Und so sang sie --

„Wie ist Natur so hold, so gut!“

Das Goethesche Lied hatte er für sie gewählt.

Während sie sang, wurde sie froh. Das war ja fast immer so; aber heut

doch anders wie sonst; eine wahre Lust, hinauszujubeln, erwachte in ihr.

„Auf der Welle blinken

Tausend schwebende Sterne,

Weiche Nebel trinken

Rings die türmende Ferne ...“

Es war wie ein Rausch. Ein holder, beseligender, traumhafter Rausch.

Sie fühlte wohl, daß es ihr glückte, daß sie gut sang, besser als je.

Aber sie gab, was sie gab, doch völlig unbewußt. Die Töne quollen in

ihr empor, ohne daß sie suchte.

Und dann war alles aus. Mit dem letzten Ton entschwanden ihr Wille und

Kraft, die Begeisterung erlosch, die Spannung der Seele ließ nach. Müd

und matt wie ein Vögelchen, das aus Wolkenhöhen zu Boden geschmettert

wurde, hockte sie vor dem Instrument, die Hände waren von den Tasten

gesunken und lagen im Schoß. Sie hörte nur undeutlich den Beifall,

dachte nur: ‚ach ... es war ja doch nichts, du kannst ja gar nichts;

und wenn sie klatschen ... was verstehen sie!‘ Ein Schluchzen stieg auf

in ihr. Sie biß die Zähne aufeinander, preßte die Lippen zusammen; tief

herab glitt ihr Kopf, und die Stirn schmerzte.

Mehr sollte sie singen. Die Stimmen schwirrten durcheinander. Man

bat, machte Vorschläge: eines der Taubertschen Kinderlieder, das

Rothschild-Liedchen: ~Si vous n’avez rien à me dire~ ...

Nein! Nein! Nein!

Dann stand sie jäh auf. Mit dem plötzlichen Entschluß: ‚jetzt willst du

das letzte wissen ... sein Urteil ... und wenn es dein Todesurteil wäre

...‘

Sie wandte sich kurz um.

Und da sah sie ihn. Er stand nicht in der Gruppe der Verwandten am

Instrument. Er war zurückgetreten, lehnte wie vorhin, ehe er gesungen,

an der Tür zur Bibliothek.

Sie sah ihn und sah, daß seine Augen zu ihr herüberleuchteten. Und

nun kam er, faßte ihre beiden Hände, unbekümmert um alle, die um sie

waren, und sprach: „Sie werden eine große Sängerin werden! Eine von den

ganz großen, vor denen sich Könige und Fürsten neigen. Ich preise mich

glücklich, daß ich als Erster Ihnen das sagen darf.“

Auf märkischer Erde · 第 14 / 62 题