„Wir Menschen können einander wohl nur selten helfen.“
„Du sagst, du wolltest meine Freundin sein. Dann mußt du auch Vertrauen
zu mir haben, Helene!“
Da war schon wieder der Trotz in seiner Stimme, der rechte
Jungenstrotz. Und das tat ihr wohl.
Sie antwortete nicht gleich, sie begann auszuschreiten.
„Es gibt Dinge, Harro, die man auch dem besten, liebsten Freunde nicht
mitteilen darf. Stimmungen gibt es und Kämpfe, die man nur selber
durchringen und überwinden kann.“
Er nickte, rasch hintereinander, ein paar Male, als ob er gleich
empfinde. Doch dann trotzte er wieder auf. „Das ist nicht die richtige
Freundschaft!“
„Wir wollen’s der Zeit überlassen, Harro.“
Sie gingen schneller, und er merkte wohl, daß sie ihm auswich. Jetzt
schwieg auch er. Biß wieder die Zähne aufeinander, stopfte beide Hände,
zur Faust geballt, trotzend in die Manteltaschen, ließ den Kopf tief
hängen, und unter der Pelzkappe zog sich das krause Faltengewirr über
die Stirn. Einmal kam etwas wie ein bitterer Lachton zwischen den
geschlossenen Lippen hervor.
‚Nun ist er doch wieder ganz der törichte Junge‘, dachte sie. ‚Gottlob!
Töricht und dabei so lieb, so lieb!‘
Und da waren sie auch schon dicht an der Tiergartenstraße. Durch die
Bäume schimmerte grau die einsame Insel mit dem roten Ziegeldach
darüber.
‚Ein gutes Wort mußt du ihm doch noch sagen ...‘
Die Hand streckte sie ihm hin. „Schlag ein, Harro! Also auf gute
Freundschaft!“
Er sah auf. Ganz dicht standen seine Brauen aneinander. Er zögerte,
rang mit sich. Die Fäuste kämpften in den Manteltaschen: sollen wir
oder sollen wir nicht? Die Oberzähne nagten an der Lippe.
Plötzlich stieß er heraus: „Ja -- du --!“ Machte kurz kehrte und rannte
in den Tiergarten zurück. -- --
Nun aber, nun war Alfred endlich in Berlin. Sie sah ihn wieder, hörte
seine Stimme, hielt seine Hand in der ihren, saß neben ihm in der
lieben, kleinen Konditorei auf dem alten Sofa und bat ihm im geheimen
all ihr Zagen und Sorgen, all ihren Kleinmut ab. Nicht im geheimen nur.
Ganz offen, ganz ehrlich: „Ich war so töricht, Fred ... ich habe mich
so geängstigt ... so hoffnungslos war ich. Ach, Fred, du darfst mich
nicht so lange allein lassen. Ich ertrage das nicht. Die Sehnsucht ist
zu groß.“
„Ja, die Sehnsucht! Glaubst du denn, Helene, ich hätte nicht unter
der Sehnsucht gelitten?“ Er legte den Arm um sie, zog sie an sich.
„Aber ich weiß wohl, wir Männer kommen leichter darüber hinweg als
ihr Frauen. Schon durch den Beruf. Was war das wieder für eine
abscheuliche, anstrengende Sache, dieses ganze Gastspiel! Schon allein
die Fahrt bei dieser Kälte. Man ist in Deutschland doch noch um ein
Jahrzehnt zurück oder länger. Gerade daß immer alle fünf Stationen
eine Fußflasche mit heißem Wasser ins Coupé geschoben wird, während
es selbst in Rußland schon ordentlich geheizte Wagen gibt. Ridikül
ist’s. Und der ungemütliche Aufenthalt im Frankfurter Hotel, und diese
jammervollen Theaterverhältnisse in der lobesamen Freien Reichsstadt!“
„Warst du am Großen Hirschgraben?“
„Wo?“
„Am Großen Hirschgraben ... wo der junge Goethe gewohnt hat.“
Er lachte. „Ach, du liebe, liebe Närrin. Was ist mir der junge Goethe!
Hat der am Großen Hirschgraben gewohnt? Ich weiß nicht einmal, wo der
liegt. Aber den Tannhäuser hab ich gesungen: das war wenigstens ein
Erfolg, der wohltun konnte.“ Und er erzählte von der Aufführung -- lang
und breit --
Sie wußte selbst nicht, warum es ihr weh tat, daß er vom jungen Goethe
nichts wußte, nichts wissen wollte. Es war ja auch ungerecht, daß
sie’s mit einer leisen Bitterkeit empfand, sie gestand es sich ein.
Und ungerechter noch, daß sie nicht mit der gewohnten Aufmerksamkeit
zuhören konnte. Aber sie mußte sich geradezu anstrengen, ihm zu folgen.
Nicht einmal fragte er: wie ist es dir denn ergangen in diesen langen,
langen Tagen? Freilich, ein Mann hatte eben seinen Beruf, und es war
wohl in der Ordnung, daß er ganz in ihm aufging. Aber weh tat es doch.
Nun -- auch sie würde ja einmal ihren Beruf haben. --
Und wonnig, beseligend war es doch schon, ihn wieder zu haben. Seine
Nähe zu fühlen, seine Hand zu halten. Was wollte sie denn mehr: er
liebte sie -- er liebte sie! Er sah ihr in die Augen, tief, tief, er
suchte ihre Lippen --
Was wollte sie mehr? Was wollte sie mehr! Nichts -- nichts -- nichts!
Dann zog er ihr kleines Weihnachtsgeschenk heraus: „Das ist mein treuer
Begleiter gewesen“, sagte er.
Nun hatte sie ihm längst die Kunst abgelernt, zwischen spitzen Fingern
eine Zigarette zu drehen. Er lachte jedesmal, wenn sie ihm die
hinhielt, daß er sie anfeuchte. „Nein, daß mußt du tun -- schmeckt
besser so!“ Und sie lachte wieder, ließ die Zunge vorsichtig über den
Papierrand gehen. „Jetzt rauche auch du ein paar Züge!“ Das konnte sie
nicht, das lernte sie nicht. Versuchte es, ihm zuliebe, und erstickte
fast. „Kleine Deutsche -- du!“ spöttelte er. „Da waren meine russischen
Freundinnen erfahrener.“ Sie zog ein Gesichtchen. „Aber Lene! ~Tempi
passati!~ Du bist doch nicht eifersüchtig?“ -- „Rasend eifersüchtig
könnte ich sein.“ -- „Ach geh! Das ist ja immer eine Dummheit.“
Ein paar Augenblicke sah sie wortlos vor sich hin. Dann schlang sie jäh
die Arme um seinen Hals und küßte, küßte ihn.
Fast täglich sahen sie sich nun. Aber meist nur wie im Fluge, auf
karge Minuten. Seine Zeit war sehr knapp, er studierte ein paar neue
Rollen, hatte mancherlei gesellige Verpflichtungen. Auch ging er nicht
mehr so gern wie ehedem in die kleine Konditorei; er behauptete, das
gute Kuchenfräulein fiele ihm auf die Nerven und der süße Dunst in
dem winzigen Lokal wäre schier unerträglich jetzt im Winter, wo nie
gelüftet würde.
„Warum kommst du nicht endlich einmal zu mir? Ich habe dich so oft
gebeten. Nachgerade -- weißt du, Helene -- empfinde ich es fast wie
einen Mangel an Vertrauen.“
Ein paar Male sagte er das. Aber sie antwortete nie. Immer straffte
sich dann ihr Nacken, und sie bog den Kopf zurück mit dem ablehnenden,
abwehrenden, eigensinnigen Ausdruck, den er schon kannte.
Einmal hatten sie sich im Vorzimmer von Frau Harriers-Wippern
verabredet. Er mußte ein wenig warten, die Unterrichtsstunde schien
sich auszudehnen. Als Helene herauskam, sah er, daß sie geweint hatte.
„Nun?“ fragte er. „Was hast du denn?“
Erst wollte sie nicht recht mit der Sprache heraus. Endlich gestand
sie, daß Frau Harriers mit ihr nicht mehr so zufrieden wäre wie früher,
ihr leise Vorwürfe gemacht hätte: sie sei nicht aufmerksam genug, übe
auch wohl nicht mehr so fleißig wie ehedem. Es schien Helene sehr
nahegegangen zu sein.
„Ach -- bah!“ machte er. „Jeder Lehrer muß gelegentlich tadeln. Aber
wenn sie schon recht hat: warum hat denn dein Eifer nachgelassen?“
Sie sah ihn an: mußte er sich denn nicht selber sagen, woran das lag?
Daß sie nur an ihn, nur an ihn denken konnte.
Eine Antwort wartete er nicht ab. „Übrigens, Helene, hab ich dir längst
gesagt, daß die gute Harriers nicht mehr die rechte Lehrerin für
dich ist.“ Er wurde eifriger. „Ich will dir einen Vorschlag machen:
entschließe dich kurz und schnell und fahre zur Viardot!“
„Aber du weißt doch, daß das nicht geht.“
„Nicht geht? Warum denn nicht? Um des elenden Mammons willen? Ich hab
genug verdient in den letzten Jahren. Ein Wort von dir, und wir sitzen
morgen früh in der Bahn -- wir beide, ganz allein, Helene --“
Sie waren aus dem Hause getreten, gingen langsam die Viktoriastraße
hinunter, dem Tiergarten zu.
„Sei nicht so klein, Helene! Du bist doch Künstlerin. Du willst eines
Künstlers Frau werden. Wir haben das Recht, freier, größer zu denken
als andere Menschen. Wirf endlich einmal dein Philistertum hinter dich.
Helene, Geliebte -- wir beide, allein --“
Wieder straffte sich ihr Nacken. Aber dann ließ sie den Kopf sinken.
Glühend heiß stieg es in ihr empor.
Sein leises Raunen klang so einschmeichelnd in ihr Ohr. „Wenn du mich
wirklich lieb hast, Helene, wirst du ja sagen. Liebe muß Vertrauen
haben, Liebe soll doch auch Opfer bringen können. Opfer? Ich will ja
gar kein Opfer. Laß dir sagen, Helene: wir fahren nicht gleich nach
Baden-Baden. Wir fahren erst nach Helgoland. Nach dem freien Stück
englischen Bodens. In drei Tagen sind wir Mann und Frau. Helene,
Geliebte, so kann es nicht weitergehen.“
Ihre Hände krampften sich in der kleinen Muff zusammen. ‚Mann und
Frau!‘ dachte sie. ‚Großer guter Gott, wäre denn das möglich?‘ Ein
unsagbares Glücksempfinden war in ihr und eine herzbeklemmende Angst.
‚Lieber Gott, hab Erbarmen --‘
Da sah sie drüben, auf der anderen Seite der Straße, Harro gehen. Er
kam aus der Schule, hatte die schwarze Mappe mit seinen Büchern unter
dem Arm, ging hart an den Vorgärten entlang und spähte mit finsterer
Miene zu ihnen herüber. Sie sah es deutlich: seinen trotzigen Mund und
das Faltengewirr auf der Stirn.