seinem Lebensunterhalt genügte, so hatte er sich auf die Musik verlegt,
die er sozusagen von seinem Vater ererbt hatte, denn der war ein Böhme
gewesen, und die Böhmen sind ja alle von Natur musikalisch.
Vor unserm Geiger, der sich manchmal zur Stütze an den Baumstamm
lehnte, saß aufrecht und mit des Invaliden Hut im Maule sein treuer
Pudel, um etwaige hingeworfene Geldstücke einzusammeln. Bis zur späten
Nachmittagstunde jedoch war der Hut noch ganz leer, und wenn es so
weiterging, mußten Herr und Hund sich ohne Abendbrot schlafen legen.
Da trat aus der vorbeiwogenden Menge ein fein gekleideter Herr hervor,
der den Alten schon eine Zeitlang beobachtet hatte, drückte ihm ein
Goldstück in die Hand und sprach freundlich, aber in gebrochenem
Deutsch: »Leiht mir doch Eure Geige auf ein Stündchen! Ihr seid schon
müde, und ich bin noch frisch.«
Mit einem Blick des Dankes reichte der Geiger sein Instrument dem
Fremden, denn was dieser wollte, konnte er sich wohl denken. Auch
war die Geige keine von den schlechtesten, und nachdem der Herr sie
ordentlich gestimmt hatte, klang sie fast glockenrein.
»Jetzt, Kollege,« sprach er endlich, »will ich den Leuten eins
aufspielen, und Ihr mögt das Geld annehmen.« Damit fing er an zu
spielen, daß der Alte neugierig die Geige betrachtete und meinte, es
sei seine eigene gar nicht mehr, so hell und voll, so freudig und dann
wieder so traurig und klagend quollen die Töne aus ihr hervor.
Nun blieben auch die Vorübergehenden stehen und wunderten sich des
seltsamen Schauspiels. Selbst die Kutschen der Vornehmen hielten an,
und bald regnete es nicht nur Kupfer, sondern auch Silber und Gold in
den Hut, so daß der Pudel ihn nicht mehr halten konnte und vor Ärger
oder Vergnügen zu knurren begann.
»Macht den Hut leer!« riefen die Leute dem Invaliden zu. »Er wird
leicht noch einmal voll.« Das tat der Alte denn auch, und richtig! bald
mußte er ihn zum zweiten Male in den Sack leeren, in welchem er seine
Violine zu tragen pflegte.
Der Fremde aber stand da mit leuchtenden Augen vor der ungeheuren
Menschenmasse und entzückte mit seinem Spiel aller Herzen. Ein Bravo
folgte dem andern, und keiner wich vom Platze.
Als nun aber des Invaliden Kollege schließlich in die Melodie der
österreichischen Nationalhymne »Gott erhalte Franz, den Kaiser!«
überging, da flogen Hüte und Mützen von den Köpfen, und ein jeder sang
das Lied bis zu Ende mit. Rasch gab der Unbekannte dann die Geige dem
Alten zurück und verschwand, ehe dieser ihm noch ein Wort des Dankes
sagen konnte.
»Wer war das?« rief das Volk.
Da trat ein Herr vor und sagte: »Ich kenne ihn wohl, es war der
berühmte Alexander Boucher, der hier seine Kunst im Dienste der
Barmherzigkeit übte. Laßt uns aber auch seinem edlen Beispiel folgen!«
Damit nahm er seinen eigenen Hut, ging herum und sammelte noch einmal,
und aufs neue flogen die Geldstücke hinein. Dann rief er laut: »Boucher
lebe hoch!« »Hoch! hoch! hoch!« rief das Volk, und der alte Musikant,
dem die Tränen in den Augen standen, faltete die Hände und sprach ein
inbrünstiges Gebet für seinen Kollegen.
/W. O. von Horn./
Das Gegengeschenk.
Ein großer Herr hatte sich einmal im Walde verirrt und kam gegen Abend
an die Hütte eines armen Köhlers. Der war selbst über Land, und die
Frau kannte den gnädigen Herrn nicht, doch beherbergte sie ihn, so gut
sie konnte, setzte ihm von ihren besten Erdäpfeln vor und sagte, er
müsse leider auf dem Heuboden schlafen, denn es sei nur ein einziges
Bett im Hause.
Da nun aber der große Herr auch großen Hunger mitgebracht hatte und
todmüde war, so schmeckten ihm die Erdäpfel so gut wie die frischesten
Eidotter, und auf dem duftenden Heu schlief er besser als auf den
weichsten Daunen. Das rühmte er denn auch gegen die Frau, als er sich
am nächsten Morgen wieder auf den Weg machen wollte, und schenkte ihr
dabei ein Goldstück, welches sie zum Andenken behalten solle.
Sobald der Köhler heimkehrte, erzählte ihm seine Frau von dem vornehmen
Gast und zeigte ihm das Geschenk. Aus der Beschreibung, die sie ihm
von dem hohen Herrn machte, schloß der Köhler ganz richtig, daß es der
Fürst des Landes gewesen war, und sagte: »Es freut mich ungemein, daß
ihm die Erdäpfel wie Eidotter geschmeckt haben, doch ein Wunder ist es
nicht, denn bessere wachsen nirgends auf der Welt als hier in unserm
sandigen Waldboden. Allein ein Goldstück für ein bescheidenes Abendbrot
und eine Nacht auf dem Heuboden, das ist allzuviel! Ich will mich
nächster Tage aufmachen und dem Fürsten einen ordentlichen Korbvoll
Erdäpfel bringen; er wird sie wohl nicht ausschlagen.«
Es dauerte keine acht Tage, so stand auch der Köhler in seinem
Sonntagsrock und mit dem Korb in der Hand vor dem fürstlichen Schloß
und begehrte Einlaß. Anfangs wollten ihn die Schildwachen und Lakaien
nicht durchlassen; er kehrte sich aber wenig daran und sagte, sie
sollten dem Fürsten nur melden, daß er ja nichts von ihm begehre,
sondern etwas bringe, und wer etwas bringe, der sei doch überall
willkommen.
So kam er denn auch wirklich in den Audienzsaal und sprach: »Gnädiger
Herr, Ihr habt neulich bei mir zu Hause geherbergt und eine Schüssel
Erdäpfel nebst einem Nachtlager auf dem Heu mit einem Dukaten bezahlt.
Das war zuviel, obschon Ihr ein großer Herr seid. Darum bringe ich Euch
noch ein Körbchen von den Erdäpfeln, die Euch wie frische Eidotter
geschmeckt haben. Mögen sie Euch wohl bekommen, und wenn Ihr wieder
einmal bei uns einkehrt, so stehen Euch noch mehr zu Diensten.«
Die Einfalt und Herzlichkeit des guten Mannes gefielen dem Fürsten gar
sehr, und weil er auch gerade bei guter Laune war, schenkte er ihm
einen Hof mit dreißig Acker Land.
Nun hatte aber der Köhler einen reichen Bruder, der neidisch und
habsüchtig war. Als dieser von dem Glück des Köhlers hörte, dachte
er: »Das könnte mir auch blühen. Ich hab’ ein Pferd, das dem Fürsten
gefällt; doch meinte er neulich, als ich sechzig Dukaten dafür
forderte, es sei ihm zu teuer. Jetzt geh’ ich hin und schenk’ es
ihm, denn hat er dem Bruder einen Hof mit dreißig Acker Land für ein
Körbchen Erdäpfel geschenkt, so wird mir gewiß noch ein viel größeres
Gegengeschenk zuteil.«
Da nahm er das Pferd aus dem Stall und führte es stracks vor das
fürstliche Schloß, ließ seinen Knecht damit halten und drängte sich
geradeswegs durch die Schildwachen und Lakaien in das Audienzzimmer.
»Fürstliche Gnaden,« sagte er, »ich weiß, daß Euch mein Pferd neulich
in die Augen gestochen hat. Für Geld hab’ ich es damals nicht lassen
wollen, aber seid jetzt so gnädig und nehmt es zum Geschenk von mir an!
Es steht schon draußen vor dem Schloß und ist ein so stattliches Tier,
wie Ihr kaum eins in Eurem Marstall habt.«
Der Fürst merkte sogleich, wo der Hase hüpfte, und dachte bei sich:
»Warte nur, du Gaudieb, dich will ich bezahlen!«
»Ich nehme Euer Pferd von Herzen gern an, lieber Mann,« sprach er,
»obgleich ich kaum weiß, was ich Euch dafür zum Gegengeschenk geben
soll. Doch es fällt mir eben ein, daß ich ein Körbchen Erdäpfel stehen
habe, die wie frische Eidotter schmecken und mir einen Hof mit dreißig
Acker Land gekostet haben. Damit ist Euer Pferd reichlich bezahlt, ich
hätte es ja neulich für sechzig Dukaten haben können.«
Darauf ließ der schlaue Herr dem Manne das Körbchen mit Erdäpfeln
reichen und entließ ihn in Gnaden. Das Pferd aber ward in den
fürstlichen Marstall geführt.
/Karl Simrock./
Wie der alte Hermesbauer gestorben ist.
Auf einer kleinen Anhöhe liegt der Hermeshof und schaut weit ins stille
Tal nach Zell hinab bis zur Wallfahrtskirche. In diese war der alte
Bauer, solange er noch gesund war, manchen Samstag gewandelt »der
Mutter Gottes zuliebe«, und als er krank und kränker ward, hatte er
manchmal seine Kinder in die Kapelle hinabgesandt, damit sie um eine
glückliche Sterbestunde beteten. Der Kaplan von Zell aber brachte ihm
öfters die heilige Wegzehrung. Darum fürchtete der Hermesbauer das
Sterben auch nicht.
Es war ein heißer Sommertag, als der Sensenmann auf dem Hermeshof
anklopfte, um den Bauer zu seiner Frau, die schon seit Jahren auf
dem Kirchhofe von Zell ruhte, abzuholen. Die Kinder, alle erwachsen,
umstanden das Sterbelager des Vaters. Drunten im Tal arbeiteten Knechte
und Mägde, um die Weizenernte heimzubringen. Drüben von der Kinzig her
zog ein Gewitter dem Tale zu. Schon rollte der Donner in der Ferne.
»Der Himmel selbst flammt auf, wenn Fürsten sterben«, sagt Shakespeare,
und ein deutscher Hofbauer ist auch ein Fürst. Er war es wenigstens
noch zu Zeiten des alten Hermesbauern. Der hörte im Sterben die Stimme
des kommenden Wetters und wußte, daß die Ernte drunten lag am Fuße des
Hügels.
»Ich kann allein sterben«, hub der Alte zu seinen Kindern zu reden an.
»Helft ihr drunten den Leuten Garben binden und sorgt für euer Brot zur
Winterszeit! Ich brauch’ keins mehr, ich wart’ auf den Winter drunten
im Gottesacker.«
Hinter dem uralten Kasten in der Sterbekammer stand eine alte, lange
Flinte, im Hause von jeher nur »der Brummler« genannt. Schon der Urahn
des Sterbenden hatte mit dem Brummler das Neujahr und die Kirchweih ins
Tal hinuntergeschossen. Mit ihm wollte auch der sterbende Hermesbauer
seinen Tod ansagen. »Legt mir den Brummler«, so sprach er weiter,
»geladen unters Kammerfenster und bindet ans Schloß eine Schnur! Die
gebt ihr mir in die Hand.« So geschah es, und alsdann redete der Alte
weiter: »So, jetzt geht ihr hinab und helft Garben binden, und der
Vater wartet auf den Tod. Wenn der kommt, zieh’ ich die Schnur am
Brummler. Wenn ihr den im Tal drunten hört, dann kniet nieder und betet
ein Vaterunser und ‚Herr, gib ihm die ewige Ruhe!‘ -- denn euer Vater
ist tot. Und jetzt behüt’ euch Gott! Bleibt brav, wie Vater und Mutter
es gewesen sind!«
Nun gab er jedem seiner Kinder die Hand zum Abschied und mahnte sie zur
Eile mit den Worten: »Aber jetzt geht schnell, ’s donnert schon wieder.«
Der Alte hatte allezeit seinen Willen, fest wie Eisen. Sein letzter
Wille aber war heute wie Diamant. Die Kinder, immer gewohnt, ihm zu
folgen, gehorchten auch hier. Weinend gingen sie den Hügel hinab, und
unter Tränen banden sie ihre Garben. Tränenden Auges schauten sie von
Zeit zu Zeit von der Arbeit hinauf zum Hermeshof, ob sie nicht vor dem
Donnern des Himmels den Brummler überhört hätten.
Eben war die letzte Garbe gebunden und geladen, da fuhren Blitz und
Schlag übers Tal hin. Eine plötzliche Stille folgte dem Zucken und
Rollen vom Himmel her -- da fällt ein Schuß vom Hof herab: der Brummler
gibt das Todessignal des Vaters. Neben dem Erntewagen knieen die Kinder
und beten ein Vaterunser und »Herr, gib ihm die ewige Ruhe, und das
ewige Licht leuchte ihm!«. Dann fahren sie ihre Garben den Berg hinauf
ins Vaterhaus. Der Vater ist tot, da sie seine Stube betreten. Die
Ernte ist daheim, und der Vater auch.
/Heinrich Hansjakob./
Bruder Klaus und die treuen Tiere.
Es war einmal ein frommer Einsiedel, den die Leute Bruder Klaus hießen.
Im Schatten alter Eichen auf einer Waldwiese stand seine Zelle,
und drei Kameraden teilten mit ihm den engen Raum, ein Fuchs, ein
Waldkater und ein Hase. Er hatte die Tiere von ihrer frühsten Jugend an
aufgezogen, und da war es ihm nicht schwer geworden, sie so aneinander
zu gewöhnen, daß sie wie Geschwister aus /einer/ Schüssel aßen und
auf /einem/ Lager schliefen.
Bruder Klaus lebte gerade nicht schlecht. Die umwohnenden Bauern
versorgten ihn reichlich mit Speise und Trank, und daher litten auch
die drei Tiere keinen Mangel.
Aber es kamen schlimme Zeiten. Mißwachs und Hagelschlag hatten die
Erntehoffnung zunichte gemacht, und die Liebesgaben der Landleute
flossen spärlich. Am Ende, als der bleiche Hunger durch die Dorfgassen
schlich, blieben die Spenden ganz aus, und der arme Einsiedel sah sich
auf die Früchte des Waldes angewiesen. Aber die Holzäpfel und die
Schlehen wollten ihm gar nicht behagen, und er magerte sichtlich ab.
Die Not ihres Herrn ging den drei Tieren sehr zu Herzen, zumal da sie
selber unter dem Mangel schwer zu leiden hatten. Am besten noch befand
sich der Hase, denn in der Umgebung der Einsiedelei wuchs Gras und Klee
in Menge, aber Kater und Fuchs vermißten schmerzlich die fetten Bissen,
die ihnen Bruder Klaus vordem gereicht hatte, und sie begannen, den
Hasen mit scheelen Augen anzusehen.
Eines Tages, als der letztere im Bergklee seine Mahlzeit hielt, traten
Fuchs und Kater vor den Einsiedel, und der Fuchs hub also an zu
sprechen:
»Lieber Vater! So kann es nicht länger fortgehen. Allzulange schon
entbehrst du kräftiger Nahrung, und die Kutte schlottert bedenklich
um deinen abgezehrten Leib. Wie wäre es, wenn wir den Langgeöhrten
schlachteten und brieten? Ein saftiger Hasenrücken würde dir guttun,
und überdies ist es ja der Hasen Bestimmung, in der Pfanne zu schmoren.«
So sprach der Fuchs. Aber Bruder Klaus runzelte die Stirn und sprach
zürnend:
»Mitnichten, du Arger! Der Hase hat, wie ihr beide auch, Salz und
Brot mit mir gegessen. Ferne sei es von mir, das heilige Gastrecht in
schnöder Weise zu verletzen! Hebet euch weg!«
Jetzt ergriff der Waldkater das Wort und sprach schmeichelnd: »Deine
Rede, mein Vater, klingt lieblich wie Harfensaiten und Schalmeien.
Wie aber, wenn der Hase selbst sich erböte, den Opfertod für dich zu
leiden?«
»Dann freilich -- -- --« sprach Bruder Klaus und zog die Schultern in
die Höhe. »Aber das wird der Hase wohl bleibenlassen.«
Mit diesen Worten entließ er die Tiere.
Am andern Morgen, als der Einsiedel eine Wassersuppe genossen und sein
Glöcklein geläutet hatte und ausruhend auf der Steinbank vor der Tür
saß, kamen Fuchs, Kater und Hase heran, stellten sich vor der Bank auf
und verneigten sich. Dann nahm der Fuchs das Wort:
»Bruder Klaus, du bist uns allezeit ein gütiger Herr gewesen und hast
jeden Bissen mit uns geteilt. Darum halten wir es für unsere Pflicht,
dir jetzt, da du Not leidest, nach Kräften beizustehen und dein teures
Leben zu fristen. Es ist notwendig, daß du Fleischnahrung zu dir
nehmest. Vergönne mir, mein Vater, daß ich für dich in den Tod gehe!
Hier stehe ich. Tu mit mir nach deinem Gefallen!«
[Illustration: /Bruder Klaus und die treuen Tiere./]
Da sprach der Waldkater: »Freund, du sprichst wie ein Tor. Weißt du
nicht, daß Fuchsfleisch eine höchst ungesunde Speise ist? Willst du
unsern Wohltäter vor der Zeit unter den Rasen bringen?«
Der Fuchs seufzte tief auf. Bruder Klaus aber sprach gerührt: »Lebe, du
treues Tier, und freue dich deines Lebens!«
Darnach erhob der Kater seine Stimme: »Wenn schon einer von uns sein
Leben lassen soll, so will ich der eine sein. Herr, nimm mein Opfer an,
ich bitte dich!«
»So?« sprach der Fuchs. »Glaubst du etwas Besseres zu sein als ich --
du, ein fleischfressendes Krallentier? Nein, Herr, das Fleisch dieses
Maushundes, dem die Knochen allenthalben hervorstehen wie die Dornen am
Schlehbusch, darfst du nimmermehr genießen!«
»Geh hin, mein Freund!« sprach Bruder Klaus zu dem Kater. »Der Wille,
nicht die Gabe macht den Geber. Ich danke dir. Dein Opfer nehme ich
nicht an.«
Jetzt, meinte der Hase, dürfe er, ohne sich den Vorwurf des Undanks
zuzuziehen, hinter seinen beiden Gesellen nicht zurückbleiben, zumal da
er nicht zu befürchten habe, beim Wort genommen zu werden. Er verneigte
sich also vor dem Einsiedel und sprach:
»Wenn ich auch zuletzt komme, so ist doch mein Eifer dir zu dienen
nicht geringer als der meiner Kameraden. Nimm mich hin, ehrwürdiger
Vater! Ich sterbe gern für dich.«
Da fuhr Bruder Klaus mit dem Ärmel seines härenen Gewandes über die
feuchten Augen, beugte sich zu dem Hasen nieder und ergriff ihn bei den
Ohren.
»Dir werde dein Wille, du treues Tier!« sprach er und trug den Hasen in
die Klause.
Nach einiger Zeit kam er zurück und hängte den blutigen Hasenbalg
auf einen Pfahl seines Zaunes zum Trocknen auf. In seinen Augen aber
leuchteten Tränen der Rührung.
Am Abend gab es in der Klause Hasenpfeffer und am nächsten Mittag
Hasenbraten mit Kraut, und unter dem Tisch saßen Fuchs und Kater und
labten sich an den Knöchelchen, welche der Einsiedel den treuen Tieren
zuwarf.
/Rudolf Baumbach./
Der bekehrte Stiefelknecht.
In der Amtsstube des Amtmanns stand ein Stiefelknecht, der brummte
unzufrieden vor sich hin: »Es ist doch ein jämmerlich Ding um das
Leben, wenn man immer so im Winkel stehen und auf die Herren Stiefel
warten muß! Und wie beschmutzt kommen sie oft an, wie grob behandeln
sie mich armen Knecht! Wenn ich den einen ausziehe, so tritt mich der
andere. Ja, die Stiefel haben’s gut, die bekommen die Welt zu sehen.
Während ich hier in der dunklen Ecke stehe, gehen sie im Sonnenschein
spazieren, und wenn sie müde heimkommen, dann heißt’s: ‚Stiefelknecht
her!‘, und ich muß die großen Herren ausziehen, sie aber machen sich’s
bequem.«
Die Stiefel, denen diese Rede galt, gehörten dem Schreiber. Er hatte
sie ausgezogen und an die Wand gestellt, denn in der Amtsstube trug
er lieber ein Paar weiche Schlappschuhe an den Füßen. Bei der Rede
des unzufriedenen Stiefelknechts machten beide Stiefel lange Schäfte,
gerade wie die Menschen bei anzüglichen Reden anderer Leute lange
Gesichter zu machen pflegen.
Da stieß der Stiefel des rechten Beines den Stiefel des linken Beines
an und sprach: »Hast du’s gehört, Bruder? Der dumme Stiefelknecht
nennt uns Herren und meint, wir hätten’s gut, weil er nicht weiß,
wie gut er selber daran ist. Der Lump hat den leichtesten Dienst von
uns allen. Aber wir, wir werden den ganzen Tag durch dick und dünn
gejagt. Im Sommer ersticken wir fast vor Staub, im Winter frieren wir
steif im Schnee, und wenn’s regnet, ersaufen wir fast. Und dann --
ach! das Pflaster und all die scharfen Steine, die auch kein Erbarmen
kennen! Ich möchte nur wissen, wieviel Haut sie mir heute schon wieder
abgekratzt haben, denn ich glaube wahrhaftig, ich bin jetzt unten
beinah durchsichtig geworden. Es ist ein mühseliges Leben, wenn man
immer den Diener spielen muß.«
Der Stiefelknecht horchte auf.
»Bruder,« sprach jetzt der Stiefel vom linken Bein zu dem Stiefel vom
rechten Bein, »das ewige Treten wollte ich mir noch gefallen lassen,
aber das Rumpeln mit der Bürste am Abend oder am frühen Morgen, das
verdrießt mich am meisten. Ich möchte bloß wissen, warum wir bei
all unserm Elend auch noch glänzen sollen. Da hat’s unser Herr, der
Schreiber, gut. Dort sitzt er bequem auf seinem Bock und schreibt. Wenn
ich doch auch ein Schreiber wäre!«
»Das meine ich auch«, seufzte der Stiefelknecht.
Der Schreiber spritzte seine Feder aus, reckte sich ein wenig und
seufzte: »Gottlob, daß wieder ein Tag vorbei ist! So ein Schreiber hat
doch das jämmerlichste Leben. Was ist er anders als ein armseliger
Federknecht? Da lob’ ich mir’s, wenn man sein eigener Herr ist, wie der
Amtmann. Der arbeitet nur, wenn er Lust hat, und wird alle Tage dicker.
Ich habe die Plackerei satt. Ja, wäre ich doch auch Amtmann!«
Er zog seufzend die Stiefel an und steckte die Schlappschuhe in die
Tasche seines fadenscheinigen Rockes. Da trat der Herr Amtmann ein und
sagte brummig: »Du kannst nach Hause gehen, es ist Feierabend. Du weißt
gar nicht, wie gut du’s hast.«
»Der höhnt auch noch«, dachte der Schreiber, machte einen ungeschickten
Bückling und ging, und die Stiefel knarrten.
Der Amtmann ging in seine Wohnstube zurück. Weil er aber die Tür offen
stehen ließ, konnte der Stiefelknecht alles hören, was darin vorging,
und bald hörte er auch den Amtmann im tiefsten Baß brummen: »Da läuft
er hin, der lockere Schreiber. /Das/ Volk hat’s gut! Nun setzt er
sich zu einem Glase Bier und schmaucht in aller Ruhe seine Pfeife. Und
ich? Bis morgen soll die Arbeit fertig sein. Da liegt sie, noch kaum
angefangen. Was nur der Herr Minister denkt! Immer mehr Arbeit und
keinen Heller Zulage! Der Geier hole solchen Dienst! Ach, wenn ich doch
mein eigener Herr wäre! Ja, ja, der Minister hat gut befehlen.«
»Sonderbar!« dachte der Stiefelknecht. »Der Dicke klagt auch.«
Da pochte es an der Tür. »Herein!« rief der Amtmann. Es war sein
Hausarzt.
»Gut, daß Sie kommen, Herr Doktor«, sagte der Amtmann. »Ich befinde
mich gar nicht wohl und muß noch die Nacht hindurch arbeiten. O der
Dienst, der Dienst!«
Der Doktor befühlte des Amtmanns Puls und besah ihm die Zunge; dann
sagte er: »Legen Sie sich schlafen, bester Freund! Ihnen fehlt weiter
nichts als Ruhe.«
»Jawohl, schlafen!« brummte der Amtmann. »Doktorchen, Sie haben’s gut.
Sie sind Ihr eigener Herr.«
Der Doktor hielt sich den Bauch vor Lachen und rief: »Ich mein eigener
Herr? Aller Welt Diener bin ich. Tag und Nacht läßt man mir keine
Ruhe. Glauben Sie mir, lieber Freund, der Arzt ist die geplagteste
aller Kreaturen. Ja, wenn ich mein eigener Herr wäre! So viele Kranke
es in der Stadt gibt, so viele Herren habe ich, und Herrinnen dazu, und
ich sage Ihnen, gerade die Herrinnen verstehen’s am besten, mich zu
quälen!«
Der Doktor ging, und der Stiefelknecht dachte: »Wieder ein Knecht mehr.
Ich bekomme viel Gesellschaft.«
Da klopfte es wieder, und der Herr Minister trat herein und
entschuldigte sich höflich, daß er noch so spät komme.
»Endlich mal ein wirklicher Herr!« dachte der Stiefelknecht bei sich.
»Mein lieber Herr Amtmann,« sprach der Minister, »schaffen Sie mir
gefälligst bis morgen früh die Schriftstücke, welche auf diesem
Bogen hier verzeichnet stehen; ich brauche sie notwendig. Ich komme
eben vom Fürsten; er ist in der übelsten Laune, und ich habe einen
schweren Stand mit ihm gehabt. Am liebsten hätte ich sogleich mein
Abschiedsgesuch eingereicht, dann wäre ich mein eigener Herr.«
Bei diesen Worten horchte der Stiefelknecht hoch auf.
»Aber es geht nicht«, fuhr der Minister fort. »Ich darf den Fürsten,
meinen allergnädigsten Herrn, nicht im Stich lassen.«
»Was ist denn geschehen?« fragte der Amtmann erschrocken.
»Ach!« seufzte der Minister, »wir sollen Geld schaffen, viel Geld, und
alle Kassen sind doch leer. Glauben Sie mir, kein Mensch hat’s so sauer
wie ein Minister!«
»Aber wozu brauchen wir denn Geld?« fragte der Amtmann. »Sollen wir
etwa Zulage erhalten?«
»Zulage?!« rief der Minister. »Nein, sicher nicht! Eher könnte es
Abzüge geben! Der Krieg ist vor den Toren, das Heer wird auf den
Kriegsfuß gesetzt, und dazu braucht der Fürst Geld, Geld und wiederum
Geld! Der arme Herr hat keine ruhige Stunde mehr, die Sorgen lassen ihn
nicht schlafen. Kurz, es ist eine böse Zeit.«
Der Minister seufzte, der Amtmann seufzte auch; der Stiefelknecht aber
seufzte nicht. Er hatte alles mit angehört und lachte nun in sich
hinein: »Knechte, lauter Knechte! Nicht einmal der Landesfürst ist sein
eigener Herr!«
Und von dieser Stunde an war der Stiefelknecht mit seinem bescheidenen
Lose zufrieden und diente den Herren Stiefeln als geduldiger Knecht.
/Julius Sturm./
Die Wunderlampe.
Bei den Bauern oben in den Bergen wurden wir Schneider für die langen
Winterabende zumeist mit Spanlicht bedient. Das war ein ehrliches,
gesundes Licht und uns lieber als Kerzenlicht.
Wenn wir den ganzen, langen Abend bei solchen Unschlittschwänzlein
nadeln sollten, von denen volle zwölf auf ein Pfund gingen, da sagte
mein guter Meister manchmal: »Hausfrau, das ewige Lämplein in der
Kirche ist mir lieber als dein Licht da.« Dann antwortete die Hausfrau
wohl: »Meine Gießform ist leider nicht größer«, denn sie goß die Kerzen
selber.
Beim Kaufmann jedoch brannten wir größere Kerzen, von denen acht oder
sogar nur sechs auf ein Pfund gingen. Die gaben freilich einen helleren
Schein, das heißt, wenn sie ordentlich geschneuzt wurden; trotzdem
besorgten wir alle feineren Arbeiten beim lieben Tagesschein und
verschoben die gröberen Sachen auf das Kerzenlicht.
Einmal nun im Advent arbeiteten wir beim Kaufmann. Dieser kehrte
spätabends von Graz heim. Als er uns um das matte Kerzenlicht kauern
und lugen sah, klopfte er den Schnee von den Schuhen, blinzelte uns an
und sagte: »Na, Schneider, heut’ hab’ ich was heimgebracht für euch!«
Und als die Waren ausgepackt wurden, da kam eine stattliche Öllampe zum
Vorschein und ein langes Rohr aus Glas dazu und ein grüner Papierschirm
und ein Zwilchstreifen und ein kleines, feuchtes Fäßlein.
»Was du alles für Sachen hast!« sagte mein Meister.