Licht, das aus Amerika gekommen ist -- das Petroleum. Es brennt so
hell wie der Tag. Wirst es schon sehen!«
Er füllte die Lampe aus dem Fäßlein und zog den Zwilchstreifen durch
das glänzende Ding mit der eichelförmigen, geschlitzten Kapsel. Dann
setzte er die Bestandteile zusammen, zündete das hervorstehende Ende
des Dochtes an, stülpte das bauchige Glasrohr darüber, daß wir meinten,
so nahe an der Flamme müsse es gewiß zerspringen -- und »Nun«, sagte
er, »sollt ihr einmal sehen!«
Und wir sahen es. Es war ein gar trübes Licht, das mit seinem
schwarzen, stinkenden Rauch sogleich das Glasrohr schwärzte. Der
Kaufmann drehte an dem feinen Schräublein den Docht weiter hinauf, da
rauchte es noch mehr. Er drehte ihn tiefer nieder, da wurde es finster,
und als wir zu lachen begannen, knurrte er: »Na, mir scheint, dieser
Lampenhändler hat mich sauber angeschmiert! Aber ich hab’s doch selber
gesehen in der Stadt, wie das Zeug wunderschön brennt!«
»Versuchen wir’s einmal«, sagte mein Meister, »und tun das Glasröhrlein
ganz weg!« Aber sogleich riß er seine Finger mit einem hellen Aufschrei
davon. Als dann das Glas mittels eines Lappens entfernt war, brannte
die Flamme noch viel trüber, und das Kerzenlicht daneben zuckte nicht
ohne Schadenfreude hin und her.
Nachdem wir mit der Lampe noch allerlei versucht hatten und die Stube
endlich voll Rauch geworden war, schalt der Hausherr auf die höllische
Flamme und blies sie aus. Die Kerze brannte nun mit stiller Würde
fort, und mein Meister sagte: »Ja, ja, das sind die Ganzgescheiten
heutzutag’! Bisweilen schmiert man sie halt doch an! Die alten Leut’
sind auch keine Esel gewesen.«
»Was ist denn das für ein Öl, das Petroleum?« fragte der Geselle.
»Es soll aus der Erde herausrinnen«, erklärte der Kaufmann.
»Ja so!« rief der Geselle. »Dann wird’s freilich nichts taugen, dann
ist’s das helle Wasser.«
»Sei mir still, ich mag nichts mehr davon hören!« sagte der Kaufmann
und stellte die Lampe in den Winkel.
Nun vergingen zwei Tage. Da kam der Thomastag, und mein Meister und der
Hausherr gingen noch vor Tagesanbruch zur Frühmesse. Ich saß allein bei
der Kerze und schneiderte. Bald trat die junge Viehmagd herein, die
vorhin im Stalle die Kühe gemolken hatte, und setzte sich an meinen
Tisch, um an ihr Christtagskleid ein seidenes Schleiflein zu nähen. Da
wollten wir doch gar zu gern noch einmal die neue Lampe anzünden, da
niemand mehr im Hause war, der es uns verwehrt hätte.
So holten wir denn die neue Lampe aus dem Winkel hervor, stellten
sie sorgfältig mitten auf den Tisch und zündeten sie an. Es war aber
dasselbe trübe, rußende Licht wie das erstemal. Ich drehte den Docht
höher und tiefer und zuletzt so tief, daß er ganz in die eichelförmige
Hülse zurückging. Und nun wurde es auf einmal hell: aus dem Spalt
strahlte eine breite, blendend weiße, rauchlose Flamme hervor. Beide
erschraken wir vor dem hellen Schein, der auf Tisch und Wand und unsern
Gesichtern lag.
So sind wir ganz zufälligerweise dem Geheimnis der Wunderlampe auf
die Spur gekommen, daß man nämlich den Docht nicht in die freie Luft
hineinstehen lassen, sondern ganz in den Spalt versenken muß, wenn er
brennen soll.
Als die beiden Alten aus der Kirche zurückkehrten, rief der Hausherr
freudig aus: »Da haben wir’s ja! Wer hat’s denn fertiggebracht?«
»Der Peter«, antwortete die kleine Viehmagd, denn ich getraute mir
nicht den Mund aufzutun.
Einmal noch ist die Kerze neben der neuen Lampe angezündet worden, aber
ach, wie armselig war ihr Licht! »Schäm’ dich!« rief der Meister und
blies sie undankbar aus.
Ich wüßte aber keine andere Neuerung, die beim Landvolk so rasch
Eingang gefunden hat, wie vor vierzig Jahren die Petroleumlampe.
/Peter Rosegger./
Kurze Reise nach Amerika.
Der alte Schuhmacher Johann Matthias Palmberger war gestorben, und auf
seinem Schemel war ihm sein Sohn Andreas gefolgt. Schon etliche Tage
hatte der junge Mann, oft in tiefe Gedanken verloren, dagesessen, als
endlich eines Morgens die Mutter zu ihm herantrat und sprach: »Andres,
dir fehlt was, und ich weiß auch gar wohl, wo dich der Schuh drückt,
ohne daß du es mir zu sagen brauchst. Dir gefällt es nicht mehr in
deines Vaters Hause, und der Hoffartsteufel macht es dir zu enge. Du
möchtest ein großer Herr Schuhmacher werden, wie du sie auf deiner
Wanderschaft in Nürnberg und Frankfurt gesehen hast, und weißt doch
nicht, daß du hier wärmer sitzest als hundert andere Meister, die
keinen Knieriemen mehr an den Fuß bringen, sondern nur zuschneiden.
Aber in Gottes Namen! Willst du fort, so geh, denn halte ich dich
zurück, so bleibst du ewig unzufrieden; versuchst du’s aber, so wird es
dich bald gereuen. Andres, es ist ein großer Unterschied zwischen einer
Wanderschaft von etlichen Jahren und einem Abschied von Mutter und
Heimat auf immer!«
Andreas drehte sich halb auf seinem Schemel herum und sprach: »Mutter,
nun ich mir alles recht überlegt habe, kann ich Euch sagen, daß ich
nicht mehr hier bleibe.«
»Warum nicht, Andres?« fragte die Witwe und schien sich über seine
Rede sowenig zu wundern, als hätte er gesagt, die neuen Stiefel, an
denen er noch arbeitete, seien nun fertig, und sie könne sie noch vor
Abend dem Gastwirt unten im Dorfe bringen, der sie bestellt hatte.
»Das will ich Euch kurz sagen, Mutter«, antwortete Andreas. »Es ist
hier nichts mit der Schusterei. Was einer in diesem Neste ist, das muß
er sein Leben lang bleiben.«
»Da hast du recht«, versetzte die Mutter. »Dein seliger Vater hat wohl
an die zwanzig Knieriemen zerrissen an sich und an dir, und schließlich
hat es doch nur in seinem Lebenslauf geheißen: ‚Der ehrbare Johann
Matthias Palmberger, Altschuhmacher und Schutzverwandter dahier.‘
Nichts dahinter und nichts davor.«
»Eben darum will ich auch nach England,« fuhr der junge Schuhmacher
fort, »oder nach Amerika. Da hat schon mancher sein Glück gemacht!«
»Jawohl, sein Glück gemacht!« stimmte die Witwe dem Sohne bei. »Gerade
jetzt erzählt man wieder viel von einem Sattlergesellen aus Schneeberg
in Sachsen, -- Ackermann heißt er -- der ging über Paris nach London
in England und ward daselbst ein so reicher und angesehener Mann, daß
jetzt die Grafen und Fürsten in seinem Hause aus und ein gehen wie bei
unsereinem die Hühner. Seinen armen Freunden in Schneeberg schickt er
aber ein Geldstück um das andere.«
»Ich werde Euer auch nicht vergessen, liebe Mutter!« versicherte der
junge Mann auf dem Schemel und stellte die Stiefel des Wirts auf die
Seite, nachdem er die letzte Hand darangelegt hatte. »Ich werde Euch
schon von Zeit zu Zeit schreiben, wie es mir geht. Und wenn Ihr in
einem Briefe von mir leset: ‚Euer dankbarer Sohn, Hofschuhmachermeister
Seiner Majestät des Königs von Großbritannien, Schottland und Irland‘,
-- dann dürft Ihr Euch flugs aufmachen wie der Erzvater Jakob zu seinem
Sohne Joseph in Ägyptenland. Denn ich wollte mich Euer nicht schämen,
und wenn ich König würde!«
»Bis dahin«, versetzte die Mutter, indem sie sich mit der Schürze eine
Träne aus dem Auge wischte, »darfst du dir um meinetwillen keine Sorge
machen, denn ein neues Haus, wie wir es haben, zwei Kühe im Stall,
etliche Morgen Ackerland und eine Wiese an der Altmühl sind für ein
Witweib mehr als genug.«
Sie hatte noch nicht ausgeredet, als Andreas schon anfing, um seinen
Schemel herum aufzuräumen. Die Mutter aber wehrte es ihm und sprach:
»Lieber Sohn, das überlaß mir! Nimm nur das Handwerkszeug, das du als
Geselle auf der Wanderschaft brauchst, und schnalle dein Bündel! Der
Ranzen, den du vor drei Jahren aus der Fremde mitgebracht, ist noch
ganz gut und hängt drüben in der Kammer. Indes habe ich Zeit, dir zum
Abschied dein Leibgericht zu kochen. Denn du sollst erst gegen Abend
ausziehen und heute nicht weiter als nach Merkendorf gehen. Du möchtest
dir sonst die Füße wundlaufen.«
Und so geschah es denn auch. Andreas schnallte sein Wanderbündel, aß
sein Leibgericht mit gutem Appetit und großem Beifall, plauderte noch
ein paar Stunden mit der Mutter über dies und jenes und ging dann, von
ihr bis vor die Haustür geleitet, zum Dorf hinaus.
Die Witwe aber sprach bei sich, als sie in ihrem Stüblein allein
war: »Ich lasse alles liegen und stehen, auch seinen Schemel, denn
allzulange wird er nicht wegbleiben.« Und als eine Stunde darauf die
Nachbarin ein Paar Schuhe zum Flicken brachte, nahm sie diese ruhig an
und sagte: »Morgen abend könnt Ihr wiederkommen und sie abholen, da
werden sie fertig sein.«
Andreas aber, je weiter er ging, desto länger wurde ihm der Weg nach
England und Amerika. Schon auf den Wiesen zwischen den beiden nächsten
Ortschaften gelobte er, sich mit der Neuen Welt nicht einzulassen.
In dem großen, düsteren Mönchswalde gab er auch England auf. In dem
tiefen Sande jenseit des Waldes machte er sich schon das näher gelegene
Frankfurt zum Endziel seiner Wanderschaft. Und als er nun Merkendorf
erreichte und ihm da und dort aus den Stuben ein heimliches Abendlicht
entgegenschimmerte, wie vom Himmel die ersten Sterne, ja, da fühlte er
ganz und gar, was es heiße, Mutter und Heimat auf Nimmerwiedersehen zu
verlassen.
So kam er in die Herberge, nippte ohne großen Appetit an dem Bier,
das ihm vorgesetzt wurde, und legte sich dann todmüde zwischen die
Würzburger Fuhrleute, die auf dem Stroh in der Stube umherlagen. Sein
Wanderbündel nahm er dabei zum Kopfkissen. Dann löschte der Wirt die
mit Schmalz gefüllte Lampe aus, und die Stube blieb nur noch matt vom
Licht des Mondes erhellt.
Andreas hatte aber einen schlimmen Platz gewählt. Sein Schlafkamerad
zur Linken schien nämlich von einer Schlägerei zu träumen. Wenigstens
schlug er mit seinen großen und harten Fäusten gewaltig um sich und
traf dabei den Schuhmacher so ins Genick, daß dieser erschrocken
aufsprang und sich nach einer anderen Schlafstätte umschaute. Bald
erspähte er auch dicht an der Wand zwischen dem Fenster und der
Stubentür so etwas wie eine lange, schmale Tafel oder Bank, auf der
weiter nichts stand als ein leerer Scheffel. Nachdem er den vorsichtig
herabgenommen und auf den Fußboden gestellt hatte, hob er seinen Ranzen
hinauf und streckte sich dann selbst ganz nach seiner Bequemlichkeit
auf der vermeintlichen Tafel oder Bank aus; sie war auch gerade lang
genug für seine nicht allzu große Gestalt, obgleich sie gern etwas
breiter hätte sein können.
Wenige Minuten darauf schloß ihm ein sanfter Schlaf die Augen, und
eine liebliche Erinnerung aus seiner frühsten Jugend zog, in einen
Traum verwandelt, durch seine Seele. Es träumte ihm, er liege als
etwa achtjähriger Knabe, zum Baden entkleidet, auf dem flachen Ufer
der Altmühl und wolle sich in dem schwarzen Schlamm wälzen, um dann
seinen Kameraden plötzlich als Mohr zu erscheinen. Lange war es ihm,
als könne er über ein Brett, das ihm im Wege lag, nicht in den Schlamm
hinuntergelangen; endlich aber wich das Hindernis, und er sank bis an
den Hals in die weiche Masse hinein. Eine Weile gefiel es ihm prächtig
darin; da er sich aber mehr und mehr auf die Seite drehte, bis er
zuletzt fast auf dem Bauch lag, hörte das mollige Gefühl allmählich
auf: Mund und Nase füllten sich mit dem eindringlichen Brei, er war dem
Ersticken nahe und begann ängstlich nach Luft zu schnappen.
Darüber erwachte Andreas und erkannte nun, daß er statt in dem
Schlamm der Altmühl in einem mit Teig angefüllten Backtrog lag.
Solche langen Tröge brauchen nämlich die Gastwirte dortzulande, wenn
sie für Hochzeiten, Kirchweihen und andere Festlichkeiten Brot oder
Kuchen backen wollen. Was er träumend für ein in dem schwarzen Schlamm
liegendes Brett gehalten, war der Trogdeckel gewesen, und als dieser
schließlich aus seiner wagerechten Lage wich und umkippte, war der
Träumer samt seinem Wanderbündel in den weißen, gärenden Brotteig
hinabgeglitten.
Ehe noch Andreas seine Badewanne mit wachenden Augen gründlich
beschaut hatte, war er auch schon mit einem Sprunge heraus. Aber
was nun anfangen? Hätte er Lärm geschlagen, so würde der Zorn des
Wirts, dem er das Hochzeitsbrot verdorben hatte, und der Spott der
Fuhrleute, Dienstboten und Kinder haufenweise über ihn gekommen sein.
Er beschloß also, wie der Iltis aus dem Taubenschlag ohne Abschiedsgruß
davonzugehen, schüttelte sich, daß die Teigflocken weit umherflogen,
nahm Hut, Stock und Ranzen und ging durchs Fenster wieder hin, wo
er hergekommen war. Dabei lief er, was er nur konnte, um noch vor
Tagesanbruch zu seiner Mutter zu gelangen, und schwitzen tat er unter
seinem Überzuge wie ein Schinken, der, mit Teig umwickelt, im Backofen
schmort.
Seine Mutter hatte indessen auch nur wenig geschlafen, denn ihre
Hoffnung auf die baldige Wiederkehr ihres Sohnes war doch allmählich
etwas gesunken. So trat sie denn, als der Morgen graute, unter die
Haustür und sah den Wiesengrund hinab, der fast bis an den Mönchswald
vor ihr lag. Und es währte auch nicht lange, so erblickte sie
eine weiße Gestalt, die von unten heraufkam und einem Müller- oder
Bäckergesellen glich, bis sie endlich in dem wandelnden Teig ihren
Andreas erkannte.
Ob sie bei seinem Einzug mehr Freude oder mehr Erstaunen zeigte, war
schwer zu unterscheiden. Auch hielt sich Andreas nicht lange bei dieser
Frage auf, sondern schlüpfte aus Furcht, von den Nachbarn gesehen zu
werden, so schnell wie möglich unter Dach und Fach.
Eine Stunde darauf, nachdem er die Teigkruste abgewaschen und sich
in sein Hausgewand geworfen hatte, saß er schon wieder auf seinem
Erbschemel und flickte, als sei zwischen gestern und heute gar nichts
Besonderes vorgefallen, die Schuhe, welche die Nachbarin am vorigen
Abend hereingebracht hatte.
Fort in die Fremde begehrte er nicht mehr, sondern suchte sich nach
dem Wunsche der Mutter eine Lebensgefährtin aus und hielt nach einigen
Monaten eine große Hochzeit.
Etliche Tage zuvor aber fiel ihm der Hochzeitsteig wieder ein, den er
auf seiner Reise nach Amerika verdorben hatte, und er schickte dem Wirt
in Merkendorf zur vollen Entschädigung drei neue Kronentaler mit der
Post, jedoch ohne Namensunterschrift.
/Karl Stöber./
Wie man Diebe fängt.
An einem Juliabend im Jahre 1836 saß ein alter Seekapitän auf der
Veranda seines schönen, großen Landhauses, ein halb Stündlein von
der holländischen Stadt Haarlem. Und warum sollte er auch nicht dort
sitzen? Hatte er sich doch draußen auf See vierzig Jahre lang Wind und
Wetter um die Ohren wehen lassen, und sein Gesicht sah aus wie eine
verwitterte Felswand.
Er rauchte vom feinsten Kubatabak aus einem echten türkischen Kopf und
trank dazu langsam aus einer echten japanischen Tasse den teuersten
Mokkakaffee, dachte an seine Fahrten auf fremden Meeren und freute
sich, daß er das Seine ins trockene gebracht und nun in Frieden
genießen konnte. Denn drinnen im Hause waren allerhand rare Schätze
aus fernen Ländern aufgestapelt, und außerdem viel Silber und Gold in
schweren Truhen.
Sein Diener, ein alter Matrose, den er nach Haarlem geschickt hatte,
um Einkäufe zu machen, war zur Stunde noch nicht wieder aus der Stadt
zurück. Da nun aber die Sonne schon untergegangen war und die feuchten
Nebel heraufstiegen, so dachte der alte Mynheer: »Du willst doch in
deinem Alter nicht noch den Schnupfen kriegen«, klopfte seine Pfeife
aus, ging hinein, verschloß die Tür und legte sich bald darauf ins Bett.
Er mochte wohl so im ersten Halbschlummer liegen und von den Chinesen
träumen mit ihren Mandelaugen und langen Zöpfen, da hört er am Fenster
etwas bohren, als ob einer da hereinwolle statt durch die Haustür. Er
steht also behutsam auf und merkt auch sogleich, daß wirklich jemand
draußen unterm Fenster ist, der ihm nächtlings, und zwar unangemeldet,
einen Besuch machen will, vielleicht weniger ihm selbst als seinen
goldenen Vögeln. Da fällt’s nun dem Alten siedendheiß auf die Seele,
daß leider alle seine Säbel, Flinten und Pistolen in der Waffensammlung
am andern Ende des weitläufigen Hauses sind: er hat deshalb kein
einziges Stück, womit er sich wehren kann, und weiß zuerst nicht recht,
was er anfangen soll.
Mittlerweile ist der Dieb mit seinen Vorbereitungen fertig geworden und
hat eine Fensterscheibe aus dem Rahmen entfernt. Da aber ist auch unser
alter Seemann seinerseits bereit, ihn zu empfangen.
Er hat sich nämlich schnell besonnen, daß auf dem Tisch neben seinem
Bett eine Flasche Selterwasser steht, fest zugekorkt und oben noch mit
dem Draht darum. Schnell hat er den Draht abgenommen und hält nun den
Daumen auf den Kork, stellt sich hinter den Fenstervorhang und wartet
ab.
Eben steckt der Dieb seinen Kopf durch die Scheibe und denkt: »Wo der
durchgeht, geht auch der ganze Leib nach!« Da drückt der alte Herr an
dem Kork der Flasche, die er vorher noch tüchtig geschüttelt hat: es
knallt wie eine Pistole, und der Kork mitsamt dem Selterwasser fährt
dem Langfingrigen auf die Stirn und ins Gesicht. Der glaubt nicht
anders, als daß er zum Tode getroffen sei und das Blut ihm bereits
übers Gesicht laufe, biegt sich vor Schrecken vom Fenster zurück und
stürzt dann von der Leiter in den mehrere Fuß tiefer liegenden Hof
hinab.
Nun wußte aber der alte Kapitän aus seinem Seeleben, daß man einem
geschlagenen Feinde keine Ruhe gönnen darf. Er stieg deshalb sofort dem
Einbrecher nach, der noch betäubt am Boden lag, und band ihm den Hals
mit seinem langen Schnupftuch von echter chinesischer Seide so fest
zu, als ob’s ein Halseisen wäre. Und da der Dieb auch glücklicherweise
einen derben Strick mitgebracht hatte, womit er wohl die gestohlenen
Sachen zusammenschnüren wollte, so brauchte der Kapitän diesen, um
ihm auch noch die Hände auf dem Rücken festzubinden. Darauf machte er
seinen alten Tyras von der Kette los und brachte mit dessen Beistand
den Übeltäter noch in derselben Nacht hinein auf das Haarlemer
Polizeiamt.
[Illustration: /Wie man Diebe fängt./]
Dafür bekam er denn auch vom König von Holland ein ganz besonderes
Dankschreiben, daß er einen so gefährlichen Spitzbuben eigenhändig
eingefangen und abgeliefert hatte.
Merke drum: Das Selterwasser ist ein gut Wässerlein, und zwar nicht
bloß gegen den Durst und allerhand Krankheiten, sondern auch, um Diebe
damit zu fangen!
/Emil Frommel./
Die Grenzfichte.
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hausten in der Nähe eines
süddeutschen Dorfes zwei große Bauern, der Dohlenhamer und der
Ermansperger, jener im Tal, dieser auf der Höhe. Sie lebten zwar in
keiner tödlichen Feindschaft miteinander, allein sie hatten doch einen
eigentümlichen Streit unter sich, der nicht enden zu wollen schien.
Gerade auf der Grenze nämlich, wo ihre Ländereien zusammenstießen,
erhob sich eine tausendästige, dunkle Riesenfichte, die gewiß schon
einer der Urgroßväter gepflanzt hatte, und die im Laufe der Zeit zum
Gegenstand des Streites zwischen den beiden Großhöfen geworden war.
Noch immer stand sie von Axt und Säge unversehrt da, denn je mehr sie
wuchs, desto weniger war der eine der nunmehrigen Großbauern geneigt,
den prächtigen Bretterbaum mit dem andern gemeinsam zu fällen und
redlich zu teilen; im Gegenteil, jeder behauptete steif und fest, die
Fichte stehe auf seinem Grund und Boden und gehöre ihm allein zu eigen.
So vernünftig waren die beiden Bauern allerdings gewesen, daß sie nicht
gleich Advokaten annahmen und denen zusammen zwanzigmal mehr zahlten,
als die ganze Grenzfichte wert war. Allein tief drinnen im Herzen
schlug dennoch einem jeden der großbäuerliche Stolz und Neid.
Wenn der Dohlenhamer nun einmal Hilfe im Hause brauchte, so ging er
beileibe nicht zu seinem nächsten Nachbar, dem Ermansperger, sondern
eine schöne Strecke weiter fort, und der Ermansperger machte es
seinerseits ebenso. Natürlich herrschte die gleiche Kälte auch zwischen
ihren Weibern und Kindern, ihren Mägden und Knechten, ihren Vettern und
Basen, -- ja sogar die Hofhunde hatten zuletzt den Groll in den Nasen
und knurrten aufeinander!
Brave Männer versuchten oftmals, die starren Streithänse auszusöhnen,
aber vergebens. »Gehört mir doch die Fichte allein!« sagte jedesmal der
Dohlenhamer mit stechenden Augen und verbissenen Lippen. Aber ebenso
sprach auch der Ermansperger. So wurden denn die Friedenstifter ihrer
Liebesdienste endlich müde.
Obgleich die beiden Hartnäckigen, wie gesagt, nicht im Dorf wohnten, so
zog ihr Streit doch immer weitere Kreise, bis zuletzt auch mancher mit
hineingeriet, der es gern vermieden hätte. So ging es einst dem derben
Hufschmied, und als er sich nicht mehr zu helfen wußte, brach er in
die zornigen Worte aus: »Wenn doch nur einmal das Donnerwetter in die
vermaledeite Grenzfichte schlüge!«
Aber Jahr um Jahr verging. Ein Gewitter nach dem andern zog wie sonst
ohne Blitzschlag über Dorf und Höhe dahin, und die herrliche Fichte
streckte ihre Äste immer höher, immer breiter aus.
Nun schrieb man das Jahr 1845. Das Gesinde der beiden Großhöfe war auf
den anstoßenden Feldern mit dem Binden der Erntegarben beschäftigt.
Die feindlichen Bauern selbst standen beaufsichtigend unter ihren
Leuten. Von Zeit zu Zeit warfen sie, der Dohlenhamer von rechts, der
Ermansperger von links, einen begehrlichen Blick hinauf zur Fichte und
dann eine finster grollende Miene hinüber zum Nachbarn. Das Gesinde
merkte es und blinzelte mit händellüsternen Gesichtern; zugleich aber
beeilten sich alle unter dem kalten, scharfen Blick ihrer Herren, denn
aus Nordwest zogen über das wellige Gebirge rabenschwarze Wetterwolken
heran.
Schon standen die Weizengarben in Reih’ und Glied aufgerichtet. »So!
Jetzt heim! Geschwind!« befahl hüben der Ermansperger und drüben der
Dohlenhamer. Aber wie man sich anschickte, das Feld zu verlassen
und das schützende Dach zu gewinnen, fegte schon mit unheimlichem
Sausen eine schwefelgelbe Wolke über ihren Häuptern dahin. Ein
jäher Blitzstrahl, ein Donnerkrach, als hätten Riesenfäuste tausend
Planken mit einem Male entzweigebrochen, und -- von der verwünschten
Grenzfichte lag die rechte Hälfte auf dem Felde des Dohlenhamer und
die linke auf dem des Ermansperger. Vom Gipfel bis zur Wurzel war sie
unparteiisch gespalten und geteilt.
Die beiden Großbauern standen starr vor Schrecken und bekreuzten sich.
Dann traten sie zur Grenzfichte heran und blickten erstaunt in das Werk
des feurigen Schiedsrichters. »Da liegt nun, was jedem gehört!« sagte
der Dohlenhamer ernst und streckte seinem Nachbarn die Hand hin.
»Das war der drohende Finger Gottes: unser Streit ist entschieden!«
sprach der Ermansperger sichtlich bewegt und ergriff die dargebotene
Rechte.
»Da hat der Blitz den Richter gemacht!« erzählten sich nun alle und
dachten dabei an die Worte des Dorfschmieds. Noch heute aber lebt
das seltsame Gewitter fort im Gedächtnis und Munde des Volks, das
Ermansperg und Dohlenham umwohnt.
/Joseph Schlicht./
Das Abenteuer im Walde.
Es regnete, was vom Himmel herunterwollte. Die Tannen schüttelten den
Kopf und sagten zueinander: »Wer hätte am Morgen gedacht, daß es so
kommen würde!« Es tropfte von den Bäumen auf die Sträucher, von den
Sträuchern auf das Farnkraut und lief in unzähligen kleinen Bächen
zwischen dem Moose und den Steinen. Am Nachmittag hatte der Regen
angefangen, und nun wurde es schon dunkel, und der Laubfrosch, der vor
dem Schlafengehen noch einmal nach dem Wetter sah, sagte zu seinem
Nachbar: »Vor morgen früh wird es nicht aufhören.«
Derselben Ansicht war eine Ameise, die bei diesem Wetter durch den
Wald mußte. Sie war am Vormittag mit Eiern in Tannenberg auf dem Markt
gewesen und trug jetzt das dafür gelöste Geld in einem kleinen, blauen
Leinwandbeutel nach Hause. Bei jedem Schritt seufzte und jammerte
sie. »Das Kleid ist hin,« sagte sie, »und der Hut auch! Hätt’ ich nur
den Regenschirm nicht stehenlassen, oder hätt’ ich wenigstens die
Überschuhe angezogen! Aber mit Zeugschuhen in solchem Regen ist gar
kein Weiterkommen!«
Während sie so sprach, sah sie gerade vor sich in der Dämmerung einen
großen Pilz. Freudig ging sie darauf zu. »Das paßt,« rief sie, »das
ist ja ein Wetterdach, wie man es sich nicht besser wünschen kann.
Hier bleib’ ich, bis es aufhört zu regnen. Wie es scheint, wohnt hier
niemand -- desto besser! Ich werde mich sogleich häuslich einrichten.«