Sechstes Kapitel

‚... Wer die Welt erkieset ...‘

An jenem Abend, als Helene den Spruch des alten Tauler zum ersten Male

las, hatte er sie schwer getroffen.

Nun lächelte sie darüber. Sie hatte ja gar nicht ‚die Welt erkieset‘.

Nur einen einzigen, einen geliebten Mann hatte sie sich zu einem

stillen, heimlichen Glück gewonnen. Sie hatte ja gar nicht Gott

verlassen: der liebe Gott dort oben über den Wolken hatte ihr ja in

seiner unergründlichen Güte diesen einzigen, den über alles geliebten

Mann geschenkt!

Ihr Herz war so voll. Ihr Glück war so groß. Und daß es so heimlich und

verschwiegen, das war zu allem Herrlichen noch eine besondere Gnade. An

jedem Abend lag sie mit gefalteten Händen und träumte offenen Auges ein

Dankesgebet. Nun wußte sie es: er hatte sie geliebt vom ersten Sehen

an; er würde sie lieben bis zu seines Herzens letztem Schlag. Und sie

-- sie! Ach, was kam es auf sie an?! Wenn sie auf dem Altar, den sie

sich errichtet, zu Asche verglühte, was verschlug’s!

Nein, nicht zu Asche verglühen. Immer aufs neue erglühen, leben und

lieben! Jeden Augenblick festhalten, Hand in Hand mit dem Geliebten

bitten, beten: verweile doch ... du bist so schön! Und über den

Augenblick hinaus Pläne schmieden, Hand in Hand mit dem Geliebten. Aug’

in Aug’ mit ihm goldene Pläne, Zukunftsschlösser bauen, Stein auf Stein

zu wunderbaren Wölbungen zusammentragen und zu festen Fundamenten.

Die Zukunft -- die Zukunft gehörte ja ihnen und ihrem Glück! Aber auch

geduldig warten und ausharren wollte sie, sich biegen und beugen und

arbeiten, studieren. Alles, alles, wie er es wünschte und wollte ...

Sie sahen sich täglich.

Die Liebe machte sie beide erfinderisch. Manchmal mußte sie über ihn

lächeln: wie unerschöpflich sein Register an Auskunftsmitteln war.

Manchmal scherzte sie, sprach zu ihm Goethes Wort aus der „Iphigenie“:

„Mir schien List und Klugheit nicht den Mann zu schänden --“. Manchmal

erschrak sie vor seinen Anschlägen und stimmte doch jubelnd bei. Heut

mußte der gute Wilhelm herhalten, den Elefanten spielen; morgen sahen

sie sich in einem Konzert, in der Oper; dann begegneten sie sich bei

der Harriers-Wippern; ein großer Spaziergang durch die verwachsenen,

verschneiten Wege des Tiergartens, vom Goldfischteich bis zu Kroll,

von Kroll bis zum Hofjäger, kreuz und quer, einte sie heut; morgen

mußte sie Besorgungen in der Stadt vorschützen, und er führte sie durch

die vergessenen kleinen Straßen Alt-Berlins, wo sie sicher waren,

keinem Bekannten zu begegnen. Oder sie trafen sich im Alten Museum, in

irgendeinem Teil, wo es für sie nichts zu sehen gab: bei den Ägyptern

oder vor den Münzkästen. Da standen sie dann vor irgendeiner Mumie oder

den Diadochenmünzen, drückten sich die Hände, flüsterten, raunten,

scherzten -- und blickten sich in die Augen. Und wenn der Aufseher

gerade vorüberging, machten sie ernste, wichtige Gesichter und wiesen

mit ausgestrecktem Zeigefinger: „Außerordentlich interessant ...

Erstaunlich, diese Alten!“

Wovon sie sprachen, worüber sie raunten und flüsterten? Über ihre

Liebe, über ihr Glück. Wie das gekommen, wie das war, wie das bleiben

sollte -- in alle Ewigkeit. Nur über ihre Liebe, nur über ihr Glück.

Oder doch fast nur. Denn er sprach auch bisweilen von seiner Tätigkeit,

von seinen Erfolgen; auch wohl von den kleinen unberechenbaren

Verdrießlichkeiten und Enttäuschungen, die keinem Schaffenden erspart

bleiben. Aber sie brauchte ihn dann nur hell anzusehen, seine Hand zu

drücken, und die Schatten verflogen. Selten, sehr selten sprach er von

ihrer Kunst. Das tat manchmal ein wenig weh. Aber es genügte ja, daß er

wußte, sie schritt fort. Und wie schritt sie fort! Sagte das nicht auch

Frau Harriers-Wippern: „Vor ein paar Wochen zeigten Sie nur das starke

Temperament, jetzt fühle ich die Seele in Ihrer Stimme.“ Das tat die

Liebe -- auch das tat die Liebe!

Ein paar Male mußte Alfred verreisen. Auf vier, fünf Tage, einmal

auf eine ganze Woche. Nach Dresden, nach Köln, nach Hannover zu

Gastspielen. Das waren trostlose Tage. Dann legte sich jedesmal die

Stille der einsamen Insel mit Zentnerschwere auf Helene. Nicht als

Frieden empfand sie die Ruhe, nur als Öde. Ihrem ganzen Leben fehlte

der Inhalt; selbst die Kunst war keine Trösterin. Tante Mariannes

leise, dünne Stimme tat ihr fast körperlich weh. Nichts interessierte

sie. Was kümmerte es sie, wenn Tante Oschitz aus der „Kreuzzeitung“

vorlas, daß Preußen an der Halsstarrigkeit der liberalen Abgeordneten

zugrunde gehen würde, daß der König, Bismarck und Roon auch gegen diese

verstockten Demokraten die Heeresreorganisation durchsetzen müßten; daß

die Russen sich mit den Polen in den Haaren lägen? Was kümmerte es sie,

wenn der Tränen-Müller im dämmrigen Salon schöne Worte über die Weihe

der kommenden Weihnacht sprach, während ein halbes Dutzend alter Damen,

um ihn gruppiert, Missionsstrümpfe strickte.

Ja, wenn Harro noch der alte gewesen wäre, der junge, liebe, frische

Kamerad. Aber um Harros Unbefangenheit war es geschehen. Anfangs hatte

sie sich amüsiert, wie er ihr Ritterdienste leistete, daß er ein wenig

verliebt in sie war, wie er das äußerte, mit verstohlenen Blicken,

mit halben Worten. Nun war das anders. Er konnte sie schweigend eine

Viertelstunde lang anstarren, fest zusammengepreßt die Lippen und

düster die Augen. Manchmal war es zum Fürchten. Manchmal dachte sie:

Er ahnt etwas von deinem heimlichen Glück, er ist eifersüchtig, er

quält sich und will dich quälen. Dann war’s wieder, als wollte er

gutmachen. Sie fand plötzlich auf ihrem Zimmer ein paar Rosen. Rosen

zur Winterszeit! Daß der Junge nur nicht sein ganzes Taschengeld für

sie verpulverte. Oder er faßte plötzlich nach ihrer Hand und bat: „Du

übst wohl viel, aber uns singst du gar nichts mehr vor. Tu’s wieder,

liebe Helene.“ Sie mußte den Kopf schütteln. Was sie jetzt hätte singen

können, wie sie’s hätte singen mögen, das paßte nicht für die einsame

Insel, auch nicht für Harro --

Schreckliche Tage, diese Tage, an denen Alfred fern war. Aber auch

die Sehnsucht hatte ihre Süßigkeit. Und dann flogen ja die heimlichen

Briefe herüber und hinüber, ~Poste restante~-Briefe, die sie von

der Hauptpost in der Spandauer Straße abholen mußte, jedesmal mit

erneutem Herzklopfen. Ein kümmerlicher Ersatz freilich, solch ein

Brief. Auch faßte Alfred sich immer so kurz. Kein Wunder zwar bei

dieser aufreibenden Tätigkeit auf den Gastspielreisen, bei den langen

Fahrten, den Proben, den vielen Verpflichtungen. Aber das Schreiben lag

ihm wohl überhaupt nicht. Er berichtete nur, und Herz und Augen suchten

in seinen Zeilen oft vergeblich nach den heißen Liebesworten.

Was tat’s! Was verschlug’s?! Ein paar Tage, und er war wieder da! Sie

sah ihn wieder, sie flüsterten und raunten, sie lachten und jubelten

und waren glücklich.

Dann setzte der Winter, der so lange gezögert hatte, mit voller Macht

ein und erwies sich als ein arger Störenfried.

Den richtigen deutschen Winter, wie er nun mit einem Male da war,

fürchtete Alfred. Über das bißchen Schnee und ein, zwei Grad Kälte

war er fortgekommen; als aber die Eisblumen an den Fenstern blühten,

fühlte er im Geist schon den Katarrh, begann zu schelten, daß man an

der Spree gegen Witterungsungunst schlechter geschützt sei als an der

Newa, und ging trotz Pelzkragen und Schal nur ungern über die Straße.

Mit den heimlichen Wanderungen durch den Tiergarten oder durch das

Gassengewirr vom Molkenmarkt zum Alexanderplatz war es vorbei. Das

Landkind, das mit Vater bei achtzehn Grad Kälte im offenen Schlitten

zu fahren gewohnt war, wollte das nicht recht begreifen. Aber da der

geliebte Mann so empfindlich war, half’s ja nichts: sie mußte sich

fügen.

Sie ratschlagten.

„Ich mache einfach bei deiner Tante Besuch“, meinte er. „Ich habe schon

manchen Drachen gezähmt, um mit dem Rackower zu sprechen.“

„Tante Marianne ist kein Drachen. Aber --“

„Aber --“, fragte er heftig zurück. „Sollte ich ihr etwa deiner Meinung

nach nicht vornehm genug sein?“

Es kränkte sie ein wenig. Ihr ‚Aber‘ konnte sie doch nicht recht

begründen. „Ich hab’s nur so in den Fingerspitzen, Fred ... es tut

nicht gut.“

„In den Fingerspitzen? Zeig’ doch mal her.“ Er lachte und küßte

jeden einzelnen Finger einzeln auf die rosige Spitze. „In diesen

allerliebsten Dingerchen hier können ja nur die allerschönsten Ideen

hausen. Wenn in den Fingerspitzen überhaupt Ideen wohnen können.“

Er machte seinen Besuch, wurde sogar angenommen; brachte zur Einführung

eine Empfehlung der Rackowschen Herrschaften, sprach sehr zierlich über

die reizende Lage der einsamen Insel, bewunderte das alte Berliner

Porzellan in der Mahagoniservante, spielte, ganz beiläufig, darauf an,

daß er eigentlich die wundervolle Stimme von Fräulein von Hackentin

entdeckt hätte -- und wurde, ehe er es sich noch versah, in Gnaden

entlassen. Oder richtiger: nur entlassen.

Helene war nicht anwesend gewesen. Als ihr aber Tante Oschitz von dem

Besuch erzählte, setzte sie hinzu: „Dieser Herr Schwarz oder wie er

heißt, paßt zu den Rackowschen. Er ist auch ein Fant!“

Das Blut jagte über Helenens Wangen. Gut, daß es zwischen den tiefen

Mauern immer so dämmerig war. „Ein Fant! Tante Marianne, wie kann man

so hart urteilen nach einmaligem Sehen!“ stieß sie heiß hervor. Empört

war sie. Das war noch das mindeste, was sie der Tante sagen mußte.

Die alte Dame schwieg eine Weile. „Vielleicht hast du recht, Kind,“

meinte sie dann. „Wir sollen nicht allzu schnell urteilen. Ich erkenne

auch an, daß dieser Herr dein Bestes gewollt hat. So magst du ihm wohl

dankbar sein dürfen. Aber ungerecht war ich, glaube ich mindestens,

doch nicht. Ich habe in den Gesichtern der Menschen lesen gelernt: in

diesem hübschen glatten Gesicht sehe ich nichts als Oberflächlichkeit.“

„Daß du ihn einmal singen hörtest, Tante!“

„Ich bin wohl nicht musikalisch genug, um das würdigen zu können,

Helene. Aber gesetzt, er sänge wie Orpheus, so würde mich das nicht

beeinflussen. Kunst ist ein Kräutlein nicht für alle Leutlein, sagt

ein altes Sprichwort. Bei seiner Kunst müßte ich immer an das Theater

denken, und ich liebe diese Welt des Scheins und des Trugs nicht. Du

weißt es.“

Sie sprach das alles mit ihrer ruhigen, leisen, sanften Stimme. Daß

diese Stimme doch so wehe tun konnte!

„Herr Pastor Müller geht aber auch ins Theater.“

„Das mag wohl sein, und er wird wissen, wie er es mit sich und Gott

abmacht. Du mußt mich nicht falsch verstehen, Helene: ich richte nicht.

Ich spreche nur ein subjektives Empfinden aus. Und nun ist’s wohl genug

von diesem Herrn Schwarz --“

„Deine Frau Tante ist +doch+ ein Drachen,“ sagte Alfred, als sie

sich am Tage darauf trafen. „Sie hat mich kaum eines Wortes gewürdigt.

Ja und Nein war ihre Rede, und es fehlte nur das Amen. Das wird wohl

gefolgt sein, mit drei Kreuzen, als sich die Tür hinter mir geschlossen

hatte.“

Es klang sehr verletzt, und sie fand nicht den Mut, ihm ein Wort

zugunsten von Tante Oschitz zu sagen.

„Helene, Schönste, Liebste -- könntest du nicht einmal zu mir kommen?

Du kennst meine kleine Wohnung ja gar nicht, weißt nicht, wie ich

hause. Ich denke es mir so reizend, dir eine Tasse Tee zu bereiten, bei

mir, echt russisch, auf einem riesigen Samowar.“

Sie schloß die Augen und schüttelte den Kopf.

„Sei nicht so klein, Helene ...“

Wieder schüttelte sie den Kopf.

Er kannte das schon: sie gab eigentlich immer nach, aber bisweilen grub

sich zwischen ihre Brauen ein Fältchen des Eigenwillens ein, dabei

spannte sich ihr Nacken, sie schloß die Augen, als wollte sie ihn nicht

ansehen -- dann war jedes Wort vergeblich.

„Liebste Närrin! Ich hab übrigens noch einen anderen Vorschlag. Eine

Entdeckung hab ich neulich gemacht --“

Seitdem trafen sie sich meist in einer winzig kleinen Konditorei in der

Bendlerstraße. Nur ein Katzensprung war’s von der einsamen Insel, und

doch waren sie hier sicher vor jeder Entdeckung. Denn die Konditorei

war jetzt, im Winter, nur während der Mittagsstunden einigermaßen

besucht, von den Eisläufern, die sich hier bei einem Glase Punsch ein

wenig aufwärmen wollten.

Einen schmalen Verkaufsraum gab’s dort und dahinter ein einziges

Zimmerchen mit vier Tischchen. Ein verschossener brauner Plüschvorhang

trennte beide Räume. Vorn saß hinter dem Ladentisch ein verrunzeltes

Fräuleinchen, immer tief über einen Leihbibliotheksband gebeugt.

„Versteinert, wie ihre Kuchen,“ meinte Alfred. Im Gastzimmer waren sie

stets allein. Es kam wohl vor, daß die dünne Türklingel ging und Helene

aufschrecken ließ. Aber es war dann immer nur irgendein Dienstbote, der

etwas holte: ein Dutzend Pfannkuchen, ein paar Spritzkuchen, ein paar

Windbeutel.

Manchmal gab’s Anlaß zu einem Scherz. „Hörst du, Helene, Baisers!

Baisers! Komm -- komm, kleine süße Konditorin ...“

Zuerst hatten sie sich gegenüber gesessen an einem runden Tische mit

fleckiger Marmorplatte. Aber es gab da an der Wand ein uraltes Sofa.

Zu dem hatte er sie in einer Dämmerungsstunde geführt.

Ach, diese glückseligen Dämmerungsstunden, in denen sie sich am ehesten

fortstehlen konnte. Tante las dann, und Harro saß über seinen dreimal

gesegneten Schulaufgaben.

Fräulein Minna -- sie wußten schon, daß das Kuchenfräulein Minna hieß

-- kam jedesmal hereingetrippelt, wollte auf einen Stuhl steigen, um

die eine Gasflamme anzuzünden.

„Aber Fräulein Minna, Sie Verschwenderin! Es ist ja noch ganz

hell!“ rief Fred empört. Und sie trippelte wieder fort, mit einem

verständnisvollen Lächeln, trippelte zu ihrem Leihbibliotheksbande, in

dem gewiß immer unendlich viel Liebe vorkam.

Der ganze Raum war erfüllt von einem süßen Duft. Zuerst hatte der

Helene angewidert. Nun wußte sie nichts mehr davon. So wenig wie

davon, ob das Stückchen Kuchen, das sie pflichtschuldigst zerkrümelte,

altbacken war oder nicht.

O diese Dämmerungsstunden im Schutze des alten, lieben braunen

Plüschvorhangs, auf dem tiefeingesessenen Sofa, wo sie zuerst allein

gesessen hatte -- und nun mit ihm saß. Eng aneinandergeschmiegt,

plaudernd, raunend, flüsternd, Hand in Hand, wo sie träumten, sich

Zukunftsschlösser bauten ...

Eifrig bauten sie jetzt Zukunftsschlösser. Er wußte, daß sie ein

armes Mädchen war, arm wie eine märkische Kirchenmaus. Nichts brachte

sie ihm als ihre Liebe, ihre große Liebe. Aber dafür hatten ja beide

ihre Kunst. Ein Jahr noch, und sie möchte hinaustreten können auf die

Bretter, die die Welt bedeuten. Ihre neue Welt! Ihr stand es nun fest,

auch sie ging zur Bühne. Der Widerstand der Eltern würde schon zu

besiegen sein. Daran zweifelten beide nicht. Zweifel? Es gab für sie

überhaupt keine Zweifel: hell, sonnig lag die Zukunft vor ihnen.

Ein Jahr noch! Was war ein Jahr?! Wo jeder Tag, von einem Sehen zum

andern, für Helene verrauschte wie ein Augenblick.

In der kleinen Konditorei feierten sie auch ihr Weihnachten miteinander.

Helene hatte nach Rohlbeck kommen sollen. Aber als Wilhelm sich wenige

Tage vor dem Fest einfand, um alles zu verabreden, hatte sie ein

Tuch um den Hals und klagte. Nein, bei dieser eisigen Kälte durfte

sie ihre Stimme der Gefahr nicht aussetzen. Es ging wirklich nicht,

Wilhelm sah das selber ein, auch Tante Oschitz riet ab. Schade ...

die Eltern werden’s schmerzlich empfinden. Jawohl ... aber auch sie

werden’s einsehen. Und Geld hätte es auch gekostet ... alles kostete

so viel Geld, und Vater hatte erst vor kurzem geschrieben, mit den

Kartoffelpreisen sei’s jammervoll, „das heißt, liebe Lene, du brauchst

dir darüber keine Kopfschmerzen zu machen“.

Als Bruder Wilhelm gegangen war, huschte Helene treppauf in ihr

Zimmer, lachte wie ein Schulmädchen, das die französische Stunde

geschwänzt hat, und kramte ganz unten aus dem Kommodenkasten die kleine

Perlenstickerei heraus, an der sie so glückselig heimlich arbeitete,

bei jeder Perle einen Wunsch für ihn hineinflechtend, ein ‚Sei

glücklich! Behalt mich lieb!‘

Tante Marianne hatte eine große Weihnachten. Sie bescherte vielen armen

Kindern, meist aus dem Osten Berlins, wo dem Pastor Müller jüngst von

seiner Gemeinde ein eignes Kapellchen gebaut worden war.

Aber sie hatte auch Helene nicht vergessen. Unmittelbar neben Harros

Aufbau stand ihr Gabentisch. Da lagen die Briefe und kleinen Geschenke

aus Rohlbeck und von der Tante ein Pelzmuff und ein Buch mit Goldtitel

und Goldschnitt: „Amaranth“ war’s, von Oskar von Redwitz. Daneben lag

noch ein kleines Bändchen: „Neue Gedichte“ von Emanuel Geibel. Sie

blätterte mit ungeduldiger Hand darin. Auf der ersten Seite stand in

Harros steifer Handschrift: „Seiner lieben Kusine“ ... Als sie flüchtig

aufsah ihm einen Dank zuzuwinken, sah sie, daß er seinen Aufbau noch

gar nicht beachtet hatte, daß seine Augen nicht von ihr ließen --

Der gute dumme Junge! Wenn er wüßte, wenn er wüßte ...! Aber es tat ihr

doch leid, daß sie so gar nicht an ihn gedacht hatte. An wen hatte sie

denn überhaupt gedacht in all den letzten Wochen, als nur an den einen,

den einen!

Tante Marianne stand inmitten der Kinder, die scheu und verlegen ihre

wollenen Jacken und Strümpfe, ihre Pfefferkuchen, Äpfel und Nüsse

beschauten. Für jedes hatte Tante Marianne ein gütiges Wort.

Auf märkischer Erde · 第 18 / 62 题