In Stellberg war Herbstmarkt.
Es war eigentlich nicht viel los. Nur die Pferdejuden hatten zu
tun. Mancher Bauer schlug jetzt billig einen Gaul los, den er zur
Winterbestellung nicht mehr zu brauchen meinte und nicht bis zum
Frühjahr durchfuttern wollte. Vor dem „König von Preußen“ trottelte
alle Augenblick eine Schindmähre, am Halfter geführt, in mehr oder
minder widerwilligem Trab vorbei, und Moritz Cohn aus Ziebingen,
Hartwig Kantorowicz aus Meseritz, Ephraim Hentschel aus Zielenzig
standen in ihren langen, dunklen Kaftanen, den hohen, glänzend
gewichsten Stiefeln, unter der Mütze die Löckchen über die Schläfen
fallend, dabei und machten die Gäule herunter. Bis dann der eine oder
der andere doch den Bauer in die Schankstube winkte.
Auf dem Marktplatz waren in zwei Reihen die Buden aufgeschlagen, Zelt-
und Bretterwerk. Kleinkram lag darin, Schnittwaren, Hausgerät, allerlei
Tand. Von den Stangen wehten die bunten Taschentücher, die der Bauer
liebt, mit schönen Bildern darauf: das Königspaar, die Krönung, auch
noch die Völkerschlacht bei Leipzig. Dicke wollene, blaue und rote
Unterröcke baumelten daneben und weiße Schürzen. In der einen Bude
gab’s Peitschen aller Art und Regenschirme, in der nächsten lockten die
neuesten Bilderbogen von Gustav Kühn aus Neu-Ruppin. Die schönste Bude
aber hatte Tante Hufnagel, die dicke Konditorsfrau. Sie hatte auch den
meisten Zulauf. Mit ihren zwei Mamsellen stand sie hinter dem langen
Tisch, und sie lächelten alle drei so süß, wie ihre Ware war: Berge von
Streuselkuchen und Brezeln, Düten mit Bonbons, vor allem jedoch Stöße
von Pfefferkuchen; die „Mehlweißchen“ von Tante Hufnagel waren berühmt
bis über Frankfurt hinaus, und auf den Lebkuchenkerzen hatte keine
Konkurrenz so schöne Verslein wie sie.
Das große, immer umlagerte Konditorzelt stand gerade gegenüber der
Apotheke „Zum Mohren“.
Auch in der Apotheke gab’s heute mächtig viel Arbeit. Die Gelegenheit
des Marktes mußte benutzt werden, allerlei Bedarf an Medizin für Mensch
und Vieh einzukaufen. Außerdem war der humpelnde Provisor ein halber
oder drei Viertel Doktor, nur daß er seine Verordnungen ohne Rezept
und umsonst lieferte, sogar mit einem derben Witzlein dazu. Auch gab es
in der Apotheke manche schöne Dinge, die nicht zur Heilkunst gehörten,
aber in hohem Ansehen standen: allerlei Wohlriechendes, Lederzucker,
buntschillernde süße Magenmorsaille mit merkwürdig viel Gewürzen,
und vor allem einen Apothekerschnaps, bitter wie Galle, scharf wie
Schwefelsäure und wärmend wie ein gutgeheizter Kachelofen -- einen
herrlichen Apothekerschnaps, der „Doktor“ hieß, aber ein Dutzend
Doktoren wert war und doch nur einen Silbergroschen kostete.
Der Provisor Dingeldey hatte an solchen großen Tagen alle Hände voll
zu tun. Denn sein Chef, Herr Herr, war durch andere Obliegenheiten
vollauf in Anspruch genommen. Höchstens, daß er mal ein eiliges Rezept
zusammenbrauen half, was selten genug vorkam, denn an Markttagen
verschrieb Doktor Tiburtius wenig oder gar nichts. Da saß der auch an
dem großen braunen Tisch im Nebenzimmer der Offizin und trank seinen
gezehrten Oberungar, den er für das bekömmlichste Getränk der Welt
erklärte. Er trank ihn -- und nicht zu knapp. Wie eine ungeheure
Koralle stand ihm die Nase im Gesicht, und zweimal im Jahr hatte er
das Zipperlein. Das merkten jedesmal seine Patienten im ganzen Kreise
am eignen Leibe: denn in diesen schlimmen Perioden verordnete er fast
ausschließlich Rizinusöl, abwechselnd mit Kurella. Über Land fahren,
zu seinen Kranken, konnte er freilich nicht, wenn er die Füße in den
dicksten Strümpfen immer am Ofen halten mußte. So beschränkte er
sich darauf, die Mägen auszufegen, wie er es nannte. Und gerade in
diesen Zeiten, hieß es, machte er die glänzendsten Kuren. Wenn er dann
wieder gesund war, half er mit Grobheit nach. Er konnte furchtbar grob
sein, der Doktor Tiburtius. Bei den Bauern hielt er’s für geradezu
unentbehrlich; auf den Gutshöfen war er nur wenig höflicher.
Herr Apotheker Herr persönlich widmete sich an den Markttagen fast
ausschließlich den Gästen im Nebenzimmer der Offizin. Er wäre sehr
entrüstet gewesen, wenn ihm jemand gesagt hätte, er unterhielte da
eine Weinstube. Empört wäre er gewesen, wenn jemand geäußert hätte,
er bediente seine Gäste. Die Tatsache stand trotzdem fest, daß man im
braunen Zimmer Getränke erhielt, die nicht aus der lateinischen Küche
stammten. Man mußte freilich zu den Honoratioren zählen, man durfte
auch nicht bezahlen. Aber die Eingeweihten wußten, daß jede Flasche
unweigerlich einen Taler kostete, nur der Champagner -- Grüneberger
Landkarte war’s von Foerster & Grempler und trug auf der Etikette einen
Plan der gesegneten Gemarkung -- nur die Pulle Champagner kostete
zwei Taler. Den Obolus legte man beim Abschied schweigend auf den
Tabakskasten am Fenster; vergaß es einmal ein Gast, so kam’s auf die
Jahresrechnung der Apotheke. Im übrigen wurde Herr Herr durchaus als
Herr behandelt. Er saß mitten unter seinen Gästen, wenn er nicht gerade
unterwegs war nach dem Keller, und wenn er besonders gut aufgelegt
war, so pfiff er ihnen etwas vor. In der ganzen Provinz Brandenburg
einschließlich Berlin pfiff anerkanntermaßen niemand so künstlerisch
schön als Herr Herr.
Es war noch früh am Tage, gegen elf Uhr, und die Tafelrunde noch klein.
Obenan saß der Doktor Tiburtius vor seinem Oberungar. Neben ihm links
der Kreisrichter, Fritz von Hackentin und der Herr des Hauses bei
einer Flasche Pontac; ihnen gegenüber Major a. D. von Artenau, ein
Hüne von Gestalt mit einem riesigen Schnauzbart und buschigen grauen
Brauen über den vom ewigen Sticken entzündeten Augen. Er hatte noch
um kein Getränk gebeten, wartete vielmehr auf einen Partner für eine
„Landkarte“ oder noch lieber für ein kleines Böwlchen; denn abgesehen
von seiner grandiosen Stickkunst war er auch der anerkannte Meister im
Bowlenbrauen.
Das Gespräch ging langsam. Der Doktor schimpfte auf den Schäfer Knorr
in Lobitten, der wieder einmal gegen Gesetz und Kleiderordnung einem
alten Weibe das ausgefallene Schultergelenk eingerenkt hätte, und
auf die Themis mit den verbundenen Augen, die die allerdummsten und
allertollsten Kurpfuschereien dulde, wobei der Kreisrichter einen
bitterbösen Seitenblick abbekam.
Fritz Hackentin hörte sich das lächelnd an. Er hielt die schlanke
rechte Hand um sein Glas gelegt, drehte es langsam hin und her, hatte
sein gewöhnliches ironisches Zwinkern um die klugen grauen Augen und
empfand ein kleines Vergnügen darüber, wie der Doktor sich mehr und
mehr in die Wut hineinsteigerte. Und erst als der schließlich mit
einem „Himmelkreuzdonnerwetter, wozu hat unsereiner denn eigentlich
studiert!“ schloß, fragte er trocken: „Ja, hat Meister Knorr denn das
Gelenk wirklich wieder in Ordnung gebracht?“
„Was geht denn in drei Deibels Namen mich das an? Ob die olle Gillerten
ein Krüppel bleibt oder nicht! Verdient hätte sie’s schon. Was, Herr
Herr, hab’ ich recht?“
„Hat der Schäfer Geld für die Kur genommen?“
„Den Geier wird er getan haben. Dazu sind die Kanaille viel zu schlau.
Das wird gelegentlich auf andere Weise abgemacht. Heimlich und
heimtückisch.“
„Ja, lieber Doktor, wenn der Mann sich nicht hat bezahlen lassen, dann
kann die Justiz auch nichts machen.“
„Das ist eben der Skandal. Aber ich faß den Knorr schon noch. Der Kerl
muß sitzen! Der Kerl muß ...“
Weiter kam er nicht. Denn Artenau hatte den Hals gereckt, rief
dazwischen: „Da kommt der Conte aus Sodelzig ...“ und sie sahen alle
auf.
Das Gespann des Grafen Grucker war auch sehenswert. Vor dem Wagen zwei
edle Pferde, wie immer naß und mit Schaumflocken übersät, denn der alte
Graf fuhr wie ein Toller; das Geschirr arg desolat, hier und dort mit
Stricken und Bindfaden geflickt; der Wagen selber aber, die im ganzen
Kreise berühmte „Wurst“, bestand aus nicht viel mehr als aus einem
langen gepolsterten Brett, das über die Achsen gelegt war. Im Reitsitz
saß der Graf darauf, und ganz hinten hockte in einer Art Korb der
Kutscher.
Man hörte schon von der Straße aus die dröhnende Stimme: „Meine
Hochachtung! Daß du mir die Schinder ordentlich abreibst!“
Dann klang’s aus der Offizin: „Meine Hochachtung! Na, Herr Provisor,
erst mal’n Doktor. Aberst gut vermengeliert. So, danke --“
Dann flog die Tür auf, und der untersetzte starke Mann krachte ins
Zimmer: „Meine Hochachtung! Da wär’n wer ja. ’n Tag allinsgesamt.
Artenau, ich seh’s dir an deiner schönen Nasenspitze an, du hast
auf mich gewartet. Also mansch uns man ’n Röhrenwasser. Puh --“ und
er setzte sich auf einen Stuhl, daß es krachte, reichte jedem über
den Tisch die Rechte hin und drückte die verschiedenen Hände, bis
die Besitzer „au“ sagten. Mit der Linken aber krabbelte er aus der
Joppentasche ein halbes Dutzend Zigarren heraus, lang, dick und schwarz
wie die Nacht, legte sie vor sich auf den Tisch, zündete sich die erste
an und meinte, „Kindersch, ich muß euch ’ne Geschichte erzählen.“
„Nämlich, wie ich zum Frühjahrsmarkt hier nach Stellberg fahre, sagt
die Gräfin: ‚Otto,‘ sagt sie, ‚du mußt so gut sein und die Mamsell
mitnehmen.‘ ‚Wozu denn?‘ frag ich. ‚Sie muß Geschirr für die Leutküche
kaufen.‘ Also Mamsell wird auf die Wurst gepackt, hinten auf ’n
Kutschersitz, und der Karl muß hinter mir reiten. Man soll ja nun mal
den Weibern nichts abschlagen. Alles geht auch ganz gut, bloß daß der
Artenau da ’ne recht längliche Bowle gebraut hatte und wir längelicht
hier sitzen blieben. Um dreie läßt die Mamsell gehorsamst fragen, ob
der Herr Graf nicht bald abführe, und um viere läßt sie wieder fragen.
Da kann doch der geduldigste Mensch ein Wüterich werden. Aber ich bin
ganz stille, und Abend gegen neune fahren wir wirklich los. Wie der
Hausknecht vom ‚König von Preußen‘ am Wagen leuchtet, seh ich die
Mamsell mit ’nem großen Korbe auf dem jungfräulichen Schoß und mit
großen, dicken Tränen auf den Backen. Pimperlings rennen die runter.
Ich kann alles, aber heulen kann ich nicht sehen. Warum heult das
Frauenzimmer: bloß weil sie ’n paar Stündeken hat warten müssen. Als
ob ich im Leben nicht schon manchmal viel länger hätt warten müssen,
wenn ~par exemple~ zum Beispiel die Gräfin nicht mit der Toilette
fertig wurde. Na also, ich denke: das Heulen mußt du der Mamsell
abgewöhnen. Fahr also drauflos, gleich furioso über das Pflaster, und
das Frauenzimmer schreit, als ob es am Spieße steckt. Dann das Stück
Chaussee und dann ... na, ihr kennt ja den Waldweg über Ebersvorwerk,
schön ist er nicht. Und die Mamsell schreit und schreit. Laß sie man
schreien, denk ich, sie sitzt ja dahinten wie in Abrahams Schoß. Sie
wird schon stille werden. Wird sie auch, so etwa von Doberow an. Mal
dreh ich mich um. ‚Mamsellken‘, ruf ich. Keine Antwort. ‚Karl, ist
denn Mamsell noch da?‘ ‚Jawohl, Herr Jraf.‘ Na also. Ich fahr also
wieder zu, nicht schlecht, die Füchse hatten lange gestanden. Da sind
wir denn endlich. Ich steig ab, die Mamsell steigt ab. Nicht ’ne Träne
mehr, aber ’n Gesicht, wie siebzehn Tage Regenwetter. Kein Ton. Aber
wie ich frag: ‚Na, Mamsellken?‘ da reißt sie ’s Tuch vom Korb und weist
so mit der Hand darauf hin, als wie wenn sie sagen möchte: Da hast du
die Bescherung! ’s waren nämlich man bloß noch Scherben drin, blaue,
braune, graue und weiße, keiner größer wie ’n Dalerstück. Und wie ich
lache: ‚Mamsellken, lassen Sie das man nich die Frau Gräfin sehen, daß
Sie so schlecht verpackt haben‘, da schmeißt sie mir den ganzen Zauber
vor die Beine: ‚Un zu Johanni zieh ick, Herr Jraf!‘“
Er lachte, daß die Wände dröhnten, und alle lachten mit, so ansteckend
war dies tiefe Lachen aus voller Brust. Man mußte immer mit ihm lachen,
wenn auch seine Geschichten selten eine richtige Pointe hatten. Er
lachte selber, bis er nicht mehr konnte. Dann zog er ein rotseidenes
Taschentuch, so groß, daß man damit den halben Tisch hätte zudecken
können, und wischte sich die Augen aus. „Na, Artenau, du alter
Stickereimajor, biste fertig? Laß mal schmecken. Heut wird aber nich so
lange gepichelt. Ich wollte eigentlich nur den Rittmeister sprechen.
Kommt Vater nicht, Fritze?“
„Ich denk doch, Onkel Grucker. Wilhelm ist in Rohlbeck und wollte mit
Papa kommen.“
„So, der Wilhelm. Na, der wird uns wohl die Eisenbahn in der Tasche
mitbringen. Ich pfeife übrigens auf die Eisenbahn, mir ist meine
Wurscht lieber.“
„Ich pfeife auch auf die Eisenbahn“, warf Doktor Tiburtius dazwischen.
„Stellberg kriegt ja doch keinen Bahnhof, und dann sitzen wir ganz in
der Bredouille. Das bißchen Verkehr, was wir hier haben, geht auch
noch in die Wicken. Die Chaussee ja: die war gut. Aber die Eisenbahn?
Das ist man dummes Zeug. Ist gar kein Bedarf dazu da. Zwischen Berlin
und Hamburg, oder zwischen Berlin und Leipzig und so, das laß ich mir
gefallen. Aber bei uns? Na, Ihrem Bruder Wilhelm mag sie schon helfen,
Herr von Hackentin, uns hilft sie sicher nichts -- die Eisenbahn!“
Der Kreisrichter hatte wieder sein überlegenes ironisches Lächeln.
„Gegen einen Kulturfortschritt soll man sich nie sträuben.“
„Laß uns bloß mit deiner Kultur und dem Fortschritt zufrieden,
mein Junge“, rief der Graf. „Wir haben schon genug Kultur, und den
sogenannten Fortschritt hab ich noch von achtundvierzig her im Magen.
Aber ich will mich nicht ärgern. Und da hätten wir ja übrigens den
Rackower ... meine Hochachtung, wen bringt denn der mit?“
Vor der Tür hielt der Rackower Viererzug. Rappen, in glänzender
Kondition mit Silbergeschirren; ein elegantes Coupé dahinter.
„Meine Hochachtung, Dicker!“ schrie Grucker dem Eintretenden entgegen.
„~Bonjour, messieurs!~“ Ernst Hackentin machte eine seriöse
Handbewegung „Erlauben Sie ... gestattet, daß ich unseren lieben Gast
vorstelle, Herr Alfred Schwarz, Kaiserlich Russischer Hofopernsänger.“
Man rückte zusammen. Unwillkürlich schob man sich immer zusammen,
sobald der Rackower an einem Tisch erschien; auch dann, wenn mehr als
genügend Raum vorhanden war. Er war wirklich übermenschlich dick, der
kleine Mann. Eine Fettkugel war er mit ganz kurzen Beinchen und ganz
kurzen Armen; der Kopf darüber glich einer zweiten Kugel; glattrasiert,
bartlos, mit einer ungeheuerlichen Glatze, die nur im Nacken ein
schmaler, graumelierter Haarkranz abschloß; im faltenlosen Gesicht lag
stets ein Zug ungemessenster Sorglosigkeit, schrankenlosen Behagens,
und dazu blitzten und blinkerten die kleinen Augen wohlwollend und
listig zugleich.
Schwer ließ er sich nieder. In gemessenem Abstand von der Tischkante,
die ja nicht, wie an der Rackower Tafel, den im ganzen Kreis bekannten
ovalen Ausschnitt trug.
„Hier, mein lieber Schwarz, hier, bitte ...“ Er nannte die Namen.
„Mein verehrter Herr Herr, dürfen wir uns bei Ihnen zu einer Flasche
Pontac invitieren? Vielleicht ein wenig temperiert, wenn es Ihnen keine
besondere Mühe macht. Wie geht es der verehrten Gräfin, lieber Grucker?
Ah ... gut ... freut mich riesig. Danke, Marie ist auch gut zu Wege.
Famöses Herbstwetter, nicht wahr? Ich bin sehr froh, daß es unser
lieber Gast so gut trifft.“
Der Rackower sprach mit ganz sanftem Tonfall, deutlich akzentuiert,
aber leise. Immer, auch bei Nichtigkeiten, als wenn ihm ungeheuer daran
läge, zu überzeugen. Grucker nannte seine Art zu reden manchmal den
Hofpredigerton. Er sprach auch gern und langatmig, mit ausgesuchter
Höflichkeit, in jeder Einzelwendung. Dazwischen mußte seine silberne
Schnupftabakdose, mit dem Namenszug in farbigen Steinen auf dem Deckel,
die Runde machen, wenn es irgend anging.
Sonst fesselte seine Redegabe meist auch die Widerstrebenden. Er hatte
ja immer den Sack voll Neuigkeiten, schon aus den Pariser Zeitungen,
die er sich hielt. Aber heut konzentrierte sich das Interesse doch mehr
auf seinen Gast als auf ihn. Ein russischer Hofopernsänger? Etwas
noch nicht Dagewesenes im Kreise. Erstens schon an sich: ein Sänger.
Zweitens: ein Opernsänger. Drittens: ein russischer! Warum den die
Rackower eingeladen hatten? Doppelt merkwürdig, weil Marie Hackentin
sonst ja immer die Exklusive markierte. Denn auch ein Hofopernsänger
blieb doch immerhin ein Komödiant.
Herr Alfred Schwarz saß zwischen den Herren wie ein Mann, der gewohnt
ist, das allgemeine Interesse zu erregen. Schweigsam zuerst, aber
mit dem Ausdruck artigsten Zuhörens in dem jugendlichen schönen
Gesicht. Dann allmählich auftauend, weltgewandt in das allgemeine
Gespräch eingreifend, jede Frage mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit
beantwortend. Er saß in sehr legerer Haltung, die schlanken Beine
übereinander geschlagen, so daß auf dem einen Fuß das Streifchen eines
seidenen Strumpfes sichtbar wurde, und drehte sich aus dem Etui, das
auf seinem Schoß lag, eine Zigarette nach der anderen.
Grucker, der leidenschaftliche Kettenraucher, schnoperte eine ganze
Weile nach dem starken süßen Duft, bis er fragte: „Schmeckt denn das
Deubelszeug eigentlich?“
„Wollen Sie nicht einmal selbst versuchen, Herr Graf?“ Die flinken,
schlanken Hände hatten sofort eine Papyros gedreht. „Bitte, wollen Sie
hier anfeuchten ...“
„Lecken soll ich?“ Alle lachten, denn Grucker machte die Sache mit
seiner dicken, schweren Zunge möglichst ungeschickt. Die erste
Zigarette zerkrümelte, mit der zweiten ging es besser, und dann
schmunzelte der Konte: „Weiß Gott, nicht übel, so zwischen durch. Ein
famöser Tabak das muß ihm der Neid lassen.“
„Die Großfürstin Maria Constantinowna hatte die Gnade, mir ein paar
Pfund zu senden.“
„Sie waren lange in Petersburg?“ fragte Fritz Hackentin über den Tisch
herüber.
„Vier Saisons. Ich kam ein Jahr nach der Beendigung des Krimkrieges an
die Newa.“
„Schlimme Tage für Rußland --“
„Bah! Man merkte davon in Petersburg wenig. Der Russe trägt nicht
schwer. Das Land mochte erschöpft sein, aber es war doch durch die
Lieferungen sehr viel Geld verdient worden, und der Rubel rollte. Wir
hatten fast immer das Haus zum Brechen voll.“
Artenau war längst fasziniert von dem auffallend schönen Brillanten,
den der Sänger in der Krawatte trug. Schließlich zwang er sich nicht
länger, beugte sich weit vor und meinte mit seiner stockenden Stimme:
„Sie haben da einen wunderschönen Solitär ...“
„Seine Majestät der Zar ließen mir die Nadel nach einer Vorstellung
des „Fra Diavolo“ überreichen. Übrigens --“ er lachte gleichmütig --
„nachträglich hab ich erfahren, daß Seine Majestät mir einen weit
kostbareren Stein bestimmt hatten. Aber das geht in Rußland nun einmal
so: auf dem Wege von Seiner Majestät bis zu mir wurde der Brillant
immer kleiner.“
„Schweinebande!“ rief Doktor Tiburtius dazwischen. „An den Galgen
sollte die Gesellschaft.“
„Es ist in der Welt nicht anders. Die kleinen Diebe hängt man, die
großen läßt man laufen.“
„Oho! Oho, Herr Schwarz! Bei uns ist’s doch anders. In Preußen gibt’s
noch Richter. Bei uns gilt gleiches Recht für jedermann, und wenn
wir auf etwas stolz sein dürfen, dann ist’s die Ehrlichkeit unserer
gesamten Beamtenschaft.“
Der Sänger verbeugte sich verbindlich: „Ich bin ja selber preußischer
Untertan, wenn auch aus einem entlegenen Winkel des Königreichs.“
„Nämlich, wenn man fragen darf?“
„Ich bin dicht an der französischen Grenze geboren, in einem kleinen
Ort nahe Saarbrücken.“
Plötzlich fuhr Graf Grucker in die Höhe: „Die Rohlbecker! Und die Lene
ist auch mit. Donnerwetter, da muß ich doch ...“ Er stülpte seine Kappe
auf und hastete zur Tür hinaus.
Draußen half Wilhelm Hackentin seinem Vater aus dem Wagen.
Vater und Sohn waren sehr verschieden. Wilhelm überragte den
Rittmeister fast um Haupteslänge, und sein Gesicht zeigte nicht die
Hackentinschen Züge, sondern die Gruckerschen, mit dem ausgeprägten
Kinn, der kühn geschwungenen Nase. Er hieß nicht umsonst der „schöne“
Wilhelm. Und man sah ihm an, er hielt auf sein Äußeres. Während der
Vater einen grauen, ausgedienten Flausrock trug, war er sehr elegant
und sehr geschmackvoll gekleidet, in einem langen hellen Redingote,
unter dem weite, gestreifte Beinkleider mit breiten, schwarzen Galons
hervorsahen; und während der Rittmeister Handschuhe grundsätzlich
verschmähte, außer beim Kirchgang, deckten seine auffallend kleinen
Hände weiche gelbe Lederhandschuhe; der alte Herr trug eine Jagdkappe,
abgetragen wie sein Überrock, der Sohn eine seidene schwarze Reisemütze
von fast kokettem Schnitt.
„Meine Hochachtung!“ rief der Graf schon auf der obersten Stufe zur
Apothekentür, und dann hatte er den Rittmeister umhalst und küßte
ihn schallend erst auf die rechte, dann auf die linke Backe. „Tag,
Schwager. Tag, Wilhelm!“ Auch der bekam seine Küsse, und dann hob
Grucker die Nichte mit seinen mächtigen Armen aus dem Wagen, schwenkte
sie einmal im Kreis, daß die Röcke flogen, setzte sie nieder, und
gleich hatte auch sie ihr Teil: diesmal aber traf’s nicht die Wangen,
sondern die Lippen. Lene hielt übrigens ganz stille. Hätte sich ja auch
nicht rühren können, so fest hielt der Onkel. Wollte sich auch nicht
rühren: denn Onkel Grucker war eben Onkel Grucker. Und ihr Pate dazu.
Er schnalzte mit der Zunge und lachte: „Meine Hochachtung! Geht man
hinein und sorgt, daß mir der Artenau das Röhrenwasser nicht aussauft.
Ich muß mit der Lene erst ... na, Puttchen, he? -- was müssen wir denn?“