Im Kreise Stellberg gab es kaum ein wirkliches Schloß. Helene Hackentin
hatte nicht unrecht: sie waren ja alle arm wie die Kirchenmäuse,
die Golziner, die Steckschen, die Brunowschen; gerade daß sie sich
durchschlugen auf dem kargen Boden. Grucker hätte vielleicht bauen
können, sprach wohl auch seit Jahrzehnten davon, war aber zu bequem
und war ein zu guter Wirt. Fleißig und sparsam, wie sie fast alle, nur
nicht so der Not gehorchend, mehr der Gewohnheit nach. Ein wirkliches
Schloß gab es freilich, aber das war mehr Burg als Schloß: der riesige
Kasten in Nugow, in dem der alte böhmische Graf wie ein halber
Einsiedler hauste, Graf Delkowitz, Edler von Kastricz. Das war aber
ein Fremder im Kreise, und die Ansässigen kamen selten in die uralte
Johanniterburg, deren gewaltiger Turm wie ein Wahrzeichen vergangener
Zeiten ins Land ragte.
Auch das Rackower Herrenhaus war kein Schloß. Immerhin war’s ein
stattlicher Bau, langgestreckt, einstöckig, mit ein paar in das hohe
Dach eingefügten Mansarden und einem neueren rückwärtigen Flügel, den
Ernst Hackentin angebaut hatte, als er die hannöversche Erbtochter
heimführte. Die Freiin von Lastrop sollte ja entsetzt gewesen sein,
als sie mit ihren Eltern zum ersten Male nach Rackow gekommen war, um
sich ihren zukünftigen Wohnsitz anzuschauen. Der Anbau war geradezu
Bedingung gewesen; aber mit dem Ausbau waren Ernst Hackentin und Frau
Marie, die Marquise, wie sie im Kreise mit gutmütigem Spott genannt
wurde, eigentlich bis auf den heutigen Tag nicht fertig geworden.
Daß sie nicht niedergerissen und ganz neu gebaut, hatte oft
Verwunderung erregt. Einmal, als der alte Lastrop das Zeitliche
gesegnet, war’s auch nahe daran gewesen. Der berühmte Landesbaurat
Schinkel war in seinem letzten Lebensjahr in Rackow zu Gaste, und
Ernst Hackentin sagte bisweilen: „Ja, wenn unser großer Schinkel nicht
darüber hinweggestorben wäre.“ Aber die Mittel hatten doch wohl nicht
gereicht. Sie saßen ja in einer brillanten Assiette, die Rackower, hieß
es; aber sie führten einen riesigen Train, reisten viel, gingen im
Winter zu Hofe. Manchmal lachte man im Kreise: Isaak Böhm aus Frankfurt
oder gar der kleine Jakob Friedländer aus Zielenzig sollten plötzlich
neben anderen illustren Gästen in Rackow gesehen worden sein. Nun --
augenblickliche Verlegenheiten kann schließlich jeder haben. Man weiß
das ja. Es ging auch niemand etwas an, zumal die Rackower kinderlos
waren. Und dann: ein so liebenswürdiges Haus, so liebenswürdige Wirte
wie sie gab es auf zwanzig Meilen in der Runde nicht. Wennschon die
„Marquise“ bisweilen sehr herablassend sein konnte. War da jüngst
der Amtsrat Weese auf Neu-Bukerow nobilitiert worden, ein Mann, mit
dem der ganze Adel des Kreises seit Menschengedenken als mit einem
Standesgenossen verkehrt hatte. Was tut die Marquise, als sie zum
ersten Male wieder mit ihm zusammenkommt? Sie reicht ihm die Hand zum
Kuß: „Ich freue mich unsäglich, Herr von Weese, Sie nun endlich ganz
als einen der Unseren begrüßen zu können.“ Du lieber Himmel, der alte
Mann hatte nachher selber herzlich darüber gelacht. Böse sein konnte
man der Marquise ja nicht. Sie war so herzensgut. Und Stil hatte sie
doch auch in ihrer Art.
Gastfrei war das Rackower Haus wie kein anderes im ganzen Kreise, und
auch die Art der Gastfreundschaft hatte Stil. Hannöverschen Stil --
englischen Stil.
Ein paar junge Mädchen, ein paar junge Herren waren meist zu Gaste
in Rackow; Hausherr und Hausfrau liebten die Jugend. Die Mädchen
logierten im Anbau, die Herren oben in den Mansarden, wo jedes der
kleinen Zimmer seinen originellen Namen hatte: da gab es ein „Pompeji“,
so genannt nach der roten Tapete, ein „Handtuch“, weil das Zimmer
sehr schmal und lang war, eine „Bärenhöhle“, weil hier jahrelang ein
Leutnant von Baer während seines Sommerurlaubs gehaust hatte, und eine
„Bleikammer“, sintemalen dieses Zimmer der lieben Sonne besonders
ausgesetzt war. Unten im Anbau waren die Namen poetischer: es gab den
„Pfau“, die „Nachtigall“ und das „Alpenröschen“; es gab sogar eine
„Sehnsuchtskammer“, als das letzte Zimmer der Reihe.
In der Sehnsuchtskammer wohnte diesmal Helene Hackentin.
Am Tage nach dem Markt war Tante Marie nach Rohlbeck gekommen.
Unangemeldet, auf ihrem Selbstkutschierer mit den Ponys. Hatte sich die
liebe ~petite-nièce~ auf acht Tage ausgebeten: „Du kommst gleich
mit mir, ~mignonne~. Pack’ deine Siebensachen. Vergiß auch ein
helles Fähnchen nicht. Vielleicht macht es sich, daß wir ein Tänzchen
riskieren.“
Der alte Rittmeister hatte ein wenig geflucht. Mama barmte: „Du bist
recht grausam, Marie, uns das Kind zu entführen. Denkst gar nicht an
uns Alte!“ Aber die Marquise lachte: „Es ist nur um das Gewöhnen,
liebe Elisabeth. Ihr sollt euch dran gewöhnen, daß Helene euch früher
oder später, besser früher als später, ganz entführt wird. Seid keine
Egoisten. Ihr habt ja Martha, Wilhelm ist jetzt auch da -- und dann
eure Enkel. Gönnt anderen auch etwas.“
„Das heißt --“ begann der Rittmeister brummig. Aber er kam nicht
weiter. Bei der Rackowerin kam man nie weiter, wenn sie sich
vorgenommen hatte, zu persuadieren. Zudem: es war ein Axiom, daß die
jungen Mädchen sich in Rackow bewegen lernten, sich abschliffen,
gleichsam einen Blick in die große Welt taten. Dem widerstrebten Eltern
nur in den seltensten Fällen.
Die aber, die es zunächst anging, stand am unschlüssigsten. Immer
war sie leidenschaftlich gern in Rackow gewesen. Nun stand sie und
stand, steif und unbeholfen, und drehte an dem Schürzenzipfel wie ein
Backfisch.
„Vielen Dank, liebe Tante ... aber ...“
Die Marquise lachte wieder. Ihr goldiges Lachen, das das häßliche
Gamingesicht so seltsam verschönen konnte: „Aber ... aber! Aber ich
habe nichts anzuziehen. Nicht wahr? Mignonne, du hast deine Jugend,
hast deine blanken Augen. Mein Herz, was willst du noch mehr! ~En
avant~ ... ~en avant~ ... in einer Viertelstunde muß dein
Köfferchen gepackt sein.“
Noch einen Moment stand Helene. Dann flog sie plötzlich aus der Tür und
die Treppe hinauf.
Frau Marie hatte sich in den großen Lehnstuhl mit den mächtigen
Ohrenwangen gesetzt. Das zierliche Figürchen verschwand fast in dem
Ungeheuer, die Krinoline mußte sie gewaltsam zusammendrücken, und dabei
bauschte sie sich erst recht unförmlich auf. Es sah eigentlich komisch
aus. Aber die kleine Persönlichkeit beherrschte doch das ganze Zimmer.
Sie hielt auch hier Cercle und hatte für jeden eine liebenswürdige
Bemerkung. Der Rittmeister bekam eine Anerkennung, wie artig seine
Hunde seien; der alten Gnädigen sagte sie ein heiteres Wort, wie
Mignonne hübscher würde von Tag zu Tag und daß sie ganz die Augen der
Mama hätte. Martha, die ihr eine Limonade brachte, erhielt ein Lob
für die vortreffliche Mischung, die Mamsell in Rackow nie erzielte,
und Wilhelm mußte über die Fortschritte des Bahnprojekts berichten.
Dabei wurde er immer Feuer und Flamme. Sein schönes Gesicht leuchtete
auf, er zwirbelte den koketten Spitzbart mit den wohlgepflegten weißen
Fingern -- und immer hatte er die bestimmteste Zusage von Exzellenz
Itzenplitz, die Konzession schon „in der Tasche“ ... gerade daß noch
einige kleine Schwierigkeiten zu überwinden waren. Er stöhnte freilich
auch immer: „Mein liebes Rohlbeck! Weib und Kind muß ich allein
lassen ... aber was soll man tun?“ Ein klein bissel malitiös konnte
die Marquise manchmal doch sein: „Nun, Wilhelm, Berlin ist auch ganz
pläsierlich“, meinte sie und kicherte. Doch da sie Martha, die sie
besonders gern hatte, nicht weh tun wollte, fügte sie gleich hinzu:
„Leicht hast du’s allerdings nicht in Berlin, ich weiß das, Wilhelm. Es
ist ja jetzt ein großes Wettrennen um die Bahnkonzessionen. Graf Redern
erzählte uns davon. Aber es wird doch auch enorm verdient. Wie heißt
doch der Mann, der die erste Geige spielt? Richtig: Stroußberg ... ein
Jude ... natürlich. Der soll ja bei der Bahn oben in Preußen ein großes
Vermögen machen. Wilhelm, Wilhelm ... ich seh dich schon als Millionär!
Nun: ~à tous seigneurs, tous honneurs~!“
Dann kam Helene herunter. Hinauf war sie gestürmt, ganz langsam schlich
sie nun ins Zimmer, und es klang eigen kleinlaut, als sie sagte: „Ich
bin fertig, Tante Marie.“
Etwas Unsicheres, Sprunghaftes lag auch jetzt noch in ihrem Wesen. Sie
war in den beiden Tagen, die sie in Rackow war, ihrer selbst nicht froh
geworden.
Und es war doch so schön hier. Der Oktober meinte es diesmal besonders
gut. Wenn der Amtmann Schmidthals, der seit einem Menschenalter Rackow
ziemlich oder ganz selbständig verwaltete, -- Graf Grucker legte,
sobald auf die Verwaltung seitens des alten „Mistikers“ die Rede
kam, den Akzent immer auf die erste Silbe -- wenn Schmidthals bei
der Veranda vorüberkam und die graue Kappe von dem grauen Haar zog,
schmunzelte er jedesmal: „So ahnen Herbst haben wir noch nie gehabbt.“
Die Rackower waren Spätaufsteher. Onkel Ernst erhob sich erst gegen
zehn Uhr aus seinem Riesenbett, und Tante Marie wurde überhaupt erst
gegen Mittag sichtbar. Bis zur Mittagsstunde blieben die Gäste sich
selber überlassen. Doch auch sie kamen in Rackow bald ins selige
Faulenzen hinein. Helene aber war von Hause aus an frühes Aufstehen
gewöhnt, denn der alte Rittmeister verlangte ihre Gegenwart bei seiner
Morgensuppe, die unweigerlich aus Brotschnittchen mit heißem Wasser
aufgebrüht bestand.
So war sie auch hier schon gegen sieben Uhr am Frühstückstisch auf der
Veranda.
Gestern hatte sie den Herrlichkeiten dieses Rackower Frühstückstisches
ganz allein gegenübergesessen: der großen silbernen Kaffeemaschine, dem
silbernen Brotröster, den vielen kalten Platten. Allein mit Höhne, dem
Leibdiener Onkel Ernsts, der geräuschlos seines Amtes waltete, immer
mit einer diskreten Gönnermiene, wie man sie armen Verwandten gegenüber
hat.
Heut erschien, zu ihrer Überraschung, fast gleichzeitig mit ihr der
Neuchateller: Leutnant de Merivaux von den Gardeschützen. In hohen
Stiefeln, mit der Jagdjoppe; das frische Gesicht zartrosig, trotz
des eben überstandenen Manövers, den kleinen Schnurrbart lustig
aufgedreht. Lustig war das ganze Kerlchen. Kerlchen -- pardon! --
nein: der schlanke junge Herr. Aber lustig war er doch, mit seinen
leuchtenden blauen Augen und dem gegen alle militärische Vorschrift
kurz geschorenen schwarzen Haar, mit seinen raschen Bewegungen und dem
leisen Radebrechen in der Sprache, von dem man nie recht wußte, war es
echt, war es ein wenig gemacht.
„~Bonjour~, gnädiges Fräulein!“ rief er gleich und streckte ihr
beide Hände entgegen. „Ein so schöner Morgen, ein wonniger Morgen.
Wie kann man nur so lange liegen in den Federn, wenn die Sonne so
wunderschön scheint und Fräulein von ’ackentin auf der Veranda sitzt.
Oh, was sind das hier für faule Menschen.“
Dann saß er auch schon. „Mein lieber ’öhne, eine Tasse Mokka. Aber
recht stark. So ... und recht viel Milch. Danke: Milch, keine Sahne.
Mein gnädiges Fräulein, und Sie schmieren mir ein Brot. Ah ... hier
bekommt man doch richtiges weißes Brot ... Semmel ... nicht immer
~pain bis~. Ich kann nicht vertragen dies schwarze Brot. Ich hab
so ein gar sehr schwachen Magen ... ein Magen wie ein schwächliches
Kind.“ Wobei er sich eine Scheibe Schinken auf den Teller legte, die
für zwei starke Männer ausgereicht hätte. „~Grand merci~, gnädiges
Fräulein. ~Je vous en fais mes remerciments!~ Sie sind sehr gütig.
Noch ein Ei, ~mon chèr~ ’öhne ... bitte sehr ...“
Man konnte ihm nicht böse sein. Eigentlich wäre sie lieber allein
geblieben wie gestern, diese einzig ruhige Stunde in dem geräuschvollen
Rackower Leben. Aber mit den Wölfen mußte man nun einmal heulen.
Er trank seinen Kaffee in ganz kleinen Schlückchen, zerpflückte sein
geliebtes ~pain blanc~, ließ seine blauen Augen leuchten, erzählte
von Berlin und von seiner Kaserne, ganz draußen, weit draußen, fast
bei Treptow, wo „sich die Fuchs sagen gut’ Nacht“. Und dann fragte
er plötzlich: „Warum ’aben Sie gestern nicht wollen singen, gnädiges
Fräulein! Wo wir doch alle so sehr gebeten ’aben.“
„Ich war nicht disponiert, Herr von Merivaux.“
„Ah! Das haben Sie gestern auch gesagt. Aber es ist doch nicht wahr ...“
„Bitte sehr, Herr von Merivaux!“
„Pardon, gnädiges Fräulein. Aber wenn eine Sängerin nicht disponiert
ist, hört man es an ihrer Sprache. Sie sind doch nicht heiser. Werden
Sie heut singen?“
„Ich weiß es nicht. Ich glaube kaum.“
„Ich ’abe nicht vergessen, wie Sie ’aben gesungen auf Soldelzig, bei
Comte Grucker.“
„Verstehen Sie denn etwas von Gesang?“
„~Si peu que rien!~ Leider. Aber ich lieb’ die Musik über alles,
und besonders hab’ ich Sie hören gern singen.“
Helene mußte lachen. Es kam zu komisch heraus, wie er das sagte. Und
dabei machte er so eigne Augen. Fast verliebte Augen. Gut, daß man
wußte, man brauchte ihn nicht seriös zu nehmen.
„Etwa so gern, wie Sie nach einem guten Diner eine Zigarre rauchen.
Nicht wahr, Herr von Merivaux.“
„Ja! Ganz gewiß. Ungefähr so. Ah, eine gute Zigarre. ~Mon cher~
’öhne ... Sie wissen gewiß, wo der Herr Baron hat stehen seine guten
Zigarren. Sie sehen ganz aus, als ob Sie auch rauchten gern eine gute
Zigarre.“ Er gab dem Diener einen kleinen freundschaftlichen Klaps.
„Also wie eine sehr, sehr gute Zigarre, gnädiges Fräulein. ~Mais, mon
dieu~, ... Sie dürfen das nicht übelnehmen.“
„Ich denke gar nicht daran. Ich fühle mich sogar sehr geehrt!“
Höhne hatte inzwischen wirklich eine Kiste Importen gebracht. Merivaux
zündete sich umständlich eine Zigarre an, und tat liebevoll den ersten
Zug. „Bei einer guten Zigarre kommen immer gute Gedanken. Bei Ihrem
Gesang, gnädiges Fräulein, denk ich, kann man auch nur ’aben gute
Gedanken. Als Sie in Sodelzig haben gesungen das Lied von der Baronin
Rothschild -- ‚~si vous n’avez rien à me dire~‘ -- hab ich immerzu
denken müssen an meine liebe Heimat, an unsere schönen Berge, an den
blauen See ... ja ... und an meine gute ~maman~ ...“
Er war aufgestanden. Er blies schnell hintereinander ein paar
kunstvolle Ringe und lachte: der erste Ring hatte sich zur Decke
erhoben, war langsam gesunken und lag nun, für einen Augenblick, gleich
einem Kränzlein just um Helenens weißes Morgenhäubchen.
Merivaux lachte, sah auf sie herab, und sie wurde böse: „Was lachen Sie
eigentlich, Herr von Merivaux! Über mich?“
Da sagte er: „Schade ... nämlich, er ist jetzt fort. Ja so,
gnädiges Fräulein, Sie wissen ja nichts davon. Ich hatte Ihnen
eine ~auréole~ aufgesetzt ... aus Tabaksrauch ... und ist
ein Sonnenstrahl dazu gekommen. Wenn Sie wüßten, wie scharmant das
ausgesehen ’at!“
Unwillkürlich faßte sie nach dem Haar.
Aber er schüttelte den Kopf. „Nein, nun ist das fort: ~auréole~
und Sonnenstrahl. Aber ... scharmant sieht das immer noch aus ... das
...“
Ein wenig verwirrt war sie doch, ein wenig verlegen. „Was Sie immer für
törichtes Zeug reden, Herr von Merivaux!“
„Ich? Aber nein doch ... Sind Sie fertig mit dem Dejeuner, gnädiges
Fräulein? Wollen wir ein wenig in den Garten?“
Sie war schon aufgestanden und nickte.
Langsam schritten sie die kleine Treppe hinunter.
Frau Marie war eine Gartenkünstlerin. Sie hatte eine Wüstenei
vorgefunden und ein kleines Paradies geschaffen. Vor dem Hause lag
ein großes Rosenparterre; gutgehaltene, kurzgeschorene, manneshohe
Taxushecken schlossen es seitlich ab; breite Einschnitte, die gewölbten
grünen Toren glichen, führten von hier in den eigentlichen Park, der
sich weit hinzog und allmählich in Wiesen und Waldpartien überging.
Nicht so ausgedehnt war das Ganze, wie der Park von Muskau, den der
Graf Pückler angelegt hatte, aber einzelne Teile konnten an Schönheit
doch mit dem Meisterwerk des alten Semilasso wetteifern.
Man war stolz im ganzen Kreise auf den Park von Rackow, und auch Helene
war es. Sie führte Merivaux von einem Ausblick zum andern; an dem
Borkenhäuschen vorüber, in dem im Hochsommer meist der Kaffee genommen
wurde, zum schilfumstandenen Teich; von dort zur Höhe, von der man die
schönste Aussicht auf das Dorf Rackow hatte und darüber hinweg zu dem
Hügelzuge, an dem Rohlbeck lag.
„Da, sehen Sie, Herr von Merivaux. Da bin ich zu Hause ...“
Indem sie das sagte, fühlte sie: es war wirklich schön. Der
Herbstzauber ruhte auf dem Landschaftsbilde; die Sonne malte ihre
farbigen Reflexe; das Dörfchen unten mit dem hohen altersgrauen
Kirchturm war wie eingebettet in Grün, Rot und Gold; weite Felder
dann, und dahinter der Höhenzug mit den festgeschlossenen geradlinigen
dunklen Kieferforsten.
Aufmerksam schaute der junge Offizier in die Weite. Eine Weile schwieg
er. Aber dann begann er von seiner Heimat zu sprechen, von dem ewig
blauen See, von ragenden Felsen, von schneegekrönten Häuptern. Er
sprach von den Weinhängen, auf denen jetzt die feurigen Trauben
reiften, von der üppigen Vegetation am Gestade des Neuchateller
Sees mit den Wäldern von echten Kastanien, von den Magnolien und
Mandelbäumen im Garten von Schloß Merivaux.
Er konnte also auch ernst sprechen. Sieh einmal an. Ernst und schön.
Sie mußte das zugeben. Aber es reizte sie. Sie, die sich immer in
die Weite sehnte, lehnte sich plötzlich dagegen auf, daß man ihr die
Schönheit der Fremde rühmte, wo sie die Schönheit der eigenen Heimat
gelobt wissen wollte.
„Warum sagen Sie mir das alles?“ fragte sie scharf dazwischen.
„Weil ich wohl möchte, daß Sie es kennen lernten, gnädiges Fräulein.“
„So finden Sie es schöner ... schöner als bei uns?“
Er lächelte überlegen. „Das hier ist wie eine Oase. Aber sonst, ~mon
dieu~ ... nicht so böse Augen machen, bitte ... sonst ist die Mark
Brandenbourg ein armes Land.“
„Warum sind Sie denn aber hergekommen?“
„Oh ... warum? Wie können Sie fragen? Weil wir sind Royalisten. Man hat
uns geknechtet daheim, die Demagogen haben gesiegt. Aber wir ’alten
treu zu unserem Fürsten, zu unserem König. Wir wollen ihm weiterdienen.
~Vive le roi!~“
Sie waren weitergegangen, den breiten Weg zurück. Jetzt blieb Merivaux
plötzlich stehen. Er griff mit einer seiner heftigen Bewegungen in die
Fliederbüsche, knickte ein paar Zweiglein. „Mein Vater haben sie in
~prison~ geworfen, die Revolutionäre, als der Aufstand kam. Dann
hat uns Preußen im Stich gelassen ... Politik ... Politik ... was weiß
ich. Aber wir bleiben treu ... treu bis zum Tod. Verstehen Sie das,
gnädiges Fräulein?“
Helene nickte. Sie fühlte: das war jetzt nicht mehr der kleine lustige
Leutnant, der zu ihr sprach. Es war ein Mann, der einer Überzeugung
diente. Es stieg heiß in ihr auf. Sie begriff vielleicht nicht ganz.
Aber sie empfand: ein Mann, der seine schöne Heimat verläßt, die er
über alles liebt, um in der Fremde dem Herrscher mit Blut und Leben zu
dienen, dem die Vasallentreue gebührte! Alles um der Treue willen!
Wieder gingen sie ein Stück weiter, schweigend nun.
Da kam ihnen bei der Wegbiegung Herr Schwarz entgegen. Im langen
braunen Rock, auf dem Kopf ein winziges Hütchen, in der Hand einen
leichten Stock mit goldener Krücke, um den hohen Hemdkragen ein
seidenes Cachenez.
Helene sah ihn -- und mit einem Male fühlte sie, jäh erschreckend, wie
plötzlich all die Sympathie für den jungen, frischen Menschen neben
ihr verblich, wie sich all ihre Gedanken widerstrebend dem Sänger
zuwandten. Dabei trotzte es in ihr auf: ich will nichts von ihm wissen,
ich will nicht -- will nicht! Und sie straffte sich, setzte ihre
hochmütigste Miene auf.
Herr Schwarz ignorierte beides: die kühle Gleichgültigkeit in dem
schönen Mädchengesicht und Abwehr und Verdruß in den Zügen des jungen
Offiziers. Der hatte sich schnell eine Gerte aus dem Busch gebrochen
und schwippte damit durch die Luft, schlug sich an die Stiefelschäfte.
Vollständig fast ignorierte Herr Schwarz den Neuchateller; gerade
nur die notwendigste Höflichkeit lag in seinem Gruß. Er wandte sich
ausschließlich an Helene.
„Darf ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen? Aber was frage ich! Ich
bin ja nicht mit Blindheit geschlagen.“
„Fragen Sie doch lieber. Oder soll ich Ihnen sagen: Fräulein von
Hackentin ’at mir gerad eben gesagt, daß sie ist stock’eiser.
Stock’eiser, Monsieur Schwarz --“
Der Sänger lachte. „Dann wird das gnädige Fräulein einen Scherz gemacht
haben. Als ich vor einer Stunde etwa mein Fenster öffnete, hörte ich
ein paar halblaute Töne, eine Kadenz nur ... unter mir mußte man auch
das Fenster aufgetan haben -- nun, kurz und gut, ich wußte sofort, daß
diese Stimme nur die von Fräulein von Hackentin sein konnte. Ich wußte,
heut ist das gnädige Fräulein nicht mehr indisponiert, heut wird sie
singen.“
„Sie wird nicht singen --“ sagte Helene und setzte den Kopf noch
gerader auf den Nacken.
Er nahm seinen Stock zwischen beide Hände vor die Brust, daß die
goldene Krücke unter das Kinn zu liegen kam, lächelte wieder, überlegen
und fast ein wenig ironisch: „Sie wird doch singen, wenn der Kollege
sehr bittet.“
„Der Kollege? Welcher Kollege, Herr Schwarz?“
„Nur meine Wenigkeit, gnädiges Fräulein. Sie müssen das Wort schon mit
in den Kauf nehmen: wir huldigen ja derselben Kunst, der göttlichen
...“ Plötzlich brach er ab. „Ist das nicht übrigens ein wonniger
Oktobermorgen? So warm wie im Hochsommer.“
Merivaux machte eine Bewegung mit dem Zeigefinger um den Hals: „Aber
Sie ’aben gepummelt das Cachenez um die Kehle.“
„Vorsicht ist zu allen guten Dingen nutze, Herr Leutnant. Diese ‚Kehle‘
hier aber ist ein gut Ding. Nicht für mich nur, sondern für die Welt,
in der man den ~bel canto~ zu schätzen weiß.“
Sie waren weitergegangen und standen vor dem kleinen chinesischen
Pavillon, der die Fernsicht nach der anderen Seite bot: nicht auf
Rohlbeck, sondern nach Stellberg hin. Fast das gleiche Bild, nur daß
das Dorf im Vordergrunde fehlte. Und da sagte Schwarz: „Wie schön doch
diese Mark Brandenburg ist. Ich hätte es nie für möglich gehalten. Man
hatte mir so viel erzählt von ihrem öden Sande, daß ich in eine Wüste
zu kommen fürchtete. Aber nun kann ich mich gar nicht satt sehen an
diesen weiten Blicken auf die geraden schlichten Linien der Landschaft.
Ich kenne doch ein großes Stück Welt, kenne romantischere, äußerlich
reizvollere Gegenden. So gepackt aber hat’s mich selten wie hier. Wie
das alles zusammenstimmt: Landschaft und Menschen. Alles so offen, so
einfach, ohne Kompliziertheit, immer zum Herzen sprechend. Sprechend?
Nein, klingend, tönend. Man muß es lieben, beides, Land und Leute.“
Helene schwieg, trotzdem er zu ihr sprach. Nur zu ihr. Sie wollte nicht
antworten. Aber hindern konnte sie doch nicht, daß sich die Worte
wieder in ihre Seele schmeichelten, die Worte und der Klang dieser
Stimme.
„Ist doch ein armselig Land!“ sagte Merivaux dazwischen. Wie aus Trotz
heraus.
„Wie Sie das nur behaupten können! Es gibt gewiß reichere Erdenflecken.
Länder, in denen wirklich Milch und Honig fließt, Gegenden, die auch
auf das äußere Auge stärker wirken. Die Mark spricht, für mich, zur
Seele. Und nun die Menschen! Merkwürdige Menschen. Schlendere ich
gestern abend durch das Dorf. Ganz allein. An einem Zaun steht ein
alter Bauer, ich fang ein Gespräch mit ihm an. Wortkarg gibt er Rede
und Antwort. Und dann hat er -- ich sprach vom Wetter -- fast genau
Hamlets Wort: es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde ...“
Merivaux schlug sich wieder mit seiner Gerte auf den Stiefelschaft, daß
es klatschte: „Da ’aben Sie dazu gedichtert, Monsieur Schwarz. Einfach
hineingedichtert. Der Bauer ist Bauer, und Bauer bleibt Bauer.“
Der Sänger zog die Achseln hoch und sah zu Helene hinüber, als
erwartete er einen Einwurf, eine Parteinahme für sich. Aber die blieb
aus. Ihre Gedanken waren eine andere Straße gezogen. In ihr klangen nur
seine Worte über das Landschaftsbild. Zuerst hatte sie sich darüber
gefreut, gerade weil sie im Gegensatz zu Merivaux’ Urteil standen. Nun
schienen sie ihr doch ein wenig phrasenhaft, ein wenig gekünstelt. Was
hatte der Neuchateller eben gesagt? Hineingedichtert ...
Da sagte Schwarz, und sie horchte wieder auf seine weiche,
einschmeichelnde Stimme: „Wir wollen nicht streiten. Der Morgen ist
wirklich zu schön dazu. Kommen wir nicht auf diesem Wege zur Fasanerie,
gnädiges Fräulein?“
Sie nickte, und sie gingen weiter.
Erst zu dreien, dann blieb Merivaux ein paar Schritte zurück. Einmal
sah sie sich nach ihm um; flüchtig, eigentlich nur aus Höflichkeit,
als Verwandte des Hauses, dessen Gast auch er war. Aber er stand an
den Büschen, hatte die Zweige auseinandergebogen, spähte vielleicht
nach einem Vogelnest. Das mochte ihn mehr interessieren als alles, was
der Russe -- immer noch nannte sie ihn in Gedanken so -- erzählte. Der
hatte schnell wieder den Übergang gefunden vom märkischen Bauer zur
großen Welt. Aus der Enge in die Weite, schien es ihr. Er sprach von
Petersburg, von Paris, von Wien, vom geselligen Leben, vom Theater. Es
war ihr so fremd, es war ihr so neu -- fast alles, was er sagte. Man
mochte wollen oder nicht: man mußte lauschen. Auch dem, was er über
sich einfließen ließ: von dem unwiderstehlichen Drang, der ihn, den
Sohn eines Bergwerkdirektors, zur Kunst getrieben hätte; wie er schon
auf dem Gymnasium durch seine Stimme Aufsehen erregt, welche Kämpfe er
zu durchringen gehabt, wie dann das Glück über ihn gekommen wäre. Und
nun sei er auf der Höhe --
„Auf der Höhe ... ja ... und doch nimmer befriedigt ...“
Es klang so weich, es klang so schmerzlich: nimmer befriedigt.
Ein Geständnis war es. Es schlug eine Saite in ihrer eigenen Seele an.
Sie +mußte+ fragen: „Nimmer befriedigt? Sie? Und warum?“ Ganz
zögernd nur, scheu kam das letzte Wort.
„Ja ... warum? Wer kann das eigentlich sagen? Da ist der heiße Wunsch,
immer Reiferes, immer Vollkommneres zu leisten, das große Streben, das
den Künstler bis zum letzten Atemzuge nicht verlassen darf. Und daneben
steht die unendliche Leere.“
Es zwang sie, ihn anzusehen. Fast schien es, als glänzten seine Augen
feucht.