Helene huschte hinüber, zu dem großen Weihnachtsbaum, dankte, küßte die
Hand: „Ich gehe nur auf ein paar Minuten zu Frau Harriers-Wippern.“
‚Wie ich schon lügen kann,‘ fand sie selber und freute sich darüber.
Lachen hätte sie mögen.
Tante Marianne war vollauf beschäftigt. „Nimm aber den Pelzkragen,
Kind!“ sagte sie nur zerstreut und hatte schon wieder einen kleinen
Blondkopf beim Wickel, band ihm zur Probe ein paar feste wollene
Ohrenklappen über das Flachshaar.
Jetzt war es an der Zeit. Jede Minute war kostbar, jede Minute ein
Weihnachtsgeschenk. Im Nu hatte sie den Mantel um, den Kapotthut auf,
eilte die Treppe hinunter.
Da stand Harro im Flur. Gerade vor der Haustür, breitbeinig, mit seinem
finstersten Gesicht.
„Du willst fort, Helene? Heut? Jetzt? Am Heiligen Abend?“
„Nur zu Frau Harriers-Wippern.“
Das Lügen war nicht so leicht wie vorhin. Der Junge hatte ein paar
Augen, die dreinschauten, als wollten sie einen durchbohren.
„Sie hat mich zur Bescherung gebeten. Ich komme gleich zurück, lieber
Harro.“
„Ich bringe dich --“ Er griff schon nach dem Kleiderrahmen an der Wand.
„Nein, das gebe ich nicht zu. Du darfst jetzt nicht von Tante fort.“
„Wir kommen ja gleich zurück.“ Fast höhnisch klang’s, wie er das
„gleich“ betonte.
„Unter keinen Umständen, Harro. Laß nur, ich bitt’ dich!“
Der Boden brannte ihr unter den Füßen. Wie nur den dummen, lieben,
eifersüchtigen Jungen beruhigen, beseitigen?
„Ich danke dir auch vielmals für das schöne Buch, Harro. Geibels
Gedichte hatt’ ich mir schon lange gewünscht. Wie gut du das getroffen
hast.“
Er stand noch immer.
Da kam ihr ein toller Einfall.
Sie packte plötzlich den Kopf des Jungen mit beiden Händen und
küßte ihn: „Dank, Harro!“ und noch einmal „Dank! Dank!“ Küßte ihn
auf die zuckenden Lippen. Derb und herzlich. Und dann ließ sie ihn
stehen, rannte zur Tür, rannte durch den Vorgarten, jagte die stille,
menschenleere Straße entlang. Immer vor sich hin lachend. Ein Küßchen
in Ehren ... da hatte sie einen Glücklichen gemacht, recht zum schönen
Weihnachtsfeste. Ein Küßchen in Ehren ... weiß Gott in Ehren, denn
solch Kuß zwischen Vetter und Kusine war ja nicht viel anders als
zwischen Geschwistern ... aber was der Junge für Augen gemacht hatte!
Das Lachen noch auf den Lippen, die Wangen vom schnellen Lauf in der
kalten Luft gerötet, so kam sie in die Konditorei, nickte dem alten
Fräulein zu, hob den Plüschvorhang -- und wäre fast in ein lautes
Jubeln ausgebrochen. Denn da stand Fred, hatte eine richtige kleine
Weihnachtspyramide vor und zündete die gelben Wachslichterchen an.
Gerade nur zwei Spannen hoch war das Gestellchen, streckte seine acht
gradlinigen grünen Arme steif von sich, vier größere unten, vier
kleinere oben; auf der Spitze aber turnte ein goldenes Engelchen.
Sie flog auf den Geliebten zu, sie flog ihm an den Hals:
„Ach du ... du ... das hast du für mich ...?“
„Selbst auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Schloß gekauft und
höchsteigenhändig hertransportiert. Gibt’s etwas Lieberes,
Scheußlicheres als solch eine Berliner Pyramide?“
Und dann saßen sie nebeneinander auf dem Sofa, und erst mußte er die
Augen zumachen, „aber fest, ganz fest“, und sie baute ihm unter der
Pyramide den kleinen Tabaksbeutel auf, in dessen Perlenstickerei sie
so unzählige gute Wünsche hineingearbeitet hatte. Und darauf hielt
er ihr mit der Linken die Augen zu und kramte aus der Tasche heraus.
Eine Brosche war’s mit gelben geschliffenen Topasen, zierlich in
Goldfiligran gefaßt, ein rotes Juchtentäschchen für Visitenkarten,
ein Fläschchen ~Violet de Parme~. Und nun ging’s ans Sehen und
Bewundern und Bedanken. Mit den kleinen Punschgläsern, die Fräulein
Minna hereingebracht, stießen sie an; ein Schüsselchen mit süßem
geriebenem Mohn stand daneben, dem Berliner Weihnachtsessen; davon
steckte Helene ihm einen Löffel voll in den Mund und wollte sich
totlachen, als er sich entsetzt schüttelte.
Mit einem Male klang ein Klavier, dünn und fein, aber ganz deutlich. Es
mußte wohl oben, über der Konditorei, beschert werden: „Stille Nacht
... heilige Nacht ...“
Und da begann Helene mitzusingen. Ganz leise zuerst. Dann stimmte er
ein, und nun sangen sie beide, laut und voll und jubelnd.
Sie merkten es gar nicht: der Plüschvorhang hob sich verstohlen,
zwischen den braunen Falten schob sich das alte verrunzelte Gesicht von
Fräulein Minna hindurch. Ganz still stand sie, andachtsvoll lauschend,
mit verklärter Miene.
„Stille Nacht, heilige Nacht,
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar --
Schlaf in himmlischer Ruh --“
Der Gesang verhallte. Sie sahen sich an mit leuchtenden Augen und
wußten beide, daß sie noch nie, nie so schön gesungen hatten, nie
schöner singen würden, als eben.
Langsam glitten die Falten des braunen Vorhangs wieder zusammen.
„War das schön! War das schön!“ hauchte Helene. Und er küßte ihr die
Tränen aus den Augen.
Eine ganze Weile saßen sie still. Die winzigen gelben Wachslichterchen
brannten herunter. Weihnachtsduft zog durch den Raum. Nun erlosch das
letzte Licht --
Da stand Helene auf. „Ich muß fort“, sprach sie leise und gepreßt. Es
wurde ihr so schwer, so schwer.
„Bleib doch noch!“ bat er. „Bleib doch --“
Aber sie schüttelte den Kopf, faßte noch einmal seine beiden Hände:
„Dank ... Dank für diese Stunde!“ Noch einmal umarmte sie ihn.
Draußen an dem Kuchentisch mit den vielen Glasglocken und Flaschen
stand Fräulein Minna. Sie knixte tief, als Helene vorüberkam: „Wie
wunderschön haben die Herrschaften gesungen. Unser Domchor kann’s nicht
schöner.“
Sie hörte es nicht. Es war wie ein großer Rückschlag auf all die Freude
und Seligkeit in ihr, eine herzbeklemmende Angst: Harros Augen standen
vor ihrer Seele. Diese hellen Knabenaugen, die sie wie entgeistert
angeschaut hatten.
Und auf dem kurzen Weg nach Hause überschlich sie noch ein anderes
Gefühl, zum erstenmal: die Scheu vor der Lüge. Bisher hatte die
Heimlichkeit täglich neuen Reiz für sie gehabt, plötzlich, jäh,
erschrak sie vor ihr. Weshalb jetzt, plötzlich -- sie wußte es nicht.
Vielleicht taten auch das die hellen Knabenaugen.
Die Straße entlang hastete sie, aber als sie in den Vorgarten kam,
wurden ihre Schritte langsamer und langsamer. Noch nie war ihr der Mut
gesunken, jetzt lähmte eine dumpfe Zaghaftigkeit ihr die Glieder. Und
trotzdem wiederholte sie sich immer wieder: ‚es war doch so schön ...
es war doch so schön‘ -- und hätte weinen mögen.
Der große Tannenbaum war schon erloschen. Tante Oschitz saß ermüdet
in einem Lehnstuhl am Ofen, fragte nur flüchtig: „War’s schön?“ Ganz
seltsam klang das Helene. Sie nickte stumm. Dann sah sie verstohlen
auf Harro. Der saß an seinem Gabentisch, den Kopf ganz tief über ein
Buch gebeugt. Leseratte, die er war. Es wurde Helene leichter ums Herz.
Vielleicht -- vielleicht hatte sie sich doch getäuscht. Er machte
einen so kindlichen Eindruck, wie er dasaß, die Hände an den Schläfen,
die Finger in das dichte blonde Haar gewühlt, versunken in sein
Geschenkbuch. Nicht einmal aufgeblickt hatte er bei ihrem Kommen.
Dann meldete auch schon der alte Diener, daß angerichtet wäre. Tante
Marianne stand auf: „Kommt Kinder!“ Wie Harro nun den Kopf hob, da
sah Helene die flammende Röte auf seiner Stirn, auf seinen Wangen und
empfand, daß er ihren Blicken auswich. Und als er dann am zierlich
gedeckten kleinen Tisch das Gebet sprechen sollte, wie alle Tage, da
kamen die gewohnten Worte eigen zerstückt von seinen Lippen. Er sprach
wie ein Träumender. So daß die Mutter sagte: „Aber Harro! Was hast du
denn? Es ist ja wirklich, als ob du unseren Herrn Jesu über deinem
neuen Band Grube vergessen könntest. Schäme dich!“
Er schrak zusammen. Aber es war wie ein Trotz in ihm. Kein Wort der
Entschuldigung sprach er, setzte sich, steckte sich mit seinen raschen
knabenhaften Bewegungen die Serviette zurecht; immer ohne aufzusehen.
Und die Bierkarpfen, von denen er gestern im voraus geschwärmt, rührte
er kaum an.
Recht schweigsam verlief das kleine Mahl. Eigentlich sprach nur Tante:
von dem Jubel der Kinder vorhin, von der Freude des Schenkens, von
der Weihe dieses Abends. Nur mit halber Aufmerksamkeit folgte Helene.
Ihre Gedanken wanderten. Aber einmal schrak sie auf, wie aus einem
Traum. Tante Marianne erzählte, daß man im Palais, als sie noch Hofdame
gewesen, neben den Tannenbäumen stets auch eine der alten Berliner
Weihnachtspyramiden gehabt hätte ... „Du hast sicher solch ein Ding
noch nie gesehen, Helene, solch eine Pyramide mit den steifen, gerade
abstehenden Armen ...“
Bald nach Tisch brachte der Diener die Leuchter hinein, stellte sie auf
den Tisch an der Tür, die Porzellankästchen mit den Schwefelhölzern
daneben und auf jeden Leuchter die Lichtputzschere. Wie an jedem
Abend. „Der gnädigen Herrschaft wünsche ich gute Nacht“, sagte er
leise, wie immer. Das war wie an jedem Abend das Zeichen zum Aufbruch.
Tante Marianne glitt, langsam und geräuschlos, zu dem Tisch an der
Tür hinüber, zündete umständlich die drei Kerzenstümpfe an. „Gute
Nacht, Kinder.“ Dann küßte sie den Sohn, legte auf einen Augenblick
ihre Rechte in die Helenes, die sich tief über die kühle Matronenhand
neigte. Und wie an jedem Abend stiegen die beiden gemeinsam die Treppe
hinauf.
Das war sonst oft, fast immer unter halblautem Lachen und Scherzen
geschehen, und manchmal hatten sie, zumal in der ersten Zeit, noch ein
paar Minuten auf der großen Truhe oben im Flur gesessen und geplaudert.
Heut ging Harro stumm neben Helene her. So stumm -- das Herz wurde ihr
schwer und schwerer. ‚Wenn ich nur erst in meinem Zimmer wäre,‘ dachte
sie beklommen.
Nun war sie oben.
„Gute Nacht, Harro“, sagte sie rasch. „Schlaf wohl!“ und reichte ihm
die Hand hin.
Da griff er, mit einem Ruck des Armes, zu, sah sie zum erstenmal heute
abend an. Mit einem eigenen Blick, nicht mehr versteint, sondern
forschend, vorwurfsvoll. Das Helle, Kindliche schien in den blauen
Augen erloschen, ein dunkles, wissendes Leuchten war darin. Seine
Hand bebte, wie sie so die ihre umfaßte. Um seine Lippen zuckte es.
Plötzlich, ehe sie es hindern konnte, hatte er ihr die Hand geküßt. Sie
fühlte eine schwere Träne auf dem Gelenk. Und dann lief er auch schon,
wortlos, den Flur hinunter, seinem Zimmer zu.