam die lange Behrenstraße. Ganz am Ende wohnte er, fast

gegenüber dem Opernhause. Oft genug war sie ja vorübergegangen, hatte

zu seinen Fenstern emporgesehen mit pochendem, sehnsüchtigem Herzen.

Plötzlich kam ihr der Gedanke: wenn er nun nicht zu Hause ist? Aber das

war ja unmöglich. Er +mußte+ zu Hause sein, heute: das wollte das

Schicksal.

Sie war sehr schnell gegangen, zuletzt fast gelaufen.

Nun, plötzlich, als sie auf der anderen Straßenseite die erleuchteten

Fenster des Ewestschen Restaurants sah, stockte ihr der Atem. Dort

also hatte er gesessen, in lustiger Gesellschaft, gestern abend --

in solcher Gesellschaft. Was hatte Wilhelm erzählt? Doch das war ja

gelogen -- gelogen -- gelogen --

Sie wiederholte es sich immer wieder, immer eindringlicher. Aber das

würgende Gefühl in der Brust wurde sie nicht los, die atembeklemmende

Enge. Mühsam nur kam sie vorwärts, und jetzt erst fühlte sie die

schneidende Kälte, den scharfen Wind, der die Straße entlang jagte, ihr

gerade ins Gesicht. Sie schauerte zusammen. An der Rückfront des Palais

mußte sie einen Augenblick stehen bleiben. Und da schoß ihr plötzlich

der Gedanke durch den Sinn: ‚Hier wohnt der alte König, und Vater kommt

als sein Gast. Vater!‘

‚Vater --‘

‚Was Vater wohl dazu sagen würde, wenn er dich hier fände, auf diesem

Wege?!‘

Sooft hatte er ihr den Nacken gesteift, hatte sie den Kopf zurückwerfen

lassen, der Hackentinsche Stolz. Halb unbewußt beides: Familienstolz

und Mädchenstolz. Heut hatte sie das beides weit hinter sich geworfen.

Aber nun war’s doch, als hörte sie Vaters Stimme: „Mädel, wo hast du

deinen Stolz?“

Sie biß die Zähne aufeinander, stand noch einen Moment mit

geschlossenen Augen. ‚Mein Stolz? Ja, mein Stolz! Was ist mein Stolz

gegen meine Liebe!‘ Und weiter ging sie, an den kümmerlichen Büschen

des Opernplatzes entlang, jetzt schon seine Fenster suchend.

Die Fenster waren dunkel. Er war nicht daheim.

Aber er mußte ja zu Hause sein. Er hatte gewiß auch ein Zimmer nach dem

Hofe hinaus.

Wieder stand sie ein paar Minuten, nach den Fenstern dort drüben

hinüberspähend, als ob im nächsten Augenblick hinter den Rouleaus ein

Lichtschein aufflammen müßte.

Dann wollte sie über die Straße. Sie mußte ja doch über die Straße. In

dies Haus drüben, die zwei Treppen hinauf. Sie +mußte+ ja doch ...

Aber es war wie eine Lähmung in ihr. Die Füße wollten sie nicht

hinübertragen. Der Mädchenstolz, der Hackentinsche Stolz war mit einem

Male wieder da: Helene Hackentin geht in später Abendstunde zu ihrem

Geliebten!

Als ob ihr das jemand ins Ohr raunte. Wie häßlich das war, wie gemein

das klang!

Dabei wiederholte sie schwer, langsam die Worte. Triumphierend wollte

sie es sich selber zurufen: ‚Ja doch! Ja doch! Gerade das: zu ihrem

Geliebten!‘ Aber es ging nicht, der häßliche Klang blieb und blieb.

Einmal sah sie sich wirr um. War es denn überhaupt schon so spät? Sie

hatte keine Uhr befragt. Die Straße, der Platz waren menschenleer;

doch die Häuser waren noch nicht geschlossen; das Opernhaus war noch

erleuchtet. Aber das tat ja alles gar nichts, bedeutete ja gar nichts.

Und wenn es zur Mitternachtsstunde gewesen wäre --

Ganz menschenleer war die Straße.

Plötzlich hörte sie Stimmen. Und sie sah drüben, dicht an den Häusern

entlang, ein Paar gehen. Einen Mann und eine Frau, Arm in Arm --

... Alfred ...

Starr aufgerichtet stand sie, starr, wie versteint. Ihre Augen spähten

durch die Dunkelheit. Nun traten die beiden in den kümmerlichen

Lichtkreis der nächsten Laterne. Nun klangen noch einmal ihre Stimmen

herüber, ein Scherzwort, ein kurzes Auflachen. Jetzt waren sie drüben

am Hause, stiegen die paar Stufen zur Tür hinauf. Die Tür knarrte, ging

auf, schloß sich wieder hinter den beiden.

Starr aufgerichtet stand Helene, starr, wie versteint. Den Kopf weit

vorgestreckt, die Augen auf die Tür gerichtet, hinter der die beiden

verschwunden waren: Alfred ... und die Frau! Jetzt hatten sie wohl die

zweite Treppe erreicht, jetzt standen sie vor seiner Wohnung, jetzt zog

er den Schlüssel aus der Tasche.

Mit einem Male flammte es hinter den Rouleaus auf. In einem dämmrigen

Schein, wie wenn jemand ein Schwefelholz entzündet. Ein leuchtender

Punkt zuerst, dann das ganze Fenster füllend, daß ein breiter

Lichtstreif durch die blaue Stoffgardine auf die Straße hinaus fiel.

Und hinter dem blauen Vorhang silhouettenhaft, scharf umrissen, zwei

Gestalten --

Noch immer stand Helene starr aufgerichtet, wie zu Stein erstarrt, mit

weit vorgestrecktem Kopf, die schmerzenden Augen nach drüben gerichtet,

die Hände gegen die keuchende Brust gepreßt. Noch immer konnte sie das

Unfaßbare nicht begreifen. Aber es bohrte sich ihr wie mit tausend

spitzen Nadeln ins Hirn, es schnürte ihr den Atem ein, es legte sich

mit Zentnerlasten auf sie: das Unfaßbare, das Unbegreifbare, das

Fürchterliche ... die Erkenntnis!

Dann kam endlich ein einzelner Ton des Jammers aus ihrer Brust, ein

einziger Wehlaut nur. Die Starrheit wich. Sie schlug die Hände vor das

Gesicht. Und dann rannte sie quer durch die kümmerlichen Büsche des

öden Platzes, als ob sie dem Entsetzen entfliehen wollte, das noch mit

ihr ging und das sie nie, nie verlassen konnte.

Sie jagte über den Platz, als ob sie gehetzt würde, als ob der Schimpf

und die Schande hinter ihr drein wären.

Mit einem Male aber waren ihre Kräfte am Ende. Auf die ungeheure

seelische Anspannung folgte jäh der Rückschlag. Sie taumelte, raffte

sich noch einmal auf. Stand, sah sich wirr um, tat noch ein paar

mühsame Schritte vorwärts --

Da fühlte sie eine sanfte, starke Hand an ihrem Arm. Hörte eine Stimme:

„Liebe Helene ... ich bin’s ... ich, Harro! Komm ... erlaube, daß ich

dich stütze ... liebe Helene ...“

Klar bewußt wurde ihr all das nicht. Aber in ihrer ohnmächtigen

Hilflosigkeit empfand sie die hilfreiche Hand, empfand sie den

zärtlichen, mitleidsvollen Ton der Stimme. Sie lehnte sich auf den Arm,

ließ sich willenlos halten und stützen. Wie von fern her hörte sie

wieder: „Nicht durch die vielen Menschen, Helene, nicht wahr? Die Oper

ist eben aus. Drüben bekommen wir gewiß einen Wagen.“

Er führte sie, langsam, sorglich, wie man eine Kranke führt. Hob sie in

die Droschke, setzte sich still neben sie, fragte nicht, hielt nur ihre

Hand mit einem weichen, gleichmäßigen Druck.

Ganz zusammengesunken saß sie in ihrer Ecke. Manchmal ging ein Schauern

über sie hin, sie zuckte zusammen wie in einem schrecklichen Traum,

schluchzte weh auf. Manchmal faßte ihre freie Hand nach dem Halse, als

suchte sie etwas, das sie einengte, ihr den Odem abschnürte.

Die Droschke trottete und trottete über das Pflaster. Es tat so weh, so

weh ...

Einmal fuhr Helene auf, rief wie erwachend, fast feindselig: „Wohin

bringst du mich!“

Da war wieder die liebe, zärtliche, mitleidsvolle Stimme: „Ängstige

dich nicht, Helene ... nach Hause ...“ Ganz seltsam klang die Stimme,

so ruhig, so zuversichtlich. War das wirklich Harros Stimme, war das

Harros Hand, die die ihre hielt? Merkwürdig ... Harros Hand ... und tat

so wohl ...

Wieder kauerte sie sich zusammen, ganz tief in ihre Ecke. Schreckte von

neuem auf: „Wo kommst du denn her?“

„So laß doch, Helene. Ich kam ganz zufällig über den Opernplatz.“

Ob er wohl log? Gewiß log er. Das fühlte sie. Aber weiter konnte sie

nicht denken. Nur daß er gut zu ihr war, wußte sie.

Weiter und weiter rasselte der Wagen, immer im gleichmäßigen langsamen

Trotteltrab. Jeden Hufschlag empfand sie. Es klang fast wie: ‚Wie soll

das nun werden? Wie ... soll ... das ... nun ... werden?‘ Aber auch dem

konnte sie nicht nachdenken. Es war alles so verworren, so unklar. Nur

ein großer, großer Schmerz war da.

Endlich hielt der Wagen.

„Mama ist nicht zu Hause. Johann auch nicht, nur Luise“, hörte sie

wieder. „Ich bring dich hinauf. So ... komm ... gib mir deine Hand.“

Das war also doch Harro. Wie verständig der Harro war! Der Junge!

Und dann lag sie auf dem Sofa oben in ihrem Zimmer. Die Lampe brannte,

aber Harro hatte den Schirm vorgezogen, das Licht blendete nicht. Es

war schön warm; draußen war es doch eisig kalt gewesen. Und die alte

Luise war da, brachte heißen Tee, zog ihr die Stiefel aus, rieb ihr die

Füße. Und als sie gegangen, kam Harro noch einmal herein, setzte sich

zu ihr, streichelte ihr die Hand.

Was war denn das?

Der große Junge hatte ja dicke Tränen in den Wimpern.

Sie sah ihn an, richtete sich mühsam hoch, sah ihn wieder an, mit

erwachenden Augen. Sank zurück, schlug die Hände vor das Gesicht und

schluchzte -- schluchzte bitterlich.

Mit einem Male stand nun alles wieder vor ihrer Seele -- durchlebte sie

all ihr Unglück noch einmal, rang mit der Verzweiflung, bäumte sich

auf, brach völlig zusammen. Nun hörte sie nicht mehr, was Harro ihr

zusprach, fühlte nicht mehr den leisen, mitleidsvollen Druck seiner

Hand. Fühlte nur eins: es ist aus und zu Ende ... dein Glück liegt in

Trümmern und Scherben ...

Eine endlose, endlose Nacht.

Tante Marianne war gekommen, aufs heftigste erschrocken. „Wir hatten

noch einen Spaziergang gemacht, Helene und ich“, hatte Harro erklärt.

„Da ist sie plötzlich ohnmächtig geworden. Sie war ja schon in den

letzten Tagen nicht wohl. Erinnere dich nur, Mama.“

Der Arzt wurde gerufen, Tante brachte Helene zu Bett. Willenlos ließ

sie alles mit sich geschehen, sprach nicht, lag mit geschlossenen

Augen. Der Medizinalrat machte ein bedenkliches Gesicht -- „Ein

Nervenfieber im Anzug“ -- verschrieb ein Rezept, wollte am nächsten

Morgen wiederkommen.

Nicht von Helenens Bett wich die Tante. Ein paar Male kam Harro auf den

Fußspitzen, öffnete eine Türspalte, schlich wieder zurück. Die Medizin

wurde gebracht. „Du mußt einnehmen, liebes Kind!“ Gehorsam richtete

sich Helene auf. „Du bist so gut zu mir, liebe Tante --“ sank wieder

zurück, lag mit geschlossenen Augen, endlose, endlose Stunden. Manchmal

dachte Tante Marianne: es scheint doch, sie schläft. Aber dann sah

sie wieder, wie die Hände auf der Bettdecke leise hin und her gingen,

immer, als suchten sie nach etwas Verlorenem. Wie bei einer Fiebernden,

und doch war der Puls ganz regelmäßig und die Stirn eher kühl als heiß.

Als der Morgen dämmerte, wurden die Hände ruhiger. Manchmal bewegte

Helene die Lippen, als wollte sie etwas sagen oder als spräche sie

mit sich selber. Tante Marianne sah das alles, sah auch, wie sich

zwischen den Brauen ein paar Fältchen eingruben. Wie bei Harro, dachte

sie; es muß doch etwas wie eine Familienähnlichkeit sein. Es schien

nun wirklich, als schliefe Helene fest. Auch ihre Lippen waren jetzt

ruhig, seltsam zusammengepreßt nur, ganz schmal und blutlos.

Durch die tiefen Fensternischen brach das Tageslicht. Ein erster

schmaler Sonnenstrahl legte sich quer über die Bettdecke. Tante

Marianne wollte aufstehen, den Vorhang zuziehen. Da schlug Helene die

Augen auf. Sie haschte nach der Hand der Tante und sagte matt, aber

ganz klar: „Daß ich dir soviel Mühe mache, Tante.“ Sie zog die Hand an

ihre Lippen. „Ich werde euch allen das nie danken können. Ich bin wohl

überhaupt eine recht undankbare Kreatur.“

Tante Marianne war sehr glücklich. Wer so sprach, konnte nicht

ernstlich krank sein! In aufwallender Herzlichkeit beugte sie sich über

die Nichte, küßte sie: „Du liebes böses Kind! Wir haben uns wirklich

geängstigt. Was für Geschichten machst du nur!“

In Helenes Augen lag immer noch etwas Starres. „Ja ... was für

Geschichten ...“ sagte sie langsam. Und dann gleich: „Aber ängstigen

braucht ihr euch nicht. Es muß wie ein plötzlicher Anfall gewesen sein.

Jetzt bin ich ganz wohl. Und du hast die ganze Nacht hier gewacht. Ich

schäme mich, Tante ...“

„Aber, Helene! Und ganz wohl: das glaube nur nicht. Da müssen wir erst

den Doktor hören.“

Helene saß aufrecht in ihrem Bett. Sie fühlte, daß ihr Haar sich gelöst

hatte, griff nach der einen schweren Flechte, die ihr wie ein Goldband

über der Brust hing. Ein flüchtiges Rot ging über ihre Wangen, während

sie die hochsteckte. „Ganz wohl? Ganz gesund hätte ich sagen sollen“,

sprach sie wieder in ihrem schweren fremden Tonfall.

„Aber Kind, das ist doch dasselbe --“

Sie antwortete nicht, ließ sich zurückfallen, schloß die Augen, sah

wieder auf. Etwas unsicher und zaghaft. Griff von neuem nach der Hand

der Tante, sagte langsam, als ob ihr doch jedes Wort schwer fiel:

„Liebe Tante ... ich habe eine sehr große Bitte ... ich möchte so

schnell als möglich nach Hause ... nach Rohlbeck ...“

Dabei blieb sie. Immer wiederholte sie es. Der Tante, dem Arzt, auch

Wilhelm gegenüber, der gerufen worden war.

Sie schien auch wirklich ganz gesund. Der Medizinalrat machte zwar

einige Einwendungen, sprach dann von einem Nervenchock, gab jedoch zu,

daß sie durchaus reisefähig wäre. So gab man ihrem Wunsche schließlich

nach. Tante Marianne war vielleicht ein wenig pikiert über die Hast,

mit der Helene ihre kleinen Vorbereitungen traf; sie schüttelte den

Kopf, konnte sich in den plötzlichen Entschluß nicht hineindenken; die

offenbare Veränderung im Wesen der Nichte verwirrte, versöhnte sie aber

auch einigermaßen. Eine fremde, stille Schweigsamkeit war in Helene,

eine fast wortlose, aber innige Dankbarkeit sprach aus ihr.

Wilhelm wollte die Schwester am nächsten Tage wenigstens bis Frankfurt

bringen. Am Abend kam er noch einmal, um sich als unabkömmlich zu

entschuldigen. Nun sollte Harro für ihn einspringen. Ob er wohl die

Klasse auf einen Tag ohne Schaden versäumen könnte? Er wurde rot, dann

erklärte er sein „Selbstverständlich“. Tante Marianne ging hinauf, um

Helene Mitteilung zu machen. Sie kniete vor ihrem Köfferchen, sah auf

wie erschrocken, sagte dann hastig: „Aber ich kann doch wahrhaftig

allein reisen!“ Als die Tante ihr zusprach: „zu unserer Beruhigung,

Kind! Wenigstens, daß wir wissen, du bist gut in der Post untergekommen

--“ senkte sie den Kopf. Es war also abgemacht.

In ganz früher Morgenstunde mußte sie aus dem Hause, denn

der Zug ging schon um acht Uhr, und man gebrauchte bis zum

Niederschlesisch-Märkischen Bahnhof fast eine Stunde.

So elend und übernächtigt sah sie aus, als sie herunterkam, daß

die Tante erschrak. Aber Helene schien ganz ruhig. Sie sagte jedem

einzelnen Dienstboten Lebewohl; dann umarmte sie die Tante, dankte ihr

noch einmal.

„Liebes Kind, du kommst ja bald wieder. Nimm’s nicht so feierlich.“

„Wenn ich wirklich wiederkomme --“

„Aber, Helene!“

Sie stand einen Moment mit hängendem Kopf, wie tief in Gedanken

versunken, griff dann nach der Hand der Tante, zog sie an die Lippen.

Es war wie eine Abbitte. Und sie sagte auch wirklich nach einer kleinen

Pause: „Verzeih mir, Tante Marianne. Ich hätte wohl manchmal anders

sein können. Behalt mich ein wenig lieb ...“

Schweigsam saßen die beiden Reisenden nebeneinander.

Bisweilen sah Harro verstohlen auf Helene, bisweilen wollte er

irgendeine kleine Unterhaltung anfangen. Immer wieder verstummte er.

Aber er umgab sie mit schonendster Sorglichkeit.

Einmal, kurz vor Frankfurt, sprach Helene wie aus einer langen

Gedankenkette heraus: „Ich muß dich noch um etwas bitten --“

„Gewiß, Helene! Sag’s nur!“

„Bitte, geh zu Frau Harriers-Wippern und entschuldige mich. Sag’, daß

ich plötzlich hätte abreisen müssen. Ich würde ihr von Rohlbeck aus

schreiben.“

„Ich gehe gleich morgen.“ Und dann sagte er fast dasselbe wie seine

Mutter: „Helene, du kommst doch bald wieder!“

Da sah sie ihn an, eigentlich zum erstenmal heute, und sie schüttelte

langsam den Kopf.

„Helene --“

Es war, als suchte er nach Worten. Über das junge Gesicht strömte

wieder das Rot. Er mußte erst eine Scheu überwinden.

„Helene ... du hast doch deine Kunst!“ kam es dann plötzlich heraus. Es

klang fast wie vorwurfsvoll und tröstend zugleich.

Sie hatte die Hände im Schoß geschlossen. Sie drückten sich noch fester

ineinander. Ihr Blick wich wieder seinem Auge aus. Und dann sagte sie,

auch wie in einer inneren Scheu, ganz leise: „Harro ... mir ist’s, als

sei auch die zerbrochen ...“

Erst als sie schon am Wagen stand, in dem schmalen Posthof, unmittelbar

vor dem Einsteigen, sprach sie noch einmal zu ihm. Ganz kurz nur: „Du

bist gestern sehr gut zu mir gewesen, Harro. Ich danke dir vielmals.

Und wenn du kannst, Harro ... denke nicht schlecht von mir.“

Er schluckte ein paar Male, als ob er mit Tränen kämpfte. Dabei

hatte er die Hände wieder in den Manteltaschen, zu Fäusten geballt.

Ruckweise nur erwiderte er: „Schlecht von dir! Ach ... Helene ... nie

... niemals. Ich ... du weißt es ... ich hab dich ja so lieb. Manchmal

denk ich, du müßtest eigentlich meine Schwester sein ... manchmal ...“

Plötzlich riß er die Hände aus den Taschen und griff nach ihrer Hand.

Das Blut kam und ging in seinem Gesicht. „Nimm’s dir doch nicht so zu

Herzen, Helene! Das ist ja alles dummes Zeug ... das ...“

Der Postillion blies. Der Kondukteur drängte. Über Harro schien etwas

wie innere Wut zu kommen, er mußte sich irgendwie Luft machen. Mit

einem Ellbogenstoß schob er einen dicken Wollhändler zur Seite, schrie

ihn an: „Was machen Sie sich hier mausig. Sehen Sie nicht, daß die

Dame einsteigen will!“ -- Dann hob er Helene in den Wagen, deckte ihr

die Reisedecke über die Knie, drückte noch einmal ihre Hände. „Adieu,

Helene ... auf Wiedersehen ...“ Da war seine Stimme schon wieder

knabenhaft weich geworden. „Bleib gesund ...“

Und dann stand er, die Mütze in der Hand, neben dem hohen Wagen. Der

Wind spielte mit seinem blonden Haar. „Adieu ... liebe, liebe Helene

...“

Trotz allem: Helene fühlte sich erleichtert, als sie allein war unter

fremden Menschen.

In den endlosen Stunden der Nacht, während sie gelegen hatte, wach mit

geschlossenen Augen, mit der Verzweiflung ringend, war, langsam und

allmählich, ein neues Gefühl in ihr erwacht. Während der ganzen Fahrt

heute war es gewachsen und gewachsen. Nun sie allein war unter den

fremden Passagieren, sann und sann sie ihm nach. Es war ein Empfinden,

das ihr unsagbare Schmerzen brachte und an das sie sich doch klammerte

wie der Ertrinkende an die schmalste Bootsplanke. Es war der Vorwurf:

wo hattest du deinen Stolz?!

Gestern abend -- deutlich stand der Moment vor ihrer Seele -- gestern

abend, am Palais, war einer Warnung gleich in letzter Minute der

Weckruf in ihr erklungen: was Vater wohl sagen würde? ‚Mädel, wo hast

du deinen Stolz?‘

Gestern abend hatte die Leidenschaft sie darüber hinweggepeitscht. Nun

klang er immer wieder auf, der Vorwurf: wo hattest du deinen Stolz?

Auf märkischer Erde · 第 24 / 62 题