Sie neigte den Kopf, ohne ein Wort. Aber es war doch eine Bejahung.
Und dann war mit einem Male Merivaux neben ihnen und noch ein anderer,
den er unterwegs aufgelesen haben mußte.
Merivaux hatte wieder ein fröhliches Lachen, das ihr geradezu weh tat
in diesem Augenblick. „Also, Monsieur Schwarz, also hier ’ab ich einen
ganz Sachverständigen. Also, Monsieur Smithals, also was ’alten Sie von
die märkischen Bauer?“
Worauf der stämmige Alte auch lachte: „Unse Pauern? Verfluchtigte
Sakarmenter sind’s, Herr Leutnant.“
* *
*
Helene war unter den Fröhlichen sehr still gewesen.
Man war bei Tisch immer fröhlich in Rackow. Die Tafelrunde hatte
hier ihre besondere Weihe. Onkel Ernst war ein Schlemmer. Er nannte
sich einen Gourmet, aber er war beides: Gourmet und Gourmand; er aß
möglichst erlesen und aß -- wie ein Scheunendrescher. Wenn er am
eigenen Tisch vor seinem berühmten ovalen Ausschnitt präsidierte, in
den sein Bäuchelchen gerade hineinpaßte, glänzte sein Gesicht vor
Behagen und Wonne: „Nun, Mariechen, was gibt’s denn heut?“ fragte
er noch vor der Suppe, obwohl er das Menü schon vorher mit Monsieur
Bombourdan, dem Chef, eingehend erwogen hatte. Und Tante Marie, die
selber aß wie ein Piepmatz, aber noch eine weit feinere Zunge hatte als
der Rackower, lächelte gnädig: „Du wirst schon zufrieden sein.“ Dann
sah Onkel Ernst regelmäßig unter seinem Monokel „um die Ecke“, musterte
der Reihe nach seine Gäste und freute sich, wenn er auch bei ihnen
einiges Verständnis erhoffen konnte.
Heut mochte das angehen. Die Rohlbecker waren heraufgekommen. Die
Rohlbecker Damen -- mit denen war zwar in bezug auf kulinarische
Genüsse nicht viel anzufangen; der alte Rittmeister würdigte eigentlich
nur eine Delikatesse, im Juni den Matjeshering, von dem er sich
regelmäßig einmal im Jahr ein kleines Tönnchen aus Hamburg kommen ließ.
Aber Wilhelm Hackentin hatte sich in Berlin neuerdings zu einem kleinen
Schlecker ausgebildet, der eine Holsteiner Auster von einer Native mit
geschlossenen Augen zu unterscheiden wußte. Der lustige Merivaux kannte
sich auch aus; französisches Blut! Neulich hatte der davon gesprochen,
daß man Hammelkoteletten eigentlich nur in einer Pfanne braten sollte,
die mit einer Zwiebel ganz, ganz leicht ausgestrichen wäre -- „grad
nur ein ’auch“. Nicht übel. Und Alfred Schwarz war geradezu ein Mann
nach Onkel Ernsts Herzen. Das Bürschlein hatte schon in Ems eine Zunge
bewiesen, die der Nachbarschaft seiner berühmten Stimmbänder nichts
nachgab. Eine Bordeauxzunge, die Lage und Jahrgang geradezu erstaunlich
zu beurteilen wußte, im Handumdrehen, und die auch beim Champagner
nicht versagte. Petersburger Schule, so lächerlich das war. Das Volk
soff Wuttki, Wuttki und nochmals Wuttki, aber dafür aßen und tranken
die oberen Zehntausend desto besser.
Man war wie immer sehr fröhlich am Rackower Tisch.
Nicht laut indessen. Selbst die heitersten Scherzworte flogen in
gedämpftem Ton herüber und hinüber. Gerade, daß die kleine, mollig
runde Grete Waldegg, die Tochter vom Stockschen Oberstleutnant,
manchmal aufkicherte, wenn ihr Tischherr, der rote Fritze Hackentin,
ein bissel mit ihr zu schäkern versuchte.
Helene war unter den Fröhlichen sehr still.
Merivaux hatte sie geführt und gab sich umsonst redlichste Mühe, ein
Lächeln auf dem heut so eigen ernsten Gesicht heraufzulocken. Auf ihrer
anderen Seite saß ihr Bruder Wilhelm. Der wußte, so gesprächig er
war, auch nichts mit ihr anzufangen. Sie saß mit gesenkten Augen und
berührte die Speisen kaum. Nur ein Glas roten Champagners, Spezialität
des Rackower Kellers, Marke Ruinart & Cie. in Reims -- trank sie hastig
leer.
Ihr gegenüber hatte, zwischen Martha Hackentin und Tante Marie, der
Russe seinen Platz.
Manchmal, auf den Bruchteil einer Sekunde, sah Helene zu ihm hinüber.
Wie unter einem Zwang. So lebhaft er sich unterhielt: jedesmal trafen
sich doch ihre Blicke. Und immer senkte Helene, erschrocken, die Augen
wieder auf ihren Teller.
Der Kaffee wurde im Damast-Salon genommen. Nicht um den großen
runden Tisch, wie in Rohlbeck und in den anderen Gutshäusern, wo der
Nachmittagskaffee mit „Stippe“ eine besondere Rolle spielte. Frau
Marie wußte in ihrem roten Salon die Gäste unaufdringlich in einzelne
Gruppen zu gliedern, Altersklassen und Interessensphären geschickt
zusammenzuschieben.
Auch ihr Salon hatte Stil. An den damastbespannten Wänden ein paar
gute Bilder, ein Aquarell von Hildebrand mit aller Farbenpracht der
Tropen, ein treffliches Porträt von Franz Krüger, das Onkel Ernst noch
in seiner Jugend Maienblüte, als schlanken Jüngling, darstellte,
ein großer Stich nach Guido Reni. Zwischen den Möbeln, wo es irgend
anging, Blattpflanzen und blühende Blumen, die der Gärtner täglich
erneuern mußte, und neben dem Kamin eine ziemlich große Voliere,
hinter deren vergoldeten Stäben ein Dutzend winzig kleiner Tropenvögel
das kurze Leben verträumte. Das kurze Leben: denn diese bunten
Kinder einer südlicheren Sonne starben dahin wie die Fliegen, trotz
der liebevollsten Pflege, und der Berliner Händler mußte alle paar
Wochen Nachschub senden. War Tante Marie aber besonders in Stimmung,
so öffnete sie die Tür der Voliere, lockte die Tierchen heraus, bis
sie frei im Salon umherflatterten. Es gab dann immer lautes Jubeln,
viel „Ahs“ und „Ohs“. Nur dem alten Rittmeister war die „Unzucht“
ein Greuel. Er huldigte Frau Marie mit einem Respekt, in dem sich
chevalereskes Wesen und derbes Landjunkertum eigen mischten. Aber
ihre Behandlung der Tropenfremdlinge nannte er, dem sonst jede
Humanitätsduselei weltenfern lag, Tierquälerei.
Unter dem Stich nach Guido Reni stand der wunderschöne Bechsteinflügel
in gläsernen Untersätzen auf dem dunkelroten Teppich.
Helene und die mollig runde Grete Waldegg waren von der Hausfrau an dem
Tischchen beschäftigt worden, auf dem die silberne Kaffeemaschine mit
all ihrem Zubehör prunkte. Das war in Rackow immer das Amt der jungen
Mädchen: sie hatten den Mokka zu bereiten, Herrn Höhne zu assistieren,
den älteren Damen persönlich das Meißener Schälchen mit einem artigen
Knicks zu überreichen. Tante Marie sah dem gern zu, durch die scharfen
Gläser ihrer langstieligen Lorgnette, und manchmal gab’s nachher eine
kleine Instruktionsstunde: „Cherie, so faßt man aber eine Tasse nicht
an“ ... „Mignonne, vor einer Greisin könntest du dich wirklich ein
wenig tiefer beugen“ ... „Mein liebes Kind, man macht bei solcher
Gelegenheit kein ~air moussade~ ... lächeln mußt du, liebenswürdig
lächeln ...“
Ihr eigenes kleines spitzes Gamingesicht hatte ja meist auch solch ein
liebenswürdiges, komplisantes Lächeln. Auch jetzt, wo sie -- nachdem
der Kaffee genommen war -- einen Blick der Aufforderung zu Herrn
Schwarz hinübersandte. Der stand an der Tür zur Bibliothek, der einzige
Gast in Frack und weißer Battistbinde, mit ein paar Orden im Knopfloch,
das Täßchen noch in der Hand. Ziemlich vereinsamt. Aber er zeigte es
nicht, daß er sich vereinsamt fühlte. Seine Blicke waren all die Zeit
im Zimmer umhergewandert, um schließlich immer wieder auf Helenens
rostbraunem Haar, das in hundert winzigen Löckchen sich gegen den
glatten Scheitel sträubte, haften zu bleiben.
Er verstand den Blick der Hausherrin sofort. Vielleicht hatte er darauf
gewartet. Ganz leicht verbeugte er sich, setzte die Schale beiseite,
ging auf den Flügel zu, öffnete die Klaviatur. Höhne eilte diensteifrig
herbei, schob den Stuhl zurecht.
Helene hatte sich mit Molly und Bruder Fritz ins Schmollwinkelchen
neben der Voliere geflüchtet. Ganz tief zurückgelehnt saß sie, hatte
die Hände im Schoß verschränkt. Und um ihre roten Lippen spielte ein
etwas spöttischer Zug. Sie fand, daß der Russe keine gute Figur machte.
Es war immer wie eine Pose; sein Stehen an der Tür, sein gleitendes
Schreiten, die Art, wie er jetzt am Flügel Platz nahm, einen Moment
nachzusinnen schien. Eine kleine Schadenfreude war in ihr und doch auch
eine große Erwartung.
Doch nun klangen die ersten Töne auf. Schwarz schlug ein paar Akkorde
an, dann setzte er ein.
Er sang die große Arie aus „Zar und Zimmermann“: „Einst spielt ich mit
Zepter und Krone und Stern ...“
Es wurde still im Raum.
Der spöttelnde Zug erlosch in Helenens Gesicht. Es spannte sich. Sie
richtete sich auf, und dann beugte sich ihr schlanker Körper mehr und
mehr nach vorn. Und die Hände hoben sich aus dem Schoß, preßten sich
gegen die Brust, eng verschlungen.
Großer Gott ... war das denn möglich? Gab es das? Solch eine Stimme!
Solchen Wohlklang, solche Kraft ... und solche Kunst! Eine Himmelsgabe,
köstlich und wunderbar, gemeistert in edelster Schule! Ein Vortrag, der
aus tiefstem Empfinden kommen mußte, der zu dem Herzen sprach, daß es
jubeln mußte. Nein, nicht jubeln: stumm lauschen, stumm genießen, in
Demut genießen!
Gleich Perlen auf Goldschnur gereiht, so war es, Ton auf Ton. Klar,
rein ... erhaben ... groß ... herrlich!
Sie dachte nur: der erste wahrhafte Künstler, den du hörst. Welch eine
Gnade ...
Der letzte Ton verklang.
Der Beifall brach los.
Sie hörte ihn kaum. Sie sah nicht, wie Vater klatschte, wie selbst die
stille Martha die Hände rührte. Sah nicht, wie Ernst Hackentin sein
Bäuchlein trommelte; nicht, wie der Garde-Schütze, der neben Wilhelm
hinter dem Stuhl der Mutter stand, die Hände hob, um sie dann gleich
sinken zu lassen. Sah auch nicht, wie Tante Marie quer durch den Saal
schwebte, trippelnd, raschelnd und lächelnd, am Flügel stehenblieb, dem
Sänger zuflüsterte.
Tief in Träumen befangen saß Helene. In Träumen, die vor ihr die
Pforten einer neuen Welt weit auftaten ...
Dann horchte sie doch auf, erschreckt zuerst.
Von neuem hob es an. Sie fühlte sogleich, daß eine andere Hand den
Flügel meisterte. Als sie den Blick hob, sah sie, daß Tante Marie vor
dem Instrument saß, daß der Russe neben ihr stand.
„Letzte Rose“ sang er.
„Letzte Rose ... o wie einsam magst du hier verblühen ...
Deine andern freundlichen schönen Schwestern sind ja längst, ja
längst dahin ...“
Es war anders als vorhin. Vielleicht war es noch schöner. Seine Stimme
klang gleich kräftig, aber weicher, einschmeichelnder. Wie ein ewiges
Locken war es, ein süßes, verführerisches Bitten, Flehen, Werben ...
Wieder saß sie weit vornübergebeugt, die Hände gegen die hochatmende
Brust gepreßt. Und nun die Augen auf ihn gerichtet. Sie sah nur
sein Profil, die scharf geschnittenen Linien des schönen Gesichts.
Gleich einer Silhouette hob sich das ab von dem Hintergrund der roten
Damasttapete, hell beleuchtet von den vielen Kerzen des Kronleuchters.
Die kleine Gestalt von Tante Marie war nur wie ein helles Fleckchen vor
dem Flügel. Über ihr Köpfchen blickte er hinweg auf die Notenblätter.
Zwei -- dreimal griff seine Hand nach vorn, um sie zu wenden.
Dann plötzlich, ganz zuletzt, wandte er den Kopf. Sein Blick streifte
durch den Raum, wie suchend, blieb auf Helene haften. Ein Lächeln kam
zu ihr hinüber: war’s recht so? Ein siegesgewisses Lächeln: nicht wahr
... es ist schön gewesen!
Noch eine glänzende Perlenkette von Tönen, sieghaft wie jenes Lächeln,
mühelos quellend wie im Triumph des großen Könnens. Und er schwieg.
Wieder der starke Beifall. Ganz leicht neigte er den Kopf zum Dank.
Vater, Wilhelm waren schon neben ihm, schüttelten ihm die Hand, Onkel
Ernst hob sich aus seinem Sorgenstuhl, rollte sich zum Flügel. Tante
Marie hatte den Drehsessel umgewendet, lachte zu ihm in die Höhe.
Aber plötzlich löste er sich aus der Plaudergruppe. Mit raschen
Schritten ging er quer durch das Zimmer, blieb vor Helene stehen und
bat, ehe sie noch recht zur Besinnung kommen konnte: „Jetzt werden Sie
singen, gnädiges Fräulein!“ Bat -- und es war doch fast wie ein Befehl.
Sie schrak heftig zusammen, aber sie stand auf. Schüttelte den Kopf,
hob die Hände zur Abwehr. So stark war sie erschrocken, daß sie nicht
sprechen konnte. Nicht einmal das eine: ‚Jetzt -- nimmermehr.‘
„Darf ich Sie zum Flügel führen?“ hörte sie seine Stimme. Und zugleich
neben sich ein leises, etwas spöttisches Kichern der molligen
rundlichen Molly. Es klang ihr auch wie: ‚Jetzt singen ... wie sollte
die Lene das riskieren.‘ Aber es peitschte ihren Trotz auf. Sie legte
mit einem plötzlichen Entschluß ihre Hand in seinen Arm, ging ein paar
Schritte, blieb dann doch wieder stehen: „Ich kann jetzt nicht singen
... nach Ihnen!“
„Gnädiges Fräulein ...“
Sie standen mitten im Zimmer, gerade unter dem Kronleuchter, und nun
nicht mehr allein. Tante Marie war herangetreten: „Aber, Mignonne!“
Vater kam und erklärte im Rittmeisterton: „Ziere dich nicht. Das ist
ridicül. Das heißt: Sing, so gut du kannst. Mehr verlangt keiner.“
‚Ich kann nicht --‘ wollte sie noch einmal sagen. Aber sie fühlte sich
von Schwarz unwiderstehlich weitergezogen, mit einem ganz sachten
Druck seines Armes, stand schon am Flügel und wußte gar nicht, wie sie
dorthin gekommen war.
„Was werden Sie uns singen?“ fragte Schwarz. Und zum dritten Male
wollte sie entgegnen: ‚Gar nicht singen will ich‘ und hatte doch schon
die Hand nach dem Notenschränkchen neben dem Instrument ausgestreckt.
Er griff gleichzeitig zu. Die Blätter raschelten. Auf einen Augenblick
berührte ihre heiße Stirn fast seine Wange. Wieder schrak sie zusammen,
richtete sich hastig auf, schüttelte den Kopf. Wortlos ...
‚Warum quälen sie mich!‘ schrie es in ihr. ‚Warum quälen sie mich? Ich
kann ja doch gar nichts. Kann ja nicht singen ... hier nicht ... heut
nicht ...‘
„Mendelssohn liegt Ihnen gewiß, gnädiges Fräulein?“
Er hatte ein Blatt herausgesucht, wies es ihr hin. Und in heller
Verzweiflung neigte sie den Kopf.
„Soll ich akkompagnieren?“
Endlich fand sie die Sprache wieder: „Nein -- nein! Ich begleite mich
immer selber ...“ Der Gedanke, hinter ihm zu stehen, ihm folgen zu
müssen, war ihr unerträglich.
Dann war plötzlich Bruder Wilhelm neben ihr. Sie mochte ihm leid tun.
Er schob ihr den Stuhl zurecht, raunte ihr ein paar liebe Worte zu --
Und nun saß sie, hatte die Hände auf den Tasten, sah auf das Notenblatt
und meinte, keinen Finger rühren, keinen Ton herausbringen zu können.
Die Stimme stickte ihr ja im Halse, die Kehle war so trocken, war wie
zugeschnürt. Weinen hätte sie mögen.
Aber mit einem Male, ganz jäh, war das alles anders.
Mit einem Male kam es wie eine große Befreiung über sie. Unerklärlich,
wie das geschah. Ganz plötzlich hatte sie das Empfinden: ‚Du mußt
singen! Du kannst es! Du wirst es gut machen, wirst ihm beweisen, daß
du keine elende Stümperin bist. Daß auch dir Gott die Gabe verlieh ...‘
Noch sah sie wie durch einen Tränenschleier die Noten. Aber gleich
darauf ward es helle vor ihr. Das leise, unsichere Beben der Finger,
das sie vorhin gespürt, verschwand. Sie fühlte, wie die Stimme frei
wurde ... ganz frei --