Zwischen Weihnacht und Neujahr war Alfred verreist. Er gastierte in
Frankfurt am Main, und seine Abwesenheit dehnte sich bis Anfang Januar
aus, länger, als er Helene gesagt hatte. Es war eine öde, trübe Zeit
für sie, zumal auch Frau Harriers-Wippern Ferien hielt. Die Stunden
schlichen dahin und die Tage, und Helene kam in ein Grübeln hinein, das
ihrem Wesen sonst ganz fremd war. Wie auf Wolken war sie gewandelt in
all den letzten Wochen, wie in einem Rausch. Nun dünkte sie alles um
sie her so nüchtern, so leer, ihr Dasein so schal, als wäre ihm jeder
Inhalt genommen.
Auch die einsame Insel drückte auf sie, die noch vertiefte Stille
dieser Woche, die Tante Marianne so ganz als weihnachtlich empfand. An
den Festtagen fuhr unweigerlich am frühen Vormittag die Mietkutsche
vor. Tante Oschitz hätte jeden Zwang zum Besuch des Gottesdienstes
verworfen, denn er entsprach so gar nicht ihren Anschauungen; aber
sie sah es als selbstverständlich an, daß Helene und Harro sich ihr
anschlossen. Eine Qual schon allein diese endlose Fahrt, den Vetter
auf dem Rücksitz gegenüber! Das Kapellchen, dem die festliche Weihe
fehlte; die Predigt, deren steten, sanften Druck auf die Tränendrüsen
Helene instinktiv empfand; noch einmal die lange, lange Fahrt, während
derer Tante mit Harro ein immer vergebliches Examen über das, was
der Tränen-Müller soeben verkündet, anstellte. Trotz auf der einen,
Verstimmung auf der andern Seite. Verstimmung, die eigentlich den
ganzen Tag über anhielt, um sich erst gegen Abend in eine schmerzliche
Mutterzärtlichkeit aufzulösen.
Es war ja gut, daß Harro der Verstimmung wie der Zärtlichkeit auswich
-- und anderem. Er war tagsüber fast nie zu Hause, hatte tausend
Ausreden. Oft genug fehlte er sogar bei den Mahlzeiten; bisweilen kam
er erst spät in der Nacht zurück, heimlich, auf verbotenem Wege, mit
falschen Schlüsseln. Vielleicht steckte er auch mit den Dienstboten
im Bunde. Jedenfalls hörte Helene in ihren unruhigen Nächten oft noch
nach Mitternacht seinen leisen Schritt auf dem Korridor. Und es gab ihr
jedesmal einen Stich ins Herz: auch daran war sie schuld. Ganz genau
wußte sie das.
Einmal, nachmittags, war Tante Marianne zu ihrem Bankier gefahren.
Helene saß unten im Salon. Es dämmerte schon leicht, so daß sie ihr
Buch aus der Hand legen mußte. Ein paar Male ging sie im Zimmer auf
und nieder, setzte sich vor das Instrument, schlug ein paar Akkorde
an. Wie eine halbe Ewigkeit erschienen ihr die Tage, in denen sie
nicht geübt hatte. Sie dachte nach: wann hast du überhaupt zum letzten
Male gesungen? Und da schoß ihr durch den Sinn: ‚Am heiligen Abend! Am
heiligen Abend -- mit ihm!‘ In jener Stunde, in der sie eigentlich zum
letzten Male sich ganz, ganz glücklich gefühlt hatte --
So deutlich ... so zum Greifen deutlich stand plötzlich wieder sein
Bild vor ihrer Seele.
Ob auch er wohl jetzt ihrer gedachte?
Tiefer sanken die Schatten herab. Fast dunkel war es im Zimmer.
Ganz leise und sacht fing sie an, gerade so, wie sie beide neulich --
neulich angefangen hatten.
„Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude --“
Sie wußte nicht, wie das Goethelied ihr ins Gedächtnis gekommen war.
Nur das fühlte sie, daß es so ganz ihrer Stimmung entsprach. Und ihre
Stimme hob sich, schwoll und schwoll --
„Ach, der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite --“
Einmal war es, als ginge eine Tür. Aber sie überhörte es. All ihre
Seele war bei dem Gesang. Wie auf Flügeln trug es sie himmelan, als ob
ihre Kunst das Herz läutere. Dies zuckende Herz --
„Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!“
Ein paar Atemzüge lang saß sie ganz still, die Hände noch auf den
Tasten, mit geschlossenen Augen. Ihr war so wohl und war so weh --
Da hörte sie deutlich nebenan, im Arbeitszimmer des Herrn von Oschitz,
ein verhaltenes Schluchzen. Ein einziger kurzer Ton nur war’s. Fast nie
betrat jemand dies düstere, kleine Gemach des Verstorbenen. Und noch
einmal klang’s auf, so daß sie zusammenschauerte. Ein Wehlaut, wie mit
Trotz unterdrückt.
Fast im gleichen Moment aber sprach jemand nebenan. Des alten Dieners
Stimme: „Die Lampe, junger Herr -- Sie woll’n sich wohl die Augen ganz
verderben.“ Und dann schlug wieder eine Tür heftig zu.
‚Armer Harro! Lieber armer Junge! Auch dir muß ich weh tun, du dummer
lieber Junge --‘
Während des ganzen Abends, die halbe Nacht über wurde sie den Gedanken
an ihn nicht los.
Diese unruhigen Nächte!
Da kamen die Gedanken, wanderten, erloschen und stiegen aufs neue
empor. Und die Sehnsucht kam, krallte sich ein, wurde zum zehrenden
Schmerz; wollte sich aufrichten, sich emporranken am Glückserinnern,
wurde herabgezerrt vom zagenden Zweifel. Wie zerborsten, zertrümmert
sah Helene bisweilen den stolzen, schönen Bau der Zukunft vor sich,
den sie so froh, so siegesgewiß aufgerichtet hatten. Hindernisse
auf Hindernisse, an die sie nie gedacht, türmten sich auf dem Wege,
sperrten jede Aussicht.
Er schrieb so selten, so furchtbar selten für ihre Sehnsucht. Seine
Briefe waren so kurz und karg. Gierig suchte sie zwischen den Zeilen,
was nicht in ihnen stand. Immer nur von +seinen+ Erfolgen,
Triumphen schrieb er, von +seiner+ Arbeit. Manchmal, wenn sie
solch ein Billett mutlos in den Schoß sinken ließ, kam ihr ein
häßlicher Gedanke: er +spricht+ eigentlich auch immer nur von
sich. Aber sie schüttelte solch Empfinden ab wie einen Schmutztropfen.
Sie schämte sich.
Vor Jahren hatte sie in Rohlbeck einmal Goethes „Wahrheit und Dichtung“
gelesen. Jetzt ging sie an Harros Bücherschrank, suchte sich den Band
heraus, ließ Frankfurts Straßen und Gassen wieder vor sich aufsteigen,
ging wie im Traum mit dem Geliebten zum alten Römer und in das Haus
am Großen Hirschgraben. Von dem schönen Gretchen las sie, von Goethes
Sekundanerliebe, und dachte an Harro. Dachte dann jäh auch: ‚die
schönen Frankfurterinnen!‘ Es war wie der Blitz einer Eifersucht. Er
traf und schmerzte. Aber gleich bat sie Alfred die Sünde ab -- und
dann lachte sie leise vor sich hin. Wie man so töricht werden kann vor
Sehnsucht.
Das Lachen erstarb, die Sehnsucht blieb.
Tante Oschitz kümmerte sich nicht groß um Helene. Das hatte sie nach
einigen Anläufen aufgegeben. In ihr lag es nicht, um Seelen zu kämpfen.
Sie selber hatte sich durchringen müssen. Das mochten andere auch tun,
und es gelang jedem, so Gott es wollte.
Helene war ihr auch wesensfremd. Sie hatte sie gern, aber nicht mehr;
es gab keine engeren Verbindungsglieder zwischen beiden, als die
Verwandtschaft schlug. Und wenn sie doch einmal, selten, eine Brücke
suchte, so schreckte ihre Herbheit Helene ab, vielleicht gerade weil
diese herbe Art sich meist so eigen mit sanften Worten gab.
Trotz allem konnte Tante Marianne die Veränderung in Helenens Wesen
nicht entgehen.
„Du siehst schlecht aus, Kind“, sagte sie eines Tages. „Ich glaube, du
kommst zu wenig an die Luft.“
„Ich bin ganz wohl.“
Sie saßen sich in der tiefen Fensternische, unten im Salon, gegenüber;
Tante Marianne mit einer ihrer Handarbeiten beschäftigt, die Harro
früher bisweilen respektlos genug mit Penelopes Geweben verglichen
hatte; Helene über ihrem Buch.
„Man täuscht sich in der Jugend leicht über das eigene Befinden.
Wirklich: dein Aussehen straft deine Versicherung Lügen.“
„Ich bin ganz wohl“, wiederholte Helene hartnäckig.
Tante Oschitz sah schärfer zu und schüttelte den Kopf. „Ich will Harro
sagen, daß ihr morgen einen tüchtigen Spaziergang macht.“
„Bitte -- nein, Tante --“
Es kam so heftig heraus, daß die alte Dame stutzig wurde. „Habt ihr
euch entzweit, du und Harro?“ fragte sie erstaunt. „Ihr wart doch so
gute Freunde.“
„O ja ... o nein! Nur ... ich meine ... Harro hat so vieles andere vor
jetzt. Er braucht auf mich keine Rücksichten zu nehmen.“
„Viel zu viel hat der Schlingel vor. Ich bin auch nicht blind.“ Tante
Marianne lächelte -- für ihren Jungen hatte sie im letzten Grunde ihres
Herzens immer Entschuldigungen bereit. „Aber es bleibt dabei. Morgen
treibe ich euch beide aus dem Hause.“
Es blieb wirklich dabei. Und es wurde ein qualvoller Spaziergang durch
den verschneiten Tiergarten. Sie rasten im schnellsten Tempo ihren
Gesundheitsmarsch ab. Immer dachte Helene: ‚das sind dieselben Wege,
dieselben Wege, die er und ich gingen.‘ Immer dachte sie dazwischen:
‚der arme Junge, der arme Junge!‘
Die Querallee waren sie gegangen, zum Großen Stern, bogen nun wieder
in das Weggewirr ein, das zur Rousseau-Insel zurückführte. Ohne ein
Wort zu sprechen. Manchmal sah Helene scheu auf ihren Begleiter. Er
hatte die Hände tief in die Manteltaschen gesteckt, zur Faust geballt;
der schöngeformte Kopf war auf die Brust gesenkt; auf der Stirn
unter der Pelzmütze lagen dichte Falten; die Lippen hatte er fest
aufeinandergepreßt.
Plötzlich, mitten in der Einsamkeit, blieb er stehen.
„Helene --“ sagte er jäh, und dann stockte er wieder. Ganz tief, ganz
alt hatte seine Stimme geklungen.
Ein Beben überlief sie, eine unbestimmte Angst. Unwillkürlich war auch
sie stehengeblieben und wäre doch am liebsten geflohen.
Mit einem Male riß er die Fäuste aus den Taschen, die Tränen stiegen
ihm in die Augen. Er faßte nach ihren Händen. Und nun hatte seine
Stimme wieder den rührenden Ton der Jugend: „Liebe Helene, kann ich dir
nicht helfen?“
Sie empfand alles, was in seinem Herzen vorging. Durchlebte es mit ihm
in einem Augenblick: seine ehrliche Jungenliebe, -- sein Sehnen -- der
reine, schöne Wunsch, sich selber für sie zu opfern! Wußte, daß auch er
sich einen Altar aufgebaut hatte, auf dem er sein eigenes Herz für sie
in Rauch und Asche verbrennen wollte! Fühlte den heiligen Ernst, der in
ihm glühte!
Die Angst glitt ab von ihr. Aber weinen hätte sie mögen. Ans Herz hätte
sie ihn nehmen mögen wie einen Bruder. Nein -- mehr war er, als ihr je
ein Bruder gewesen war, je sein würde!
Lügen konnte sie nicht in diesen Augenblicken. Nicht lügen ... schrie
es in ihr. Nicht einmal leugnen!
Aber sie konnte auch nicht anders, als den Kopf schütteln. Ernst und
schwer und nun auch mit tränenden Augen.
„Ich hab dich gestern singen hören“, sprach er weiter. Ganz langsam
kamen die Worte ihm von den Lippen. „Du sangst so wunderbar schön ...
das Beethovensche Lied ... das Harfnerlied. So wunderbar schön, aber es
war, als bräche dir das Herz darüber entzwei.“
Sie neigte den Kopf. „Unsagbar wohl hat es mir doch getan“, sagte sie.
Es waren ihre ersten Worte. Und wie sie sich selber sprechen hörte,
kam ihr allmählich das Bewußtsein ihrer Überlegenheit wieder. Der
Überlegenheit, die ihr bei fast gleichen Jahren ihr Geschlecht gab und
ihr Erleben. Gerade nun empfand sie das: wie jung der liebe Harro da
neben ihr war, und auch das andere: wie sie selber in diesen letzten
Monaten gereift war.
Ihre Überlegenheit kam zurück, und damit ihre Sicherheit. Aber der
innige Wunsch blieb, dies junge Herz zu schonen, ihm gut zu tun, wie
sie nur konnte.
Sie drückte ihm die Hände. „Ich danke dir, lieber Harro. Ich weiß, wie
gut du es meinst. Ich will dir immer eine treue Freundin bleiben.“