Zweites Kapitel

In Stellberg war Herbstmarkt.

Es war eigentlich nicht viel los. Nur die Pferdejuden hatten zu

tun. Mancher Bauer schlug jetzt billig einen Gaul los, den er zur

Winterbestellung nicht mehr zu brauchen meinte und nicht bis zum

Frühjahr durchfuttern wollte. Vor dem „König von Preußen“ trottelte

alle Augenblick eine Schindmähre, am Halfter geführt, in mehr oder

minder widerwilligem Trab vorbei, und Moritz Cohn aus Ziebingen,

Hartwig Kantorowicz aus Meseritz, Ephraim Hentschel aus Zielenzig

standen in ihren langen, dunklen Kaftanen, den hohen, glänzend

gewichsten Stiefeln, unter der Mütze die Löckchen über die Schläfen

fallend, dabei und machten die Gäule herunter. Bis dann der eine oder

der andere doch den Bauer in die Schankstube winkte.

Auf dem Marktplatz waren in zwei Reihen die Buden aufgeschlagen, Zelt-

und Bretterwerk. Kleinkram lag darin, Schnittwaren, Hausgerät, allerlei

Tand. Von den Stangen wehten die bunten Taschentücher, die der Bauer

liebt, mit schönen Bildern darauf: das Königspaar, die Krönung, auch

noch die Völkerschlacht bei Leipzig. Dicke wollene, blaue und rote

Unterröcke baumelten daneben und weiße Schürzen. In der einen Bude

gab’s Peitschen aller Art und Regenschirme, in der nächsten lockten die

neuesten Bilderbogen von Gustav Kühn aus Neu-Ruppin. Die schönste Bude

aber hatte Tante Hufnagel, die dicke Konditorsfrau. Sie hatte auch den

meisten Zulauf. Mit ihren zwei Mamsellen stand sie hinter dem langen

Tisch, und sie lächelten alle drei so süß, wie ihre Ware war: Berge von

Streuselkuchen und Brezeln, Düten mit Bonbons, vor allem jedoch Stöße

von Pfefferkuchen; die „Mehlweißchen“ von Tante Hufnagel waren berühmt

bis über Frankfurt hinaus, und auf den Lebkuchenkerzen hatte keine

Konkurrenz so schöne Verslein wie sie.

Das große, immer umlagerte Konditorzelt stand gerade gegenüber der

Apotheke „Zum Mohren“.

Auch in der Apotheke gab’s heute mächtig viel Arbeit. Die Gelegenheit

des Marktes mußte benutzt werden, allerlei Bedarf an Medizin für Mensch

und Vieh einzukaufen. Außerdem war der humpelnde Provisor ein halber

oder drei Viertel Doktor, nur daß er seine Verordnungen ohne Rezept

und umsonst lieferte, sogar mit einem derben Witzlein dazu. Auch gab es

in der Apotheke manche schöne Dinge, die nicht zur Heilkunst gehörten,

aber in hohem Ansehen standen: allerlei Wohlriechendes, Lederzucker,

buntschillernde süße Magenmorsaille mit merkwürdig viel Gewürzen,

und vor allem einen Apothekerschnaps, bitter wie Galle, scharf wie

Schwefelsäure und wärmend wie ein gutgeheizter Kachelofen -- einen

herrlichen Apothekerschnaps, der „Doktor“ hieß, aber ein Dutzend

Doktoren wert war und doch nur einen Silbergroschen kostete.

Der Provisor Dingeldey hatte an solchen großen Tagen alle Hände voll

zu tun. Denn sein Chef, Herr Herr, war durch andere Obliegenheiten

vollauf in Anspruch genommen. Höchstens, daß er mal ein eiliges Rezept

zusammenbrauen half, was selten genug vorkam, denn an Markttagen

verschrieb Doktor Tiburtius wenig oder gar nichts. Da saß der auch an

dem großen braunen Tisch im Nebenzimmer der Offizin und trank seinen

gezehrten Oberungar, den er für das bekömmlichste Getränk der Welt

erklärte. Er trank ihn -- und nicht zu knapp. Wie eine ungeheure

Koralle stand ihm die Nase im Gesicht, und zweimal im Jahr hatte er

das Zipperlein. Das merkten jedesmal seine Patienten im ganzen Kreise

am eignen Leibe: denn in diesen schlimmen Perioden verordnete er fast

ausschließlich Rizinusöl, abwechselnd mit Kurella. Über Land fahren,

zu seinen Kranken, konnte er freilich nicht, wenn er die Füße in den

dicksten Strümpfen immer am Ofen halten mußte. So beschränkte er

sich darauf, die Mägen auszufegen, wie er es nannte. Und gerade in

diesen Zeiten, hieß es, machte er die glänzendsten Kuren. Wenn er dann

wieder gesund war, half er mit Grobheit nach. Er konnte furchtbar grob

sein, der Doktor Tiburtius. Bei den Bauern hielt er’s für geradezu

unentbehrlich; auf den Gutshöfen war er nur wenig höflicher.

Herr Apotheker Herr persönlich widmete sich an den Markttagen fast

ausschließlich den Gästen im Nebenzimmer der Offizin. Er wäre sehr

entrüstet gewesen, wenn ihm jemand gesagt hätte, er unterhielte da

eine Weinstube. Empört wäre er gewesen, wenn jemand geäußert hätte,

er bediente seine Gäste. Die Tatsache stand trotzdem fest, daß man im

braunen Zimmer Getränke erhielt, die nicht aus der lateinischen Küche

stammten. Man mußte freilich zu den Honoratioren zählen, man durfte

auch nicht bezahlen. Aber die Eingeweihten wußten, daß jede Flasche

unweigerlich einen Taler kostete, nur der Champagner -- Grüneberger

Landkarte war’s von Foerster & Grempler und trug auf der Etikette einen

Plan der gesegneten Gemarkung -- nur die Pulle Champagner kostete

zwei Taler. Den Obolus legte man beim Abschied schweigend auf den

Tabakskasten am Fenster; vergaß es einmal ein Gast, so kam’s auf die

Jahresrechnung der Apotheke. Im übrigen wurde Herr Herr durchaus als

Herr behandelt. Er saß mitten unter seinen Gästen, wenn er nicht gerade

unterwegs war nach dem Keller, und wenn er besonders gut aufgelegt

war, so pfiff er ihnen etwas vor. In der ganzen Provinz Brandenburg

einschließlich Berlin pfiff anerkanntermaßen niemand so künstlerisch

schön als Herr Herr.

Es war noch früh am Tage, gegen elf Uhr, und die Tafelrunde noch klein.

Obenan saß der Doktor Tiburtius vor seinem Oberungar. Neben ihm links

der Kreisrichter, Fritz von Hackentin und der Herr des Hauses bei

einer Flasche Pontac; ihnen gegenüber Major a. D. von Artenau, ein

Hüne von Gestalt mit einem riesigen Schnauzbart und buschigen grauen

Brauen über den vom ewigen Sticken entzündeten Augen. Er hatte noch

um kein Getränk gebeten, wartete vielmehr auf einen Partner für eine

„Landkarte“ oder noch lieber für ein kleines Böwlchen; denn abgesehen

von seiner grandiosen Stickkunst war er auch der anerkannte Meister im

Bowlenbrauen.

Das Gespräch ging langsam. Der Doktor schimpfte auf den Schäfer Knorr

in Lobitten, der wieder einmal gegen Gesetz und Kleiderordnung einem

alten Weibe das ausgefallene Schultergelenk eingerenkt hätte, und

auf die Themis mit den verbundenen Augen, die die allerdummsten und

allertollsten Kurpfuschereien dulde, wobei der Kreisrichter einen

bitterbösen Seitenblick abbekam.

Fritz Hackentin hörte sich das lächelnd an. Er hielt die schlanke

rechte Hand um sein Glas gelegt, drehte es langsam hin und her, hatte

sein gewöhnliches ironisches Zwinkern um die klugen grauen Augen und

empfand ein kleines Vergnügen darüber, wie der Doktor sich mehr und

mehr in die Wut hineinsteigerte. Und erst als der schließlich mit

einem „Himmelkreuzdonnerwetter, wozu hat unsereiner denn eigentlich

studiert!“ schloß, fragte er trocken: „Ja, hat Meister Knorr denn das

Gelenk wirklich wieder in Ordnung gebracht?“

„Was geht denn in drei Deibels Namen mich das an? Ob die olle Gillerten

ein Krüppel bleibt oder nicht! Verdient hätte sie’s schon. Was, Herr

Herr, hab’ ich recht?“

„Hat der Schäfer Geld für die Kur genommen?“

„Den Geier wird er getan haben. Dazu sind die Kanaille viel zu schlau.

Das wird gelegentlich auf andere Weise abgemacht. Heimlich und

heimtückisch.“

„Ja, lieber Doktor, wenn der Mann sich nicht hat bezahlen lassen, dann

kann die Justiz auch nichts machen.“

„Das ist eben der Skandal. Aber ich faß den Knorr schon noch. Der Kerl

muß sitzen! Der Kerl muß ...“

Weiter kam er nicht. Denn Artenau hatte den Hals gereckt, rief

dazwischen: „Da kommt der Conte aus Sodelzig ...“ und sie sahen alle

auf.

Das Gespann des Grafen Grucker war auch sehenswert. Vor dem Wagen zwei

edle Pferde, wie immer naß und mit Schaumflocken übersät, denn der alte

Graf fuhr wie ein Toller; das Geschirr arg desolat, hier und dort mit

Stricken und Bindfaden geflickt; der Wagen selber aber, die im ganzen

Kreise berühmte „Wurst“, bestand aus nicht viel mehr als aus einem

langen gepolsterten Brett, das über die Achsen gelegt war. Im Reitsitz

saß der Graf darauf, und ganz hinten hockte in einer Art Korb der

Kutscher.

Man hörte schon von der Straße aus die dröhnende Stimme: „Meine

Hochachtung! Daß du mir die Schinder ordentlich abreibst!“

Dann klang’s aus der Offizin: „Meine Hochachtung! Na, Herr Provisor,

erst mal’n Doktor. Aberst gut vermengeliert. So, danke --“

Dann flog die Tür auf, und der untersetzte starke Mann krachte ins

Zimmer: „Meine Hochachtung! Da wär’n wer ja. ’n Tag allinsgesamt.

Artenau, ich seh’s dir an deiner schönen Nasenspitze an, du hast

auf mich gewartet. Also mansch uns man ’n Röhrenwasser. Puh --“ und

er setzte sich auf einen Stuhl, daß es krachte, reichte jedem über

den Tisch die Rechte hin und drückte die verschiedenen Hände, bis

die Besitzer „au“ sagten. Mit der Linken aber krabbelte er aus der

Joppentasche ein halbes Dutzend Zigarren heraus, lang, dick und schwarz

wie die Nacht, legte sie vor sich auf den Tisch, zündete sich die erste

an und meinte, „Kindersch, ich muß euch ’ne Geschichte erzählen.“

„Nämlich, wie ich zum Frühjahrsmarkt hier nach Stellberg fahre, sagt

die Gräfin: ‚Otto,‘ sagt sie, ‚du mußt so gut sein und die Mamsell

mitnehmen.‘ ‚Wozu denn?‘ frag ich. ‚Sie muß Geschirr für die Leutküche

kaufen.‘ Also Mamsell wird auf die Wurst gepackt, hinten auf ’n

Kutschersitz, und der Karl muß hinter mir reiten. Man soll ja nun mal

den Weibern nichts abschlagen. Alles geht auch ganz gut, bloß daß der

Artenau da ’ne recht längliche Bowle gebraut hatte und wir längelicht

hier sitzen blieben. Um dreie läßt die Mamsell gehorsamst fragen, ob

der Herr Graf nicht bald abführe, und um viere läßt sie wieder fragen.

Da kann doch der geduldigste Mensch ein Wüterich werden. Aber ich bin

ganz stille, und Abend gegen neune fahren wir wirklich los. Wie der

Hausknecht vom ‚König von Preußen‘ am Wagen leuchtet, seh ich die

Mamsell mit ’nem großen Korbe auf dem jungfräulichen Schoß und mit

großen, dicken Tränen auf den Backen. Pimperlings rennen die runter.

Ich kann alles, aber heulen kann ich nicht sehen. Warum heult das

Frauenzimmer: bloß weil sie ’n paar Stündeken hat warten müssen. Als

ob ich im Leben nicht schon manchmal viel länger hätt warten müssen,

wenn ~par exemple~ zum Beispiel die Gräfin nicht mit der Toilette

fertig wurde. Na also, ich denke: das Heulen mußt du der Mamsell

abgewöhnen. Fahr also drauflos, gleich furioso über das Pflaster, und

das Frauenzimmer schreit, als ob es am Spieße steckt. Dann das Stück

Chaussee und dann ... na, ihr kennt ja den Waldweg über Ebersvorwerk,

schön ist er nicht. Und die Mamsell schreit und schreit. Laß sie man

schreien, denk ich, sie sitzt ja dahinten wie in Abrahams Schoß. Sie

wird schon stille werden. Wird sie auch, so etwa von Doberow an. Mal

dreh ich mich um. ‚Mamsellken‘, ruf ich. Keine Antwort. ‚Karl, ist

denn Mamsell noch da?‘ ‚Jawohl, Herr Jraf.‘ Na also. Ich fahr also

wieder zu, nicht schlecht, die Füchse hatten lange gestanden. Da sind

wir denn endlich. Ich steig ab, die Mamsell steigt ab. Nicht ’ne Träne

mehr, aber ’n Gesicht, wie siebzehn Tage Regenwetter. Kein Ton. Aber

wie ich frag: ‚Na, Mamsellken?‘ da reißt sie ’s Tuch vom Korb und weist

so mit der Hand darauf hin, als wie wenn sie sagen möchte: Da hast du

die Bescherung! ’s waren nämlich man bloß noch Scherben drin, blaue,

braune, graue und weiße, keiner größer wie ’n Dalerstück. Und wie ich

lache: ‚Mamsellken, lassen Sie das man nich die Frau Gräfin sehen, daß

Sie so schlecht verpackt haben‘, da schmeißt sie mir den ganzen Zauber

vor die Beine: ‚Un zu Johanni zieh ick, Herr Jraf!‘“

Er lachte, daß die Wände dröhnten, und alle lachten mit, so ansteckend

war dies tiefe Lachen aus voller Brust. Man mußte immer mit ihm lachen,

wenn auch seine Geschichten selten eine richtige Pointe hatten. Er

lachte selber, bis er nicht mehr konnte. Dann zog er ein rotseidenes

Taschentuch, so groß, daß man damit den halben Tisch hätte zudecken

können, und wischte sich die Augen aus. „Na, Artenau, du alter

Stickereimajor, biste fertig? Laß mal schmecken. Heut wird aber nich so

lange gepichelt. Ich wollte eigentlich nur den Rittmeister sprechen.

Kommt Vater nicht, Fritze?“

„Ich denk doch, Onkel Grucker. Wilhelm ist in Rohlbeck und wollte mit

Papa kommen.“

„So, der Wilhelm. Na, der wird uns wohl die Eisenbahn in der Tasche

mitbringen. Ich pfeife übrigens auf die Eisenbahn, mir ist meine

Wurscht lieber.“

„Ich pfeife auch auf die Eisenbahn“, warf Doktor Tiburtius dazwischen.

„Stellberg kriegt ja doch keinen Bahnhof, und dann sitzen wir ganz in

der Bredouille. Das bißchen Verkehr, was wir hier haben, geht auch

noch in die Wicken. Die Chaussee ja: die war gut. Aber die Eisenbahn?

Das ist man dummes Zeug. Ist gar kein Bedarf dazu da. Zwischen Berlin

und Hamburg, oder zwischen Berlin und Leipzig und so, das laß ich mir

gefallen. Aber bei uns? Na, Ihrem Bruder Wilhelm mag sie schon helfen,

Herr von Hackentin, uns hilft sie sicher nichts -- die Eisenbahn!“

Der Kreisrichter hatte wieder sein überlegenes ironisches Lächeln.

„Gegen einen Kulturfortschritt soll man sich nie sträuben.“

„Laß uns bloß mit deiner Kultur und dem Fortschritt zufrieden,

mein Junge“, rief der Graf. „Wir haben schon genug Kultur, und den

sogenannten Fortschritt hab ich noch von achtundvierzig her im Magen.

Aber ich will mich nicht ärgern. Und da hätten wir ja übrigens den

Rackower ... meine Hochachtung, wen bringt denn der mit?“

Vor der Tür hielt der Rackower Viererzug. Rappen, in glänzender

Kondition mit Silbergeschirren; ein elegantes Coupé dahinter.

„Meine Hochachtung, Dicker!“ schrie Grucker dem Eintretenden entgegen.

„~Bonjour, messieurs!~“ Ernst Hackentin machte eine seriöse

Handbewegung „Erlauben Sie ... gestattet, daß ich unseren lieben Gast

vorstelle, Herr Alfred Schwarz, Kaiserlich Russischer Hofopernsänger.“

Man rückte zusammen. Unwillkürlich schob man sich immer zusammen,

sobald der Rackower an einem Tisch erschien; auch dann, wenn mehr als

genügend Raum vorhanden war. Er war wirklich übermenschlich dick, der

kleine Mann. Eine Fettkugel war er mit ganz kurzen Beinchen und ganz

kurzen Armen; der Kopf darüber glich einer zweiten Kugel; glattrasiert,

bartlos, mit einer ungeheuerlichen Glatze, die nur im Nacken ein

schmaler, graumelierter Haarkranz abschloß; im faltenlosen Gesicht lag

stets ein Zug ungemessenster Sorglosigkeit, schrankenlosen Behagens,

und dazu blitzten und blinkerten die kleinen Augen wohlwollend und

listig zugleich.

Schwer ließ er sich nieder. In gemessenem Abstand von der Tischkante,

die ja nicht, wie an der Rackower Tafel, den im ganzen Kreis bekannten

ovalen Ausschnitt trug.

„Hier, mein lieber Schwarz, hier, bitte ...“ Er nannte die Namen.

„Mein verehrter Herr Herr, dürfen wir uns bei Ihnen zu einer Flasche

Pontac invitieren? Vielleicht ein wenig temperiert, wenn es Ihnen keine

besondere Mühe macht. Wie geht es der verehrten Gräfin, lieber Grucker?

Ah ... gut ... freut mich riesig. Danke, Marie ist auch gut zu Wege.

Famöses Herbstwetter, nicht wahr? Ich bin sehr froh, daß es unser

lieber Gast so gut trifft.“

Der Rackower sprach mit ganz sanftem Tonfall, deutlich akzentuiert,

aber leise. Immer, auch bei Nichtigkeiten, als wenn ihm ungeheuer daran

läge, zu überzeugen. Grucker nannte seine Art zu reden manchmal den

Hofpredigerton. Er sprach auch gern und langatmig, mit ausgesuchter

Höflichkeit, in jeder Einzelwendung. Dazwischen mußte seine silberne

Schnupftabakdose, mit dem Namenszug in farbigen Steinen auf dem Deckel,

die Runde machen, wenn es irgend anging.

Sonst fesselte seine Redegabe meist auch die Widerstrebenden. Er hatte

ja immer den Sack voll Neuigkeiten, schon aus den Pariser Zeitungen,

die er sich hielt. Aber heut konzentrierte sich das Interesse doch mehr

auf seinen Gast als auf ihn. Ein russischer Hofopernsänger? Etwas

noch nicht Dagewesenes im Kreise. Erstens schon an sich: ein Sänger.

Zweitens: ein Opernsänger. Drittens: ein russischer! Warum den die

Rackower eingeladen hatten? Doppelt merkwürdig, weil Marie Hackentin

sonst ja immer die Exklusive markierte. Denn auch ein Hofopernsänger

blieb doch immerhin ein Komödiant.

Herr Alfred Schwarz saß zwischen den Herren wie ein Mann, der gewohnt

ist, das allgemeine Interesse zu erregen. Schweigsam zuerst, aber

mit dem Ausdruck artigsten Zuhörens in dem jugendlichen schönen

Gesicht. Dann allmählich auftauend, weltgewandt in das allgemeine

Gespräch eingreifend, jede Frage mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit

beantwortend. Er saß in sehr legerer Haltung, die schlanken Beine

übereinander geschlagen, so daß auf dem einen Fuß das Streifchen eines

seidenen Strumpfes sichtbar wurde, und drehte sich aus dem Etui, das

auf seinem Schoß lag, eine Zigarette nach der anderen.

Grucker, der leidenschaftliche Kettenraucher, schnoperte eine ganze

Weile nach dem starken süßen Duft, bis er fragte: „Schmeckt denn das

Deubelszeug eigentlich?“

„Wollen Sie nicht einmal selbst versuchen, Herr Graf?“ Die flinken,

schlanken Hände hatten sofort eine Papyros gedreht. „Bitte, wollen Sie

hier anfeuchten ...“

„Lecken soll ich?“ Alle lachten, denn Grucker machte die Sache mit

seiner dicken, schweren Zunge möglichst ungeschickt. Die erste

Zigarette zerkrümelte, mit der zweiten ging es besser, und dann

schmunzelte der Konte: „Weiß Gott, nicht übel, so zwischen durch. Ein

famöser Tabak das muß ihm der Neid lassen.“

„Die Großfürstin Maria Constantinowna hatte die Gnade, mir ein paar

Pfund zu senden.“

„Sie waren lange in Petersburg?“ fragte Fritz Hackentin über den Tisch

herüber.

„Vier Saisons. Ich kam ein Jahr nach der Beendigung des Krimkrieges an

die Newa.“

„Schlimme Tage für Rußland --“

„Bah! Man merkte davon in Petersburg wenig. Der Russe trägt nicht

schwer. Das Land mochte erschöpft sein, aber es war doch durch die

Lieferungen sehr viel Geld verdient worden, und der Rubel rollte. Wir

hatten fast immer das Haus zum Brechen voll.“

Artenau war längst fasziniert von dem auffallend schönen Brillanten,

den der Sänger in der Krawatte trug. Schließlich zwang er sich nicht

länger, beugte sich weit vor und meinte mit seiner stockenden Stimme:

„Sie haben da einen wunderschönen Solitär ...“

„Seine Majestät der Zar ließen mir die Nadel nach einer Vorstellung

des „Fra Diavolo“ überreichen. Übrigens --“ er lachte gleichmütig --

„nachträglich hab ich erfahren, daß Seine Majestät mir einen weit

kostbareren Stein bestimmt hatten. Aber das geht in Rußland nun einmal

so: auf dem Wege von Seiner Majestät bis zu mir wurde der Brillant

immer kleiner.“

„Schweinebande!“ rief Doktor Tiburtius dazwischen. „An den Galgen

sollte die Gesellschaft.“

„Es ist in der Welt nicht anders. Die kleinen Diebe hängt man, die

großen läßt man laufen.“

„Oho! Oho, Herr Schwarz! Bei uns ist’s doch anders. In Preußen gibt’s

noch Richter. Bei uns gilt gleiches Recht für jedermann, und wenn

wir auf etwas stolz sein dürfen, dann ist’s die Ehrlichkeit unserer

gesamten Beamtenschaft.“

Der Sänger verbeugte sich verbindlich: „Ich bin ja selber preußischer

Untertan, wenn auch aus einem entlegenen Winkel des Königreichs.“

„Nämlich, wenn man fragen darf?“

„Ich bin dicht an der französischen Grenze geboren, in einem kleinen

Ort nahe Saarbrücken.“

Plötzlich fuhr Graf Grucker in die Höhe: „Die Rohlbecker! Und die Lene

ist auch mit. Donnerwetter, da muß ich doch ...“ Er stülpte seine Kappe

auf und hastete zur Tür hinaus.

Draußen half Wilhelm Hackentin seinem Vater aus dem Wagen.

Vater und Sohn waren sehr verschieden. Wilhelm überragte den

Rittmeister fast um Haupteslänge, und sein Gesicht zeigte nicht die

Hackentinschen Züge, sondern die Gruckerschen, mit dem ausgeprägten

Kinn, der kühn geschwungenen Nase. Er hieß nicht umsonst der „schöne“

Wilhelm. Und man sah ihm an, er hielt auf sein Äußeres. Während der

Vater einen grauen, ausgedienten Flausrock trug, war er sehr elegant

und sehr geschmackvoll gekleidet, in einem langen hellen Redingote,

unter dem weite, gestreifte Beinkleider mit breiten, schwarzen Galons

hervorsahen; und während der Rittmeister Handschuhe grundsätzlich

verschmähte, außer beim Kirchgang, deckten seine auffallend kleinen

Hände weiche gelbe Lederhandschuhe; der alte Herr trug eine Jagdkappe,

abgetragen wie sein Überrock, der Sohn eine seidene schwarze Reisemütze

von fast kokettem Schnitt.

„Meine Hochachtung!“ rief der Graf schon auf der obersten Stufe zur

Apothekentür, und dann hatte er den Rittmeister umhalst und küßte

ihn schallend erst auf die rechte, dann auf die linke Backe. „Tag,

Schwager. Tag, Wilhelm!“ Auch der bekam seine Küsse, und dann hob

Grucker die Nichte mit seinen mächtigen Armen aus dem Wagen, schwenkte

sie einmal im Kreis, daß die Röcke flogen, setzte sie nieder, und

gleich hatte auch sie ihr Teil: diesmal aber traf’s nicht die Wangen,

sondern die Lippen. Lene hielt übrigens ganz stille. Hätte sich ja auch

nicht rühren können, so fest hielt der Onkel. Wollte sich auch nicht

rühren: denn Onkel Grucker war eben Onkel Grucker. Und ihr Pate dazu.

Er schnalzte mit der Zunge und lachte: „Meine Hochachtung! Geht man

hinein und sorgt, daß mir der Artenau das Röhrenwasser nicht aussauft.

Ich muß mit der Lene erst ... na, Puttchen, he? -- was müssen wir denn?“

Auf märkischer Erde · 第 9 / 62 题