Einmal fragte er: „Hast wohl doch ein bissel Herzklopfen, Lene?“

Da schüttelte sie den Kopf.

Sie gingen durch die Leipziger Straße. Dann und wann machte er sie auf

ein Gebäude, auf eine Sehenswürdigkeit aufmerksam. „Da hast du das

Kriegsministerium.“ „Das ist das Denkmal vom Grafen Brandenburg ...

weißt du, dem Sohn König Wilhelms des Zweiten und seiner morganatischen

Gattin, der Gräfin Dönhoff“ -- „Das sind die alten Torgebäude und

dahinter steht die Stadtmauer, die um das ganze innere Berlin geht.“

Sie nickte dann, aber er fühlte, sie hörte kaum, was er sagte.

Am Tor mußten sie eine Weile warten. Auf der Verbindungsbahn kam durch

die Hirschelstraße ein langer Güterzug angekrochen; die Maschine

läutete, ein Beamter mit einer roten Fahne ging vor ihr her, um die

Passanten abzuhalten. Er erklärte ihr das wieder: wie diese Bahn die

einzelnen Bahnhöfe für den Güterverkehr miteinander in Verbindung

setze, so daß also ein Frachtstück, das etwa von Stettin käme und nach

Breslau bestimmt wäre, nicht umgeladen zu werden brauchte. „So?“ sagte

sie und weiter nichts.

„Dort drüben -- der Potsdamer Bahnhof war der erste in Berlin. Die Bahn

nach Potsdam war nämlich überhaupt die erste in Preußen, ist schon

vor mehr als zwanzig Jahren gebaut worden. Du, Lene, da passierte

eine komische Affäre. Der alte Nagler, der damals an der Spitze der

Post stand, wollte nämlich von der Eisenbahn nichts wissen. Und um zu

beweisen, daß sie ganz unnötig wäre, ließ er säuberlich konstatieren,

daß der ganze Verkehr zwischen Potsdam und Berlin täglich mit drei

Voitüren bewältigt würde. Wozu also eine Eisenbahn? Übrigens sind die

Herren mit den langen Zöpfen heut noch nicht ausgestorben.“

„So“, sagte sie wieder und weiter nichts.

Inzwischen war der Güterzug vorübergepoltert, die Menschenmasse,

die sich aufgestaut hatte, wälzte sich über den Platz und zog die

Geschwister mit. Durch die stille Bellevuestraße gingen sie. „Das ist

der Tiergarten,“ meinte Wilhelm und zeigte auf die entlaubten Bäume.

„Fünf Minuten weiter wohnt Tante Oschitz, der wir heut nachmittag

unsere Visite machen werden.“

„So“, sagte sie zum dritten Male. Und da gab er es auf.

Und nun waren sie in der Viktoriastraße. Wilhelm suchte die Hausnummern

ab. „Hier ist’s.“

Da sah er, zum ersten Male, daß aus dem Gesicht der Schwester jeder

Blutstropfen gewichen war. Eigen glänzend standen die großen blauen

Augen in dem weißen Antlitz. Nur die Lippen waren rot, rot wie

Korallen. Und die Unterlippe hatte Helene ein klein wenig zwischen die

Zähne gezogen.

„Du hast ja doch Angst --“

„Bewahre. Was denkst du dir denn.“

Sie gingen die teppichbelegte Treppe hinauf, schellten. Ein Diener

öffnete. Wilhelm reichte ihm seine Karte. Er verschwand, kam gleich

zurück: „Die gnädige Frau läßt bitten.“

Helene sah ihn nicht sofort, aber sie fühlte: +er+ ist hier.

Sie sah zuerst nur die hohe schlanke Frau, die mit liebenswürdigem

Lächeln auf sie zukam. Und sie sah auch, daß Frau Harriers-Wippern

ein wenig stutzte, als sie dicht vor ihr stand, wie in einer leichten

Überraschung. „Fräulein von Hackentin, ich freue mich, daß Sie sich mir

anvertrauen wollen“, sagte sie. „Kollege Schwarz hat mir viel von Ihnen

erzählt.“ Das Lächeln in dem jugendlichen Gesicht vertiefte sich ein

wenig. „Aber er hat nicht übertrieben, wie ich soeben bemerke.“

Da trat er auch schon hinter den großen Blattgewächsen, die den

einen Teil des Salons abgrenzten, hervor: „Sie sind sehr indiskret,

gnädige Frau“, scherzte er. „Ich gestehe aber, daß ich ein schlechter

Schilderer war.“

Einen Augenblick hielt er Helenens Hand in der seinen. Auf einen

Moment kreuzten sich ihre Augen. Ihre Hand war eiskalt, aber ihr Blick

hielt dem seinen stand. Vielleicht sogar mit einem etwas feindseligen

Ausdruck. Schwarz senkte das Auge zuerst, fast wie in leichter

Verlegenheit. Er wandte sich schnell zu Wilhelm Hackentin, ihn zu

begrüßen. Und da sagte Frau Harriers-Wippern auch schon, auf die Tür

des Nebenzimmers deutend: „Jetzt, bitte, lassen die Herren uns allein.“

Die Probe verlief ganz anders, als Helene erwartet hatte.

Es war, als hätte die große Sängerin und Sangesmeisterin ihr die

mühsam errungene Ruhe von den Augen abgelesen. Sie ließ ihr Zeit, bat

zunächst, abzulegen, begann zu plaudern. Vom Alltäglichen, von der

kleinen Reise, von den ersten Eindrücken in Berlin. Anfangs sprach

sie fast allein. Dann, allmählich, brachte sie Helene zum Sprechen,

lauschte, fragte nach dem bisherigen Unterricht. „Ein alter Kantor vom

Lande. Sieh da! Das sind noch nicht die schlechtesten, und ich freue

mich immer aufs neue, welche Liebe zur Musik in diesen Leuten steckt,

von der leidigsten Schulmeisterei nicht zu töten.“ Fragte weiter, was

Helene gesungen habe. Sprach dazwischen wieder von eigenem Erleben.

Langsam wich die Starrheit aus dem Gesicht des jungen Mädchens, das

Blut strömte in die Wangen zurück. Der +eine+ Gedanke, der

den ganzen Morgen auf ihr gelastet, wurde von dem Zwang, zuhören,

antworten, Auskunft geben zu müssen, verdrängt; von dem Interesse an

der schönen liebenswürdigen Dame, von der Verwunderung: „Wird sie dich

denn noch nicht zum Singen auffordern?“ Ihr Denken konzentrierte sich

wieder mehr und mehr auf das Kommende. Es war auch dabei ein leises

Sorgegefühl: ‚Wie wirst du bestehen?‘ Aber es lag nichts Drückendes,

nichts Beengendes darin.

Soeben hatte die Sängerin noch von ihrer Jugend geplaudert, daß sie im

Kloster erzogen worden sei. Nun stand sie plötzlich am Flügel, schlug

ein paar Akkorde an: „Bitte, Fräulein von Hackentin, eine Skala ...“

Es war so überraschend, daß Helene gar nicht recht zur Besinnung kam.

Aber indem sie sang, schmolz auch der letzte Rest des Angstempfindens.

„Brav!“ hörte sie nur. „Und nun noch einmal. Ordentlich heraus aus dem

Kehlchen ...“

„So. Und nun singen Sie mir mal etwas ganz Einfaches. Ganz ohne

Begleitung. Vielleicht irgendein Volksliedchen. Ganz wie Ihnen der

Schnabel gewachsen ist, mit Verlaub zu sagen. Soll ich helfen? Wie

wär’s mit ‚Ein getreues Herze wissen, hat des höchsten Schatzes Preis

...‘ Das kennen Sie doch -- nicht wahr? Also nun los ...“

So sang sie.

Frau Wippern nickte ihr zu, als die erste Strophe verklungen war. Sang

dann die zweite, recht, als ob sie selber die größte Freude daran

hätte, ließ Helene die dritte singen: saß am Flügel nieder, blätterte

in einem Notenheft. „Wie ist’s? Nehmen wir etwas aus unseres guten Papa

Webers „Freischütz“: ‚Kommt ein schlanker Bursch gegangen ...‘“

„Brav! Brav!“ hieß es dann wieder. „Nun noch einmal ein paar

Tonleitern. Geben Sie her, was Sie haben. Denken Sie, Sie stünden auf

Bergeshöhe, ganz allein, und schmetterten die Töne in die freie weite

Luft, mit den Lerchen um die Wette.“

Und nun stand Frau Wippern wieder neben Helene. „Öffnen Sie, bitte,

einmal den Mund, Sie kleine Lerche. Recht weit, bitte, daß ich

ordentlich hineinsehen kann. Ohne Sorge: ich bin ja kein Dentist, und

Ihre Beißerchen können sich außerdem sehen lassen. So ... nun mal

tief Atem holen ... langsam ausstoßen. Sehr schön.“ Sie klopfte ihr

zärtlich auf die Wange. „Sie sind ein mutiges Menschenkind! Seine

helle Freude hat man daran.“ Sie lachte. „Wenn Sie wüßten, mit welchen

Angstmeierkindern ich manchmal zu tun habe!“ Dann wurde sie wieder

ernst. „Aber nun lassen Sie sich sagen, was ich nach solch einer kurzen

Probe sagen kann, sagen darf. Das Material ist einfach wundervoll, und

Gott und Ihrem alten Kantor sei’s gedankt, den ich dafür im Geiste

umarmen möchte: es ist unverbildet. Gesund ist’s, kerngesund! Eine

Wonne für jeden Lehrer. Was daraus zu machen ist? Ich könnte wohl

sagen: Großes ... das Größte! Aber, liebes Fräulein von Hackentin,

prophezeien ist ein mißlich Ding. Das hat mir seinerzeit meine

unvergeßliche Lehrerin, meine teure Franziska Cornes, auch vorgehalten,

als ich so vor ihr stand, wie Sie heut vor mir. Eine Menschenstimme

ist kein mechanisches Instrument. Sie ist hundert Zufälligkeiten, ist

den mannigfachsten Anfechtungen unterworfen. Und der Lehrer allein

tut’s auch nicht. Der Schüler muß die rechte Liebe haben, unermüdliche

Geduld, einen nimmermüden Fleiß. Er darf nie vergessen, welch kostbares

Gut ihm verliehen wurde, muß dies Gut pflegen und hegen wie ein

Heiligtum --“

Sie schwieg und sah Helene in das schöne Gesicht, aus dem die Erregung

der Stunde leuchtete.

„Nun, Fräulein von Hackentin, wie ist’s? Wollen wir’s daraufhin wagen?“

Da schlug Helene in die dargebotene Hand ein und beugte sich zugleich

im unwillkürlichen Impuls, diese Hand zu küssen. Aber Frau Wippern

zog sie schnell fort: „Da haben wir’s.“ Sie lachte schon wieder ihr

berühmtes silberhelles Lachen. „Als ob ich eine alte Dame wäre mit

meinen sechsundzwanzig Jahren. Bloß, weil ich Lehrerin bin und so

ernste Worte sprechen kann. Nicht wahr? Und jetzt können wir ja auch

die Herren der Schöpfung erlösen.“

Wilhelm war stark befangen, aber Schwarz kam gleich auf die Damen zu:

„Nun, hab ich zuviel gesagt? Ich sehe es Ihnen beiden ja an: es war

vortrefflich. Meinen Glückwunsch der Lehrerin und der Schülerin!“ --

Dann gingen sie zu dritt die Viktoriastraße hinauf, durch die

Lennéstraße dem Brandenburger Tor zu. Helene in der Mitte, Schwarz ihr

zur Rechten, der Bruder links.

In Helenens Seele zitterte das Erleben nach. Sie war über die Prüfung

hinweggekommen, sie wußte selbst nicht wie. Nun klang es in ihr gleich

Musik. Seltsam weich war sie gestimmt. Wie in einem leisen leichten

wonnigen Rausch schritt sie dahin. Die Erde schien unter ihr zu federn.

Aller Welt hätte sie ein Liebes tun mögen. Da war der Bruder, der

gute Wilhelm! Ja ... und der andere, der war doch ein guter Kamerad.

Wie dumm sie heut morgen gewesen war. Und so unfreundlich. Allerlei

törichte Gedanken hatte sie in sich herumgewälzt.

„Du, Lene, dort drüben wohnt Strousberg.“

Am Morgen hatte sie über Wilhelms Worte hinweggehört, jetzt merkte sie

auf. Vielleicht nur, um ihm eine kleine Freude damit zu erweisen.

„Strousberg -- wer ist das?“

„Aber besinn dich doch. Ich hab ja so viel von ihm erzählt. Bethel

Henry Strousberg, gestern noch ein unbekannter Journalist, heut

ein Faiseur, der seine geschickten Finger in allen möglichen

Eisenbahnunternehmungen hat. Er wird noch viel von sich reden machen.

Denk’ an mich.“

„Werd ich! Werd ich!“

Und sie gingen weiter am Saume des Tiergartens entlang, durch die

Schulgartenstraße, die altersgraue Stadtmauer zur Rechten. Schwarz

hatte nur wenige Worte gesprochen seit seinen letzten im Musikzimmer.

Und nun wunderte sie sich darüber, und sie wartete auf das, was

er sagen würde. Er mußte, mußte ihr doch noch etwas sagen! Es war

unmöglich, daß sie so weitergingen und sich dann trennten und ... und

wer weiß, wann einmal wiedersahen ... niemals vielleicht ...

Oder wartete er darauf, daß sie ihm danken würde? Vielleicht hätte

sie’s gemußt. Aber da war etwas in ihr, das ihr die Zunge band. Das

Danken mochte Wilhelm besorgen.

Der hatte noch eine Weile von Strousberg weiter gesprochen, dem großen

Finanzgenie, der scheinbar aus Papier Gold zu machen verstand. Doch nun

fragte er, an der Schwester vorbei: „Wir wurden vorhin unterbrochen,

Herr Schwarz. Was also haben Sie für den Winter vor?“

„Ja, so, Herr von Hackentin -- es schweben noch verschiedene

Engagementsanträge. Eigentlich sollte ich wieder an die Newa. Aber das

Klima bekommt mir auf die Dauer nicht. Dann hieß es Wien. Ließe ich mir

schon eher gefallen. Die goldige Kaiserstadt an der Donau, wo der Spieß

mit dem Backhändl dran sich allezeit dreht. Eine wirkliche Musikstadt

zugleich. Freilich, am liebsten möchte ich mich für eine Saison gar

nicht binden. Nur gastieren -- mit einem ~pied-à-terre~ hier.

Berlin hat es mir nun einmal angetan -- neuerdings --“

Wie er das letzte sagte, fühlte sie, daß sein Auge das ihre suchte.

Und mit einem Male überkam sie wieder die Angst, die sie heute früh

geschüttelt hatte. Glühend heiß und eiseskalt. Es war nicht mehr der

gute Kamerad, der da neben ihr herschritt, dem man dankbar sein mußte:

Es war das Schicksal.

Starr sah sie geradeaus.

„Wien ... ja ... eine herrliche Stadt“, hörte sie Wilhelm neben sich.

„Ein bissel Phäakenstadt. Aber das reiche wunderbare Hinterland,

Ungarn, der ganze Orient -- da ist noch eine Zukunft. Da ist viel Geld

zu verdienen. Und Sie würden doch lieber hierbleiben? Ist kein Platz

für Sie an unserer Oper?“

„Kaum, höchstens als Gast. Hier schwört man zu dem schönen Woworski --“

er zog ein wenig die Achseln hoch -- „dann soll ja auch Albert Niemann

herkommen. Und schließlich: Exzellenz von Hülsen ist mir persönlich

nicht allzu sympathisch. Er sieht mir sein Theaterreich zu sehr wie

eine Kompagnie Soldaten an. Aber ich bleibe doch wohl in Berlin. Ich

kann mich, ich will mich jetzt hier nicht loslösen ...“

Wieder fühlte sie seinen Blick. Und wieder sah sie starr geradeaus.

Da rief Wilhelm: „Lene, das Brandenburger Tor! Siehst du die Quadriga?

Weißt du: Vater erzählt so gern davon, wie sie Napoleon geraubt hat und

wie wir sie uns wiedergeholt haben! Anno achtzehnhundertvierzehn. Du

... hör’ mal ... du hast Glück heute ...“

Von jenseits des Tores klang Trommelwirbel, von dem Wachthause her. Und

dann rollte aus der mittelsten Toröffnung ein schlichter, zweispänniger

offener Wagen. Ein Greis saß darin, mit weißem Bart, ausrasiert am

Kinn. Gerade aufgerichtet saß er in seiner schmucklosen Uniform, dem

geschlossenen Paletot, der hohen Mütze.

„Der König --“

Ganz dicht fuhr der Wagen an ihnen vorüber. Helene verneigte sich tief.

Es durchschauerte sie: gar nicht tief genug konnte sie sich neigen vor

des Königs Majestät. So war es ihr von klein auf gesagt und gelehrt

worden.

Ein paar Leute standen rechts, standen links. Nur wenige grüßten.

Und dabei hatte der königliche Greis so huldreich an den Mützenschirm

gefaßt; fast war es, als ob sein gutes klares Auge auf einen Moment auf

der kleinen Gruppe geweilt hätte, als ob über das ernste Antlitz der

Schein eines gütigen Lächelns geglitten wäre.

„Warum grüßen denn die Leute nicht, Wilhelm?“ Jetzt endlich fand Helene

die Sprache wieder, und in ihr klang ein Ton der Empörung. „Muß man den

König denn nicht grüßen?“

„Du Kind! Ja, man müßte. Aber man muß nicht. Dem Prinz-Regenten haben

sie noch zugejubelt. Jetzt ist das anders. Seit ein paar Monaten

besonders. Die Regierung ist unbeliebt, und der Berliner hält sich für

verpflichtet, das auch dem König zu markieren. Manchmal denk ich: gut,

daß Vater still in Rohlbeck sitzt. Der würde seinen Zorn nicht bändigen

können.“

Sie waren durch das Tor geschritten. Die Wache war unter Gewehr. Es

mußte soeben abgelöst worden sein. Die Gardeschützen waren aufgezogen.

Über die grünen Röcke und die goldenen Knöpfe blitzte die Sonne. Und da

-- am Flügel seiner Mannschaft stand Merivaux, den Degen noch in der

Hand.

„~Bon jour, monsieur de Merivaux~“ rief Wilhelm über das Gitter.

Der junge Offizier blickte überrascht auf, senkte den Degen zum Gruß.

„Weggetreten“, kommandierte er mit heller Stimme. Die Büchsen klirrten

gegen die Gewehrständer, es gab auf einen Moment ein Rasseln und

Rauschen. Dann, so schien es, wollte der Neuchateller an das Gitter

treten. Aber als ob er sich im letzten Augenblick besönne, grüßte er

nur noch einmal und wandte sich nach der Säulenhalle, wo der Kamerad,

den er abgelöst hatte, wartend stand.

„~Monsieur de Merivaux~ makte ja ein serr brummiges Gesicht.“

Es klang etwas spöttisch, wie Schwarz das sagte. Es klang etwas

komödienhaft mit der übertriebenen Nachahmung des Akzents. Und es sah

spöttisch und herausfordernd zugleich aus, wie er dabei mit seinem

dünnen Stöckchen gegen die Beinkleider klopfte.

Drüben stand eine einsame Droschke.

„Können wir nicht nach Hause fahren“, bat Helene plötzlich. „Ich bin so

müde, Wilhelm.“

* *

*

Nun war Helene Hackentin bei der Tante Oschitz untergebracht. „Auf ein

paar Wochen,“ hatte Vater geschrieben, „das heißt, wenn wir’s so lange

ohne dich aushalten.“ „Ich behalte dich auch ein paar Monate,“ hatte

Tante Marianne gesagt, „das heißt, wenn du keine Späne machst.“

Frau von Oschitz bewohnte dasselbe kleine Haus in der Tiergartenstraße,

das der verstorbene Geheime Rat vor einem Vierteljahrhundert gekauft

hatte. Rechts nach der Bendlerstraße zu war vor wenigen Jahren ein

dreistöckiges Miethaus entstanden, links eine große Villa aufgeführt

worden. Dazwischen stand das graue Häuslein, das noch aus der

kurfürstlichen Zeit stammte und einst ein Lustschlößchen gewesen sein

sollte; ein tiefer Vorgarten schied es von der Straße; dahinter dehnte

sich ein noch größerer, wenig gepflegter Garten bis zum Landwehrgraben.

„Meine Insel“ nannte Tante Oschitz ihren Besitz manchmal, und er

war wirklich wie ein abgeschiedenes Stückchen Erde. Wenn Helene in

der ungeheuerlich tiefen Fensternische stand, in der ein ganzer

Schreibtisch Platz gefunden hatte, und in den Garten hinaussah, konnte

sie denken, daß sie in Rohlbeck wäre. Der Lärm der Stadt drang nicht

bis hierher, die weite, von hohen Bäumen umrahmte Rasenfläche glich

einer Wiese, und sogar eine Stallung fehlte nicht. Die Pferde freilich

hatte Tante Marianne bald nach dem Tode ihres Mannes abgeschafft. „Das

Geld, das sie fressen, kann ich besser verwenden.“

Die kleine, zarte Dame sollte einst eine Schönheit gewesen sein.

Heut sah man wenig davon. Das Gesicht war mit Fältchen übersät, vor

der Zeit gealtert. So hieß sie in der Familie die +alte+ Tante

Oschitz und war doch noch gar nicht so sehr alt. Helene wußte das:

Mutter, die immer gern den Jahren anderer nachrechnete, hatte oft

genug davon erzählt: Marianne Hackentin war Hofdame bei der Prinzessin

der Niederlande gewesen, hatte ungezählte Körbe ausgeteilt und erst

mit dreißig und einigen Jahren, als sie „längst aus dem Schneider

heraus war“, wie Mama das ausdrückte, den Geheimrat erhört -- „Matthäi

am letzten“. Der einzige Sohn aber, Harro, war siebzehn. Also hatte

Tante Marianne etwa die Fünfzig erreicht. Helene kam sie vor wie eine

Greisin. Und die kleine, schwächliche Frau wußte sich, bei aller

Güte, auch den Respekt einer Greisin zu wahren. Selbst dann, wenn man

manchmal gern über sie gelacht hätte.

Einst, erzählte man in der Familie, sollte Tante Oschitz sehr

lebenslustig gewesen sein. Mit ihrer Verheiratung war eine Veränderung

ihres Wesens eingetreten, über die sogar der Rackower, ihr

Jugendfreund, noch heute den Kopf schüttelte; seit sie Witwe war, lebte

sie fast ganz weltabgeschieden. Nur ihrem Harro und ihren guten Werken;

allenfalls noch ihrer Porzellansammlung, obwohl sie jeden Groschen, den

sie dafür ausgab, eigentlich als Sünde betrachtete. Sie war sehr fromm.

Die Landeskirche genügte ihr nicht, und sie hatte sich einem kleinen

Kreise ähnlich gerichteter Seelen angeschlossen, die der Pastor Müller

um sich versammelte. Ein Geistlicher, der auch aus der Landeskirche

ausgeschieden war. „Tränen-Müller“ hieß er unter den Ketzern Berlins,

denn in seinen Konventikeln sollten die Tränlein fließen wie Bächlein

auf den Wiesen.

Als Tante Oschitz zum letzten Male in Rohlbeck gewesen war, hatte sie

ein gewaltiges Ringen mit dem alten Heckstein gehabt. Seitdem streckte

der, sobald die Rede auf sie kam, immer abwehrend beide Hände aus:

„Hackentin, verschone mich bloß mit der Oschitzen. Die ist mir über.“

Und dazu lachte der „dreimal gesottene Rationalist“, -- so hatte sie

ihn genannt, bis er nicht mehr konnte.

Übrigens mußte Helene dem „Tränen-Müller“ eigentlich dankbar sein.

Das Zünglein, ob Tante Marianne sie auf längere Zeit aufnehmen wollte

oder nicht, hatte anfangs ein wenig geschwankt, aber er hatte für sie

entschieden. Der schöne Mann liebte die „Schönheit der Kreatur“, wie

er es ausdrückte. Als der sich an einem der ersten Abende einfand,

hatte Helene das Zimmer verlassen wollen, um nicht zu stören. Da war

er auf sie zugekommen, hatte seine weißen, weichen Hände sanft auf

ihre Schultern gelegt, sie auf den Stuhl niedergedrückt und mit seiner

unendlich milden Stimme gesagt: „So bleiben Sie doch, liebes Kind. Ich

sehe Sie so gern an.“ Und außerdem liebte er die Musik, sogar die

weltliche. Von ihm zuerst hörte sie vom trefflichen Grell, dem Direktor

der Singakademie, und vom Sternschen Gesangverein.

Es war sehr still auf der einsamen Insel. Tante Marianne liebte die

tiefste Ruhe um sich her. Die Dienstboten schlichen auf Filzsohlen und

flüsterten nur. Sogar Harro war auf diese Stille hin erzogen, er sprach

im Hause immer vorsichtig und gedämpft. Und doch sprühte dem blonden

Gymnasiasten das helle Leben, ja der Übermut aus den blauen, glänzenden

Augen. Manchmal, wenn er mit Helene im hinteren Garten spazieren ging,

rief er plötzlich laut: „Laß uns laufen! Um die Wette laufen! Bis

uns der Atem ausgeht!“ Das taten sie dann. Sie rasten an den hohen

Taxushecken entlang bis zum Landwehrgraben und wieder zurück, bis sie

wirklich nicht mehr konnten und stehenbleiben mußten, mit roten Wangen

und jagenden Pulsen. „Ah, war das schön! War das schön!“

‚Ein Prachtjunge, der Harro! Man muß ihn gern haben!‘ dachte Helene

dann. ‚Wer weiß, ob ich’s ohne ihn so gut aushielte auf der einsamen

Insel?‘

Denn Tante Oschitz hatte auch ihre „Mucken“. Sie tyrannisierte auf ihre

milde Art das ganze Haus und alles, was darin war.

„Nimm dich in acht vor Tante Marianne!“ hatte Wilhelm bei der

Übersiedlung gesagt. „Es hat manchem nicht gut getan, mit ihr Kirschen

essen zu wollen.“

Dabei standen sich eigentlich gerade der Bruder und Tante Oschitz

merkwürdig gut. Manchmal saß Wilhelm wohl eine Stunde und länger bei

ihr allein. Manchmal hörte sie fast andächtig zu, wenn er von seinen

Projekten sprach. Manchmal freilich strich sie ihm auch eine bittere

Wahrheit fingerdick aufs Brot. Gleich in den ersten Tagen einmal. Da

hatte er ihr im Auftrag von Vater von der Pension gesprochen, die der

für Helene bezahlen wollte.

„Nein, mein lieber Wilhelm, Geld nehme ich nicht. Der Rittmeister

hat’s nicht dazu, wird schon seine Mühe haben, das sündhaft schwere

Geld für den Unterricht aufzubringen. In Rohlbeck konnte man ja nie

rechnen, hat immer nur depensiert. So ist’s denn da immer weiter bergab

gegangen.“ Sie sagte es, die Hände im Schoß gekreuzt, mit sanfter

Stimme, die aber einen eigen bestimmten Klang hatte.

„Sparsam genug haben Vater und Mutter, weiß Gott, gelebt.“

„Laß doch den lieben Gott aus dem Spiel. Ja, sparsam haben sie gelebt,

aber wirtschaften konnten sie nicht. Damit sind sie bei aufgepritschten

Brotsuppen und Braunbier auf den Hund gekommen. Ich hab’s doch noch

erlebt, als deine Mutter ihr letztes Väterliches ausgezahlt bekam.

Dreißigtausend Taler waren es, und in zwei Goldtönnchen ist’s in

Rohlbeck angekommen. Was haben sie damit gemacht? Die Tönnchen unter

ihre Betten gestellt, und wenn jemand Geld brauchte, dann langte

er hinein. Wenn ich’s nicht beschwören könnte, würde ich’s selber

nicht glauben. Nicht zinstragend angelegt, nichts -- nichts! Einfach

aufgebraucht, bei Wassersuppen und Braunbier. Und dabei ist Heinersdorf

verkauft worden, und Grunow mußte verkauft werden. Es ist eigentlich

gar nicht auszudenken. Sünde ist’s -- Sünde!“

„Die alte Zeit, Tante Marianne. Mir wär’s auch lieber; die Eltern

hätten besser gewirtschaftet und ich brauchte mich hier nicht zu

schinden.“

„Wie häßlich gesagt -- schinden? Geldverdienen ist ehrliche Arbeit. So

jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen, steht in der

Heiligen Schrift. Ich laß es dir übrigens, du bist ein emsiger Mann, in

deiner Art. Aber daneben steckt das Rohlbecker Blut in dir. Dem kann

nicht genug gesteuert werden.“ --

Still und friedfertig floß das Leben dahin auf der einsamen Insel.

Aber die Stille und der Friede des Hauses, denen sich Helene äußerlich

anzupassen hatte, füllten ihr Herz nicht. Ihr Herz war unruhig und

voller Unrast.

In ihren Nöten war die Kunst ihr einziger Halt. Doch je weiter die Zeit

ging, desto mehr fühlte sie, auch die Kunst war nur ein zerbrechlicher

Stecken für sie. Der stärkste Fleiß half da nicht. Er mochte die

Stunden töten. Daneben aber blieben andere Stunden, in denen ihre Kunst

nur ihre Seele immer stärker aufpeitschte.

Wohl war Frau Harriers-Wippern zufrieden. Fast immer gleich zufrieden.

Helene sah es ihr mehr an, als daß sie es aussprach, denn sie war

ziemlich karg mit Anerkennung und Lob und verlangte viel, was Helene

zuerst ganz wunderlich vorkam: endlose Atemübungen, sorgsame Studien

vor dem Spiegel, predigte immer wieder: „Langsam -- langsam! Geduld,

Fräulein von Hackentin!“ Bisweilen aber nannte sie sie doch ihre

liebste Schülerin, bisweilen sprach sie doch von erstaunlich schnellen

Fortschritten. Aber dann und wann, und nur immer häufiger, schüttelte

sie auch den Kopf: „Sie dürfen sich nicht überanstrengen, liebes Kind.“

„Es strengt mich nicht an. Nie! Nie!“

„Sie wissen das selbst nicht. Mir kann das nicht entgehen. Ihr

Temperament reißt Sie zu sehr fort. Es ist etwas Herrliches, gerade

für unsere Kunst, um ein starkes Temperament. Nur müssen wir es straff

im Zügel zu halten wissen. Bei Ihnen steigert’s sich manchmal bis zur

Leidenschaftlichkeit.“

Und Helene wußte: ja -- bis zur Leidenschaft!

Das war ihr Schicksal. Er war ihr Schicksal.

Sie hatte sich dagegen gesträubt mit aller Kraft ihres Willens. Mit all

ihrem Stolz. Es war stärker als sie.

* *

*

Alfred Schwarz war wirklich in Berlin geblieben. War wenigstens meist

in Berlin. Ende Oktober gastierte er in der Friedrich-Wilhelmstadt;

unmittelbar nach Theodor Wachtel und mit gleich großem Erfolge.

Sie hatte ihn bis dahin nur wenige Male gesehen. Einmal traf

sie ihn zufällig -- war es zufällig? -- im Vorzimmer von Frau

Harriers-Wippern. Einmal begegnete sie ihm auf dem Wege zu ihrer

Lehrerin. Sie sprachen nur knappe Worte miteinander. Er erkundigte

sich nach ihren Fortschritten, wie sie sich eingelebt hätte. Sie gab

so kurz als möglich Auskunft, nur so viel, als die kargste Höflichkeit

forderte. Kaum so viel: denn die Abwehr lohte in ihrer Seele.

Aber sie mußte an ihn denken, Tag und Nacht. Im Zorn auf ihn und auf

sich selber. In schmerzvoller Sehnsucht dann. Immer sah sie ihn vor

sich, immer hörte sie seine Stimme. Mitten im Traum schrak sie auf:

sie waren wieder in Rackow gewesen, er hatte wieder die „Letzte Rose“

gesungen, er hatte wieder gesagt: nur für Sie -- nur für dich! Sie

schrak auf und biß vor Scham in ihr Kissen und weinte --

Und nun gastierte er -- Frau Harriers-Wippern hatte es beiläufig

erzählt -- in der Friedrich-Wilhelmstadt.

Ein paar Male war sie in der Königlichen Oper gewesen. Auf Billetts

ihrer Lehrerin. Das gehörte ja zu ihrer Ausbildung. Ein paar

Male auch in Konzerten. Einmal hatte sie Tante Oschitz in eine

Beethovensche Symphonie begleitet, ein andermal durfte Harro mit ihr

in ein Stockhausensches Konzert. Der gute Junge! Fast hätte er laut

aufgejubelt, und wie er den ritterlichen Kavalier spielte!

Aber die Friedrich-Wilhelmstadt: Tante Marianne hätte nur die Achseln

gezuckt. Und sie durfte doch auch nicht fragen, nicht bitten. Sie

wollte ja auch gar nicht ... Nein! Nein! Nein!

Da kam Wilhelm: „Lene, hier! Herr Schwarz hat mir zwei Billetts

geschickt ...“

Nein! Nein! -- Ja! Ja!

Tante Oschitz machte eine bedenkliche Miene, aber Wilhelm streichelte

sie mit klugen Worten.

Er sang den Postillion.

Und es war fast eine Enttäuschung. Er sang wundervoll, er spielte

hinreißend. Das Haus jubelte ihm zu, wie es kaum Wachtel zugejubelt

hatte. Und dennoch war es eine Enttäuschung: sie mochte ihn nicht als

Postillion. Es tat ihr weh, ihn mit der Peitsche knallen zu hören. Es

war ihr wie eine Erniedrigung. Sie schalt mit sich selber -- und sie

war doch auch froh darüber; erleichtert fast.

Zwei Tage darauf fuhren am Nachmittag die Rackower vor.

Frau Marie und Frau Marianne liebten sich nicht und waren daher

doppelt artig gegeneinander. Immer erkundigten sie sich nach ihren

beiderseitigen Interessen, für die sie doch kein Interesse hatten.

Tante Marie nach der Mission in Indien, Tante Oschitz nach den

Winterplänen der Rackower. Immer mit kleinen Malicen zwischen allen

Artigkeiten. Onkel Ernst gab Harro einen derben Klaps: „Nun, mein

Junge, wann hast du denn endlich die gräßlichen Schulbänke hinter dir?“

und tätschelte Helene beide Wangen: „Viele Grüße aus Rohlbeck. Sind

alle gut zu Wege, bißchen fatigue siehst du aus, Leneken ...“ Dabei sah

er schmunzelnd unter seinem Monokel um die Ecke auf die beiden Damen,

die sich drüben am Kaffeetisch so eifrig und stimmungsvoll unterhielten.

Und dann hieß es: „Heut abend entführen wir dir natürlich die Lene.

Aber, liebste Kusine, das ist doch selbstverständlich. Mach’ bloß kein

so böses Gesicht. Wir liefern dir unsere Lene auch pflichtschuldigst

persönlich ab. Um den Hausschlüssel müssen wir freilich bitten.“

Den Hausschlüssel bekam Helene nicht. Aber Urlaub bekam sie -- „es wird

auf dich gewartet werden.“

Vom Theater kein Wort. Und doch wußte Helene: heut abend singt er in

Flotows „Martha“. Heut abend höre ich wieder die „Letzte Rose“ ...

Ganz still saß sie nachher im Wagen. Wußte nicht, ob sie sich freuen

oder fürchten sollte. Würde es wieder eine Enttäuschung sein?

Vielleicht konnte sie es überhaupt nicht vertragen, ihn auf der Bühne

zu sehen, im Komödiantengewand, geschminkt und aufgeputzt. Vielleicht

konnte sie den lärmenden Beifall nicht ertragen, der ihm zujauchzte.

So schön wie in Rackow sang er auch gewiß nicht ... damals, als er nur

für sie gesungen hatte ...

Dabei mußte sie Rede und Antwort stehen. Über ihren Unterricht, über

Tante Marianne. Ja, und dann sprach Tante Marie wieder von Rohlbeck.

Rohlbeck ... Rohlbeck ... was war das eigentlich? Wo lag das? Es war ja

fast wie ausgelöscht in ihrer Erinnerung. Selten nur hatte sie in all

der letzten Zeit an die Eltern gedacht, an Martha ... gerade nur die

Pflichtbriefe hatte sie geschrieben. Sie verlangten ja auch nicht viel

Nachricht daheim, das Porto war teuer. Ja ... und nun pochte das auch

wieder an ...

„Der Rittmeister und Fritz haben sich gründlich brouilliert. Kein

Wunder: Fritz ist dem liberalen Wahlverein beigetreten. Ein Hackentin.

Eigentlich wirklich ein Skandal. Die Politik ...“

Ach, was ging sie die Politik an. Heut abend hörte sie die „Letzte

Rose“ ...

Sie saßen in der Fremdenloge. Vorn Tante Marie und Helene, dahinter

Onkel Ernst. Und kaum hatte er die Bühne betreten, so wußte sie, daß er

sie bemerkt hatte -- wußte: heut singt er wieder nur für dich. Nur für

dich. Mag das ganze Haus ihm zujubeln und toben: er singt nur für dich!

Nur für dich!

Es versank alles vor ihr. All der Firlefanz dort oben zwischen den

gemalten Kulissen. Sie sah auch nicht darauf hin, sah auch kaum ihn.

Nur hören -- lauschen -- lauschen --

Heut zum ersten Male schmolz auch ihre Abwehr, schmolz ihr Stolz.

Nichts war in ihr als ein läutendes reines Glücksklingen.

Bis der Vorhang zum letzten Male fiel.

„Na, kleine Enthusiastin! War’s schön?“ meinte Onkel Ernst, während der

Logenschließer ihm in den Pelz half. „Mariechen, wir fahren gleich nach

dem Hotel. Schwarz kann in einer Viertelstunde auch dort sein.“

Zuerst verstand sie nicht. Dann bäumte es sich in ihrem Herzen auf.

Ihn wiedersehen! Heute noch ... nach diesen Stunden! Fast wie eine

Unmöglichkeit erschien es ihr. Als ein Traum, als unfaßbares Glück,

und doch bebte und zitterte sie vor der Minute, in der seine Augen den

ihren begegnen, seine Hand die ihre fassen würde.

„Wer kommt denn noch, Ernst?“

Onkel Ernst nannte ein paar Namen, gleichgültige Namen. Offiziere

wahrscheinlich, Diplomaten. „Merivaux hat abgeschrieben. Die

Gardeschützen haben eine große Übung im Terrain.“

Merivaux! Richtig ... der Neuchateller. Ja -- so! Mein Gott, wie

gleichgültig das alles war.

Und dann, schon im Wagen, mußte sie es doch sagen: „Tante Oschitz wird

ungehalten sein. Ich möchte lieber nach Hause.“ Sprach’s, wußte, daß es

Lüge war und doch auch Wahrheit.

Es war zu dunkel, als daß die Rackower die Blutwelle hätten sehen

können, die ihre Wangen überflutete. Das Rollen des Wagens übertönte

den angstvoll zitternden Ton ihrer Stimme. Onkel Ernst sagte nur: „Ach

du Schäfchen ...“

Ein paar Minuten darauf stand sie im Salon des Hotel de Rome. Es wurden

ihr ein paar Herren vorgestellt, sie hörte die Namen nicht. Man sagte

ihr einige Artigkeiten, sie fand nur ein Lächeln. Das Herz klopfte ihr

bis in den Hals hinauf.

Dann war er mit einem Male da. In der Tür stand er, im Frack mit weißer

Binde, sah sich um, suchte sie ... ja ... suchte sie ...

Sie las auf seinem Gesicht noch die Erregung der Bühne. Dann ein ganz

leichtes, fast unmerkliches Kopfneigen zu ihr hinüber, ein frohes

Lächeln: ‚Da bist du ja ... ich bin so glücklich, daß du hier bist ...‘

und er trat zu Tante Marie, küßte ihr die Hand.

Tante Marie hielt Cercle. Sie saß am Kamin, als einzige Dame; die

Herren standen um sie herum, plauderten, Deutsch und Französisch. Nun

winkte sie mit dem Fächer: „Helene ...“

Wie schwer ihr die wenigen Schritte wurden. Als ob sie Blei an den

Sohlen trüge; und sie hätte doch fliegen mögen.

„Mignonne, Herr Schwarz wollte dich begrüßen.“

Wortlos stand sie, knickste, unbewußt, was sie tat, fühlte seine Hand,

empfand seinen Blick, wagte die Augen nicht zu erheben. Ihn nicht

anzusehen. Denn sie fühlte: siehst du ihn an, jetzt an, so weiß er, daß

du sein willenloses Geschöpf bist, für immer und ewig.

Da öffneten sich auch schon die Flügeltüren. Der Oberkellner kam

majestätisch auf Tante Marie zu: „~Madame, est servi.~“ Ein

fremder Herr verbeugte sich: „Gnädiges Fräulein, ich habe die Ehre ...“

Sie legte ihre Hand in seinen Arm. Einmal dachte sie, wie im Fluge:

‚Ein Glück, daß er dich nicht führt.‘ Dann: ‚Wärst du doch weit von

hier, bei Tante Oschitz und Harro, oder in Rohlbeck ...‘ Dann wieder:

‚Wirst du ihn nachher noch sprechen?‘ ...

Erst als sie saßen, als Graf Werther ein paar Worte zu ihr gesprochen

hatte, bemerkte sie, daß Alfred Schwarz ihr zur Rechten saß. Wieder

schrak sie zusammen, wieder wagte sie nicht, aufzusehen, nicht, ihn

anzusehen. Und sehnte sich doch mit aller Leidenschaft ihrer Seele nach

einem Blick aus seinen Augen, nach einem Wort von seinen Lippen.

Dann fiel ihr mit einem Male ein, daß Vater wohl manchmal gesagt hatte:

„Bist doch mein tapferes Mädel!“ Sie klammerte sich an das Wort. ‚Nein:

nicht feige sein! Ankämpfen, ankämpfen! Um Gottes willen, was sollen

denn diese fremden Menschen denken?‘

Es war ihr immer noch, als säße sie in einem großen Schleier. Nur

undeutlich sah sie drüben die weiße Feder auf dem Turban, den Tante

Marie trug, und den blitzenden Crachat auf der Brust des Herrn neben

ihr. Nur undeutlich hörte sie, was man sprach. Aber nun zwang sie

sich. ‚Bist doch mein tapferes Mädel!’ Nun kämpfte sie gegen sich an.

Und langsam, ganz langsam sank der Schleier nieder. Der Wille kam ihr

zurück. Sie nahm ein paar Bissen, sie trank hastig ein Glas Champagner.

Sie konnte jetzt antworten. „Ja, ich bin noch nicht lange in Berlin.“

-- „Jawohl, es gefällt mir ausgezeichnet.“ ... „Bei meiner Tante

Oschitz.“ -- „Ganz richtig, mein verstorbener Onkel war Vortragender

Rat im Kultusministerium.“

Und dann hörte sie plötzlich auch seine Stimme neben sich. Leise

flüsterte er: „Habe ich gut gesungen heut abend? Ich sang auch heut nur

für ... nur für ein wunderschönes junges Mädchen, das rechts in der

Fremdenloge saß. Ein wunderschönes Mädchen mit rostbraunem Haar, mit

blauen, leuchtenden Augen ...“

Die ganze Tischrunde, meinte sie, müßte es gehört haben. Aber das

schwirrte und schwirrte durcheinander.

„Darf ich denn diese wunderschönen blauen Augen jetzt nicht

wiedersehen?“

Es zwang sie. Er zwang sie. Sie mußte sich ihm zuwenden. Dabei raffte

sie noch einmal all ihren Willen, all ihre Kraft zusammen, rang um ein

Lächeln, suchte nach einem abwehrenden leichten Scherz zur Antwort.

Aber als sie ihn ansah, brachen Wille und Kraft zusammen.

Vielleicht fühlte er es. Vielleicht stieg das Mitleid in ihm empor. Er

sprach lauter, so daß es die Nächsten hören mußten: „Es war ein recht

gutes Ensemble. Fanden Sie nicht auch, gnädiges Fräulein? Das Orchester

ist sogar vortrefflich. Man darf ja nicht die Ansprüche stellen, die

einer großen Oper gegenüber berechtigt sind. Aber immerhin, es ist mehr

als Mittelmaß. Dazu dies dankbare Publikum!“

Sie verstand seine Absicht, war ihm dankbar. Aber sie brachte nur mit

Mühe ein „Es war sehr schön --“ über die Lippen. Ein Hauch war es nur,

wohl ihm allein verständlich, und er mochte es deuten -- in seinem

Sinne. Er strahlte sie an. Und als ob sie nun seiner Stimmung Flügel

verliehen hätte, riß er das Tischgespräch an sich. In sprühender

Laune erzählte er vom russischen Hofe, gab kleine Theateranekdoten,

Kulissenscherze zum besten; sprach dann wieder ernster: von Richard

Wagner, den er in Zürich kennen gelernt hatte, von dem greisen

Meyerbeer, dem er in Paris nähergetreten war, von Rubinstein, in

dessen Petersburger Heim er Gast gewesen. Er sprach vortrefflich,

pointenreich. Daß er -- immer er im Mittelpunkt aller Wendungen

stand, was verschlug’s? Vielleicht gab gerade das Persönliche seiner

Unterhaltungsgabe besonderen Reiz.

Helene lauschte und lauschte. Manchmal senkte es sich wieder über sie

gleich einem dichten Schleier, so daß sie nicht mehr die Worte, nur

noch den Klang seiner Stimme wie im wohligen Traume hörte; dann kamen

Momente, in denen sie mit einem heimlichen Jubel dachte: eigentlich

spricht er nur zu dir, nur für dich allein. Und ein -- zwei Male

fühlte sie, wie, während er sprach, seine Hand unter der Tafel die

ihre suchte. Dann schrak sie zusammen, rückte ab von ihm und konnte

doch nicht wehren, daß er ihren Arm streifte, ganz leise, zärtlich,

verstohlen.

Tante Marie hob die Tafel auf.

Im Salon nebenan wurde der Kaffee genommen. Und hier gewann Helene

endlich die Selbstbeherrschung zurück. Sie stand, getrennt von ihm, in

einem Kreise der jüngeren Herren, fand sich in dem leichten Plauderton

zurecht. Es gab einige Anknüpfungspunkte. Der eine der Herren hatte

in Sodelzig bei Onkel Grucker in Quartier gelegen, der andere kannte

Fritz -- „den sonderbaren Schwärmer, der ja unter die Demokraten

gegangen sein soll“ -- von der Universität her. Wilhelm kannten fast

alle. „Warum ist Ihr Herr Bruder heut nicht hier?“ Graf Werther lachte:

„Wilhelm Hackentin sitzt bei Ewest mit ein paar englischen Herren

zusammen, die nach ungezählten Pfunden aussehen. Ich war vorhin auf

einen Stipps drin und sah ihn zwischen wallenden grauen Bärten, ganz

ehrwürdig vor lauter Wohlhabenheit.“

Plötzlich war Schwarz wieder neben ihr, und wie er vorhin das Gespräch

der ganzen Tafel beherrscht hatte, so wußte er sie jetzt aus der

Unterhaltung der anderen herauszureißen, sie für sich selber zu

isolieren. Was er zuerst sagte, das durften, konnten sie alle noch

hören. Nach ihren Studien fragte er. Ob sie sich zufrieden fühle bei

der Kollegin Wippern? Wartete die Antwort nicht ab, sondern ergänzte

selber: „Unsere treffliche Harriers-Wippern ist ja Ihres Lobes voll.

Meine Lieblingsschülerin, sagt sie immer wieder. Aber eigentlich müßten

Sie zur Viardot nach Baden-Baden. Das wäre die rechte Lehrerin für Sie.“

Dann, als sie für ein paar Augenblicke allein standen, flüsterte er

hastig: „Entsetzlich -- diese Geselligkeit. Dieser Zwang! Nicht zwei

Worte kann man unbeobachtet mit jemand sprechen, dem man so viel zu

sagen hätte, so unendlich viel ...“

Sie sah scheu, erschrocken, fast verständnislos zu ihm auf, senkte

gleich wieder den Blick. Ihr war’s ja, als hätten sie den ganzen Abend

über miteinander gesprochen, zueinander, nur zueinander und füreinander.

„... so unendlich viel zu sagen!“ wiederholte er heiß. „Es muß anders

werden. Ah, jetzt nur einmal einen Spaziergang durch den Rackower Park,

allein, ohne diese zudringlichen, neugierigen, fremden Gesichter.

Allein ... wir beide ... wie schön müßte das sein!

... So sprechen Sie doch! Nur ein paar Worte, ich beschwöre Sie. Morgen

-- nicht wahr? -- Morgen gegen ein Uhr gehen Sie zur Wippern ...“

Sie konnte ja nicht sprechen. Ihre Stimme war erstickt. Vor Angst, vor

Scham, vor fassungsloser Scheu. Aber der Stolz war von ihr abgefallen,

verweht, dahin. Sie neigte willenlos den Kopf.

„Ein Uhr ... Dank ...“ hörte sie noch. Und da kam Onkel Ernst

angekugelt, quer durch den Salon: „Leneken, jetzt mußt du aber leider

fort. Sonst kriegen wir’s mit Tante Oschitz zu tun, und ich bin kein

Ritter Georg -- das Drachentöten war nie meine Force.“

Er nahm sie an der Hand, schielte unter seinem Einglas um die Ecke

auf Graf Werther hin und auf Schwarz, die plötzlich in ein angeregtes

Gespräch verwickelt schienen, führte Helene zur Tante. Sie knixte,

küßte die Hand, bekam einen kleinen zärtlichen Klaps mit dem Fächer,

grüßte noch flüchtig nach rechts und links, mußte von Onkel Ernst

einen dicken Schmatz auf die Stirn in den Kauf nehmen: „Fameus hast du

ausgesehen, Lene. Trotz deines simplen Fähnchens. Tante Marie müßte

eigentlich mal mit dir zu Bonwitt fahren .... Nacht, Kind. Grüße den

Drachen.“

Draußen stand Höhne mit dem diskret vertraulichen Domestikengesicht,

das er armen Verwandten gegenüber immer hatte, geleitete sie, mit zwei

Schritt Distanz, die Treppe hinunter zum Hotelwagen: „Untertänigst gute

Nacht, gnädiges Fräulein.“

Und dann huschte sie durch den Vorgarten, der im ersten Schnee lag,

unter den bereiften Bäumen hin, in fliegender Eile. Schon von weitem

sah sie, daß die Lampe im Zimmer von Tante Marianne noch leuchtete. Ein

schmaler Lichtkegel fiel aus dem Fenster im Erdgeschoß quer über den

weißen Rasen.

Gleich, auf das erste leise Pochen, war Tante Marianne an der Tür. In

ihr dickes Umschlagetuch ganz eingehüllt; das kleine, schmale Gesicht

hob sich aus dem Schwarz wie ein Nonnenantlitz.

Es sah so ernst und so streng aus, daß Helene zusammenbebte, als ob sie

sich einer Schuld bewußt wäre. Aber Tante Marianne hatte kein tadelndes

Wort. Sie nickte nur, und es klang höchstens ein wenig spöttisch: „War

es sehr schön, Helene? Nun ja, natürlich. Die Rackowschen sind ja die

berühmten Amüseurs. Da steht das Licht. Gute Nacht, mein Kind.“

Nun war sie oben in ihrem Zimmerchen.

Als sie den Leuchter auf den Nachttisch stellte, fiel ihr erster Blick

auf ein kleines, altes Buch, das bisher nie dort gelegen hatte. Ein

Lesezeichen lag darin, in Kreuzesform geschnitten. Und als sie das Buch

aufschlug, las sie:

„Wer die Welt erkieset,

daß er Gott verlieset,

Wenn es geht ans Scheyden,

Verlieret er alle Beyden.“

Auf märkischer Erde · 第 17 / 62 题