Erstes Kapitel

Die Rackowschen waren soeben fortgefahren. Im großen Zimmer räumte

Helene mit dem Stubenmädchen den Kaffeetisch ab. Ihr feines Näschen

schnoberte, wie’s der Vater nannte, dem leisen, süßen Duft von Waffeln

und Pariser Parfüm nach, der noch im Raum lag. Immer hinterließ Tante

Marie diesen Veilchengeruch mit dem Moschusakzent, und immer rief er in

Helenens erregbarer Phantasie unklare Vorstellungen wach von unerhörtem

Luxus, von rauschenden Seidenkleidern, kostbaren indischen Schals,

koketten Kapotthütchen, von funkelnden Brillanten und Perlenreihen,

die sich um tiefentblößte weiße Nacken schmeichelten. Ganz merkwürdig:

immer war dann auch das Bild der schönen Kaiserin Eugenie da, von der

die Rackowschen vorhin wieder erzählt hatten. Tante Marie von ihrer

Anmut und Eleganz, von den Kleidern, die sie auf der Brunnenpromenade

in Ems getragen, und wie groß der Umfang ihrer Krinoline gewesen wäre;

Onkel Ernst mit zugespitzten dicken Lippen von ihrer Schönheit, ihrem

üppigen rotblonden Haar, ihrem blendenden Teint. Und daß und wie der

General Fleury immer um sie gewesen wäre. Da hatten die Herren gelacht,

aber Tante Marie und Martha hatten verstohlene Blicke gewechselt.

Die Tassen klirrten leise unter ihren Händen. Sie fühlte, wie ihr das

Blut in die Wangen stieg.

Der Rittmeister schritt schweigend auf dem hausgewirkten Läufer

entlang, der in der Diagonale des großen Zimmers lag, von der

Korridortür bis zur Tür der Vorratskammer. Straff aufrecht ging er,

die Hände auf dem Rücken, den Kopf mit dem weißen, ein wenig gelockten

Haar etwas vorgebeugt, seine gewohnten zwölf Schrittchen hin, zwölf

Schrittchen zurück. Jedesmal, wenn er kehrt machte, sah er zärtlich

zu seinem Spätling hinüber. Aber seine Gedanken waren nicht um Helene

beschäftigt. Auch sie gingen nach Paris. Immer, wenn der Name Paris

fiel, dachte er an seine große Zeit zurück, an die Tage, an denen er

sich das Kreuz von Eisen gewonnen hatte, an seinen geliebten Marschall

Vorwärts und an den anderen Napoleon, den er heut noch haßte wie Anno

13. Ebenso haßte, wie er den Neffen verachtete, ihn und das ganze

Getriebe um ihn her. Ein ehrlicher und kritikloser Haß war’s, und eine

ehrliche und kritiklose Verachtung, ganz im altpreußischen Zuschnitt.

An dem letzten der drei Fenster saß Mutter. Mutter -- Omama genannt,

seit die Kinder von Bruder Wilhelm im Hause waren und heranwuchsen.

Selbst Helene vergaß sich manchmal und sagte Omama zu ihrer Mutter. Vor

dem birkenen Nähtisch saß sie und träumte mit ihren großen blauen Augen

ins Freie, in die grünen Fliederbüsche des Gartens hinaus. Die Hände im

Schoß und die Lippen in leiser, stummer Bewegung. Vielleicht skandierte

sie wieder einmal. Schrieb’s wohl auch am Abend heimlich auf und

legte es heimlich in das Glaskästchen mit den blauen Bändern, wo ihr

Allerheiligstes und Allerheimlichstes war, ihr Reliquienschrein. Der

alte Rittmeister nannte ihn spottend den Körnersarg. Denn ganz unten

lagen ein paar vertrocknete Veilchen, die der Sänger einst der Omama

verehrt hatte. Lang, lang war’s her, und aus der jungen Komteß Grucker

war ein verhutzeltes altes Frauchen geworden, aus der gefeierten

Schönheit, der reichen Erbin eine kleine, greise märkische Edelfrau.

Aber sie konnten’s beide nicht vergessen: Omama nicht die eine

Begegnung, die eine Stunde unter der Eiche im Park, und der Rittmeister

nicht seine rasende Eifersucht. Trotzdem die schleichende Zeit sonst so

vieles ertötet und begraben hatte.

Es war totenstill im großen Zimmer. Nur das Ticken der Kuckucksuhr

klang, und bisweilen schnappte Diana, die am Ofen lag, nach einer

verspäteten Fliege. Dann blitzte der alte Herr aus seinen scharfen

Augen mißbilligend hinüber und machte halblaut: Kusch. Gleich legte der

Köter gehorsam den feinen Kopf zwischen die Pfoten. Einen höllischen

Respekt hatten die Hunde. Der Rittmeister dressierte sie selber; noch

nach der alten Methode, mit Peitsche und Korallenhalsband.

Der Kaffeetisch war längst abgeräumt. Das Mädchen hatte das Damasttuch

mit hinausgenommen, Helene breitete die braune Plüschdecke über den

Tisch. Wie immer verdroß sie dabei der große runde Fleck, auf dem am

Abend die Lampe stand. Sie strich von rechts drüber hin und von links.

Es half nichts. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren.

Abgeschabt und ärmlich. Altmodisch und ärmlich. Wo sie auch hinsah,

alles im Zimmer abgeschabt, altmodisch und ärmlich. Die Tapete mit den

kleinen Vierecken und den bunten Sträußchen in jedem Quadrat voller

Flecken; der Sofateppich mit dem Rosenmuster dünn; die Zimmerdecke

grau verblakt; das eckige, steiflehnige Kanapee eingesessen. Und sie

dachte wieder an das elegante Rackow und an die elegante Tante Marie,

die so häßlich war wie die Nacht und doch alle Welt bezauberte, dachte

darüber hinaus wieder an Paris und an die Toiletten der Imperatrice,

an funkelnde Diamanten und an Perlenketten, die sich um tiefentblößte

weiße Nacken schmeichelten. Und an die Große Oper dachte sie, von der

die Rackower erzählt hatten. An die erste Aufführung des „Tannhäuser“,

der die im vorigen Jahr in Paris beigewohnt hatten, dachte sie, und was

das für eine kuriose Musik gewesen sein sollte, von einem Deutschen

namens Wagner, einem Revolutionsmann von 48 -- und dann dachte sie an

die Desirée Artôt und an die kleine Pauline Lucca, die in Berlin seit

dem vorigen Jahr alle Herzen entflammte. Bruder Wilhelm konnte ja nicht

genug Wesens von ihr machen.

Helene war an den Ofen getreten. Fast wie im Trotz lehnte sie sich

fest an ihn und fühlte dabei, daß ihre Hände fiebrig heiß auf den

kalten Kacheln lagen.

Immer noch machte Vater seinen eintönigen Marsch in der Diagonale.

Immer noch träumte Mutter zum Fenster hinaus. Immer noch -- immer noch.

Die Luft war so drückend, und es schien, als senkte sich die graue

Zimmerdecke langsam immer tiefer.

„Ich geh’ hinaus auf die Veranda“, sagte sie plötzlich scharf in die

Stille hinein. Und wunderte sich, daß sie’s überhaupt sagte.

Der alte Rittmeister unterbrach seinen Marsch nicht, nickte nur,

lächelte ihr zu. Mutter sah flüchtig auf. „Nimm mein Tuch um, Lenchen.

Es wird schon kalt gegen Abend.“

„Mich friert nicht. Ich geh’ zur Post mit den Jungens. Oder ich geh’ zu

Pastors.“

Eigentlich hätte sie sagen mögen: ich geh’ in die weite Welt hinaus.

Und wußte doch, daß ihre Welt drüben an der neuen Chaussee, an der

schnurgeraden Pappelreihe ihr Ende hatte. Aber vielleicht sah, faßte

sie dort wirklich die Post, die von Frankfurt kam ... und hinter

Frankfurt lag Berlin ... zwei Stunden nur mit der Eisenbahn, und der

wundervolle köstliche Dampfwagen raste von Berlin weiter hinaus in die

Weite, in diese köstliche, wundervolle Weite ..

Aber dann, als die schwere eichene Haustür hinter ihr ins Schloß

gefallen war, blieb sie doch auf der Veranda stehen.

Denn da saß Martha, hatte eine gewaltige irdene Schüssel im Schoß und

schnipselte Bohnen. Fleißig wie immer. Grad daß sie über das bessere

Kleid, das sie den Rackowern zu Ehren in der Eile angetan, die große

Küchenschürze gebunden hatte.

Als Helene sie so sah, wurde wieder etwas wie Trotz in ihr wach, eine

Auflehnung gegen das Bild der Alltäglichkeit. Sie fragte hastig: „Warum

quälst du dich selber, Martha? Laß das doch Mamsell machen.“ Und sie

wurde rot dabei, denn sie liebte die junge Schwägerin in ihrem heißen

Herzen, hegte eine unwillige Bewunderung für sie.

Martha Hackentin sah nur einen Augenblick auf. „Ich kann doch nicht

müßig sein. Mamsell hat in der Leuteküche zu tun.“ Da lief Helene

zurück an den Schrank im Flur, holte sich ein Küchenmesser, zog sich

einen Stuhl heran und griff in die irdene Schüssel. Es ging ihr gut von

der Hand, wenn sie irgendeine Arbeit begann, aber sie hatte keinerlei

Neigung zur wirtschaftlichen Betätigung und erlahmte schnell.

Auch jetzt lehnte sie sich bald zurück und sah der Schwägerin zu. Sah

auf den glatten dunklen Scheitel und die weiße, etwas niedrige Stirn,

die tief über das Gefäß gesenkt war. Sah auf die Hände, die, so gut sie

gehalten waren, die stark tätige Hausfrau verrieten.

„Sehnst du dich nie nach der Stadt?“ fragte sie plötzlich.

„Wie sollte ich, Helene? Ich bin ja gern in Rohlbeck. Ich bin doch

hier zu Hause.“ Martha hatte auf einen Moment die klaren grauen Augen

gehoben, hatte ein wenig mit dem Kopf geschüttelt: Helene tat oft gar

zu merkwürdige Fragen.

„Nun ... du bist doch aus der Stadt. Du bist doch kein Landkind.“

„Aber ich hab’ hier meine Heimat gefunden. Meine liebe zweite Heimat.“

Sie schwieg einen Augenblick. „Ich hab’ meine Kinder hier und meine

Arbeit.“

„Ja. Freilich! Arbeit hast du, von früh bis spät. Die erste im Hause

auf und die letzte in den Federn. Man müßte sich eigentlich schämen vor

dir. Man müßte --“

„Du Närrin! Mir ist’s noch nie zu viel geworden.“

Eine Weile war’s stille zwischen ihnen. Auch Helene hatte wieder in die

Schüssel gegriffen, aber sie zog die Bohnen nur spielend durch ihre

feingliedrigen langen Hände. Es war wieder, wie es oft war. Sie hätte

der Schwägerin nicht weh tun wollen -- um alles in der Welt nicht. Aber

sie einmal ein wenig aus dem seelischen Gleichgewicht zu bringen, an

ihrem ewig gleichen, schönen Maßhalten zu rütteln: das reizte sie wie

eine verbotene Frucht.

„Wilhelm bleibt diesmal fürchterlich lange in Berlin.“

„Er muß wohl.“

„Wenn ich an deiner Stelle wär’, Martha -- ich stürbe vor Sehnsucht.“

„Es stirbt sich nicht so leicht, du Kind.“

Noch immer klang die Stimme gleich gelassen. Aber die Hände ruhten doch

auf eines Atemzugs Länge am Rande der Schlüssel, und die weiße, schmale

Stirn hatte sich noch ein wenig tiefer geneigt.

„Du sagst das so: Wilhelm muß! Meine brüderliche Liebe hat an unserer

Öde hier nie besonderen Gout gefunden.“

Diesmal sah Martha voll auf. Eine leichte Röte stieg in ihr weiches

Gesicht, flutete über den klaren Teint, der vielleicht das Schönste an

ihr war, und ebbte gleich wieder ab.

„Das war nicht hübsch von dir, Helene“, sagte sie dann bestimmt. „Du

weißt es doch: die kleine Klitsche kann nicht zwei Familien ernähren,

und Wilhelm war nicht so ... nicht so vorsichtig, sich eine reiche Frau

zu nehmen. Da muß er eben Geld verdienen ... und hat’s gewiß dabei oft

schwer genug.“

„Das elende Geld!“ rief Helene. „Das herrliche, das wunderherrliche

Geld. Ach Martha ... einmal so recht in Friedrichsdore wühlen können!

Scheffelweise möcht’ ich’s haben. So reich sein wie die Rackower, ein

großes, glänzendes Haus machen, reisen, die Welt sehen ...“

„Und glaubst du, daß das glücklich macht?“

„Ja! Ja! Mich gewiß. So wie ich nun mal bin. Sieh mich nur strafend an,

nenn’ mich nur schlecht! Ich kann mich nicht ändern. Ihr alle könnt

mich nicht ändern!“ Heiß hatte sie’s herausgestoßen, mit halblauter,

mühsam verhaltener Stimme. Den rostbraunen Haarschopf warf sie zurück,

strich sich mit beiden Händen über die Schläfen. Und dann kam gleich

der Rückschlag. Die Hände sanken in den Schoß. „Aber wir sind ja hier

alle arm wie die Kirchenmäuse. Die ganze Sippe: die Golziner, die

Steckschen, die Buckschen. Grad nur die Rackower machen eine Ausnahme,

weil die Tante Marquise die Millionen hat. Sonst ... es ist ein Jammer

um den elenden märkischen Sand!“

Martha war aufgestanden. Sie setzte die große Schüssel auf den eichenen

Tisch. Nun siegte der Unwille doch über ihre Gelassenheit. „Du bist

ein rechtes Kind, Helene“, sagte sie ziemlich scharf. „Schäm’ dich,

unsere liebe Scholle zu schelten. Die ist treu, wenn sie auch karg

sein mag. Und wir müssen Treue um Treue vergelten. Geh hinüber auf den

Kirchhof, schau’ dir die alten Gräber an. Da liegen deine Vorfahren,

Reihe um Reihe, seit dreihundert Jahren. Seit dreihundert Jahren hat

das gegolten: Treue um Treue. Daß dir das die Städterin sagen muß, dir,

Helene! Schäme dich!“

Eine Sekunde stand Helene noch im Trotz. Dann flog sie der Schwägerin

jäh um den Hals und küßte sie rechts und links auf die Wangen. „Du

Gute! Du Liebe! Du Allerbeste ...“

Da trat gerade der alte Herr aus der Haustür, und als er seinen

Spätling und die Schwiegertochter in der engen Umarmung sah, lachte er

froh: „So hab’ ich euch gern. Das heißt“ -- er legte den gekrümmten

rechten Zeigefinger um den Nasenrücken -- „das heißt ... die

Überschwenglichkeit stammt natürlich von der Helene. Hat sie von der

guten Mama. Die war auch so ... gleich aus dem Häuschen ... das heißt,

damals, als wir noch jung waren. Lieber Gott ... ja ... und ist das

heut nicht ein schöner Septemberabend?“

Das letzte sagte er schon, sich umwendend, auf der Mitte der

tief ausgetretenen Treppenstufen, die von der Veranda in den

Garten hinabführten. Und ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er

weiter hinunter, den breiten sandigen Fahrweg entlang, der, von

sonnverbrannten kümmerlichen Rasenbeeten umsäumt, am Tore in den

Dorfanger mündete.

Es war die Stunde, zu der er sich seit Jahrzehnten, Sommer und Winter,

dort am Torweg mit dem Pastor ~loci~ traf. Das Wetter mußte schon

sehr schlecht sein, wenn der alte Rittmeister und Pastor Heckstein ihr

Rendezvous in die große Stube des Schlosses, wie das herrschaftliche

Haus trotz aller Einfachheit von alters her genannt wurde, oder in

das verräucherte Studierzimmer des Pfarrhauses verlegten. Wetterfeste

Greise, die sie waren. Dem Rittmeister verschlug’s nichts, mit seinen

fast siebzig Jahren bei strengster Kälte ein paar Kesseltreiben

mitzumachen, und Heckstein, der nur wenige Jahre jünger war, fuhr im

Winter regelmäßig im offenen Wägelchen ohne Pelz nach seinen beiden

Filialdörfern, Dommelt und Rackow, stand im dünnen Talar in der

ungeheizten Kirche auf der Kanzel und lachte nachher vor der Kirchtür

seinen anderen Freund und Patron Ernst Hackentin aus, wenn der

schimpfend die gewaltige Kugel seines Korpus in kostbaren Zobelpelz aus

dem gutsherrlichen Gestühl herausrollte.

Auch heut kam er pünktlich des Wegs vom Pfarrhause her, der kleine

hagere Mann im schwarzen Düffelrock mit dem schwarzen breitkrämpigen

weichen Filzhut über dem scharfkantigen bartlosen Gesicht, aus dessen

brauner Lederhaut die großen Augen hell und gutmütig, aber auch eigen

lustig und listig herausleuchteten. Er stapfte mit gemächlichen

Schritten, hob hier seinen dicken Knotenstock drollig drohend gegen den

halbwüchsigen Christian Metzger, der in der letzten Konfirmandenstunde

gedöst haben mochte und nun schleunigst Reißaus nahm; blieb dort

stehen, um einer Gänseherde, die in wohlgeordneter Marschordnung

über den Anger zog, wohlgefällig nachzuschauen, und fragte die

Frau Kantorin, die am Zaun stand, wie ihre berühmten Gravensteiner

heuer zu geraten versprächen. Da gerade die hübsche Anna Flehr, die

Kantorstochter, am selbigen Zaun Maulaffen feilhielt, so kniff er ihr

im Vorübergehen fest in die runde, rosige Backe. Für ein hübsches

Menschenkind hatte er das gleiche Verständnis wie für einen guten

Apfel, wobei ihm aber ein frisches Mädel lieber war als ein Bube und

ein duftender Gravensteiner lieber als eine schrumpliche Reinette.

Vor ihm her trottelte Waldmann, rastete, machte einen Bogen, lief

wieder ein Stückchen voraus, kam zurück, schlenkerte mit dem langen

Behang -- kurz, benahm sich höchst willkürlich. Ganz im Gegensatz zur

Diana, die haarscharf hinter dem linken Fuß ihres gestrengen Herrn

blieb, mit der feinen Nase dicht an dessen grauem Beinkleid. Und die

grundsätzlich nie von dem pastoralen Dackel Notiz nahm.

Schon von weitem grüßten sich die beiden alten Herren. Der Rittmeister

hob militärisch zwei Finger an sein Käppchen; der Pastor berührte

flüchtig die Hutkrempe.

„N’Abend, Hackentin. Wie geht’s? Wie steht’s?“

„N’Abend, Pastor. Alles gut zu Wege bei dir?“

Sie nannten sich seit achtunddreißig Jahren du; seit Heckstein den

Wilhelm getauft hatte. Mit dem stand er nun auch schon zwölf Jahre

auf du und du, seit dem Tauftage seines Ältesten. Und dem hatte

Heckstein neulich mit einem freundschaftlichen Jagdhieb eröffnet: „Na,

Junker Hans, wenn ich deinen Erstgeborenen taufe, machen wir beide

Brüderschaft. Sput’ dich nur ’n bissel, daß ich nicht zu lange warten

brauch’.“

Ein paar Augenblicke blieben die alten Freunde zwischen den Pfosten

des Torwegs stehen, zwei vierkantig behauenen, schwarzgeteerten

Eichenstämmen, jeder mit einer Vollkugel gekrönt, die gelegentlich auf

der Feldmark gefunden worden waren; Kantor Flehr, der ein Bücherwurm

war, hatte damals eine gelehrte Untersuchung angestellt, nach der sie

russischer Providenz sein sollten und aus den Julitagen 1759 stammten,

in denen General Wedel sich vor Soltykow über die Oder zurückziehen

mußte.

Der Pastor sah auf die frische Radspur. „Die Rackower waren hier. Wie

waren sie denn, Hackentin?“

„Ernst ist noch ’n bissel dicker geworden, denk’ ich. Das heißt

-- wenn’s möglich ist. Mariechen war herablassend wie immer, ganz

Marquise, hatte ein Monstrum von Krinoline an, ein Kleid mit verrückt

vielen Volants und dazu einen neuen Sonnenschirm, blaue Seide mit

Spitzen, der wohl wieder die Weiber auf zehn Meilen im Umkreis

verdreht machen wird. Das heißt -- sie nannte das Ding natürlich nicht

Schirm, sondern ~ombrelle~. Auf der Rechnung nimmt sich das

übrigens tout-egal aus, und bezahlt wird die doch sobald nicht.“

Sie zwinkerten sich, verständnisvoll lächelnd, mit den Augen zu

und bogen in die Allee von hochstämmigen Kastanien ein, die sich

längs des Gartenzauns hinzog. Langsam, behaglich schritten sie

nebeneinander her; Diana immer mit der Nasenspitze am linken Bein des

Rittmeisters, Waldmann bald voraus, bald zurück, bald stehen bleibend

und die schlanke Engländerin mit klugen Augen, halb neidisch, halb

mißachtungsvoll anschauend.

„Ja, und Ernst hat eine neue Delikatesse erfunden. ~Crêpes à la

Suzette~, glaub’ ich, nennt er das Deubelszeug. Das heißt -- es sind

Eierkuchen mit irgend ’ner Soße aus Likören, wenn ich recht verstanden

hab’. Du kannst dir ja das Rezept von ihm geben lassen. Die Pastorin

wird sich schon darauf verstehen.“

„Nee, Hackentin. Ich bleibe bei Speckeierkuchen. Wenn’s dazu langt,

will ich schon froh sein. Denn was so unsere Bauern sind -- du kennst

sie ja -- wenn die uns die Eier abliefern, wundert sich meine Guste

immer, daß Hühner überhaupt so kleine Eier legen können. Was hat Ernst

denn sonst noch erzählt?“

Der alte Rittmeister schnellte mit dem Fuß ein Steinchen zur Seite.

„Sie sind auf der Durchreise von Ems ein paar Tage in Berlin gewesen,

haben auch Wilhelm gesprochen, der wieder mal große Rosinen im Kopf

haben soll. Das heißt -- von wegen der Eisenbahnkonzession -- du

weißt ja. Die Rosinen kenne ich nachgerade, aber den Kuchen, in dem

sie gebacken werden sollen, den werd’ ich wohl nicht erleben. Na, ich

will mich nicht ärgern. Was Ernst sonst erzählte? Politik, Politik und

nochmal Politik. Unser herrlicher Landtag -- daß ihn der Deibel hole --

treibt sein Spielchen weiter, Hohenlohe macht Bücklinge, und Majestät

können zusehen, ob schließlich ’n paar Kröten von der Kammer bewilligt

werden. Das heißt -- wahrscheinlich nicht mal das. Schlechte Zeiten,

Heckstein ... hundsmiserable Zeiten. Ein altes Preußenherz möcht’ sich

am liebsten umdrehen bei dem Skandal.“

Oft zitierte der Pastor nicht Bibelworte. Die sparte er sich für

den Sonntag auf. Aber manchmal glitt ihm doch eins über die Lippen.

„Hoffnung läßt nicht zuschanden werden“, meinte er.

„Jawohl, Heckstein, ich weiß. Steht Römer fünf. Aber im Hiob steht

auch: der Menschen Hoffnung ist verloren. Siehst du ... so steht’s

um meine Hoffnung. Das heißt -- um die Armee geht’s, und wenn unser

Allergnädigster Herr nur wollte! Bloß dem Wrangel ’nen Wink geben, und

der fegte wie Anno achtundvierzig den ganzen liberalen Schwindel zum

Tempel raus. Gegen Demokraten helfen nur Soldaten. So aber frißt das

Geschwür weiter ... bis in unsere eigenen Familien hinein!“

Das war ein Punkt, auf den der Pastor das Gespräch nur ungern

lossteuern sah. Denn das ging auf Fritz Hackentin, des Rittmeisters

Zweiten, der erst Leutnant bei den Franzern gewesen war, dann zur

Themis geschworen hatte und nun als Kreisrichter in Stellberg saß. Ein

guter Junge, aber ein unruhiger Kopf. Etwas unruhiges Blut hatten die

Rohlbecker Hackentine ja alle. Das kam von den Gruckers herüber, in

denen nun mal der romantische Zug lag. Wenn man so daran dachte: als

die alte Gnädige jung gewesen war, als sie noch vierelang fuhr und

selber kutschierte --

Aber auf den Fritz durfte Hackentin nicht zu sprechen kommen. Das wurde

sonst ungemütlich, und dazu war der Abend zu schön.

Zum Glück waren sie gerade unter der letzten Kastanie angelangt. Drüben

stand der Kantor in seiner Haustür, der lange Labammel, dürr wie die

endlose Pfeife, aus der er qualmte. Kaum, daß er sie aus den Zähnen

zog, um seinen Gruß anzubringen.

„Na, Flehr, was macht der Bakel?“ rief Hackentin über die beiden Zäune

hinüber.

„Danke, Herr Rittmeister. Wie das Sprichwort sagt: Wer den Stock

fürchtet, kann nur mit dem Stock regiert werden. Man braucht ihn eben.“

„Ja, Kantor, vielleicht waren’s bessere Zeiten, als man ihn mehr

brauchte. Das heißt -- nicht bloß in der Schulstube.“

„Ich weiß nicht, Herr Rittmeister, ob das bessere Zeiten waren.“

„Vielleicht erfahren Sie’s noch.“ Hackentin wandte sich. Halblaut,

etwas unwirsch meinte er zu seinem alten Freunde: „Der ist auch schon

angesteckt, liest mit dem Grunowschen Müller zusammen die ‚Tribüne‘. Du

solltest ihm mal feste den Daumen aufs Auge drücken, Heckstein --“

„Er ist nicht der Schlechteste. Seine Bengels hält er stramm in

Ordnung, mit und ohne Rohrstöckchen, je nachdem. Sie lernen bei ihm

gerade richtig: nicht zu viel und nicht zu wenig. Und solchen Chor in

der Kirche, wie er ihn zurechtgebracht hat, wirst du im ganzen Kreise

vergeblich suchen. Von der Musika versteht er was. ‚Meine Hochachtung‘,

würde dein Schwager Grucker sagen. Na, und was die politische Gesinnung

anbetrifft, ... du kennst ja meine Ansicht: das kommt und geht. Wenn

wir ein paar Jährchen weiter sind mit Gottes Hilfe, lachen wir beide

wohl über die Aufregung von heute. Denn, weißt du, im Grunde ist alles,

was brandenburgisch ist, doch loyal bis auf die Knochen.“

Auf märkischer Erde · 第 6 / 62 题