Kantor Flehr schob mit gesenktem Haupt langsam über die Dorfaue. Man
konnte es ihm ansehen, daß er Sorgen hatte, die ganze Hucke voll, und
zwar, trotzdem Kartoffelferien waren und die liebe Jugend ihm daher den
Schädel nicht heiß machte.
Sorgen hatte Kantor Flehr zwar eigentlich immer. Ein
Dorfschulmeisterlein im Königreich Preußen und keine Sorgen: das gab’s
ja einfach nicht. Gerade daß man vor dem Verhungern geschützt war --
bei der Herde Kinder, die sich so nach und nach einfand. Recht machen
konnte man es auch niemand: dem Herrn Patron nicht; dem Herrn Pastor
nicht, obwohl beide noch nicht die schlimmsten waren, im Gegenteil. Den
Bauern und Kätnern, dem lumpigsten Tagelöhner erst recht nicht. Und
deren Ehegesponsten nun schon gar nicht. Denn im Grunde genommen: den
Weibsen wär’s am liebsten gewesen, wenn sie ihre Rangen gar nicht in
die Schule zu schicken brauchten, oder wenn er den Nürnberger Trichter
besäße, um Bub und Mädel in einem einzigen Viertelstündchen- alles
einzutrichtern, was sie fürs Leben gebrauchten. Damit besagte Rangen
den besagten Eltern in Feld und Wirtschaft helfen könnten, von früh bis
spät. Von der Bildung hielt das Volk verflucht wenig. Aber man selber
hatte doch nun mal sein Pflichtgefühl und seine Ideale. Hatte man, und
konnte, durfte man nicht preisgeben. Wenn schon das ganze Dasein immer
wieder die elendsten Kompromisse verlangte.
Sorgen also hatte Kantor Flehr eigentlich immer, und sie hatten
ihm wohl auch die tausend Runzeln und Fältchen in das alte Gesicht
gegraben. Aber an diese alltäglichen Sorgen gewöhnte man sich
allgemach, wie man sich daran gewöhnt hatte, daß Quetschkartoffeln
mit einem Brocken Speck gar kein so übles Essen waren, oder daran,
daß man immer wieder einen Pflock zurückstecken mußte, was die eigene
geistige Fortbildung anbetraf, oder daran, daß Goethe und Schiller nur
an Sonntagsnachmittagen vom kleinen Bücherbord heruntergenommen werden
konnten; auch daran, daß das alte Klavier von Jahr zu Jahr dünner im
Ton wurde.
Es mußte schon einiges Besondere zusammenkommen, wenn Kantor Flehr
den Kopf so tief auf der Brust trug wie heute, den schmalen, langen
Oberkörper so vornübergeneigt hielt.
So war es aber auch. Der Tag verdiente drei Kreuze im Kalender.
Erst hatte man vom alten Heckstein wieder einmal eine kleine Vorlesung
entgegennehmen müssen über den Geist der „Regulative --“.
Selbstverständlich, das wußte man ja, kam die Salbaderei dem guten
Heckstein selber nicht recht aus dem Herzen; war ein viel zu
aufgeklärter Mann dazu, um vom Geist dieser Regulative überhaupt
aus Überzeugung sprechen zu können, dieser Einschnürungs- und
Verdummungsparagraphen. Aber ein Keil drückte da eben den andern. Und
das war schließlich dem Pastor doch wohl aus dem Herzen gekommen,
daß er sagte: „Überhaupt, Herr Kantor, Sie sind mir zu liberal!“ Ja
... hm ... was sollte man darauf erwidern, wenn der Alte so seinen
gichtgekrümmten Zeigefinger hob? Zu liberal! Du mein Gottchen! Man
hatte doch eben seine Ideale. Und wer die nicht, innerlich mindestens,
hochzuhalten wußte in dieser Zeit, wo die Reaktion wieder mal umging,
als ob sie die letzten paar Säulchen untergraben wollte, auf die sich
noch die Freiheit des Staatsbürgers stützen konnte ... ja, wer sich
seine bißchen Ideale nicht zu wahren wußte, der ging eben moralisch vor
die Hunde. Nicht mehr Staatsbürger, sondern Staatsknecht war man
dann ...
Nun ja ... und eine Stunde darauf war der Schulze gekommen, Christian
Lehmpuhl. Hatte wieder mal solch ein Schreiben vom Herrn Landrat,
Hochwohlgeboren. Wenn man nur die Handschrift des hochmögenden
allmächtigen Kreissekretärs sah, konnte einem die Galle überlaufen; es
roch ordentlich nach Bureaukratie daraus. „Es wird darauf aufmerksam
gemacht ...“ fing es immer an. „Wonach zu richten“ oder „Es wird mit
Bestimmtheit erwartet ...“ schloß es. Diesmal auch. Und dazwischen
gab’s Donner und Blitz gegen die „auf Untergrabung der Königlichen
Autorität abzielenden Bestrebungen“; gegen die „schlechten,
staatsfeindlichen Zeitungen“, die den „Geist der Auflehnung zu
verbreiten suchen“; gab’s eine Lobrede auf das Kreisblatt. Das
Kreisblatt! Das Käseblatt! Da stand nun Christian Lehmpuhl und wußte
sich nicht Rat. Was sollte man ihm raten? Gegen den Herrn Landrat?!
Der Wind und Wetter machen oder die Sonne scheinen lassen konnte über
Gerechte und Ungerechte. Zumal, wo man doch genau wußte, daß die Bauern
weder eine vernünftige Zeitung +noch+ das Kreisblatt lasen. Was
lasen die denn überhaupt! Na ja ... schließlich war’s denn wieder auf
aller Weisheit Schluß herausgekommen: „Da wer’ ik woll die Krakulle
rumschicken müssen“, hatte der Schulze beschlossen. Schön ... schön:
also morgen ging das berühmte gebogene Holzstück von Haus zu Haus, und
daran flatterte das Schreiben des Landrats wie ein Fähnchen. Aber der
Bauer wandte es ja doch nur rechts und drehte es links; es las keiner,
oder wenn es einer las, verstand er’s nicht. Und das war noch das
Beste ...
Ja ... und dann war der Herr Doktor Hemming aus dem Schloß
herübergekommen. Der Mann wußte ja eminent viel, alles was wahr
ist; ein tüchtiger Pädagoge sollte er auch sein, und die Junker
lernten mächtig, hieß es. Aber ein unausstehlicher Mensch blieb er
mit seinem hochmütig-herablassenden: „Herr Kollege“. Immer klang
das wie schneidende Ironie. Und immer hatte er gleich die Politik
beim Wickel. Immer in seiner herausfordernden Art. „Es rührt sich
endlich, Herr Kollege. Es rührt sich. Haben Sie das neueste Flugblatt
des Deutschen Nationalvereins gelesen? Großzügig -- famos! Und unser
Landtag! Da ist doch noch mal Wille und Kraft. Waldeck und Twesten
und die anderen. Alle -- ganze Männer! Nicht wahr? Wenn die Regierung
ihre Sache auf die Spitze treiben will, sie soll’s nur wagen. Dieser
Ansturm des Militarismus wird am festen Willen des Volkes zerschellen,
ist eigentlich schon zerschellt, und auch diese neue Größe, dieser
Herr von Bismarck, wird daran nichts ändern. Sagen Sie selber, Herr
Kollege, soll unsere Nation verbluten unter der Last der Armee? Dieses
unproduktiven Heeres, das kein Volksheer mehr ist, sondern nur noch ein
dynastisches Werkzeug? Wer könnte das leugnen? Glauben Sie mir nur,
Herr Kollege, die Überzeugung wächst in immer weitere Kreise hinein,
daß es auf diesem Wege nicht mehr weitergehen kann. Selbst in die
Kreise des Junkertums. Fragen Sie mal bei Herrn Fritz von Hackentin an,
wie der über die gegenwärtige Situation denkt.“
Eine Viertelstunde war das so weitergegangen. Eigentlich ganz
interessant. Man sprach ja gern mal mit einem gebildeten Mann über
politische Dinge, wo man so ganz vereinsamt lebte. Wenn nur nicht
dieser entsetzliche Hochmut in dem Doktor Hemming gesessen hätte.
Sprach man denn überhaupt mit ihm? Er sprach ja allein.
Ja, und dann kam’s zum Schluß: „Übrigens läßt der Rittmeister Ihnen
sagen, Herr Kollege, daß er mit Ihnen zu reden hätte. Sie möchten doch
gegen Mittag mal im Schloß vorsprechen.“
Na ja ... und das war vielleicht das Ärgerlichste. Das dickste Ende kam
nach. Denn der alte Rittmeister war zwar ein lieber, prächtiger Mann,
aber gut Kirschenessen war unter Umständen mit ihm nicht. Im Grunde war
und blieb er doch immer der Junker, der keine Überzeugung neben der
eigenen dulden konnte. Der König von Rohlbeck! Du mein Gottchen! Ein
armseliges Königreich. Nur daß man doch darin leben mußte, daß man es
unmöglich mit dem alten Herrn verderben durfte. Mit ihm nicht, mit der
Herrschaft überhaupt nicht. Es gab da doch zu viel Fäden, die man nicht
zerreißen konnte.
Was der Herr Rittmeister nur wollte? Natürlich betraf’s auch wieder die
Politik. Man hörte das ja ordentlich im voraus: „Das heißt, Kantor, ich
muß sagen ...“
Ja, Kantor Flehr hatte heute seine dreifach gesiebten Sorgen. Das graue
Haupt sank immer tiefer auf die schmale Brust herab, je näher er den
beiden schwarzen Stämmen mit den Kanonenkugeln darauf kam, die den
Eingang zum Schloßgarten flankierten.
Aber dicht vor dem dräuenden Tor hatte er noch eine Begegnung. Von der
anderen Seite kam der Großbauer Metschke, Adolf Metschke, und hielt ihn
fest. War sonst eigentlich ein ordentlicher Mann, der Metschke, hatte
außerdem eine prächtige Stimme, die manchmal den ganzen Kirchenchor
zusammenhielt. Aber wen er einmal festhielt, der kam nicht so leicht
los.
„Gut, dat ik Ihnen treffe, Herr Kantohr. Ik wollt zundersch mit Ihnen
reden. Is das denn die Wahrheit, daß se de Soldaten abschaffn wolln?“
„Aber Metschke --“
„Jestern ist Sie da nämlich ’n Schlosser aus Ziebinge im Krug gewesen.
Der hat’s vertellt. Vor janz jewiß. Nu muß Se mein Willem zur Stellung.
Sähen Se, Herr Kantohr, da mächt ik doch jerne wissen, ob’s wirklich
seine Richtigkeit haben tut?“
Flehr schüttelte den Kopf. „Metschke, woher soll ich das wissen. Man
spricht ja so allerlei. Aber abschaffen ... ganz abschaffen ... daran
ist nicht zu denken. Mein ich.“
„Se müßten’s doch eberscht wissen, Herr Kantohr. ’s soll doch schon in
die Blätter stehn.“
„Da wird viel geschrieben, lieber Metschke.“
Adolf Metschke ließ endlich den Westenknopf frei, aber er stellte
sich dafür in Positur gerade vor den Eingang. Kraute mit dem linken
Zeigefinger hinter dem Ohr in seinem flachsblonden Schopf, spuckte
aus und meinte: „Dat kann woll stimmen. ’s wär ja och janz scheen,
aber ik kann Se nich dran glauben, Herr Kantohr. Ick bin Se selwst
Suldat ’wesen. Franzer, Se wissen schon. Na, un so was muß woll sin.
Min Willem soll och zu de Franzer, wenn’s so bliewt. Un ’s wird woll
so bliewn. Nämlich wie sollt das der Keenig denn machen, wenn die
Franzosen kommen und er keine Suldaten nich hat?“
Im allgemeinen beschränkte der brave Flehr sein Bildungsbemühen
pflichtgemäß auf die Jugend; bei den Alten war, das hatte die
Erfahrung ihn gelehrt, doch Hopfen und Malz verloren. Aber manchmal
wandelte ihn doch das Bedürfnis an, auch ihnen gegenüber aufklärend zu
wirken.
„Ich sagte Ihnen ja schon, Metschke, an die Abschaffung der Armee denkt
niemand im Ernst. Aber es wird wohl von Freunden des Volks erwogen, ob
man nicht mit weniger Soldaten auskommen kann oder ob man die Soldaten
nicht nur ganz kurze Zeit bei der Fahne behalten braucht.“
Metschke kraute sich weiter hinter dem Ohr. Er sann nach. „’s wäre
woll janz scheen so“, meinte er. „Wenn der Willem nich so lang aus de
Wirtschaft müßte.“ Pause. „Aber, Herr Kantohr, des jeeht och nich mit
sohne kurze Zeit. Des ist man bloß Jerede. Ik bin doch selwst beis
Kommiß jewesen, Franzer, Herr Kantohr. Un so aus ’m Pauern, was noch
jrün und naß hinter de Ohren is, ’n orndlichen Suldaten machen, das is
nich so haste nicht, kannste nich. Da is der langsame Schritt und da is
’s Jewehr un ’s Schieße un die Instruxon un so ...“
Es schien, der brave Metschke hatte starke Lust, seine militärischen
Erinnerungen noch lang auszuspinnen. Doch der Kantor wurde ungeduldig.
Er zog die große silberne Zwiebel aus der Tasche. „Lieber Metschke, ich
muß zum Herrn Rittmeister ...“
„So ... zum ollen gnä’gen Herrn. Den sullt’ man mal fragen. Der weiß
Bescheid. De hat die Franzosen aus’m Lande mit rausgeschmissen, un ’s
Eiserne Kreuz hätt’ er ...“ Damit gab er endlich den Eingang frei.
„Scheen Dank ock, Herr Kantohr ... ick meen, et jeeht nich ...“
Langsam ging Flehr weiter, den geraden breiten Weg entlang, der zur
Verandatreppe führte. Zuerst mit einem Lächeln im runzligen Gesicht und
mit einem Kopfschütteln über diesen Bauern, über die Bauern überhaupt:
die wurden innerlich doch nicht frei, die klebten, klebten wie an ihrer
Scholle so an allem, was alt hergebracht war. Und wer weiß: wenn der
Schlosser aus Ziebingen etwa wieder im Krug seine neuen Weisheiten zum
besten gab, ob ihm dann nicht Adolf Metschke als alter Franzer das Fell
tüchtig vollgerbte. Womit vielleicht nicht mal ein Unglück geschah.
Denn man mochte noch so liberal denken, ... hm ... daß solche Schwätzer
zu wühlen versuchten ... hm ... das konnte man doch nicht billigen.
Allmählich erstarb das Lächeln zwischen den Runzeln und Falten, aus
denen das zweimal wöchentlich angesetzte Rasiermesser die grauen
Stoppeln nie ordentlich herausbekam.
Was eigentlich der alte Rittmeister nur wollte?
Es war so gar nicht seine Art, jemand zu sich zu bescheiden. Hochmütig
war er wahrhaftig nicht. Er ging in die ärmste Hütte, und im
Kantorhause hatte er oft genug, fast freundnachbarlich, vorgesprochen.
Was er nur wollte?
Und da saß ja auch schon die alte Gnädige an ihrem Fenster, mit
ihrem verschleierten Blick, und nickte auf seinen Gruß ganz eigen
-- schon von weitem. Die alte Gnädige! Ja ... als man nach Rohlbeck
gekommen war, da war sie noch jung gewesen und schön und lustig. War
vierelang gefahren, mit dem Diener auf dem Bock. Die Zeiten hatten
sich geändert; besser waren sie nicht geworden, auch nicht für die
Herrschaft. Eigentlich zum Gotterbarmen. Wirklich verschwendet hatten
die Hackentins nie, aber das schöne Vermögen zerrann ihnen doch unter
den Händen. Wirtschaften konnten sie nicht. Freilich -- ein Armer
klopfte auch heut noch nicht vergebens im Schloß an. Und wenn man’s
recht überlegte: auch im Kantorhause hatten sie oft genug geholfen ...
Was nur der alte Rittmeister wollte?
„Herein!“
Das kam ganz in Rittmeisterton aus der großen Stube.
„Na, da wären wir ja also, Herr Kantor ...“
Dem Rittmeister stak immer noch das „Er“ zwischen den Lippen.
Natürlich, er wußte, das ging nicht mehr in der neuen Zeit, Anno 1862.
Selbst zum kleinsten Kossäten mußte man „Sie“ sagen. Aber das „Sie“
wollte bisweilen nicht recht über die Lippen, und dann kamen allerlei
wunderliche Umschreibungen heraus.
„Also, da wären wir ja, Herr Kantor“, wiederholte er. „Guten Tag auch.
Das heißt, ob es ein guter Tag ist heut, wer will das wissen?“
Er stand in der Mitte der Stube. Am Fenster saß die alte Gnädige,
am Ofen saß Wilhelm Hackentin, und beide nickten dem Kantor zu. Der
dienerte, wobei seine endlos lange Gestalt fast zu einem rechten Winkel
zusammenknickte, und dann rieb er sich, verlegen wartend, die knochigen
Hände.
„Wir wollen uns lieber setzen, Herr Kantor,“ begann der Rittmeister
wieder, blieb aber stehen, um nach einem Weilchen fortzufahren: „Aber
warum setzt man sich denn nicht? Da ... bitte ...“
Herr Flehr setzte sich wirklich; aber nur auf die Kante des nächsten
Stuhls, und er dachte noch immer: ‚was der Rittmeister nur will?‘
„Also ... nämlich ... das heißt, wir müssen ein ernstes Wort
miteinander reden, Herr Kantor.“ Damit begann der alte Herr seine
gewohnte Wanderung auf der Diagonale des Zimmers. Es wurde ihm
leichter, während des Gehens zu sprechen. Auch jetzt. Freilich in
wohlkonstruierten Sätzen kam die Rede nicht heraus:
„Also ... nämlich ... das heißt, gestern in Rackow. Da war ein
Sachverständiger, das heißt, man sagt es. Ein kaiserlich russischer
Hofopernsänger. Das heißt, manchmal denk ich, er ist ein Luftikus. Da
hat das gnädige Fräulein gesungen, Helene. Und der Monsieur Schwarz
oder Weiß -- Namen kann ich nie behalten --, der hat ein großes
Wesen davon gemacht. Mag ja auch sein ... das heißt, ich habe selber
gefunden, Lene sang sehr schön. Aber was versteh ich davon?! Also der
Mann hat allerlei Fladusen vorgebracht: eine unvergleichlich schöne
Stimme, eine Wunderstimme und so, wie sie nur alle hundert Jahre
vorkommt. Und daß es ’ne Sünde und ’ne Schande wär, wenn solch eine
Stimme nicht an die Öffentlichkeit käme. Öffentlichkeit -- schrecklich!
Ja ... und sie haben alle auf mich eingeredet, das heißt, der Sänger
voran und dann die Rackower und da der Wilhelm auch, Helene müßte nach
Berlin. Das heißt ... nämlich ... da liegt der Haken! Ihre Kunst in
Ehren, mein lieber Kantor, aber mit der Schule, oder wie man’s nennt,
da hapert es noch. So das Tippelchen auf ’m i. Also nach Berlin, zu
irgendeiner ganz großen Lehrerin. In Berlin gibt’s natürlich so was.
Was gibt’s denn am Ende in Berlin nicht? Nämlich aber: das kostet ein
riesiges Geld. Die Berliner nehmen’s von den Lebendigen und den Toten.
Und da ... das heißt, da möcht ich erst mal den Kantor Flehr fragen,
auf Ehre und Gewissen, ob er nach seinen Kenntnissen meint ... das
heißt, ob er wirklich und wahrhaftig glaubt, daß es mit der Stimme von
dem gnädigen Fräulein so etwas ganz Besonderes auf sich hat?“
Der alte Rittmeister hatte sich heiß geredet. Ganz fließend hatte er
schließlich gesprochen, während er dreimal die Diagonale des Zimmers
durchmaß. Jetzt erst sah er auf und zu dem Kantor hinüber. Und da stand
er still und staunte.
Es war wohl auch ein wunderliches Bild.
Ruckweise, langsam hatte sich die lange Gestalt gestreckt und gehoben.
Das Kinn zuerst, der Nacken dann; der immer gebeugte Rücken war gerade
geworden, und nun stand der ganze Mann aufrecht da, ganz aufrecht,
hatte die hageren Hände vor der Brust gefaltet, und aus seinen grauen
Augen leuchtete es.
Nichts sagte er als: „Lieber Gott, ich danke dir, daß ich das noch
erlebe!“ Sagte es so rührend, daß die alte Gnädige am Fenster leise
aufschluchzen mußte.
Auch den Rittmeister mußte es wohl packen. Aber er knurrte nur ein paar
ganz unverständliche Töne, und um seiner Bewegung Herr zu werden, fuhr
er den Kantor an: „Das heißt, wir spielen doch hier nicht Komödie. Man
kann doch nie auf eine klare Frage eine deutliche Antwort bekommen --
hol’ mich der Deubel!“
Sonst hätte solch ein Ton Herrn Flehr gleich aus der Kontenance
gebracht. Diesmal nicht. Mit erhobener Stirn gab er zurück: „Ja,
Herr Rittmeister, die sollen Sie haben. Ich bin nur ein einfacher
Dorfschulmeister, aber von Gesang versteh ich einiges mehr als die
meisten meiner Kollegen. Das muß wohl angeboren sein. Darum kann ich
auch, wie der Herr Rittmeister es verlangen, auf Ehre und Gewissen
erklären: solch eine Stimme, wie die von dem gnädigen Fräulein, mag’s
wirklich nur alle hundert Jahre einmal geben. Das hab’ ich dem Herrn
Pastor schon vor Jahr und Tag gesagt und hab ihn gebeten --“
„Ich weiß, ich weiß“, wehrte der alte Rittmeister ab, und dann begann
er seine Wanderung von neuem, schweigend, mit immer schnelleren
Schritten.
„-- und es ist wohl Pflicht, solch eine Gottesgabe zu schulen --“ wagte
der Kantor noch einzuwerfen.
„Pflicht! Pflicht!“ kam’s von dem Teppich herüber. „Ich weiß allein,
was Pflicht ist. Das braucht man mir nicht zu sagen. Das heißt, ob’s
für die Lene ein Glück ist, darauf kommt es an. Dem Mädel den Kopf
verkeilen, ihr Rosinen in den Sinn setzen ... ja, und wenn Gott den
Schaden besieht, wer hat etwas davon? Öffentlich auftreten -- da müßt
ich doch vorher in der Grube liegen! Soll eine Hackentin vielleicht als
Komödiantin auf der Bühne stehen?!“
Die müde Stimme der alten Gnädigen klang dazwischen: „Solch wirklich
ganz große Sängerin ist doch eine Ausnahme, Hackentin. Denk’ an die
Sonntag, die eine Gräfin Rossi wurde ...“
„Komödiantin bleibt Komödiantin.“
„Aber Papa, es hat ja noch niemand ernstlich vom Theater
gesprochen“, meinte Wilhelm. „Neben der Opernsängerin steht doch die
Konzertsängerin.“
„Die muß auch vor die Öffentlichkeit. Das heißt, die singt auch jedem
Laffen für ’n preußischen Taler was vor!“
Da sprach Kantor Flehr noch einmal. Er war schon wieder in sich
zusammengesunken, aber nun richtete er sich auf, rang ein wenig mit
sich, straffte wie den äußeren auch den inneren Menschen:
„Mit Verlaub, Herr Rittmeister“, begann er, und aus seiner sonst so
gedrückten Stimme klang ein fester, warmer Ton. „Kommt es denn so
auf das Äußere an, darauf, ob das gnädige Fräulein später einmal, so
oder so, fremde Menschen entzücken, begeistern soll? Das ist gewiß
auch etwas Herrliches, aber die Hauptsache, meine ich, ist es doch
nicht. Die Hauptsache, mein’ ich, ist, daß das gnädige Fräulein
+für sich+ lernt. Wenn der liebe Gott einem Menschen solch eine
Wundergabe verleiht, begnadet er ihn dadurch vor Millionen, aber er
legt ihm auch Pflichten dafür auf. Das wollt ich vorhin schon sagen:
die Pflicht, in der Kunst das Höchste anzustreben. Und weil das der
Einzelne nicht immer allein kann, müssen alle, die ihn liebhaben, dabei
mithelfen. Das hilft nun mal nichts, Herr Rittmeister -- mit Verlaub zu
sagen. Denn wenn es nicht geschieht, verkümmert die Gottesgabe ... und
dann verkümmert damit der ganze Mensch! Er hätte so groß werden können,
aber er wird arm und klein. Unglücklich wird er, Herr Rittmeister ...
und wenn ihm sonst das Leben mit allen Gütern dieser Welt überschüttet
... er wird arm und klein und unglücklich ...“
Der Rittmeister war stehengeblieben. Er sah mit hellem Staunen zu
seinem Kantor hinüber: daß der so sprechen konnte. Die alte Gnädige
hatte sich erhoben, kam auf ihren Mann zu, bat leise: „Papachen ...“
Das Ticken der Kuckucksuhr hörte man, so still war es.
Bis dann Hackentin plötzlich sagte: „Die Lene hat einen guten Anwalt an
unserem Flehr ... hol’ mich dieser und jener.“ Er zauste einmal rechts
und einmal links an seinem weißen Schnurrbart. „Das heißt, Herr Kantor,
ich bin noch nicht beim Ja und Amen. Aber unglücklich ... unglücklich
soll uns die Lene nicht werden ...“
Und so kam Helene Hackentin nach Berlin. Zuerst nur, damit Frau
Harriers-Wippern, die Herr Schwarz als die erste der Berliner
Gesangslehrerinnen namhaft gemacht hatte, ihre Stimme prüfe. Zu mehr
wollte sich der alte Rittmeister nicht verstehen.
Wilhelm mußte sowieso wieder nach der Hauptstadt; er sollte die
Schwester unter seine Obhut nehmen.
Es war die erste größere Reise für Helene; über Frankfurt a. O. war
sie noch nie hinausgekommen. Und diese Reise, samt allem, was mit ihr
zusammenhing, war für sie ein so großes Ereignis, daß dadurch manch
inneres Erleben der letzten Tage in den Hintergrund geschoben wurde.
Wohl zitterte es in ihr nach: im Wachen und im Träumen. Sie schrak
bisweilen mitten in ihren kleinen Reisevorbereitungen zusammen, hörte
plötzlich wieder die weiche, klingende Stimme, hörte die leise ihr
zugeflüsterten Worte: „Ich hab heute ja nur für +Sie+ gesungen!“
Aber das erlosch immer wieder. Sie lächelte wohl auch darüber: es
war ja nicht mehr als eine artige Courmacherei, wie sie gewiß in der
großen Welt da draußen üblich war und nicht viel bedeutete. Für sie
sicher nicht viel bedeutete. Denn sie hatte ja nun ihre Kunst. Die
große, himmlische Kunst. Die mußte ihr alles sein. Nur die herzliche
Dankbarkeit gegen Schwarz blieb lebendig: er hatte den Bann gebrochen,
er hatte den Weg geöffnet und gebahnt; ohne ihn wäre sie wohl ewig in
der Enge geblieben. Und als er ihr in Rackow zum Abschied die Hand
gereicht, sie noch einmal mit glänzenden Augen angesehen, da hatte sie
standgehalten, den Druck seiner Hand ehrlich erwidert, hatte für sein
„Auf Wiedersehen!“ ein herzliches „Ich danke Ihnen! Ich danke Ihnen so
sehr!“ gehabt.
Ihr junges Herz strömte überhaupt über vor Dankbarkeit. Wie gut und
lieb nun alle zu ihr waren. Wieviel Opfer für sie gebracht wurden!
Die Tränen flossen beim Abschied. Aber die Augen blickten schon wieder
hell über die Herbstlandschaft, ehe die Post noch die Stellberger
Fichten erreicht hatte.
Sie saßen allein in der Beichaise, Wilhelm und sie. Dem Bruder schien
es ähnlich zu gehen wie ihr. Auch er, der immer ein wenig leicht am
Wasser baute, hatte beim Abschied Frau und Kinder mit feuchten Augen
umarmt; als die Post über die Grenze von Rohlbeck rollte, beugte er
sich weit hinaus, sah noch einmal zurück: „Mein liebes altes Rohlbeck!“
Dann saß er eine ganze Weile betrübt und bekümmert in seiner Ecke.
Aber kurz vor Stellberg hatte er sich schon wieder aufgerichtet: „Nun,
Kleinchen! So in Gedanken? Wart’ nur, was du für Augen machen wirst!“
Er hatte fröhlich gelacht dabei und fing an, von Berlin zu erzählen.
Merkwürdig schnell vergingen dabei die fünf Stunden Postfahrt. Es gab
ja schon jetzt genug zu hören und zu sehen: bald kutschierte auf der
Chaussee ein Bekannter vorüber und mußte mit Hallo begrüßt werden;
bald hielt man zum Pferdewechsel auf einer Poststation, stieg aus,
wanderte ein paar Schritte auf und ab, sie immer zärtlich bei dem
Bruder eingehakt, trank in Stellberg Kaffee, aß in Reppen Mittagbrot.
Spaßhaft, wie Bruder Wilhelm überall bekannt war. Auf jeder Station
kamen Leute zu ihm: „Nun, Herr Baron, wieder einmal nach Berlin?“ --
„Wie gehen die Geschäfte?“ -- „Geht’s voran mit unserer Eisenbahn?“
Und er schüttelte die Hände, gab Auskunft, lachte, lud den zu einem
Schnäpschen und jenen zu einem Schoppen Bordeaux ein.
Dann war mit einem Male die Oderbrücke da. Mächtig rauschte der Strom,
und drüben breitete sich im Herbstsonnenlicht das Städtebild, Mauer an
Mauer, Dach an Dach, turmüberragt.
Frankfurt kannte Helene. Ein paar Male schon war sie hier gewesen,
mit Vater oder Martha, um Einkäufe zu besorgen. Ihr war’s +die+
Großstadt. Das Auerbachsche Kleiderstoffgeschäft erschien ihr mit
seinen mächtigen Schaufenstern als ein Riesenhaus, und die Rasenacksche
Konditorei hatte schon in ihren Kindheitsträumen neben Tante Hufnagel
eine Rolle gespielt.
„Kleinchen,“ meinte der Bruder, „wir haben über zwei Stunden Zeit bis
zur Abfahrt des Zuges, und ich habe Geschäfte zu erledigen. Du kennst
dich ja hier aus in dem Nest.“ Nest sagte er. „Kannst mich in ’ner
Stunde in der Weinstube von Lienau abholen.“
Ihr war’s ganz recht so. Auch körperlich eine Wohltat, sich die Füße
zu vertreten nach der langen Fahrt. Und so frank und frei durch die
Straße zu bummeln, hier stehenzubleiben und dort, in ein Schaufenster
hineinzugucken, dies zu bewundern und das anzustaunen. Wirklich:
sie kam sogar bei Rasenack nicht vorbei. Eine Tasse Schokolade mit
Schlagsahne wenigstens konnte sie sich leisten. Sie war ja so reich:
von allen Seiten hatte man ihr noch etwas in das kleine Portemonnaie
hineingesteckt, immer der eine, ohne daß der andere etwas davon wissen
sollte; und am letzten Tage war gar Tante Marie in Rohlbeck gewesen,
hatte sie zur Seite genommen und ihr etwas Raschelndes in die Hand
gedrückt. „Da, Mignonne!“ Ein Zehntalerschein war’s, als sie ihn
nachher besah. Zehn Taler -- ein Vermögen!
Knapp zur rechten Zeit kam man auf den Bahnhof. Der Breslauer Zug
stand schon bereit, und Wilhelm Hackentin konnte gerade noch seine
Schwester und sich in ein ziemlich überfülltes Coupé bringen. Helene
war atemlos vom schnellen Gehen, aber auch von der Aufregung, zum
ersten Male mit der Eisenbahn zu fahren. Sie hatte ein wenig die klare
Besinnung verloren, der Bruder mußte sie dirigieren und schieben.
Es läutete schon, als sie endlich saß -- und da sah sie noch, wie
Merivaux, der Gardeschütze, auf dem Perron entlanghastete. Im ersten
Augenblicksempfinden wollte sie ihm zurufen: „Hier ist noch ein Platz!“
Wollte winken -- doch dann ließ sie die Hand gleich sinken und lehnte
sich schweratmend zurück. Sie dachte: ‚Der ist böse auf dich. Schade.
Nicht ein gutes Wort hatte er in Rackow mehr für dich. Weshalb nur? Du
hast ihm doch nichts getan.‘
Da pfiff die Lokomotive, zog an, keuchend. Eine dichte Rauch- und
Dampfwolke fauchte an dem Fenster vorüber, ein starker Stoß kam, ein
rasselnder Ruck und noch einer. Helene griff erschrocken nach der Hand
des Bruders: war ein Unglück geschehen? Doch der lächelte, hatte schon
sein Zigarrenetui aus der Tasche gezogen. Und dann begann ein Gleiten,
gleichmäßig, wie in immer neu atemholendem Rhythmus; draußen flogen die
letzten Häuser vorüber, und die ersten Bäume tauchten auf, verschwanden
wieder; da war noch ein Fabrikschornstein in der Ferne, kam näher,
näher, jetzt stand er fast vor dem Fenster -- nun lag er schon weit
zurück; eine Schar Krähen flatterte auf und zerstob; auf der Straße
drüben trabte ein Pferd wie im Versuch des Wettlaufs, wurde im Nu
überholt, wurde kleiner und immer kleiner, war nur noch ein schwarzer
Punkt und nun nicht mehr zu sehen.
Weit vornübergebeugt saß Helene und spähte auf die ewig wechselnden
Bilder, auf ihr Kommen und Gehen, ihr Auf- und Untertauchen, lauschte
dem Klingen der Räder auf den Schienenstößen, fuhr zusammen, wenn der
Pfiff der Lokomotive auftönte, wie ein greller Hilfeschrei, freute
sich, sobald wieder eins der kleinen Bahnwärterhäuschen kam mit dem
stramm stehenden Mann davor, der sein Fähnchen wie zum Salut in der
Hand hielt, schrak auf, als gleich rasenden Gespensterwagen, donnernd
und polternd, ein Zug auf dem Nebengeleise vorüberbrauste.
Ganz langsam nur beruhigten sich ihre Nerven, und es kam ein
wundervolles Empfinden über sie wie in einem Traum: so also ging es aus
der Enge in die Weite, in die große herrliche Welt da draußen. Eine
Zaubergewalt trug sie hinaus, hinein in das Leben. Dort vorn fauchte,
schnob der feurige Riese in ihrem Dienst, spannte seine Kräfte, daß sie
gleich Hunderten von starken Rossen dahin jagten, nimmermüde, -- der
gewaltige Feuerriese, der sie hinaustrug, hinauf, weiter und weiter,
höher und immer höher, hinaus in die Welt, hinauf zum Ruhm ...
Ein paar Male sah sie zu Bruder Wilhelm hinüber. Der saß in seiner
Ecke, die Zigarre zwischen den Lippen, hatte sein Notizbuch
vorgenommen; er mochte wohl wieder seine Geschäfte im Kopf haben.
Da durfte sie nicht stören. Flüchtig glitt ihr Blick über die
Mitreisenden. Wie gleichgültig die alle gegen das große Wunder waren!
Der dicke Mann dort schlief; eine Dame drüben kramte gerade aus ihrer
Reisetasche ein paar Butterbrote heraus, eine andere, jüngere, las in
einem abgegriffenen Bande, schien schon bei den letzten Seiten zu sein,
hatte einen zweiten Band bereits auf dem Schoß. Mit ihren scharfen
Augen konnte Helene den Titel lesen. „Gutzkow, Der Zauberer von Rom“
stand darauf. Und dann saß neben ihr ein junger Mann, der auf einer
großen Karte, die er auf den Knien ausgebreitet hielt, herumstudierte;
deutlich konnte sie erkennen, daß sein Zeigefinger schwarzen, starken
Linien folgte: Berlin-Köln-Paris. Also nach Paris reiste er. Wundersam,
wie diese Eisenbahn die Länder aneinanderzurücken schien. Und wie
schnell das ging. Helene fiel ein, daß Mutter gelegentlich erzählt
hatte, wie sie mit ihren Eltern im eigenen Wagen nach Karlsbad gefahren
sei; damals, als Goethe dort zur Kur war. Vier Tage hatte die Reise
gewährt. Jetzt brauchte man vielleicht einen Tag ...
Plötzlich wurde ein unwiderstehliches Mitteilungsgefühl in ihr
lebendig. Sie legte ihre Hand auf des Bruders Arm. „Wir fliegen ja --“
sagte sie fast beklommen.
Wilhelm ließ sein Notizbuch sinken und lachte: „Fliegen, Lene? Mit
dem elenden Bummelzug? Ach nein. Soweit sind wir in unserem guten
Preußen noch nicht. Aber in England --“ und er fing an, ihr vom
englischen Eisenbahnwesen zu erzählen, von dem großen Jagdzug, der
seit Jahresfrist dort Süd und Nord, London und Edinburg verband. Er
erzählte von den Schnellzügen zwischen Paris und Marseille, sprach
von Nordamerika. Überall schien er Bescheid zu wissen, und seine
blauen Augen leuchteten dabei. „Ja, mein Kleinchen, wir leben in einer
großen Zeit. Wir stehen aber erst im Anfang der Entwicklung. Wir
sind vielleicht nur die Pioniere, die das Feld vorbereiten, die Saat
aussäen, die unsere Kinder und Kindeskinder ernten sollen ...“
Er sprach lange und sprach gut. Alles verstand sie freilich nicht. Aber
ihr Respekt vor dem Bruder wuchs. Nur daß sie dabei über ein leises
Verwundern nicht hinauskam: zu Hause, in Rohlbeck, hatte Wilhelm oft
fast etwas Gedrücktes. Es war, als fiele das mehr und mehr ab von ihm,
je weiter er sich von der Heimat entfernte. Als atmete er freier, als
wüchsen ihm die Gedanken. Aber schien sich nicht auch vor ihr die Welt
zu weiten?
Die Dämmerung sank herab. Der Abend kam.
Als der Zug sich Berlin näherte, war es dunkel. Aus der Dunkelheit
leuchteten, wie in einem neuen Wunder, blinkende Lichter auf.
Vereinzelt erst, mehr und mehr dann; ganze Reihen schließlich.
Als hätte die große Stadt sich Helene Hackentin zu Ehren in ein
Lichtermeer getaucht. Überall flammte und glühte es. Aus den
Fenstern, die vorüberhuschten, von den Straßenfronten herauf, und
bunt und farbig, weiß, rot, grün aus den Weichenlaternen der rechts
und links endlos wachsenden Schienengeleise. Bis der Zug in den
Niederschlesisch-Märkischen Bahnhof einrollte.
Beängstigend dies Leben und Treiben, und doch wieder so wundervoll,
so eigen berauschend. Die Scharen von Reisenden, die der Zug entlud,
die hastend und drängend dem Ausgang zustrebten; die Gepäckträger, die
sich durch die Menge schoben, die Karren mit Koffern und Ballen; ein
Rufen, Schreien, Schwatzen, Fragen, Auskunftgeben, Willkommenheißen,
Abschiednehmen ohne Ende. Dann auf einen Augenblick noch einen Gruß von
Merivaux, im Vorüberschieben nur. Ein flüchtiges Wort zwischen Wilhelm
und ihm: „Sind Sie mit demselben Zuge gekommen?“ -- „Schade ... wir
hätten zusammen fahren können.“ Schade -- auch Helene dachte wieder
flüchtig: ‚Schade --‘
„Schnell, Kleinchen -- sonst bekommen wir keine Droschke!“
Und nun die Fahrt durch Berlin. Nahm denn das gar kein Ende? „Sind wir
noch nicht bald da, Wilhelm?“
„Geduld, Lene. In Berlin muß man Geduld lernen.“
Immer neue Straßen, breite und enge, immer neue Häusermassen. Immer
mächtiger und höher, immer heller beleuchtet, immer reicher die
Schaufenster, immer stärker der Verkehr.
„Das ist der Dönhofsplatz, Lene. Sieh mal, das ist das Abgeordnetenhaus
-- da zerbrechen sich die angeblich Weisesten die Köpfe um das Wohl und
Wehe des Landes. So -- und nun kommt unsere gute ‚Stadt London‘.“
Der Oberkellner, ein pikfeiner Herr im Frack und weißer Weste, stand am
Eingang und dienerte: „Die Zimmer sind bereit, Herr Baron. Nr. 34 für
das gnädigste Fräulein.“ Die teppichbelegte Treppe ging’s hinauf, eins,
zwei Stockwerke hoch, daß einem der Atem fast versagte. „Hier, Lene
-- vorläufig nimm vorlieb“, sagte Bruder Wilhelm. „Dein Koffer kommt
sofort. Mach’ dich recht schnell ein bissel zurecht, wir essen nachher
unten.“
Groß war das Zimmer Nr. 34 nicht, und schön war es auch nicht mit
seiner schäbigen Hoteleleganz, dem schmalen Bett, dem kleinen
Waschtisch und der Plüschgarnitur, an der die Quasten abgerissen waren.
Aber Helene sah das alles nicht. Sie hatte nur einen Wunsch; ein paar
Minuten ganz still und ruhig zu sitzen, dort auf dem Bettrand sich ein
wenig sammeln zu dürfen, recht zum Bewußtsein zu kommen: du bist nun
also wirklich in Berlin. Es war ja alles wie ein Traum.
Lange freilich ließ ihr Wilhelm nicht Zeit. Nach knapp einer
Viertelstunde schon pochte er: „Bist du fertig?“ Gerade daß sie noch
den Reisestaub abschütteln konnte, das Haar ein wenig glattstreichen.
Als sie heraustrat auf den schmalen Korridor, der ihr endlos erschien,
wie eine ganze Straße, musterte der Bruder sie. „Na, es mag angehen
für heut abend“, sagte er ein wenig von oben herab, aber mit seinem
sonnigsten Lächeln.
Dann saßen sie unten im Speisesaal, im strahlenden Licht der großen
Gaskronen. Es war ja doch wohl Gaslicht, von dem sie schon so viel
gehört hatte? Dies seltsam helle, eigen flackernde Licht, das von der
Decke herableuchtete und aus vielarmigen Leuchtern an den weißen Wänden.
Wilhelm bestellte eine Flasche Champagner und suchte ihr in der
riesengroßen Speisekarte ein paar Gerichte aus. Aber sie konnte kaum
essen. Es war zu überwältigend -- das alles. Der große Saal, in Licht
getaucht, die vielen Menschen an den Tischen, das Schwatzen und Lachen
der Gäste, die hin und her gleitenden Kellner.
„Prosit, Kleinchen. Was machst du denn für Augen? Fast, als ob du ins
Paradies schautest. Ach Kind, gewöhn’ dir das ab. Es ist nicht gut,
wenn man sich verwundert zeigt, und mit dem Wasser wird schließlich
auch in Berlin gekocht. Da ... trink nur ...“
Und sie trank. Wie Feuer strömte es durch die Adern, stark und süß.
„Ach ... Wilhelm ... lieber Wilhelm ...“
„Ja doch, du kleines Provinzschäfchen. Es ist schon anders wie in
Rohlbeck. Was? Aber ob’s immer besser ist? Na, darüber wollen wir uns
heut den Kopf nicht zerbrechen. Freuen wir uns der Stunde.“ Er nahm
von der Fruchtschale ein paar Rosinen, warf sie in ihren Spitzkelch.
„Siehst du, wie das perlt und perlt, wie der Schaum gleich wieder
aufsteigt. So ist Berlin. Hier perlt das Leben immer aufs neue hoch,
schäumt und schäumt. Trink aus, Lene, trink aus, ehe der Schaum
verfliegt.“
Es war wohl spät, als sie die Treppen wieder hinaufstiegen, eins, zwei
hohe, steile Treppen. „Wir wohnen dem Himmel nahe, Lene“, scherzte der
Bruder. „Schlaf wohl und träume etwas Schönes. Man sagt ja: was man in
der ersten Nacht in einem fremden Hause träumt, geht unweigerlich in
Erfüllung.“
Die Augen wollten ihr zufallen vor Ermüdung. Aber der Schlaf wollte
nicht kommen. Lange, lange nicht. Von der Straße herauf drang es wie
ein unaufhörliches Tosen. Wagenrollen auf hartem Pflaster, Hunderte von
Menschenstimmen, ebbend jetzt, wieder anschwellend dann.
Aus all dem Hasten dort unten stieg ihr ein Bild der großen Stadt
empor, unklar und verworren, wie ein Kind es sich in Gedanken formt
und aufbaut. Ein Labyrinth war’s schließlich mit tausend Wegen, die
von himmelhohen Wänden eng umschlossen wurden, und sie lief und
lief in ihnen umher, ohne ihr Ziel zu finden, immer schneller und
immer hastender, stieß mit den Händen überall auf die kalten, öden,
eisenharten Steinmauern, wußte nicht ein noch aus ...
Da kam einer, hatte eine hohe Pelzmütze auf, an der ein glitzernder
Edelstein funkelte, nahm sie an der Hand, wollte sie führen. „Wir
finden schon den Ausweg, Helene Hackentin“, sagte er mit seiner
einschmeichelnden Stimme. „Ganz gewiß, wir finden ihn.“ Aber sie
hasteten beide weiter und weiter, und immer wieder trafen sie aufs neue
himmelhohe, kalte, öde Steinwände, aus denen es keinen Ausweg gab.
Dann war sie, mit einem Male, in der kleinen Kirche von Rohlbeck.
Die Orgel klang dünn, wie immer. Der alte Heckstein verließ eben die
Kanzel; sie saß im Herrschaftsgestühl, links die Mama und rechts der
Vater; auch Martha war da, mit ihrem lieben, glatten, ruhigen Gesicht,
das ein wenig traurig aussah. Wilhelm war ja wieder in Berlin. „Das
heißt,“ sagte Vater, „Heckstein hat heut schön gepredigt.“ „Nein,
Papachen,“ gab Mama zurück, „er hat wieder einmal einen alten Bock
geschlachtet.“ „Wenn schon,“ meinte der Vater darauf, „die Hauptsache
ist, daß wir unser Kind wiederhaben.“ Und da setzte Kantor Flehr mit
dem Schlußgesang ein.
‚Natürlich, du träumst das alles --‘ sagte sich Helene dabei. ‚Träumst
es und bist doch eigentlich ganz wach. Hörst ja den Lärm von der Straße
und das Laufen auf der Treppe und das Zuschlagen der Türen. Merkwürdig
ist das. Aber es ist so schön, dies Träumen. Gerade das letzte, das
von Rohlbeck. Und eigentlich hast du heut, den ganzen Tag, noch nicht
einmal an Rohlbeck gedacht. An unser liebes altes Rohlbeck -- und an
Vater und Mutter ...‘
Da faltete sie die Hände. Sie wollte wohl eines ihrer alten
Kindergebete vor sich hersagen. Aber sie kam nicht dazu. Mit einem
müden, frohen Lächeln schlief sie ein.