Das tat sie denn auch. Sie war eben daran, das Regenwasser aus den

Schuhen zu gießen, als sie bemerkte, daß draußen eine kleine Grille

stand, die auf dem Rücken ihr Violinchen trug.

»Hör’, Ameischen,« hub die Grille an, »ist es erlaubt, hier

unterzutreten?«

»Nur immer herein!« erwiderte die Ameise. »Es ist mir lieb, daß ich

Gesellschaft bekomme.«

»Ich habe heute«, sagte die Grille, »im Heidekrug zur Kirmes

aufgespielt. Es ist ein bißchen spät geworden, und nun freue ich

mich, daß ich hier die Nacht bleiben kann, denn das Wetter ist ja

schrecklich, und wer weiß, ob ich noch ein Wirtshaus offen finde.«

Also trat das Grillchen ein, hing sein Violinchen auf und setzte sich

zu der Ameise. Noch nicht lange saßen sie da, so sahen sie in der Ferne

ein Lichtchen schimmern. Wie es näher kam, erkannten sie es als ein

Laternchen, das ein Johanniswürmchen in der Hand trug.

»Ich bitt’ euch,« sagte das Johanniswürmchen höflich grüßend, »laßt

mich die Nacht hier bleiben! Ich wollte eigentlich nach Moosbach zu

meinem Vetter, habe mich aber im Walde verirrt und weiß weder aus noch

ein.«

»Nur immer zu!« sagten die beiden. »Es ist recht gut für uns, daß wir

Beleuchtung bekommen.« Gern folgte das Johanniswürmchen der Einladung

und stellte sein Laternchen auf den Tisch.

Der Schein des Lichts führte ihnen bald einen Wanderer zu, der ziemlich

ungeschickt über Laub und Moos herangestolpert kam. Es war ein Käfer

von der großen Art. Ohne »Guten Abend« zu sagen, trat er ein.

»Aha!« rief er, »so bin ich doch recht gegangen, und dies ist die

Zimmergesellenherberge.« Mit diesen Worten setzte er sich, holte seinen

Schnappsack hervor und begann sein Abendbrot zu verzehren. »Ja, ja,«

sagte er, »wenn man den ganzen Tag über Holz gebohrt hat, dann schmeckt

das Essen!« Als er fertig war, stopfte er sich seine Pfeife, ließ

sich vom Johanniswürmchen Feuer geben, zündete an und fing an, ganz

gemütlich zu rauchen.

Unterdessen war es draußen ganz dunkel geworden und das Wetter

schlimmer als vorher, da traf zur allgemeinen Verwunderung noch ein

später Gast ein. Schon seit längerer Zeit hörte man in der Ferne ein

eigentümliches Schnaufen; dies kam langsam näher und näher, und endlich

erschien unter dem Pilz eine Schnecke, die ganz außer Atem war.

»Das nenne ich laufen!« rief sie. »Wie bin ich gejagt! Ordentlich

das Seitenstechen hab’ ich bekommen. Ich will nur gleich bemerken,

daß ich im nächsten Dorfe eine Bestellung zu machen habe, die Eile

hat. Aber niemand kann über seine Kräfte, besonders wenn er sein Haus

mitschleppen muß. Wenn die Gesellschaft erlaubt, will ich hier ein

Stündchen rasten; dann kann ich nachher wieder galoppieren, als gälte

es, den Dampfwagen einzuholen.«

Niemand hatte etwas dagegen, daß sich die Schnecke ein gemütliches

Plätzchen aussuchte. Da setzte sie sich vor ihre Haustür, holte ihr

Strickzeug hervor und fing an zu stricken.

So waren nun die fünfe da versammelt, als die Ameise das Wort nahm

und also sprach: »Warum sitzen wir hier so trübselig beieinander und

langweilen uns, da wir uns doch die Zeit auf angenehme Weise verkürzen

könnten? Ich habe daran gedacht, daß wir uns Geschichten erzählen

sollten, und gern würde ich selbst den Anfang machen, wenn ich nur

eine recht hübsche Geschichte wüßte. Nun ist mir aber eben etwas noch

Besseres eingefallen. Ich sehe, daß die Grille ihr Violinchen bei sich

hat. Wenn sie nicht gar zu müde ist, möchte ich sie bitten, uns ein

lustiges Stückchen zu spielen, damit wir eins tanzen können.«

Dieser Vorschlag der Ameise fand allgemeinen Beifall. Die Grille ließ

sich auch nicht lange nötigen, sondern stellte sich sogleich mit ihrem

Violinchen in die Mitte und spielte das lustigste Tänzchen herunter,

welches sie auswendig wußte, während die anderen um sie herumtanzten.

Nur die Schnecke tanzte nicht mit. »Ich bin«, sagte sie, »nicht gewöhnt

an das schnelle Herumwirbeln; mir wird zu leicht schwindelig. Aber

tanzt, soviel ihr wollt! Ich sehe mit Vergnügen zu und mache meine

Bemerkungen.« Die anderen ließen sich denn auch gar nicht stören,

sondern jubelten so laut, daß man es auf drei Schritt Entfernung hören

konnte.

Aber ach, durch welch ein furchtbares, ungeahntes Ereignis wurde ihr

Fest plötzlich unterbrochen! Der Pilz, unter welchem die lustige

Gesellschaft tanzte, gehörte leider einer alten Kröte. An schönen

Tagen saß sie oben auf dem Dache, wie die Kröten zu tun pflegen;

trat aber schlecht Wetter ein, so kroch sie unter den Pilz, und es

konnte ihretwegen regnen von Pfingsten bis Weihnachten. Diese Kröte

nun war am Nachmittag nach dem nächsten Moor zu ihrer Base, einer

Unke, gegangen, und sie hatten sich bei Kaffee und Napfkuchen so viel

erzählt, daß es darüber dunkel geworden war. Jetzt am Abend kam die

Kröte ganz leise nach Hause geschlichen. Über dem Arm hatte sie ihren

Arbeitsbeutel hängen, und in der Hand trug sie einen roten Regenschirm

mit messingener Krücke. Als sie den Jubel in ihrem Hause hörte, trat

sie noch leiser auf. So kam es, daß die Leutchen drinnen sie nicht eher

gewahr wurden, als bis sie mitten unter ihnen stand.

Das war eine unerwartete Störung! Der Käfer fiel vor Schreck auf den

Rücken, und es dauerte fünf Minuten, ehe er wieder auf die Beine

kommen konnte. Das Johanniswürmchen dachte zu spät daran, daß es sein

Laternchen hätte auslöschen sollen, um in der Dunkelheit zu entwischen.

Die Grille ließ mitten im Takt ihr Violinchen fallen, die Ameise sank

aus einer Ohnmacht in die andere, und selbst die Schnecke, die sonst

nicht leicht aus der Fassung zu bringen ist, bekam Herzklopfen. Sie

wußte sich aber schnell zu helfen: sie kroch in ihr Häuschen, riegelte

die Tür hinter sich ab und sprach zu sich: »Was da will, kann kommen!

Ich bin für niemand zu sprechen.«

[Illustration: /Das Abenteuer im Walde./]

Nun hättet ihr aber hören sollen, wie die Kröte die armen Leute

heruntermachte! »Sieh einmal an,« rief sie zornig und schwang

ihren Regenschirm, »da hat sich ja ein schönes Lumpengesindel

zusammengefunden! Ist das hier eine Herberge für Landstreicher und

Dorfmusikanten? Ich sag’ es ja, nicht aus dem Haus kann man gehen,

gleich ist der Unfug los! Augenblicklich packt ihr jetzt eure

Siebensachen ein, und dann fort mit euch, oder ich will euch schon

Beine machen!«

Was war zu tun? Die armen Leute wagten gar nicht, sich erst aufs Bitten

zu legen, sondern nahmen still ihre Sachen auf, riefen der Schnecke

durchs Schlüsselloch zu, daß sie mitkommen solle, und als auch diese

sich fertig gemacht hatte, zogen sie alle miteinander von dannen.

Das war ein kläglicher Auszug! Voran das Johanniswürmchen, um auf dem

Wege zu leuchten, dann der Käfer, dann die Ameise, dann das Grillchen

und zuletzt die Schnecke. Der Käfer, der eine gute Lunge hatte, rief

von Zeit zu Zeit: »Ist hier kein Wirtshaus?« Aber alles Rufen war

vergeblich.

Als sie ein Stück gegangen waren, merkten sie, daß die Schnecke nicht

mehr bei ihnen war. Sie riefen alle zusammen in den Wald zurück:

»Schnecke! Schnecke! Beeile dich!« -- erhielten aber keine Antwort. Die

Schnecke mußte wohl so weit zurückgeblieben sein, daß sie diese Rufe

nicht mehr hören konnte.

Die andern zogen betrübt weiter, und nach langem Umherirren fanden sie

unter einer Baumwurzel ein leidlich trockenes Plätzchen. Da brachten

sie die Nacht zu unter großer Unruhe und ohne viel zu schlafen. Waren

sie auch mit heiler Haut davongekommen, so blieb es doch immerhin

ein schlimmes Abenteuer, und die mit dabeigewesen sind, werden daran

denken, solange sie leben.

/Johannes Trojan./

Wie die Wodansmühle entstand.

In der Nähe meines Heimatdorfes, eine kleine halbe Stunde bergaufwärts,

befand sich eine schmale Waldblöße, durch welche ein Bach

dahinrauschte. Dort lagen Trümmer aller Art umher, und an der einen

Seite des Baches ließ sich so etwas wie ein alter Graben erkennen, der

gewöhnlich trocken war und nur nach schweren Gewittern oder während der

Schneeschmelze Wasser führte. Niedrige, brandgeschwärzte Mauerreste

daneben zeigten, daß hier einmal ein Gebäude gestanden hatte, und ein

runder, halbversunkener Stein mit einem viereckigen Loch in der Mitte

schien anzudeuten, daß es eine Mühle gewesen sei. Auch hieß diese

Stätte noch in meinen Kinderjahren die Wodansmühle, obwohl sogar die

ältesten Leute sich nicht erinnerten, daß es dort je eine Mühle oder

einen Müller gegeben habe.

Nur einer machte hiervon eine Ausnahme, das war mein Großvater. Der

stak voll alter Geschichten und Mären und war ein nachdenklicher Mann;

was man ihn auch fragen mochte, er wußte Bescheid. Dann erzählte er,

wie alles gewesen, und kannte und nannte es bei Ort und Namen und Zeit,

und das tat er immer in seiner eigenen, wunderlichen Weise, die einem

jeden zu Herzen ging.

Einmal fragte ich ihn, warum man denn den Ort »Wodansmühle« heiße, da

doch nirgends eine Mühle zu sehen sei.

»Dinge und Menschen vergehen,« sagte der alte Mann, »aber Namen

bleiben. Doch du sollst wissen, wie es mit der Mühle war, denn eine

Mühle hat hier wirklich einmal gestanden. Wie käme sonst der Mühlstein

in den Wald? Mühlsteine, die wild wachsen, gibt es nicht. Also höre zu!

In uralten Zeiten war drunten noch kein Dorf. Ein jeder baute sein

Haus für sich mitten in das Feld hinein, das ihm gehörte, damit er

alles hübsch nahe und beisammen habe und nicht so viele Schritte zu tun

brauche. So wohnten die Bauern einzeln und verstreut über das ganze

Land hin, gerade wie die Füchse und Dachse in ihren Gruben.

Aber ein Haus gab es, wo jetzt unser Dorf steht, das war eine

Schmiede. Schon damals kreuzten sich drunten zwei große Heerstraßen,

und wenn Züge bewaffneter Männer oder reisende Händler aus fernen

Landen mit Rossen und Wagen und Karren vorbeikamen, dann hatte der

Schmied, der auch eine Herberge hielt, alle Hände voll zu tun. Es war

ein Ort, wo man etwas sehen und hören und lernen konnte. Menschen jedes

Stammes und jedes Standes trafen hier zusammen und erzählten sich, was

Neues und Wunderbares in der Welt passiert war. Fahrende Spielleute,

die von einem Fürstenhof zum andern zogen, sangen hier oft ihre Lieder

zum Lobe großer Könige und Helden, deren Kriegsruhm damals die Welt

erfüllte.

Auch über mancherlei neue und geheime Künste berichtete man, die

jenseits des Rheinstroms oder der Alpen von fremden, dunkelhaarigen

Völkern geübt wurden. Seltsame Werkzeuge, Waffen und Münzen waren da

zu sehen, welche man in Tausch und Kampf mit den Fremden als kostbare

Schätze oder Gedenkzeichen davongetragen hatte.

Bei all solchen Gelegenheiten horchte der Schmied wohl auf,

vernahm, was gesagt, und betrachtete, was gezeigt wurde, offenen

und nachdenklichen Sinnes, wie ein verständiger Mann es tut, und

machte sich über alles seine eigenen Gedanken. So währte das Leben

in Werkstatt und Herberge den ganzen Frühling und Sommer hindurch,

bis unwegsames Wetter im Spätherbst den Verkehr hemmte, und bis der

schweigsame Schnee die weiten Lande in eine weiße Einöde verwandelte

und stöbernd gewaltige Wälle auf der Wetterseite der Schmiede aufwarf.

Dann ward es gar still da unten, und das Klappern und Klingen der

Hammerschläge erstarb, wie der Herzschlag in eines toten Mannes Brust.

In einer wilden Märznacht nun, als der Schnee bereits am Schmelzen war,

lag einmal der Schmied auf seinem Lager und lauschte im Einschlafen auf

das schurrende Geräusch der Steinblöcke, die der überschäumende Bach zu

Tal schob. Da drang es plötzlich an sein Ohr wie Heulen und Brausen.

Erst unbestimmt und aus weiter Ferne, aber rasch sich nähernd, wie auf

Fittichen des Sturmes, schwoll es an zu einem entsetzlichen, hohlen und

tiefen Getöse, untermischt mit Pfeifen, Stöhnen und einzelnen wilden

Schreien. Dazwischen erklang es wie das langgezogene nächtliche Geheul

von Hunden und wie dumpfdröhnender Hufschlag.

Der Schmied war starr vor Entsetzen. Es war, als ob der Lärm durch alle

Lücken des Hauses hereindränge und an allen Türen rüttelte, als ob

gräßliche Stimmen durch die Esse herabriefen. Da, mit einem Schlage,

hörte alles auf, es ward eine Weile totenstill, aber gleich darauf

erscholl vom Hoftor her ein lautes, ungestümes Pochen und der herrische

Ruf: ‚Auf da! Mach’ auf!‘

Der Schmied sprang von seinem Lager, eilte ans Tor und schob die

schweren Riegel zurück. Da erblickte er beim ungewissen Widerschein des

Schnees eine stolze, hochragende männliche Gestalt in weitem, wehendem

Mantel und breitem Schlapphut, und neben der Gestalt einen riesigen

Schimmel.

‚Mein Gaul hat ein Eisen gebrochen beim schnellen Ritt,‘ redete ihn

der nächtliche Reiter mit tiefdröhnender Stimme an, ‚und du sollst ihn

mir frisch beschlagen. Aber spute dich, denn mein Weg ist noch weit!‘

Damit nahm er den Schimmel beim Kopf und führte ihn in den Hof vor die

Schmiede.

Nun begann der Schmied seinen Vorrat von Hufeisen von den Pflöcken

herabzunehmen, aber alle erwiesen sich als viel zu klein.

‚Nimm dein Werkzeug und schmiede mir ein neues!‘ rief der Reiter

ungeduldig. ‚Wie du es schmiedest, wird’s recht.‘

Schweigend machte sich der Schmied an die Arbeit, schürte das Feuer,

fachte es mit dem großen Blasbalg aus Bockshaut an und schmiedete drauf

los, daß die Funken weit umherstoben: das Hufeisen paßte wie angegossen.

‚Du bist ein wackerer Meister mit dem Hammer,‘ sagte der fremde Reiter,

als der Schmied das Eisen heiß aufgenagelt hatte, ‚aber ein unweiser

Mann. Weshalb fragst du nicht?‘

‚Herr,‘ entgegnete der Schmied demütig, ‚meine Väter haben mich gelehrt,

daß es weise sei, bei der Arbeit zu schweigen und vorlaute Fragen zu

meiden, denn dieses sei die Art der Weiber. Da Ihr mir aber eine Frage

freistellt, so sagt mir, woher Ihr kommt zu so ungewohnter Stunde, und

wohin Eure Fahrt geht!‘

‚Ich komme heint von der Friesen Strand

Und fahre stracks ins Böhmerland!‘

erwiderte der Reiter. ‚Bis gestern bin ich auf Schiffen gewesen; nun

muß ich mich wieder ans Roß gewöhnen.‘

‚Wer seid Ihr, Herr?‘ war des Schmieds zweite und erstaunte Frage.

‚Der schnellste Renner würde ja zu diesem Ritt mehr als sieben Tage

brauchen!‘

Der Reiter lachte. Er warf dem Schmied das alte, zerbrochene Hufeisen

hin, sprang auf den Rücken seines Schimmels und rief: ‚Da hast du

deinen Lohn! Und damit du weißt, wessen Roß du beschlagen: ich bin der

Wode, der mächtige Führer des Geisterheeres, und brause in Sturm und

Wetter über See und Land, wo man Schlachten schlägt, und wo Männer

fallen auf dröhnender Walstatt!‘ Bei diesen Worten hufte sein Roß,

sprang über die sieben Ellen hohe Hofmauer und verschwand in der

dunklen Nacht.

Zugleich aber erhob sich von neuem das wilde, grausige Getöse. Erde

und Luft, bis zu den tiefstreichenden Wolken hinan, wimmelten von

gespenstischen Gestalten, die in rasendem Ritte vorübersausten. Voran

Weiber zu Roß mit wehenden Haaren, hinterher bleiche Krieger, die

aus offenen Wunden bluteten. Heulend sprangen Hunde dazwischen mit

funkelnden Augen und lechzenden Zungen, von denen feuriger Geifer floß,

und darüber flatterten Raben mit rauhem Gekrächze. Immer neue, wilde

Gestalten tauchten auf und drängten und schoben einander in eiligem

Zuge, unaufhörlich, endlos! Da schlugen plötzlich kreischende Stimmen

aus dem Getümmel an sein Ohr: ‚Weg frei! Platz da, oder du mußt mit!‘

Und wie von unsichtbarer Gewalt getrieben, trat der Schmied von dem

offenen Tor zurück, warf beide Flügel zu und schob die Riegel vor. Dann

brach er ohne Besinnung zusammen.

Als er zu sich kam, war es heller Morgen, und der nächtliche Spuk

erschien ihm wie ein Traum. Da sah er neben sich etwas in der Sonne

blinken. Es war das gebrochene Hufeisen, das ihm der Wode als Lohn

zugeworfen hatte, und als er es aufhob, siehe! da war es von gediegenem

Golde. Nun wußte er, daß er den gewaltigen Gott der Schlachten und

toten Heerscharen, den weisen Zauberer und Wanderer mit seinem wütenden

Gefolge selbst gesehen hatte, und verwahrte sein goldenes Hufeisen zum

Andenken an das nächtliche Abenteuer. Bald darauf aber drang auch die

Kunde ins Land, daß vier Tage nach jener Nacht im Böhmerlande eine

blutige Schlacht geschlagen worden sei.

Als der Frühling wiederkehrte und die liebe Sonne die Straßen wieder

getrocknet und wegsam gemacht hatte, nahm eines Abends ein fremder

Mann Herberge in der Schmiede. Dieser führte mancherlei dem Schmied

unbekanntes Werkzeug mit sich und sagte, er reise an den Hof eines

Königs, um dort neue Kunst auszuüben. Da nun der Schmied ihn fragte,

wozu all das seltsame Gerät nütze sei, erzählte ihm der Fremde von

einer neuen Art, Körner zu mahlen.

‚Eure Weiber‘, sprach er, ‚sind übel daran, denn sie haben viel Mühe,

jeden Tag genügend Getreide in ihren Handmühlen zu zerquetschen. Bei

uns zu Hause dagegen schütten die Leute das Korn einfach zwischen zwei

große, runde Steine, die sich schnell aufeinander drehen, nicht von

Menschenkraft getrieben, sondern von der Gewalt der Sturzbäche und

mittels eines Wasserrads. Das schafft anders, kann ich Euch sagen. Ein

Bauer braucht nur einige Tage, um für das ganze Jahr seinen Vorrat

von feinstem Mehl zu mahlen. Weise Männer aber wissen zu berichten,

diese neue Kunst stamme von dem mächtigen Gotte Wodan, auch Wode oder

Wanderer geheißen, der ein großer Zauberer ist und aller Kunst und

Weisheit Meister.‘

Sobald der Schmied dies vernahm, erzählte er dem Fremden, wie er

kürzlich den Gott leibhaftig gesehen und seinen Schimmel beschlagen

habe, und zeigte zum Beweise das goldene Hufeisen vor. Da er nun aber

auch ein kluger und unternehmender Mann war, der gern aus allem Neuen,

wenn es gut war, Nutzen zog, so ward er mit dem Fremden handelseinig,

daß er ihm eine Mühle bauen solle, und zwar ganz nach der Art, wie

Wodan es die Menschen gelehrt habe. Zum Lohn dafür versprach er ihm des

Gottes Hufeisen.

Am andern Tage zogen die beiden den Bach entlang bergaufwärts, und der

Fremde hielt die Stelle, wo das Wasser ein so starkes Gefälle hat, für

die geeignetste zu seinem Werk. Die Mühle wurde alsobald gebaut und zu

Ehren des Gottes die Wodansmühle genannt.

Späterhin, als fremde Horden aus Osten in diese Gegend hereinbrachen

und die einzelgelegenen Bauernhöfe plünderten und verwüsteten, fanden

die Leute, daß es besser sei, sich zusammenzusiedeln und in Dörfern

beieinander zu wohnen, zu Schutz und Trutz und gegenseitiger Hilfe in

Kriegs- wie in Friedenszeiten.

Da ist denn ein Streit entstanden, ob sie sich um die Schmiede oder

um die Mühle anbauen sollten. Endlich ist ein alter, erfahrener Mann

aufgestanden, der war klüger als alle anderen miteinander und hat

gesagt: ‚Die Mühle brauchen wir nur einmal im Jahre, zu der Zeit, wo

unser Korn reif ist; aber die Schmiede brauchen wir alle Tage. Laßt uns

also das Dorf um die Schmiede bauen!‘

Und so ist es denn auch geschehen, und die Schmiede steht noch heute

mitten im Dorfe, wie es recht und billig ist.«

/Rudolf Vogel./

Der Lindenbaum.

Vor längerer Zeit hielt ich mich einige Jahre hindurch in einer

kleinen Stadt auf und war dort an einen alten Herrn empfohlen, der ein

Studiengenosse meines Vaters gewesen war. In dem Hause dieses Mannes

ging ich aus und ein und genoß dort viel Freundlichkeit.

Herr Doktor Lindow war ein stattlicher und jovialer Sechziger und ein

großer Natur- und Gartenfreund, der herrliche Blumen und köstliches

Obst zog, und sein Garten, der sich in glücklicher südlicher Lage in

Terrassen zu einem kleinen See hinabsenkte, war im Sommer und Herbst

ein wahres Füllhorn köstlicher Dinge.

Am Ende des Gartens befand sich auf einer kleinen Erhöhung eine

mächtige Lindenlaube, die sich auf den stillen, von Schilf und Weiden

umkränzten See öffnete, und dort saß ich eines schönen Abends im

August in heiterem Gespräch mit dem alten Herrn, der an jenem Tage

besonders aufgeräumt war. Vor uns auf dem Tische stand eine mächtige

Schale mit köstlichen Pfirsichen, Reineclauden und Aprikosen, in den

Gläsern schimmerte eine vorzügliche Sorte von Rheinwein, und ringsum

ertönte in den stillen Abend hinein das fröhliche Getöse spielender

Kinder, der Enkel und Enkelinnen meines Gastfreundes. Unter diesen war

ein zwölfjähriger Junge, der sich durch große körperliche Gewandtheit

auszeichnete. Plötzlich hörten wir dessen Stimme aus dem Wipfel

eines Baumes, der seine Zweige wagerecht nach dem Ufer des Sees

hinausstreckte. »Großvater!« rief der Junge, »nun passe mal auf, wie

ich es jetzt schon gut kann!«

Damit war er auf einen der wagerechten Zweige hinausgerutscht und hing

plötzlich an den Knien daran, mit dem Kopfe nach unten. Zu meinem

Schreck ließ er sich dann los, griff aber geschickt in das Laub des

unteren Zweiges, daß sein Körper im Fallen sich wendete und der Kopf

wieder nach oben kam, und so von Ast zu Ast rutschend und stürzend

gelangte er, indem er rechtzeitig seinen Fall durch wiederholtes

Eingreifen in die Zweige milderte, glücklich unten an.

»Gut, mein Sohn,« rief Herr Lindow, »kannst mal herkommen!« Nachdem er

den Knaben für seine Leistung reichlich mit Obst belohnt hatte, wandte

er sich zu mir und sagte: »Eine alte Familienkunst, die ich schon von

meinem Vater gelernt habe, und die hoch in Ehren gehalten wird, seitdem

sie mir einmal einen so großen Dienst geleistet hat.«

»Welcher Art war dieser Dienst?« fragte ich etwas verwundert.

Der Doktor lehnte sich in seinen Gartenstuhl zurück und sah sinnend vor

sich hin wie einer, der sich eine Geschichte im Geiste zurechtlegt,

und sagte dann: »Sie wissen doch, daß ich als Student zu zehnjähriger

Festungshaft verurteilt worden bin?«

»Ja, gewiß!« antwortete ich. »Damals, als auch Fritz Reuter zu dieser

Strafe verdammt wurde, und aus denselben Gründen.«

»Gewiß,« fuhr Lindow fort, »allein ich hatte es in einer Hinsicht

besser als Reuter, da ich meine Zeit in der einzigen kleinen Festung

meines engeren Vaterlandes absitzen durfte, wo ich es verhältnismäßig

gut hatte. Diese war nun eigentlich gar keine Festung mehr, denn die

Außenwerke hatte man längst geschleift, und nur ein auf einem steilen

Felsen gelegenes Kastell war übriggeblieben, welches dann und wann als

Gefängnis benutzt wurde. Dort hatte ich ein ganz wohnliches Zimmer,

allerdings mit schwerer, eisenbeschlagener Tür und einem tief in die

dicke Mauer eingeschnittenen, stark vergitterten Fenster.

Ich war der einzige Festungsgefangene dort, denn mehr dergleichen

politische Verbrecher hatte das kleine Fürstentum nicht hervorgebracht,

und man ließ mir am Tage ziemlich viel Freiheit, doch wurde ich nachts

sorglich eingeschlossen. Wie sollte ich auch entkommen? An drei Seiten

fiel der Felsen wohl an die hundert Fuß steil ab, und an der vierten,

wo sich zwar ein Weg ins Tal hinabschlängelte, war mir der Ausgang

durch hohe Mauern und mächtige Tore mit Schildwachen davor genügend

versperrt.

Über Mangel an Aussicht konnte ich mich an diesem Orte freilich nicht

beklagen, denn der Felsen war ein letzter Ausläufer des am Horizonte

dämmernden Gebirges und lag als einzige wesentliche Erhöhung in einer

sanft gewellten Ebene. Aber nichts ist wohl geeigneter, die Sehnsucht

nach der Freiheit zu verschärfen, als ihr steter, ungehinderter

Anblick. Und an schönen Sommersonntagen wurde diese Sehnsucht fast zum

körperlichen Schmerz in mir, denn an solchen krabbelten auf allen Wegen

die Menschen aus dem Städtchen hervor in die freie Natur, wie Ameisen

aus ihrem Haufen. Auf der Landstraße rollten Wagen und schritten

leichtfüßige Wanderer den blauen Bergen zu. Von den Gasthäusern vor

dem Tore wehten Fahnen, während aus dem Grün der Landschaft farbige

Mädchenkleider und helle Strohhüte hervorschimmerten und bald von hier,

bald von dort eine Tanzmusik oder das Rollen von Kegelkugeln zu mir

heraufschallte. Dann kamen auch wohl leichtgeflügelte Schmetterlinge

aus der Tiefe emporgeflattert, glätteten ihre Flügel ein wenig auf dem

durchsonnten Rasen des Walles und taumelten dann sorglos weiter in die

Freiheit. Die Schwalben, die sich um das alte Gemäuer des Kastells

jagten, schossen dicht über mich hin und riefen wie zum Hohne: ‚Komm

mit, komm mit!‘

Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises · 第 4 / 21 段