„Na natürlich. Und wenn’s ’n Daler kost’.“
Das war immer so. Wenn der Graf auf den Jahrmärkten einer seiner
Nichten habhaft wurde -- und manchmal waren’s auch nur Wahlnichten,
aber jung und hübsch mußten sie sein --, dann zog er mit ihnen zu
Tante Hufnagel. Und gewöhnlich hatten sie dabei einen Kometenschweif
hinter sich: die liebe Jugend des Städtchens. Denn die wußte, daß es
dem Sodelziger Herrn, so sparsam der sonst war, auf ein paar Hände voll
Pfeffernüsse nicht ankam. Manchmal auch nicht auf eine Handvoll blanker
Dreier. Gerad wie dem alten Wrangel in Berlin.
„Na, Puttchen, was macht das Herz?“ scherzte er, während sie über die
Straße gingen.
„Onkel Grucker, ich hab keins.“
„Meine Hochachtung! ’n Mädel ohne Herz. So was läßt der liebe Gott ja
gar nicht zu. Na hör mal, Deern, ... und ich dachte doch, der hübsche
Gardeschütze, der dich immer mit so großen Gucklöchern ansah, bei uns,
bei dem Manöverdiner ... der Neuchateller ... wie hieß das Luderchen
doch ...“
„Merivaux, Onkel Grucker. Das ist aber auch das Einzige, was ich von
ihm weiß.“
„Merivaux -- so! Der Deixel soll die französischen Namen behalten. Sind
aber brave Kerle, die Neuchateller. Haben sich als gute Royalisten
gezeigt, als die da unten Revolution machten. Anno sechsundfünfzig und
so. Ja -- Tag, Tante Hufnagel. Meine Hochachtung!“
Madame Hufnagel knixte ganz tief, die beiden Mamsellen knixten noch
tiefer, und alle drei lächelten so süß, wie ihre Waren waren.
„Na, nu greif mal zu, Puttchen.“
Helene Hackentin zierte sich nicht. Wie hätte man sich denn auch
vor der Bude von Tante Hufnagel zieren können. Sie stopfte ein paar
Pralinees ins Kröpfchen und steckte sich die Taschen voll. Rechts ein
Paket Schokoladenpfefferkuchen und links den kleinen Karton mit einem
Königsberger Marzipanherz. „Siehst du, Onkel Grucker, nu hab ich ’n
Herz!“ Famos übrigens, daß die Pelerine links und rechts ordentliche
Taschen hatte.
Brrr -- brrr schmiß der Graf eine Handvoll Pfeffernüsse über die
blonden, braunen, schwarzen Köpfe hin. Es summte in der Luft wie ein
Schrotschuß Und die liebe Jugend jagte hinterher, stolperte, schubste
sich, balgte sich, lag auf den Pflastersteinen und jauchzte. Grucker
aber hatte gerad noch einen Blondkopf an den langen Zöpfen erwischt.
„Bist du nicht eine kleine Tiburtia? Die Nas’ kenn’ ich doch! Sperr’s
Maul auf und mach die Augen zu. So ... da ...“ Unbarmherzig schob er
einen wahren Riesenkloß Mehlweißchen in den aufgerissenen Schlund und
wollte sich totlachen, wie das Unglückswurm zwischen Lachen und Greinen
biß und schluckte.
„So, Tante Hufnagel ... Schluß. Was kost’t der Kitt? ’n Daler zwanzig
... hier! Bist fertig, Puttchen? Na, denn woll’n wir mal. ’n Abend ...
’n Abend ...“
Und wieder knixte Madame Hufnagel ganz tief, beide Mamsellen knixten
noch tiefer, alle drei lächelten so süß wie Marzipan. Helene hakte
wieder ein, aber dann besann sie sich und meinte, ein wenig zögernd:
„Nun muß ich zu Tante Artenau ...“
„Meine Hochachtung! Nee aber -- was willst du denn da? Etwa zusehen,
wie die semmelblonde Julie das Kunststück fertig bringt, ein Hühnerei
in der Achselhöhle auszubrüten? Pfui Spinne. Komm du man mit zu uns
ordentlichen Leuten.“
Es stand ihr auf dem Gesicht geschrieben: ihr war das auch lieber. Aber
sie zögerte noch immer, griff in die linke Manteltasche -- gut doch,
daß der Mantel so schöne Taschen hatte! -- krabbelte sich ein Stückchen
Pfefferkuchen heraus und steckte es zwischen die Zähne. Gerad noch so
viel Platz blieb, daß sie fragen konnte: „Wer ist denn drin, Onkel
Grucker?“
„Wer wird denn drin sein, Mademoiselle Neugier? Artenau und Tiburtius
und Fritze, dein Bruder Demokrat ... na, und Ernst mit seinem
Moskowiter Sänger.“
Es war gut, daß sie nicht über den Straßendamm konnten. Gerad kam
nämlich von der Kirche her ein Haufen Menschen mit einer „Moritat“ in
der Mitte, und der Mann mit der Schauleinewand pflanzte sich just vor
der Apotheke auf. So etwas mußte Grucker sich immer in der Nähe ansehen
und anhören, blieb also stehen, sagte lachend: „Meine Hochachtung ...
wunderschön!“ und merkte gar nicht, wie Helene aus eigenem Antrieb
den Schritt hemmte und daß sie trotzig den Nacken steifte. Bis der
Leierkasten sein Lied abgespielt und der Mann das Epos von dem
siebenfachen Mord vorgetragen hatte --
„Und so hat in einer Nacht
Er sieben Christen umgebracht“ --
Währenddessen konnte Helene sich besinnen. Sie knabberte dabei langsam
ihren Pfefferkuchen auf. Da wären wir ja beinah’ recht albern gewesen,
dachte sie. Warum denn nicht? Was geht mich dieser ... dieser Russe
an. Nun gerade! Und als Grucker sein Dittchen auf den Sammelteller
geworfen hatte und sich wieder in Bewegung setzte, fragte sie: „Also
der Rackower Gast? Was ist denn das für ein Menschenkind?“
„Biste neugierig, Puttchen?“
„Bewahre. Ich frag nur so ...“
„Na also, wenn du nur so fragst: er trägt seidne Strümpfe und ’ne
Krawattennadel, die ihm der Kaiser aller Reußen geschenkt haben soll.
Sonst ’n ganz manierliches Kerlchen, scheint’s. Schmokt auch ’n ganz
wundervollen Toback. Meine Hochachtung -- wirklich! Weiter weiß meines
Vaters Sohn nichts von ihm.“
Da waren sie auch schon in der Offizin.
Aber nun zögerte Helene doch wieder. Es war sehr laut im Nebenzimmer.
Auch der Graf horchte auf. „Die scheinen ja ’n bissel scharf aneinander
geraten. Hör’ mal, Lene ...“
„Ich möchte doch lieber ...“
„Na, du wirst dich doch nicht fürchten! Was sich zankt, liebt sich,
Leneken.“
Er stieß die Türe auf, stapfte mit seinem lauten „Meine Hochachtung!“
über die Schwelle, stieß aber direkt auf seinen Neffen Fritz Hackentin,
der -- mit dem Hut in der Hand -- hinauswollte, rot im Gesicht und vor
Erregung zitternd. Der Bruder stand daneben, suchte ihm den Hut zu
entwinden.
„Hallo, mein Junge!“ rief Grucker. „Hier wird nicht desertiert.“ Er
faßte ihn mit beiden Händen um den Leib, hob ihn hoch, wie man ein Kind
hochhebt, drehte ihn um und schob ihn, ohne loszulassen, wieder zum
Tisch hin. „Komm, Lene, Mädel, streichle mal ’n bißken. Kreuzdonnerstag
und Freitag, man wird doch hier in Ruh’ sein Glas Wein trinken können!“
„Laß mich, Onkel Grucker ... laß mich!“
Aber die eisernen Fäuste hielten fest. „Nee, Fritz. So kommst du nicht
los. Erst ’n Versöhnungsschluck. Habt wieder mal hohe Politik getrieben
-- he? Verflucht und zugenäht! Na, was gab’s denn?“
Drüben saß der alte Rittmeister. Er war so blaß im Gesicht, wie der
Sohn rot war, und die Hand, die er am Glas hielt, zitterte auch. Aber
er zwang sich. „Wenn du’s wissen willst, Schwager. Das heißt, daß mein
Sohn Fritz uns gerad erzählt hat, daß er Mitglied vom Nationalverein
ist. Und da hab ich ihm meine Meinung gesagt. Das heißt, über die ganze
Schreierei und über den vielgeliebten Schützenherzog in Gotha dazu. Und
das kann er nicht vertragen.“
„Deshalb ist es besser, ich gehe!“ stieß der Kreisrichter hervor.
„Meine Überzeugung lasse ich nicht antasten, auch von dir nicht, Papa.“
Der Graf hatte ein Lachen, das oft geradezu erlösend wirken konnte.
So lachte er jetzt. Und es paßte in dies Lachen hinein, was er
zwischendurch in einzelnen Brocken vorbrachte: „Brat mir einer
’n Storch ... kriegen sich Vater und Sohn wegen Herzog Ernst von
Sachsen-Koburg-Gotha, Durchlaucht und so, an den Kragen ... aber
den Storch recht knusperig, bitte! Kinderkens, seid gut ... lieber
Artenau, du oller Stickereimajor, nu aber schnell ’ne neue Mischung ...
was Besänftigendes. Heut wird nicht mehr Politik gemacht ... hier setzt
du dich, Fritze ... so ... na, und da hab ich euch die Lene mitgebracht
... Lene ... Puttchen ... komm her. Es frißt dich keiner ...“
Sie war an der Tür stehengeblieben.
Daß sich Vater und Bruder stritten, war ihr nichts Neues. Das ging
nun schon seit Jahren, man hatte sich nachgerade daran gewöhnt: Vater
und Fritz vertrugen sich schließlich immer wieder, und Onkel Grucker
brachte das gewiß heute schnell zuwege. Er verstand das Leimen.
Aber diesmal war’s ihr peinlich. Weil der Fremde dabei war. Der Russe,
gegen den sie vom ersten Sehen an etwas wie instinktive Abneigung
empfunden hatte.
Das Zimmer war mit Tabaksrauch gefüllt. Mehr noch als Onkel Pastors
Arbeitsstube am Sonnabend. Mit dem Messer hätte man den Qualm
durchschneiden können, und die Augen taten einem weh; kaum, daß man die
Herren am Tisch unterscheiden konnte: den Doktor, der bei Lene noch von
früher her immer einen Lebertrangeschmack auf der Zunge hervorrief, den
lustigen Herrn Herr, Artenau, Onkel Ernst ...
Ja ... und da stand der Russe am Fenster.
Fast wie sie an der Tür. Vielleicht hatte er auch den gleichen Gedanken
wie sie: ich wollte, ich wäre nicht hier. Zu verwundern wär’s nicht.
Das Gespräch am Tisch ging noch ein paar Augenblicke weiter. Schon
gemäßigter. Sie hörte nur einzelne Worte ... „Das deutsche Vaterland
...“ sagte Fritz. „Nee, unser altes Preußen ...“ sagte Vater, und Onkel
Grucker: „Nu laßt’s mal endlich ...“
Da war auch schon der Rackower aufgestanden, dem jeder politische
Streit unbequem war, hatte das Monokel ins Auge geklemmt und ihr
zugenickt, war zu seinem Gast ans Fenster getreten. Und der wandte ihr
im nächsten Moment das Gesicht zu, verbeugte sich.
Zu dumm, zu kindisch, daß man immer noch rot wurde wie ein Backfisch ...
„Na, Leneken, wo steckst du denn?“ rief der Graf schon zum drittenmal.
„So komm doch! ’s ist wieder Friede im Lande.“
Langsam ging sie an den Tisch, nickte, reichte die Hand. Und nun walzte
sich Onkel Ernst heran, stellte ihr den Russen vor. Jäh überflutete
sie wieder die alberne Röte. Aber sie überwand sie diesmal schnell;
vielleicht, weil es ihr so komisch vorkam, daß er Schwarz hieß, einfach
Schwarz, während sie irgendeinen Namen auf off oder itsch erwartet
hatte.
Der Friede schien wirklich geschlossen, die Gläser wurden neu gefüllt,
Grucker hatte schon wieder eine seiner langen dicken Zigarren in Brand.
Dann hieß es plötzlich, wie zur Besiegelung des Friedens: „Lieber Herr
Herr, pfeifen Sie uns eins“, und der Apotheker ließ sich nicht lange
bitten. Er spitzte die Lippen und pfiff. Erst von Schumann: „Wohlauf,
noch getrunken, den funkelnden Wein ...“ und dann sein Glanzstück aus
„Fra Diavolo“.
Eigentlich liebte Helene dies Kunstpfeifen wenig. Es hatte für ihr
empfindliches Ohr immer ein wenig Schrilles. Aber das mußte sie
zugeben: Herr Herr machte seine Sache gut, und es war +doch+
Musik. Stets, wenn ein Lied erklang, wurde ihre Seele wach.
Und dann war sie mit einem Male, sie wußte selbst nicht, wie es
eigentlich gekommen war, in einem Gespräch mit dem Russen. Sie nannte
ihn im stillen immer den Russen, wenn er auch Schwarz hieß.
Er hatte an die Produktion des Apothekers angeknüpft, aber sie waren
im Nu darüber hinaus. Von der Musik im allgemeinen sprach er, von den
neuesten Opern dann, von Spontini, von Donizetti, von Lortzing und vor
allem von Meyerbeer. Eigen erfreut schien er, daß sie gut Bescheid
wußte. Einmal sagte er: „Ich hätte nie geahnt, daß man hier, in der
Landeinsamkeit, Musik so liebt.“
„Gerade, wenn man so einsam lebt, meine ich, muß man sie doppelt
lieben.“
„Sie ist die große Herzenströsterin.“ Er sprach es mit Emphase, aber
das entging ihr.
„Ich finde, daß sie immer neue Sehnsucht weckt“, erwiderte sie.
Als ob er sie nicht ganz verstanden hätte, so schaute er sie an.
Er wiegte den schönen Kopf: „Gewiß, sie weckt Sehnsuchten, aber
nur, um sie wieder zu stillen.“ Und dann: „Sie üben selber Musik,
gnädiges Fräulein? Aber was frage ich -- wer sich so stark für Musik
interessiert, muß auch versuchen, dem inneren Drang zum Leben zu
verhelfen.“
„Ich singe ... ein wenig.“ Erst als sie es gesagt hatte, fiel ihr ein,
daß Onkel Grucker vorhin von Herrn Schwarz als dem „Moskowiter Sänger“
gesprochen hatte. Es war aber nur eine ganz unklare Vorstellung in ihr,
was der Onkel eigentlich damit gemeint hatte, und sie war nun doch
neugierig: „Sie singen auch -- nicht wahr?“ fragte sie, und es mochte
wohl sehr naiv klingen. Denn er lachte ganz leise, verneigte sich ein
wenig: „Es ist ja mein Beruf, gnädiges Fräulein. Ich bin Opernsänger.“
Das war ihr eine kleine Enttäuschung. Er hatte so weltmännisch
geplaudert; für einen Diplomaten würde sie ihn gehalten haben,
vielleicht auch für einen Offizier in Zivil. Opernsänger ... Komödiant
... das hätte sie nicht gedacht. Aber es interessierte sie gewaltig,
und aus dem Untergrund ihres Bewußtseins stiegen zugleich Erinnerungen
an eigene heiße, tolle Träume empor, in denen sie sich selber gefeiert
gesehen hatte, wie die Jenny Lind gefeiert worden, wie jetzt die Lucca
in Berlin. So daß sie sich der ersten Empfindung schämte und lebhaft,
doppelt liebenswürdig meinte: „Jetzt verstehe ich erst. Nicht wahr,
Herr Schwarz, Sie waren in Petersburg engagiert und daher“ ... nun
überkam sie wieder eine leichte Verlegenheit ... „daher hieß es auch,
daß Sie Russe wären? Wo haben Sie eigentlich meine Verwandten kennen
gelernt?“
„In Ems, gnädiges Fräulein. Wir gebrauchten zur gleichen Zeit die
Kur. Das russische Klima hatte bei mir eine kleine Halsaffektion
hervorgerufen. Man muß vorsichtig sein in meinem Beruf.“
Sie hatten ganz ungestört miteinander sprechen können, denn die übrige
Tafelrunde war völlig durch Herrn Herr in Anspruch genommen. Der mochte
wohl von dem Wunsch beseelt sein, ein politisches Gespräch nicht neu
aufkommen zu lassen. Hatte erzählt, daß er von Frankfurt eine von den
neuen merkwürdigen Lampen mitgebracht hätte, die mit Petroleum gespeist
würden, einem Öl, das in Amerika aus der Erde fließe. Der und jener
hatte davon schon gehört, der Rackower und Wilhelm Hackentin hatten
die Lampen auch in Berlin gesehen. Doktor Tiburtius wollte wissen, daß
man Erdöl schon im Altertum zur Beleuchtung gebraucht hätte; Ben Akiba
habe nun einmal recht: es gebe nichts Neues unter der Sonne. Im übrigen
wäre das ein gefährliches Zeug, stinke wie die Pest und explodiere wie
Schießpulver. Als der Apotheker schließlich das Lämplein holte und
umständlich anzündete, rückten die Herren wirklich vorsichtig ihre
Stühle rückwärts, am weitesten Artenau.
„Meine Hochachtung“, rief Grucker und klatschte sich auf die
Oberschenkel.
Da blickte Helene auf und sah durch die dichten schweren Tabakswolken
die helle, gelbliche Flamme über dem gläsernen Bassin. Und mit einem
Male kam es ihr vor, als wäre sie emporgeflogen, weit hinauf, und nun
wieder jäh auf die Erde zurückgeworfen. Die Lampe im großen Zimmer zu
Rohlbeck stand plötzlich vor ihr, sie hörte das Gluck-Gluck, und sie
sah den häßlichen Fleck, den das schwere Gestell in die alte, braune
Plüschdecke gedrückt hatte.
Sie mochte nicht weiter sprechen, und nur wie von fernher hörte sie,
was die andern sagten. Bruder Wilhelm natürlich schon von Plänen und
Spekulationen, die man in Berlin an das Erdöl knüpfe. Du lieber Gott,
das war auch solch Phantast, der gute Wilhelm. Immer wollte er in
den Himmel fliegen, und immer setzte ihn das Schicksal hart auf den
Rohlbecker Sand zurück. Dann sprach ja wohl Fritz davon, daß das
Petroleum, wenn die Zeitungen recht berichteten, sehr billig werden
würde, daß es das Licht der Armen werden könnte; die Quellen in
Nordamerika sollten schier unerschöpflich sein. Und da mischte sich
Vater ein. Was für ein Unsinn, meinte der. Billig -- bei den hohen
Transportkosten übers Weltmeer. Die armen Leute übrigens -- die armen
Leute! Erstens gibt’s, gottlob, auf dem Lande keine wirklich armen
Leute, das heißt, die Rohlbecker Herrschaft ausgenommen. Und zweitens
sollten die armen Leute nur ihre Talglichter weiter ziehen, das heißt,
der Kienspan sei auch nicht zu verachten. Und drittens käme die ganze
Geschichte doch nur auf eine Konkurrenz für den Landwirt heraus, das
heißt, dem guten Rüböl sollte der Garaus gemacht werden. Viertens und
letztens aber: in sein Haus käme die neumodsche Sache nicht hinein, das
heißt, er hätte nicht Lust, in die Luft gesprengt zu werden. Einmal,
in der Schlacht von Leipzig, wär’s schon nahe daran gewesen, und daran
hätte er noch genug. Worauf Artenau dringend bat: „Lieber Herr Herr,
bitte, nehmen Sie das Ding fort. Aber erst auslöschen, erst auslöschen
...“ und alle lachten.
Nein, alle lachten nicht. Ihr selber war die Kehle wie zugeschnürt,
und Herr Schwarz hatte nur ein Lächeln. Ein kleines, feines Lächeln,
das etwa sagen mochte: Liebe Leute, was seid ihr für wunderliche
Menschenkinder, und wie eng muß euch der Horizont gezogen sein.
Der gelbe Lichtschein über dem gläsernen Behälter war erloschen, der
Tabaksschwaden strich wieder über den Tisch. Die Lampe aber wanderte
den Tisch entlang. Jeder tastete und fühlte an dem neuen Lichtspender
herum, und jeder gab seinen Senf dazu.
Ganz still saß Helene. Der Kopf war ihr auf die Brust gesunken, und
die Hände hatte sie im Schoß verschränkt; fest preßten sich die Finger
ineinander.
„Ich muß Sie singen hören, gnädiges Fräulein“, hörte sie neben sich.
Da kam der alte Trotz über sie. Sie zog die Achsel hoch. „Wozu? Es
lohnt nicht!“ gab sie kurz, fast bitter zurück.
„Das können Sie selber nicht wissen. Und ... Sie haben einen Timbre in
der Stimme, der meine Erwartung hochspannt.“
Sie sah ihn an. War das eben eine Phrase gewesen? Aber er hielt stand.
„Glauben Sie’s mir nur, gnädiges Fräulein.“ Er beugte sich ein wenig
vor und sprach leise weiter, in seinem weichen, einschmeichelnden
Tonfall: „Es muß doch wohl so etwas geben wie Vorbedeutungen? Als
ich vor drei Tagen durch den märkischen Sand rollte, in der Enge der
Postchaise, ehrlich gestanden, mit ein wenig gemischten Gefühlen: warum
hast du eigentlich die Einladung angenommen? Du hättest doch lieber in
Berlin bleiben oder du hättest nach Paris gehen sollen -- sehen Sie,
da überkam mich plötzlich die Empfindung: du wirst hier etwas erleben.
Eine ganz sichere Empfindung. Es ist mir früher schon ähnlich ergangen,
und ich habe mich nie getäuscht. Als ich dann ausstieg, da fiel mein
erster Blick auf eine junge Dame. Darf ich es aussprechen, auf eine
sehr schöne junge Dame. Und ich wußte sofort: dein Erlebnis beginnt.
Ich wußte, daß ich Sie wiedersehen würde.“
Er schwieg.
Ihr war das Blut ins Gesicht gewallt. Aber sie straffte den Nacken.
Was fiel dem Herrn ein? Wie konnte er so zu ihr sprechen? Ihre Finger
schoben sich noch fester ineinander. Starr sah sie geradeaus, mit einem
hochmütigen Blick.
„Hätte ich das nicht sagen dürfen?“ hörte sie wieder die weiche
Flüsterstimme. „Dann müssen Sie mir verzeihen. Ich bin ein Fremder
hier und vielleicht nicht gewöhnt, die Worte auf die Goldwage zu
legen. Wir Künstler dünken uns ja allzu leicht freier als der
Alltäglichkeitsmensch ... Sind Sie zornig auf mich? Ich will mich
bessern ... und dennoch, ich muß es Ihnen sagen: Ihr Unwille macht Sie
nur noch reizvoller.“
Sie war empört. Sie antwortete nicht, sie bewegte sich nicht. Sie war
empört, und doch lauschte sie: wird er nicht weiter sprechen? Und doch
baute sie sich schon eine goldene Brücke: bin ich nicht am Ende ein
rechtes Kind? Da draußen in der weiten, weiten Welt mag man noch ganz
andere Worte wagen und sagen, und niemand nimmt Anstoß daran.
„Ich muß Sie singen hören!“ wiederholte er. „Ich muß!“
Er wartete. Bis er sich dann plötzlich zu dem Rackower umwandte. „Herr
von Hackentin, wissen Sie, daß Sie eigentlich recht grausam gegen Ihren
Gast waren?“
„Eheu!“ machte der Dicke. Er war zwar anscheinend während der letzten
Minuten aufmerksam dem Gespräch der Herren gefolgt, in dem die Geister
wieder aufeinander zu platzen schienen: einem Gespräch über den neuen
Ministerpräsidenten Herrn von Bismarck-Schönhausen -- aber er hatte
dabei kein Auge von dem jungen Mädchen gewandt. Konnte er doch, wie
Grucker immer behauptete, unter seinem Monokel „um die Ecke gucken“.
„Eheu!“ sagte er noch einmal. „Wie meinen Sie das, mein lieber Schwarz?
Ich bin desolat“ -- und sah dabei sehr vergnügt darein.
„Sie haben mir noch nicht dazu verholfen, das gnädige Fräulein singen
zu hören.“
Der Rackower schlug sich vor die Stirn. „Beim Zeus! Nein -- bei Apoll
und allen Musen! Ich bin ganz desolat. Aber wissen Sie, mein lieber
Schwarz, ein vorsichtiger Gastfreund spielt nicht all seine Atouts
gleich aus. Wir hatten unsere liebe Helene natürlich auf dem Programm.“
Er sah wieder einmal um die Ecke nach der Nichte hin und nickte:
„Nun, schöne Helene? Du wirst Tante Marie und uns doch die Freude
machen, recht bald einmal zu uns zu kommen? Oder willst du, daß wir
dich feierlich invitieren: ~Madame la Baronne et Monsieur le Baron
Ernest~ usw.? Ist doch sonst nicht zwischen Rohlbeck und Rackow
Sitte gewesen.“
Er hatte es langsam, in seinem zierlichen, leisen Hofton gesagt, und so
gewann Helene etwas Zeit. Eine Galgenfrist, schien ihr. Zuerst hatte
ihr ein kräftiges, trotziges Landmädel-Nein auf der Zunge gelegen. Dann
hatte sie sagen wollen: ‚Ich komme schon, aber erst, wenn dieser Herr
abgereist ist.‘ Nein, das ging ja nicht. Also: ‚Ich komme schon, aber
ich singe nicht.‘ Nun sprach sie: „Ja, danke, Onkel Ernst ... gern!“
Wurde wieder einmal rot dabei und dachte: ‚Wartet nur! Stockheiser werd
ich sein. Heiser, wie eure Primadonnen sein sollen, wenn sie nicht
singen wollen.‘ Und wußte dabei doch: ‚Du wirst singen ...‘