„Ach was! Was war denn da außer Berlin los? Berlin aber ist gar
nicht brandenburgisch, wenn’s auch zufällig mitten in unserer lieben
Sandstreubüchse liegt. Berlin ist Berlin. Da muß immer gestänkert
werden. Aber sonst? Der Flehr da ist typisch. Mal gelegentlich ’n
bissel das Maul vollnehmen, mal recht klug schnacken, mal sich recht
gebildet fühlen und mal recht schön liberal wählen, wenn’s hoch kommt.
Mehr aber nicht.“
„Ist gerade genug. Order muß pariert werden.“
„Wird auch ... Da kommt ja die Lene. He, Leneken, wohin denn so eilig?“
Mit ihren schnellen Schritten kam sie vom Schlosse her. Einen Hut
hatte sie nicht aufgesetzt; in der leisen Dämmerung, die schon
anhob, spielten ihre Haarwellen ins Goldig-Rote. Ein Tuch hatte sie
umgenommen; fest lag das dünne Gewebe um die Schultern, umspannte knapp
die jugendliche Büste und war hinten in der Taille zusammengeknotet.
„Ich will der Post auflauern, Onkel Pastor.“
„Denkst wohl, der Schwager Postillion bringt dir’n Schatz mit, Lene?“
„Der könnte mir grad’ fehlen, Onkel Pastor. Willst du -- Waldmann, du
Frechdachs! Sieh dir mal Diana an, wie die artig ist.“
„Im Pfarrhaus gibt’s frischen Pflaumenkuchen, Leneken.“
„Ich hasch’ mir beim Zurückkommen ein Stück.“
Sie nickte dem Vater zu, sie winkte von weitem zum Kantor hinüber und
huschte weiter, durch das Tor, den Anger entlang.
Die beiden Alten sahen ihr wohlgefällig nach. Es war immer, als
schwebte sie über dem Boden. Ganz eigen zierlich setzte sie unter
dem weitbauschigen Rock, der grad nur die modische Krinolinenform
andeutete, die Füßchen. Schuster Freyer in Logow war sonst kein Held in
seinem Fach, aber für das gnädige Fräulein auf Rohlbeck tat er immer
sein Bestes.
„Ein Mordsmädel, deine Lene!“ meinte der Pastor schmunzelnd.
Der Rittmeister nickte. „Ein gutes Kind. Das heißt -- es ist noch
junger Most. Das gärt und gärt und will manchmal überschäumen. Man muß
die Lene ein bißchen straff im Zügel halten.“
Heckstein lächelte verstohlen. Er wußte am besten, daß die Kinder im
Schloß nie recht im Zügel gehalten worden waren. Nicht gleichmäßig
wenigstens. Mal hatten die Zügel am Boden geschleift, mal waren sie
wieder gewaltsam angezogen worden; und wenn Hackentin am rechten
Zügelende zog, zerrte die alte Gnädige vielleicht gerade am linken.
Aber das tat am Ende nicht viel. Es war ein guter Kern in den Kindern.
Wie er das überdachte, während sie langsam wieder unter dem grünen
Dach der Kastanien hinschlenderten, fiel ihm ein, daß die Gelegenheit
vielleicht günstig wäre, für den Kantor noch ein gutes Wort einzulegen.
„Sieh mal, Hackentin,“ begann er aufs neue, „da hast du eben auf den
Flehr geschimpft. Hast aber ganz vergessen, was der Mann sich für eine
Mühe mit der Lene gegeben hat und noch gibt. Ich meine von wegen ihres
Gesanges.“
„Wird ihm doch auch bezahlt.“
„Na hör’ mal: die paar Dittchen für die Stunde! Du kannst froh sein,
daß wir solch einen musikalischen Kantor hier haben, der dafür sorgt,
daß Lenes schöne Stimme nicht verkommt. Aber neulich hat er mir selber
gestanden, daß er am Rande seiner Kunst ist.“
„Jawohl -- jawohl -- ich weiß schon. Das heißt -- daß Lene in die Stadt
müsse, einen anderen, besseren Lehrer bekommen. Die Litanei hat er mir
auch schon vorgebetet. Unsinn, Pastor. Dazu langt’s nicht mehr. Und ich
will auch nicht. Will nicht, daß der Lene alle möglichen Fladusen in
den Kopf gesetzt werden. Damit darfst du mir nicht kommen ...“
Der Rittmeister rückte sein Käppchen plötzlich ganz weit nach rückwärts
auf die weißen lockigen Nackenhaare, wandte sich kurz um, und da Diana
der Kehrtwendung nicht schnell genug folgte, vielmehr mit fragendem
Blick aufsah, kriegte sie einen sanften Hieb --
„Und im übrigen ist der Kantor doch ein Demokrat.“
Helene war indessen den Dorfanger entlang gegangen, hatte ein paar
Worte mit der Frau Kantorin gewechselt, die immer aussah wie ein
scheues, in der Gefangenschaft gehaltenes Reh, wenn jemand vom
Schloß sie ansprach, und die um so scheuer und demütiger wurde, je
freundlicher die Worte waren, die man an sie richtete. Dann hatte
Lene bei Meister Winkel, dem lobesamen Schneider des Dorfes und dessen
Krämer, eine Bestellung der Schwägerin ausgerichtet, die sich auf
ein Paar Hosen ihres Neffen Hans bezog, und dann war sie am Kirchhof
ein paar Augenblicke stehengeblieben. Da lag, seitlich der kleinen
Backsteinkirche, die noch immer des richtigen Geläuts entbehrte,
weil weder Patron noch Gemeinde die Mittel aufbrachten, das alte
Erbbegräbnis. Es mochte noch in besseren Zeiten gebaut sein, vor
hundert oder hundertfünfzig Jahren vielleicht: die eisenbeschlagene Tür
war sogar von ein paar Säulen eingerahmt, wirklichen Sandsteinsäulen,
mit einem Giebelchen darüber, in dem das Hackentinsche Wappen mit den
drei Hecken als Sandsteinrelief eingelassen war. Aber der Zahn der
Zeit hatte den Bau angefressen. Die Säulen waren zermürbt, das Wappen
war kaum noch erkennbar, das Ziegeldach schadhaft -- gut, daß der
dicht wuchernde Efeu das Schlimmste zudeckte. Das Erbbegräbnis hatte
auch schon lange nicht mehr zugereicht; links und rechts daneben lagen
Hackentinsche Gräber. Schlichte Gräber, die sich wenig von denen der
wohlhabenden Bauern unterschieden. Höchstens, daß sie ein wenig mehr
gepflegt waren, und auch das nur, weil die junge Gnädige eine besondere
Vorliebe für den Kirchhof hatte.
Ein paar Minuten stand Helene am Zaun. Ihr lagen Marthas Worte im Sinn
von der Treue um Treue. Die hatten sie vorhin gepackt und klangen noch
in ihr nach. Aber wie sie so auf die Gräber sah, über denen sich zwei
große Maulbeerbäume mit weitgespannten Ästen breiteten, die noch auf
des großen Friedrichs Befehl gepflanzt worden waren, fing sie plötzlich
an zu frösteln.
Neulich in Rackow hatte sie in einem Bande Gedichte geblättert.
Eigentlich nur, weil Tante Marie so viel Wesens von dem großen
Franzosen Victor Hugo machte. Jetzt fiel ihr mit einem Male ein Satz
daraus ein: „~Gloire, jeunesse, orgueil, biens que la tombe
emporte ...~“