Ruhm und Jugend und Stolz --

Nein! Nein! Für sie hatten die Gräber nichts Erhebendes! Sie konnte

sich nur vor ihnen fürchten. Wie Moderluft wehte es aus ihnen. Ein

Schauer überrann sie. Und sie zog das dünne Tuch fester um die

Schultern und eilte rasch weiter, am Krug vorüber und an der Schmiede,

der neuen Chaussee zu, die dicht am Dorfausgang die schmale Wintze

überbrückte.

Da stand schon der Doktor Hemming mit den beiden Junkern. Oder vielmehr

er stand, seitlich der Brücke, an eine dicke Weide gelehnt und himmelte

über das Stoppelfeld zum Horizont hinüber. Die Jungens aber saßen

auf der Steinbrüstung der Brücke; der langaufgeschossene Hans schien

es seinem Hauslehrer nachmachen zu wollen, er starrte träumend mit

gesenktem Kopf auf das rinnende Wasser, während Thede -- Theodor --

irgendeine Bohnenstange aufgegabelt hatte, die dreimal so lang war wie

der Knirps, und mit ihr ebenso kräftig wie zwecklos in den zerwühlten

Uferrändern umherstakte. Vielleicht dachte er in seiner wallenden

Phantasie, auf diese bequeme Art ein paar der berühmten Wintze-Krebse

zu fangen und Mutter in die Küche liefern zu können.

Alle drei achteten nicht auf die Nahende. Und Helene war das ganz

recht. Denn der Hauslehrer mit seinen wasserblauen Schmachtaugen

langweilte sie immer; außerdem konnte sie ihn nicht leiden, weil er

immer ja sagte, auch wenn ihm der Widerspruch auf der sommersprossigen

Stirn geschrieben stand. Und die Jungens -- die Jungens waren eben

dumme Gören mit hundert unnützen Fragen, dazu mit unfehlbar schmutzigen

Pfoten, die überall hinklatschten, wo sie nichts zu suchen hatten.

Aber das war es nicht allein. Die Equipage, die vor dem Kruge hielt und

augenscheinlich auch auf die Post wartete, beschäftigte ihre Gedanken.

Sie hatte die Rackower Schimmel sofort erkannt und den dicken Jochen,

den zweiten Herrschaftskutscher. Es war überhaupt zweite Garnitur,

Wagen, Pferde und Kutscher. Wen ließen die Rackower nur abholen? Sie

hatten ja nichts davon erzählt, daß sie einen Gast erwarteten. Aber

sie hatten freilich fast immer Gäste im Haus. Ob es jemand von den

Leibern aus Frankfurt a. O. war? Einer von den jagdlustigen Herren

vom Leibregiment, der noch ein paar Rebhühner knallen wollte? Oder

ein Ulan aus Züllichau? Oder kam nur Onkel Artenau aus Stellberg, um

der Marquise seine neueste Pracht- und Prunkstickerei vorzuführen?

Pfui Spinne ... solch ein Mann, der sich Königlich Preußischer Major

schimpfen ließ, und den halben Tag am Stickrahmen saß wie eine alte

Jungfer.

Mit einem Male hatte Junker Thede doch die Tante erspäht. Er schmiß

die Bohnenstange ins Wasser, daß es hoch aufspritzte, schwang seine

kurzen Beinchen mit einem Wuppdich über die Brüstung, stieß ein

Indianergeheul aus, kam im Galopp angejagt und -- richtig -- da wollten

auch schon seine Pfoten mit den Farbenklexen von Tinte, Flußmoder und

Tuschkastenresten an ihren Rock aus geblümter Indienne. „Tante Lene,

Tante Lene, weißt du schon das Allerneueste?“

„Finger weg, Thede! Himmel, wie der Junge wieder aussieht!?“ Und da

gerade Doktor Hemming sich umschaute, den Strohhut, den er immer bis

in den November hinein trug, lüftete und anstatt auf den harmlosen

Horizont zu ihr himmelte, mochte der auch gleich sein Teil abbekommen.

„Nein, wie Sie den Bengel mit solchen Händen herumlaufen lassen

können?! Unsere Ferkelchen sind ja reinlicher als er.“ Und dann kam

doch die Neugier ihrer jungen Jahre: „Das Allerneueste? Na, das wird

wieder mal was Feines sein?“

„Ein Russe kommt nach Rackow. Ein wirklicher, leibhaftiger Russe.“

„Woher hast du denn dein großes Wissen, Thede?“

„Na ... von dem Rackower Jochen ... natürlich.“

Inzwischen hatte auch der Hans sich von der Brückenmauer herabbequemt.

Im Vollgefühl seiner höheren Weisheit höhnte er: „Ja -- und Thede

stellt sich den Russen mit einer Bärenfellmütze und einem +so+

langen Bart vor. So wie er in der Fibel abgemalt ist.“

„Der Russe lebt in Eis und Schnee,

Säuft vielen Schnaps und noch mehr Tee,“

gab der Hauslehrer einen Fibelvers eigener Erfindung zum besten

und wartete, ob sein Witzchen nicht ein Lächeln auf dem schönen

Mädchengesicht heraufzaubern würde.

Aber er wartete vergeblich. „Ach Unsinn --“ meinte Helene nur und

schlenderte langsam über die Brücke auf die Chaussee. Ach Unsinn --

sagte sie, und doch beschäftigte sie der Russe gewaltig. Ein Russe, ein

leibhaftiger Moskowiter! Wo den die Rackower nur aufgegabelt hatten?

Und warum die heut nachmittag nichts von ihm erzählt hatten? Gewiß,

weil er wieder einmal eine Überraschung für den ganzen Kreis sein

sollte. Sicher irgendein Großfürst oder einer der millionenschweren

Bojaren. Oder mindestens ein Diplomat. Aber dann hätten sie doch nicht

die zweite Garnitur, Pferde, Wagen und Jochen, zum Abholen geschickt ...

Da kam sie aber wirklich, die Post.

Auf dem Stellberger Berge, wo sich die Chaussee in den Wald verlor,

wirbelte eine kleine Staubwolke auf, wälzte sich näher und näher den

Hang hinunter. Bald wurden dahinter, in kleinen Abständen, noch zwei

Wölkchen sichtbar -- die Beichaisen. Der Verkehr von Frankfurt a. O.

nach Posen mußte lebhaft sein, jetzt im Frühherbst.

Nun unterschied man schon Wagen und Pferde. Und als die Hauptpost

draußen an der Schneidemühle vorüberrollte, setzte der Postillion sein

Horn an die Lippen. Es klang deutlich, getragen und langsam, herüber:

„Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzt’ ich auf mein Grab,

Da kam ein stolzer Reiter und brach sie ab ...“

Der Hauslehrer stand wieder neben Helene. Er fühlte das

unwiderstehliche Bedürfnis, geistreich und sinnig zu sein: „Wie lange

noch, und wir hören den guten Schwager zum letzten Male. Wenn der Herr

Baron erst die Eisenbahn von Frankfurt nach Posen bauen wird, verödet

die Chaussee, und dann heißt es auch für Rohlbeck, was der Dichter

Scherenberg klagt:

Mit Totenschnelle geht es fort,

Kein Schwager knallt hinein,

Kein Wegesgruß, kein schelmisch Wort,

Kein Posthorn weckt den müden Ort

Und klingt zum Träumen ein.

O Eisenbahn, was bist du kommen,

Hast unser Posthorn uns genommen!“

„Ich denke, Sie wollen ein Mann des Fortschritts sein, Herr Doktor?“

warf Helene schnippisch ein.

„Am rechten Ort, gnädiges Fräulein. Immer am rechten Ort. Aber die

Poesie darf darüber nicht verkümmern. Hören Sie doch nur: ‚Ach

Reitersmann, ach Reitersmann, laß doch die Lilien stehn. Sie soll ja

mein fein’s Liebchen noch einmal sehn ...‘ Ist das nicht schön? ...

‚Dann begraben mich die Leute ums Morgen ... rot ...‘“

„Schade nur, Herr Doktor, daß der Postillion so schauderhaft falsch

bläst --“ meinte sie spitz und ärgerte sich, daß sie es sagte. Denn

eigentlich hatte der Postillion gar nicht falsch geblasen, und sie

selber lauschte solchem Volkslied über alle Welt gern. Und sie

dachte daran, wie sie bisweilen in dem stillen Abendfrieden ins Feld

hinausgewandert war, ganz allein, sich auf einen Grenzstein gesetzt

hatte, den Kopf in beide Hände vergraben, um dem Klang des Posthorns zu

lauschen, der ihr immer wie ein Gruß aus weiter, weiter Welt erschien.

Doch da hielt schon die Hauptpost dicht an der Brücke.

Die beiden Junker stürmten mit Geheul voran; teils, um die lederne

Posttasche aufzufangen, die der Schwager im kunstvollen Bogen vom

hohen Bock herabschleuderte; teils, um den erwarteten „Moskowiter“ mit

eigenen Augen zu schauen.

Recht enttäuscht waren sie. Denn der Herr, der ausstieg, hatte gar

nichts Besonderes an sich. In ihren Augen zumal.

Es war ein schlanker, junger Mann in grauem Reiseanzug, der lange

Rock eng in der Taille, die Pantalons sehr weit. Das brünette Gesicht

bildhübsch, etwas scharf und ganz glatt rasiert. Auf dem braunen Haar

trug er einen gewaltigen Kalabreser, und um seinen hohen Kragen war

kunstvoll eine bunte Krawatte geschlungen, in der ein großer Brillant

funkelte.

Als er ausgestiegen war und die kleine Gruppe -- Helene, Doktor Hemming

und die beiden Junker -- sah, stutzte er und zog den Hut. Aber Helene

fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoß, ärgerte sich wieder und

machte kehrt. So mochte der Fremde merken, daß die junge Dame ihn

nicht erwartete. Und da kam auch schon Jochen, meldete sich, wies auf

seinen Wagen und half den Koffer aus dem hinteren Verschlag der Post

herausheben. Es mußte sehr schnell gehen, denn der Kutscher der ersten

Beichaise drängte und drohte weiterzufahren.

„Habt ihr die Posttasche?“ fragte Hemming. „Nun denn -- marsch!

Großvater wartet.“ Und er ging den Jungens, die um ihr Leben gern sich

den Koffer des Fremden noch näher angesehen hätten, voraus, um Helene

einzuholen. Aber sie hatte sich beeilt, und er wollte nicht auffällig

hasten. So kam er erst dicht vor dem herrschaftlichen Tor wieder an

ihre Seite, und im gleichen Augenblick überholte sie auch die Rackower

Equipage. Der „Russe“ saß weit zurückgelehnt, in etwas theatralischer

Pose, die Beine vorgestreckt, im Fond und lüftete noch einmal mit einer

gewissen Grandezza seinen Heckerhut.

Der Doktor grüßte zurück, während Helene den Nacken straffte. Sie sagte

sogar: „Warum grüßen Sie denn?“

„Aber ... der Herr ist doch Gast der Rackower Herrschaften. Ich kann

doch nicht unhöflich sein.“

„Ich weiß nicht, wie der Mann dazu kommt, mich zu grüßen. Er ist mir

doch nicht vorgestellt.“

Sie fühlte selbst, daß sie ungerecht und unlogisch war. Man nahm es

sonst auf dem Lande nicht so genau. Es war aber etwas wie das Gefühl

in ihr: du mußt dich wehren! Ohne daß sie recht wußte, weshalb und

wogegen. Sie war jäh aus dem Gleichgewicht geworfen. Am liebsten hätte

sie sich mit Herrn Hemming gezankt, nur um eine Ablenkung zu finden.

Sie spitzte schon das Mäulchen, um ihm irgendeine Sottise zu sagen.

Doch dann besann sie sich: es lohnte nicht. Es blieb immer einseitig,

das Streiten mit diesem weichen Menschen, diesem Ja- und Amensager,

dieser Qualle, die auswich, sobald man fest zugriff.

So faßte sie lieber die Jungens, die herangekommen waren, an den

Achseln, Hans rechts, Thede links, und jagte mit ihnen den Weg entlang,

daß die Posttasche am langen Lederriemen sich wie eine Sturmfahne um

ihre Köpfe schwang. Jagte die Verandatreppe hinauf, durch den dunklen

Flur in die große Stube, warf die Tasche auf den Tisch: „Da habt ihr

sie --“

Mutter saß noch immer an ihrem Traumfenster, schrak aber auf: „Kind,

Helene, wie kann man so laut sein. So laut und so wild.“ Vater stand am

Ofen, kramte in der Tasche nach dem Brillenfutteral: „Steck’ die Lampe

an, Lene.“

Wie alle Abend, wenn die Dämmerung heranschlich. Und wie alle Abend

stand nun schon die große, hohe Moderateurlampe mitten auf dem

Tisch, auf dem runden, abgeschabten Fleck der braunen Plüschdecke.

Wie alle Abend pumpte Helene das Öl auf, horchte auf das leise

„Gluck-Gluck-Gluck“, nahm Glocke und Zylinder ab, strich mit ihren

hastenden Händen ein Vierteldutzend Schwefelhölzer vergeblich auf dem

scharfgeritzten Deckel des Porzellanbehälters an, bis endlich eins

zündete.

Mit einem Male war plötzlich in ihr alle Aufregung erloschen.

Gluck-Gluck-Gluck machte das Öl in der Lampe, und ihr klang’s wie: alle

Abend -- alle Abend -- alle Abend ...

Nun leuchtete die Lampe auf, warf ihren milden Lichtkreis gerade über

den runden Tisch, indes das übrige Zimmer in der Dämmerung blieb. Vater

holte vom Schreibtisch den kleinen Schlüssel, schloß die Posttasche

auf, wie alle Abend. Und wie alle Abend sammelte sich um den Tisch für

das große Ereignis das ganze Haus. Mutter kam von ihrem Traumplatz,

Martha kam; der Hauslehrer war plötzlich da, und die Jungens boxten und

knufften sich schweigend am Ofen. Wie alle Abend. Vater faßte tief in

die Tasche hinein, legte den kleinen Pack Briefe und Zeitungen sorgsam

vor sich hin, setzte umständlich die Brille auf und begann zu sortieren.

„Da, Herr Doktor --“ Das war auch derselbe Ton und dieselbe Bewegung

an jedem Abend, ein widerwilliger Ton und ein verächtliches Schnippsen

der Finger, die dem Hauslehrer seine Zeitung hinüberschnellten. Die

Volkszeitung! Jeden Abend aufs neue empörte sich der alte Herr darüber,

daß in seinem Hause dies verfl-- Demokratenblatt gehalten werden durfte.

„Da, liebe Martha ... von Wilhelm ...“

Ein paar Briefe, die schon äußerlich einen geschäftlichen Charakter

zeigten, den blauen Firmenstempel etwa von Moses Conitzer in Stellberg,

schob er zur Seite. Dann endlich setzte er sich und faltete fast

feierlich die Kreuzzeitung auseinander. Und regelmäßig sagte dabei

Mutter aus ihrem hochlehnigen Ohrenstuhl heraus: „Hackentin, mir die

Familiennachrichten.“

Eigentlich gab er nur sehr ungern ein Stück Zeitung ab, ehe er sie

selber, langsam und gewissenhaft, von Anfang bis zu Ende studiert

hatte. Wenn sie keine Beilage brachte, knurrte er wohl auch ein

langgezogenes ‚Neee ... nachher ...‘ oder er lachte: ‚Erfährst schon

noch früh genug, wer wieder mal in die Mariage geraten ist oder wer’n

Kind gekriegt hat.‘ Heut gab es eine Beilage: „Da ... Elisabeth ...“

Und dann wurde es still im Bannkreis der Lampe, an der Runde des großen

Tisches.

Der Rittmeister und Hemming entfalteten ihre Zeitungen; Martha las,

Zeile für Zeile, den Brief ihres Mannes; die alte Gnädige vertiefte

sich in die Familiennachrichten; die beiden Jungens wußten, daß sie

das Maul und die streitbaren Hände stille zu halten hatten, holten ihre

Lieblingsschmöker, Hans einen Band der Beckerschen Weltgeschichte,

Thede sein „Gumal und Lina“, und steckten die Nasen hinein.

Ganz stille war’s, bis auf das Knistern des Papiers.

Der Stuhl zwischen Martha und Mutter blieb leer -- Helenens Stuhl. Sie

stickte sonst um diese Stunde oder häkelte Frivolitäten. Heut mochte

sie’s nicht. Auf leisen Sohlen schlich sie ins dunkle Nebenzimmer,

setzte sich an den geöffneten Flügel und träumte vor sich hin.

Manchmal glitt ihre Linke über die Klaviatur, ohne daß sie eine Taste

niederdrückte ... manchmal zitterte wohl auch ein ganz leiser Klang aus

den Saiten, ein Hauch nur.

Von links her kam dann und wann ein gedämpftes Tellerklirren. Auguste

deckte im Saal den Abendtisch. Und mitten in ihre Träumerei hinein

dachte Helene: ‚Was es wohl geben wird? Speckbratkartoffeln natürlich

und saure Milch ...‘

Langsam kroch drüben über den Wiesen der Mond hinauf. Jetzt legte sich

ein Streif blauweißes Licht über das Fensterbrett, nun zog er schon bis

zum Flügelende hin.

Einmal sagte Mutter: „Da zeigt Graf Schulenburg von den Alexandern

seine Verlobung an ... mit der Witwe seines Bruders ... Meta, geborene

Freiin von Eckardstein. Er lag mal ein Manöver hier. Eckardstein ...

Eckardstein? Das ist ganz junger Adel ... nicht wahr, Karl?“

„Natürlich, Elisabeth ... das heißt, vom Alten Fritz her, glaub ich,

oder so ... Aber nun laßt mich zufrieden mit Hinz und Kunz. Da soll man

noch Sinn dafür haben ... schlechte Zeiten ... Schandzeiten ...“

‚Was er wohl antworten wird?‘ dachte Helene. ‚Ja bei den Zeiten. Was,

Herr Doktor, bewegte Zeiten ... sagen ... selbstverständlich. Die

Qualle hat grad noch den Mut, sich ihre liberale Zeitung zu halten.

Weiter langt’s nicht.‘

Richtig ...

„Jawohl, Herr Rittmeister, bewegte Zeiten.“

„+Schand+zeiten, sag’ ich Ihnen, Doktor. Da haben wir’s: in der

Schlußsitzung des Abgeordnetenhauses der Militäretat abgelehnt -- das

heißt, grad noch zehn Abgeordnete haben dafür gestimmt!“

Helene interessierte die Politik gar nicht. Langweilte sie geradezu.

Knapp, daß sie wußte, wie nun schon zwei Jahre oder darüber der Streit

um die Armee zwischen Landtag und König sich hinzog, daß sich der

Konflikt immer schärfer und schärfer zuspitzte. Merkwürdig, wie sich

die Männer über solche Dinge ereifern konnten. Vater nun gar. Manchmal

bebte seine gute alte Stimme förmlich vor Erregung, wenn er von den

verfl-- Demokraten sprach, die alles besser wissen wollten.

„So ... so ... das sind doch noch brave Leute. Vorgestern war eine

Deputation aus dem Kreise Bromberg beim König auf Schloß Babelsberg,

um Majestät ihre Ergebenheit und die Stimmung des Kreises zugunsten

der Militär-Reorganisation auszusprechen. Der Treskow auf Grocholin

... übrigens ein Treskow ohne c ... hm ..., der Pfarrer Ehrlich auf

Groß-Murzyno, der Lehrer Stieff aus Raczkowerdorf ... Also auch mal ’n

Lehrer ... merkwürdig ...“

Das war wieder eine Spitze. Aber die Qualle regte sich nicht.

Es wurde wieder ganz stille.

Plötzlich fragte Vater: „Na, Doktor, was meint denn Ihr Blättchen? Das

heißt -- eigentlich gelüstet es mich nicht nach der Weisheit.“

„Es ist wohl noch alles unentschieden, Herr Rittmeister.“ Wie das Gluck

... Gluck in der Lampe kam es heraus. „Das Ministerium wird wohl gehen

müssen.“

„So ... meinen Sie? Auf das Ministerium kommt’s übrigens spottwenig an.

Das heißt: in Preußen muß der König regieren. Punktum.“

Wieder las Vater. Die Zeitung knisterte und knisterte.

Einmal sprach Martha mit ihrer sanften Stimme: „Wilhelm kommt am

Sonntag.“ Es klang so viel Glück aus dem Wort und frohe Erwartung. Aber

es achtete niemand darauf, nur gerade daß die Jungens aufschauten. In

deren Augen war ja doch die Neugier: was bringt Papa uns mit?

Mit einem Male schlug Vater mit der flachen Hand auf das Papier.

Und seine Stimme bebte wieder. „Da haben wir’s. Hört mal. Hier,

ganz versteckt, steht es: ‚Der bisherige Gesandte am französischen

Hofe, Herr von Bismarck-Schönhausen, ist gestern abend von des

Königs Majestät zum Staatsminister und interimistischen Vorsitzenden

des Staatsministeriums ernannt worden.‘ Das heißt also: Da haben

wir den Mann des königlichen Vertrauens. Bismarck-Schönhausen ...

Bismarck-Schönhausen ... war der nicht Gesandter in Petersburg,

Elisabeth?“

„Ja, ich glaube ... warte einmal ... er hat eine Puttkamer zur Frau ...

ich entsinne mich ... von den pommerschen Puttkamers ... Viertlum oder

so hieß das Gut.“

„So ... so! Was du nicht immer alles weißt.“

Vater war ganz aufgeregt. Als sich Helene umwandte, sah sie, daß er

aufgestanden war und schneller als sonst seinen Lieblingsgang auf dem

Läufer in der Diagonale des Zimmers machte. Alle Augenblicke erschien

seine Silhouette vor dem hellen Türrahmen. Die Zeitung flatterte in

seiner Hand, und er sprach in abgerissenen Worten, halb für sich,

halb für die anderen: „Bismarck ... Bismarck-Schönhausen. Das muß der

Bismarck sein, der Anno achtundvierzig den Demokraten ordentlich die

Wahrheit gezeigt hat. Das heißt: im Vereinigten Landtag ... damals. So

... und ’n Puttkamer aus Viertlum. Hm ... das heißt: eigentlich mag ich

diese Herrschaften da nicht, die Blankenburgs und Theddens, die mit

dem lieben Gott immer ’n Privatabkommen haben wollen, fast wie Tante

Marianne ... ja ... aber wackere, feste Leute sind’s schon, loyal bis

in die Knochen, als ob’s Märker wären, die Pommern. Ja ... und was

sagen Sie nun eigentlich dazu, Doktor?“

Ganz leise stand Helene auf. Das mußte sie sehen, was die Qualle für

ein Gesicht machen würde.

Aber sie kam nicht auf ihre Rechnung. Der Hauslehrer schien aus allen

Wolken gefallen. Er sah aus seiner Zeitung hoch, mit himmelnden Augen:

„Verzeihung, Herr Rittmeister, ich habe hier gerade eine Rezension

gelesen ... über ein paar neue Stücke im Wallnertheater. ‚Verplefft‘

von Herrn von Moser ... es soll sehr amüsant gewesen sein.“

„Herr von Moser?“ sagte Mama sofort dazwischen. „Das ist auch ein

früherer Offizier. Bei den Gardeschützen stand er, den Neuchatellern.

Wer jetzt nicht alles schreibt?“

Vater sah erst den Doktor, dann Mutter an, schüttelte den Kopf und

lachte. Lachte, daß die Stube dröhnte.

„Na, wenn’s wahr ist und Sie haben gar nicht zugehört, Herr Doktor ...

dann ist’s schon ’ne kuriose Geschichte. Wozu halten Sie sich denn

justement das Blatt? Das heißt: wenn Sie so wenig Interesse für die

Politik haben? Kreuzdonnerwetter ...“

Da ging zum Glück die Tür zum Saal. Auguste kam herein, gluckste: „Es

ist angerichtet.“ Ein Duft nach gebratenem Speck umwehte sie. Natürlich

... es gab wieder Speckbratkartoffeln und saure Milch ... wie an jedem

Abend. Saure Milch mit Torf, dachte Helene und sah schon im Geiste

die Schüssel vor sich, mit dem geriebenen Schwarzbrot, das sie „Torf“

nannten, schüttelte sich und hatte den Herrn von Bismarck-Schönhausen

vergessen samt der ganzen Politik.

Auf märkischer Erde · 第 8 / 62 题