kleinen Beitrag zu Ihrem Buche über Tieck angehen, habe ich mit wahrer
Freude gelesen. Schon nach frühern Andeutungen, die mir Andere gaben,
habe ich von diesem Buche schöne Hoffnungen gefaßt, sie haben sich
mir jetzt bestimmter gestaltet. Es gehört Muth dazu, in dem Sinne,
wie Sie es vorhaben, über unsern verewigten Freund zu reden. Ich weiß
nicht, ob es in der gesammten Literatur ein zweites Beispiel gibt von
einer die lautwerdende Kritik so beherrschenden Gehässigkeit gegen
einen solchen Autor. Man findet ein wahres Behagen daran. So hat man
z. B. für Tieck’s kritische Meinungen das niederdeutsche, sonst in
der Schriftsprache kaum vorkommende Wort „Schrullen“ aufgestöbert.
+Schrull+ erklärt das bremisch-niedersächsische Wörterbuch durch
„Anfall von Unsinn, toller Einfall, böse, närrische Laune“. -- Tieck
selbst hat diese Mishandlungen stärker empfunden, als er es sich merken
zu lassen pflegte; doch berührte ihn das Bittere und Feindselige der
Angriffe selbst weit weniger, als der Mangel an Anerkennung seiner
Poesie, wie er sie mit so großem Rechte erwarten zu dürfen glaubte,
und diesen Mangel leitete er, wie leise Andeutungen zuweilen zeigten,
theilweise von den feindlichen Urtheilen ab. Wer die Elemente der
Tieck’schen Poesie recht kennt, wird längst überzeugt gewesen sein, daß
in die begeisterte Stimmung, die ihm den „+Tod des Dichters+“ eingab,
Tropfen geflossen sind von dem wehmüthigen Gefühle seines eigenen
Schicksals seiner Nation gegenüber. Und in der That liegt in dieser
Verkennung etwas recht eigentlich Tragisches, wie denn die Geschichte
ihre Trauerspiele auf allen Gebieten des Lebens und nach allen
Richtungen hin aufführt.
Man kann sagen, daß diese unermüdlichen, immer wieder von neuem
gemachten Angriffe und eingelegten Lanzen auf einen ziemlich starken
Unglauben an die Vollständigkeit des errungenen Sieges schließen
lassen. Ich gebe das zu; aber wie viele Leser achten auf den
Zusammenhang der kritischen Bestrebungen genugsam, um einen solchen
Schluß zu machen? Es gibt für den Schutz unbefangener Gemüther gegen
den Einfluß des lauten Siegesjubels der Angreifenden kein besseres
Mittel, als ihre Aufmerksamkeit fürs erste von der Poesie des Mannes
auf den Mann selbst zu lenken. Und hier erwarte ich von Ihrem Buche
viel, da es aus unmittelbaren Lebensanschauungen geschöpft sein wird,
in einer Zeit, wo Wissenschaft und Kunst auf der einen und das Leben
auf der andern immer mehr auseinandergehen, die Durchdringung des
Lebens der Einzelnen von ihrer Wissenschaft oder Kunst immer weniger
zur Erscheinung kommt. Es wird zwar in unsern Tagen viel Rühmens
gemacht von einer Annäherung der Wissenschaft und des Lebens; aber dies
bezieht sich auf sehr materielle Gebiete, die mit dem, von welchem ich
hier rede, nichts gemein haben.
Gern gäbe ich Ihnen ein Bild von Tieck’s Leben und Wesen während seines
Aufenthalts in Dresden in der Art, wie Sie es von den letzten berliner
Jahren gezeichnet haben werden; dazu reichen aber meine Beobachtungen
nicht aus. Ich war in jenen beiden Jahrzehnden allerdings oft in
Dresden, und habe zuweilen mehrere Wochen in Tieck’s Hause zugebracht,
wo er es denn sehr ungern sah, wenn man nicht den allergrößten Theil
des Tages in seiner Nähe verweilte, ein Verlangen, dem zu willfahren
wahrlich nicht schwer ward. Wie häufig und reich aber die Gespräche,
welche die Zeit des Beisammenseins ausfüllten, bald unter vier Augen,
bald in Gegenwart und mit der Theilnahme Anderer, auch waren, so
erinnere ich mich doch nur gelegentlicher und ganz fragmentarischer
Aeußerungen über seine eigene Entwickelungsgeschichte, wenn man
auch jeden Anlaß ergriff, sie herbeizuführen. So sehr liebte er es
damals, seine Person in den Hintergrund zu stellen, und den Inhalt des
Gesprächs ganz objectiv zu halten. Mein Aufenthalt in Dresden hätte ein
durch Jahre dauernder sein müssen, wenn die persönliche Berührung mit
diesem seltenen Geiste mir von der Entwickelungsstufe, auf welcher er
sich damals befand, und von seiner eigenen Betrachtung derselben ein so
vollständiges Bild hätte gewähren sollen, daß ich mir getraute, es mit
Sicherheit nachzuzeichnen.
Die Gespräche bezogen sich nicht nur auf Poesie, die ganze
belletristische Literatur und bildende Kunst, sondern auch auf
Geschichte, Religion und Philosophie, und waren -- wie ich Ihnen
kaum zu sagen brauche -- überreich an Belehrung und Anregung. Wie
oft habe ich bedauert, daß ich diesen Reichthum von tiefen und
eigenthümlichen Ansichten über so viele Zweige der menschlichen
Geistesthätigkeit nur meinem Gedächtnisse anvertraute, nicht vieles
davon gleich niederschrieb! Und noch ungleich mehr ist es zu beklagen,
daß sich nicht ein in Dresden lebender junger Mann fand, der täglich
niedergeschrieben hätte. Sie, verehrter Freund, werden in Ihrer Weise
manches nachgeholt haben. Wenn ich aber die Gespräche, wie sie Tieck
in den letzten Jahren seines Lebens führte, mit jenen dresdener
vergleiche, so wird es doch nicht viel mehr sein als eine Nachlese,
eine ohne Zweifel höchst dankenswerthe, aber eine, zu der leider die
eigentliche Ernte fehlt. -- Doch ist dies Urtheil vielleicht ein
übereiltes, da ich Tieck in Berlin im Ganzen nur selten gesehen habe.
Denke ich aber an Dresden, und daß dort Jemand für Tieck ein
Eckermann hätte werden wollen, so muß ich sagen, daß dieser eine viel
schwierigere Aufgabe zu lösen gehabt haben würde, als der Goethe’sche
Eckermann. Seine eigene Person würde ganz anders ins Spiel gezogen
worden sein. Tieck beherrschte das Gespräch nicht, noch strebte er
es zu beherrschen. Er besaß eine bewundernswerthe Gabe, Andere zu
selbstthätiger Theilnahme zu bringen, und es war ihm Bedürfniß, sie
zu üben. Er gab dem Mitredenden den reichsten Anlaß, seine Gedanken
zu entfalten und das Unreife zur Reife zu bringen. Er ging auf alles
Vorgebrachte mit der größten Aufmerksamkeit ein. Nie habe ich Jemand
gekannt, der die Gabe des Hörens besessen hätte wie er. Es gibt
Naturen, die man entschieden +monologische+ nennen kann, Leute die
sehr gut sprechen und vortreffliche Sachen sagen, aber für alle Welt
auf dieselbe Weise, denen jede Unterbrechung, jede Nöthigung ihren
zusammenhängenden Vortrag zu individualisiren, nur lästig ist, die
daher auch den Geist und die Urtheilskraft der Menschen, an die sie
ihre Reden viele Jahre gerichtet haben, oft nur sehr unvollständig,
oder auch gar nicht kennen lernen. Eine solche ganz monologische
Natur besaß ein Mann, an den man bei Tieck immer leicht denkt, wegen
alter vertrauter Verbindung und mannichfacher Uebereinstimmung in
den kritischen Meinungen und Bestrebungen, während ihre Sinnesart
und Methode grundverschieden waren -- +Wilhelm Schlegel+. Tieck war
eine durchaus +dialogische+ Natur, und hätte gern in Jedem, dem er
seine Theilnahme zuwandte und von dem er etwas erwartete, eine solche
wachgerufen. Als ich einmal über den Gegenstand, den ich oben schon
berührte, sprach, und klagte, daß die heranwachsende Generation sich
einem gegenseitigen ernsten Gedankenaustausch immer mehr entzöge, und
oft lieber die leersten Dinge zum Gegenstand der Gespräche machte, als
ihren höhern Lebensberuf, antwortete er: „Wenn die Menschen wüßten,
welche Gedankenfunken sie aus einander herausschlagen könnten, wären
wir in manchen Stücken weiter, und besonders würde die Kritik nicht so
trocken und einseitig sein, wie sie leider geworden ist.“ -- Von einer
seiner liebsten Freundinnen sagte er einst zu mir: „Wenn Sie diese Frau
näher kennen lernen werden, werden Sie sehen, daß sie einen kühnen
Gedanken, den Sie aussprechen, durch einen noch kühnern fortsetzt oder
erwidert; das wird Sie zu fruchtbarer Geistesarbeit nöthigen.“
Es ist eine merkwürdige Eigenthümlichkeit unserer großen
Literaturperiode -- doch eine aus den besondern Verhältnissen, aus
welchen sie hervorging, leicht zu erklärende -- daß sich der wahre
Dichter und der echte Kritiker zuweilen in einer Person vereinigt
finden. Für Tieck, in welchem diese Doppelheit besonders bedeutend
war, entwickelte sich seiner dialogischen Natur zufolge die Kritik
oft in Gesprächen, nur allerdings weit weniger in lebendigen und
wirklichen, als in solchen, die in seinem eigenen Kopfe vor sich
gingen. Das mimische Talent, die Fähigkeit, sich in verschiedene
Personen zu verwandeln, welches bei den allermeisten Dichtern nur auf
Gemüthsstimmungen und Gefühle geht, erstreckte sich bei Tieck auch
auf die feine Individualisirung der Meinungskämpfe, und war doch hier
auch keinesweges bloßes Product der Reflexion und bewußter Absicht,
vielmehr wurde er durch seine eigenste Natur zu dieser Darstellungsform
getrieben. Ganz aus seinem Innern ertönten die Stimmen verwandter
und auch wiederum sehr verschiedener Naturen, wie er sich in den
Gesprächen im „Phantasus“ selbst gleichsam in die Dichter, denen er die
verschiedenen vorgetragenen Werke zutheilt, zerlegt, und sie die Seite
seines Gemüths, welche in jedem Poem vorherrscht, darstellen läßt. So
mischt sich auch in die geistvollen Urtheile, die er ihnen in den Mund
legt, etwas von dieser Färbung. Tieck besaß einen kritischen Blick, in
dem Gleichartigen noch die feinsten Unterschiede zu entdecken, und eine
Gefügigkeit des Ausdrucks, das Entdeckte zur Anschauung zu bringen, die
gewiß höchst selten sind; und in der anmuthigsten Weise spielt diese
Gabe um die Gestalten, die er zu Trägern seiner Urtheile macht. Doch
hat er kritische Entwickelungen auch von diesen Bezügen entkleidet in
fortgehender didactischer Rede darzustellen gewußt, wie besonders die
Vorreden zu den „Minneliedern“, zum „Altenglischen“ und zum „Deutschen
Theater“ bezeugen. Allerdings sind auch sie von einem poetischen Duft
durchzogen, welcher der nie zu verleugnenden Wesenheit des wahren
Dichters angehört.
Nun aber zeigt sich in Bezug auf das Ganze des Weges, den Tieck
durchschritten hat, eine merkwürdige Anomalie. Man sollte glauben, daß
die dialogische Form mit den zunehmenden Jahren der akroamatischen
immer mehr weichen, die letztere zur Vorherrschaft gelangen würde, wie
bei Goethe in dieser Lebensperiode die Neigung und Fähigkeit, sich im
zusammenhängenden Lehrvortrage vernehmen zu lassen, zunahmen. Bei Tieck
ist es umgekehrt. Seit der Vorrede zum zweiten Bande des „Deutschen
Theaters“ von 1817 finde ich nichts, was sich mit dieser Arbeit
vergleichen läßt; in den beiden Vorreden zu „Shakspeare’s Vorschule“
von 1823 und 1829 ist schon ein gewisser Ueberdruß an einer solchen
Behandlung des Lieblingsgegenstandes bemerkbar. Wie erhebt sich dagegen
der kritische Poet in der mit der letztern ungefähr gleichzeitig
geschriebenen Arbeit über Goethe in der Vorrede zum Lenz! Da hat er
sich aber auch eine Gesellschaft von Goetheverehrern erdacht, unter
deren Mitglieder er verschiedene Betrachtungsweisen vertheilt hat. Ich
bin überzeugt, daß, wenn er in seinen alten Tagen noch dazu gekommen
wäre, von der Fülle seiner Gedanken über Shakspeare, die er früher
zu einem großen zusammenhängenden Werke zu gestalten vorhatte, noch
Mehreres niederzuschreiben, die Gesprächsform die einzige gewesen wäre,
unter der diese Mittheilungen hätten zu Stande kommen mögen.
Wie soll man sich nun diese Umkehrung des gewöhnlichen
Entwickelungsgangs erklären? Ich glaube, daß es nur auf folgende
Weise geschehen kann. Als die Natur unsers Dichters, die ich seine
dialogische genannt habe, sich von dem Drama zur Novelle, von der
Welt einer reichen, glänzenden und vielgestaltigen Phantasie zu den
engern Räumen des bürgerlichen Lebens gewandt hatte, die Poesie, ohne
innerlich eine andere zu werden, von ihrem Flügelrosse herabstieg und
sich auf prosaischer Erde, im prosaischen Schritt bewegte, da traten
die beiden Gebiete, das poetisch gestaltende und das beurtheilende, so
zusammen, daß Kritik, Theorie und Ueberlegung ihrerseits der Poesie
einen Theil des Weges entgegenkamen. Das Dichterrecht, auch dem
zerlegenden Verstande eine poetische Färbung zu geben, machte daher
seine Ansprüche sogar in einer noch volleren Weise geltend als früher.
Die rechte Kritik -- mag der künstlerische Pinsel an der Farbenmischung
Antheil haben oder nicht -- wird immer das in den Verstand nicht
Aufgehende, das Incommensurable, welches in aller Kunst liegt, auf ihre
Weise abspiegeln und andeuten. Wie viel mehr ein Dichter wie Tieck,
bei dem kritische Anschauung der Kunst und die productive Kraft im
tiefsten Grunde eines und dasselbe sind, der, was der bloße Verstand
nicht erreicht und nicht ausdrücken kann, auf das geheimnißreiche
Gebiet des Ahnens und Fühlens versetzt, um es dort auszulegen und zu
deuten. Dabei wird ihm aber jenes individualisirende Zerlegen seines
Selbst, jenes Zurückstrahlen seines erkennenden und ahnenden Geistes
aus verschiedenen Spiegeln sehr zu Statten kommen, die Deutung der
Mysterien der Poesie durch poetischen Anhauch nicht wenig fördern.
Aber siehe da! Ich wollte ablehnen von Tieck’s Geistesentwickelung zu
reden, weil er es liebte, sich selbst hinter den Objecten zurücktreten
zu lassen, und bin unvermerkt auf seine subjective künstlerische
Natur gekommen, wodurch ich denn, zwar nicht gegen meine Absicht,
aber doch ohne dieselbe, Ihnen so etwas von einem Beitrage, wie Sie
ihn angesprochen haben, geliefert hätte. Nehmen Sie damit fürlieb,
und lassen sie uns in der gemeinsamen Verehrung des hervorragenden
Dichtergeistes, dessen Größe nicht immer verkannt werden wird,
verbunden bleiben.
=Bonn=, 30. December 1854.
=J. W. Loebell.=
2. Geheimer Rath Carus an den Verfasser.
Der Kopfbau Tieck’s hat meine Aufmerksamkeit vorzüglich in Anspruch
genommen, und ich theile hier nach der Anleitung, wie sie von mir
in meiner Schrift über Kranioscopie und in meiner „Symbolik der
menschlichen Gestalt“ (Leipzig 1853) gegeben worden ist, die an ihm
gefundene Kopfmaße mit. Ausgezeichnet war der Bau seines Vorderhauptes,
dessen Höhe 5″ 1‴, die Breite 4″ 4‴, dessen Länge 4″ betrug. Die
größere Höhe bei mäßiger Breite deutete auf mehr gegenständliche
Kraft der Erkenntniß, bei geringerer analytischer philosophischer
Geistesrichtung; eine Aehnlichkeit des Verhältnisses wie bei Goethe’s
Kopfbau war nicht zu verkennen. Das Mittelhaupt maß in Höhe wie
in Breite 5″ 4‴, in Länge 4″ 10‴. Diese Maße deuten auf reiche
Entwickelung der Gemüthsregion, doch ohne alles Uebermaß; namentlich
ist das Höhenmaß nicht so bedeutend, wie man es bei Personen mehr
schwärmerischen Gemüthslebens gewöhnlich findet, das Hinterhaupt
endlich zeigte ebenfalls kräftigen Bau, auf kräftiges Wollen deutend;
die Höhe 3″ 7‴, die Breite 4″. Unter den Sinnesregionen war die
Kopfbreite der Ohrenregion nicht sehr stark 5″ 3‴, und wirklich war
Tieck’s Anlage und Freude für Musik nicht beträchtlich. Die Augenbreite
betrug 4″; die Nase hatte 2″ Länge.
3. Anmerkungen.
Erster Theil.
Erstes Buch.
S. 3. Tieck’s Geburtshaus in der (alten) Roßstraße trägt die Nummer
1. Die Geschäftsräume und die kleine Wohnung zu ebener Erde sind noch
heute dieselben wie damals.
S. 8. Ueber Kindleben’s Wandel und Schriften ist zu vergleichen
„Almanach der Belletristen und Bellettristinnen für’s Jahr 1782“, S. 92.
S. 9. Die wenigen von Tieck selbst gegebenen Andeutungen über die
Familie seiner Mutter sind erweitert durch Mittheilungen eines noch
lebenden mütterlichen Verwandten, und die Ortstraditionen in Jeserig,
deren Kenntniß ich Herrn Prediger Hoffmann daselbst verdanke. Die
Kirchenbücher von Jeserig aus jener Zeit sind verbrannt. Geburts- und
Tauftag Tieck’s und seiner Geschwister sind aus dem Taufregister der
Petrikirche in Berlin festgestellt.
S. 34. Das Haus in der Behrenstraße, in dem damals die deutsche Bühne
war, ist heute mit der Nummer 55 bezeichnet.
S. 69. In den hier geschilderten Zuständen fanden die später, erst
1800, gedichteten Sonette an Bothe, Toll und Wackenroder ihre
Veranlassung. Tieck’s „Gedichte“ (zweite Ausgabe), II, 71.
S. 70. Ueber Wackenroder’s Vater ist zu verweisen auf die kleine
Schrift: „Erinnerungen an Ch. B. Wackenroder, königl. preuß. Geh.
Kriegsrath und ersten Justizbürgermeister zu Berlin, von J. Klein“
(Berlin 1809). Der alte Wackenroder war auch Schriftsteller; er
verfaßte „Betrachtungen über Geschäfte und Vergnügungen“ (Leipzig
1768), die drei Auflagen erlebten. Er starb 1806, 77 Jahre alt.
S. 94. Mirabeau war im Jahre 1786 zwei Mal in Berlin. Zuerst vom Januar
bis Mai, dann vom Juli bis Ende December.
S. 98. Dieser Rede, die er am Grabe Toll’s gehalten, gedenkt auch
Zschokke in seiner „Selbstschau“, I, 40.
S. 121. „Die eiserne Maske. Eine schottische Geschichte von Ottokar
Sturm“ (Frankfurt und Leipzig 1792). Vgl. die scharfe Kritik in der
„Neuen allgemeinen deutschen Bibliothek“, III, 285.
S. 125. Die charakteristischen Züge aus dem Schulleben Gedike’s, des
pädagogischen Reformators, die mitgetheilt worden sind, hat Tieck in
einer Zeit, da er selbst noch dessen Schüler war, mit Schärfe und
Sicherheit aufgefaßt. Es wird nicht ohne Interesse sein, diesem Bilde
das andere gegenüberzustellen, welches der Lehrer von dem Schüler
entwarf. Gedike pflegte eine ausgeführte Censur der zur Universität
abgehenden Schüler in dem Programm des Gymnasiums abdrucken zu lassen.
Er legte Werth darauf, weil er andeuten wollte, was das Vaterland
von seinen herangebildeten jüngern Mitbürgern zu hoffen habe. Waren
diese Zeugnisse bisweilen pathetisch breit, so waren sie auch oft
Beweise pädagogischen Scharfblicks. In den Programmen des Werderschen
Gymnasiums von 1789-92 findet man in dieser Weise die Charakteristiken
Tieck’s und aller seiner Jugendgefährten. In der Auffassung mancher
Charaktere, z. B. Toll’s, Burgsdorff’s, Piesker’s, stimmen Lehrer und
Schüler in überraschender Weise überein. An dieser Stelle mögen die
Charakteristiken Tieck’s und Wackenroder’s folgen, wie sie sich in dem
Programm für 1792 finden.
Wenn Wackenroder in günstigerm Lichte erscheint, so spricht sich darin
die eigene Stellung aus, die jeder von beiden seinem Director gegenüber
eingenommen hatte. In der Kälte und Trockenheit, mit der Tieck’s Censur
abgefaßt ist, mag eine Erinnerung an die mancherlei pädagogischen
Kämpfe liegen, zu denen er herausgefordert hatte. Daß aber seine
Bildung schon damals eine allgemeine, und doch eigenthümliche war, muß
auch dieses Zeugniß zugestehen.
„+Johann Ludwig Tieck+, aus Berlin, 19 Jahr alt, neun Jahre Gymnasiast,
und seit vier Jahren ein Mitglied der ersten Classe. Er hat gute
Fähigkeiten, und er hat sich durch seinen bei aller Einseitigkeit
unverkennbaren Fleiß in mancher Rücksicht sehr gute Kenntnisse
erworben, besonders hat er seinen Geschmack gut ausgebildet. Sein
Betragen war lobenswerth. Er wird in Halle Theologie studiren.“ Vgl.
„Programm des Friedrich-Werderschen Gymnasiums“ von 1792, S. 51.
„+Wilhelm Heinrich Wackenroder+, aus Berlin, 19 Jahr alt. Ein
hoffnungsvoller Jüngling, der seit sechstehalb Jahren unser Gymnasiast,
und seit vier Jahren ein Mitglied der ersten Classe gewesen. Sein
regelmäßiges, bescheidenes und gesittetes Betragen hat ihm ebenso sehr
als sein rühmlicher und glücklicher Fleiß den Beifall aller seiner
Lehrer verschafft. Er hat seine guten Fähigkeiten in jeder Rücksicht
sehr gut ausgebildet, und sich sowol in Wissenschaften als Sprachen,
besonders auch in der griechischen, sehr gute Kenntnisse erworben.
Ueberhaupt hat er alle Anlagen und Vorkenntnisse, um einst ein
gründlicher, gelehrter und geschmackvoller Jurist zu werden.“ Ebendas.
S. 51.
S. 126. „Sternbald’s Wanderungen“ „Schriften“, XVI, 197.
Zweites Buch.
S. 137. Eine Charakteristik Wiesel’s, dieses sonderbaren Menschen, der
zuletzt ein Freund und Schützling Adam Müller’s war, hat Varnhagen
gegeben in seinen „Denkwürdigkeiten“, VI, 265.
S. 148. Lichtenberg’s Erklärung der Hogarth’schen Kupferstiche erschien
zuerst im „Göttingischen Taschenkalender“ in den Jahren 1779-94.
S. 161. Es ist in der neueren Kunstkritik anerkannt, daß die Madonna
in Pommersfelde, welche die Freunde, der damals allgemeinen Ansicht
folgend, für einen Rafael hielten, von Antonio Solario gemalt ist.
S. 186. In Klopstock’s Aeußerungen über die französischen
Uebersetzungen der „Messiade“ oder in der Auffassung derselben scheint
ein Irrthum zu liegen. Die erste war bereits zu Paris 1769 erschienen;
die zweite des Pastor Petit-Pierre, mit der der Dichter keineswegs
zufrieden war, zu Neufchatel 1795.
S. 200. Die erste Erzählung IV, 3 in den „Straußfedern“ ist noch von
J. G. Müller, die Erzählung VII, 119 von Bernhardi, Tieck’s Beiträge
ergeben sich aus der Vergleichung mit seinen Schriften. Der Rest in
den fünf letzten Bänden gehört Tieck’s Schwester. Vgl. auch „Reliquien
von A. F. und S. Bernhardi“, herausgegeben von W. Bernhardi (3 Bde.,
Altenburg 1847).
S. 207. Der Recensent des „Lovell“ in der „Jenaischen
Literaturzeitung“, 1797, Nr. 337, fand z. B. in dem Worte
Andächtigkeit, das Tieck gebraucht hatte, einen Anglicismus; in dem
Originale werde es wol geheißen haben ~devotion~!
S. 220. Ramdohr, „Ueber Malerei und Bildhauerei in Rom“ (3 Bde.,
Leipzig 1787). „Charis, oder über das Schöne und die Schönheit in den
nachbildenden Künsten“ (2 Bde., Leipzig 1793). „Venus Urania“ (4 Bde.,
Leipzig 1798).
S. 220. „Aberglaube ist besser als Systemglaube“, sagt Wackenroder
in dem Aufsatz: „Einige Worte über Allgemeinheit, Toleranz und
Menschenliebe in der Kunst“ („Herzensergießungen eines kunstliebenden
Klosterbruders“, S. 106).
S. 221. „Ehrengedächtniß Albrecht Dürer’s von einem kunstliebenden
Klosterbruder“, ohne Namen des Verfassers, in Reichardt’s
„Deutschland“, 1796, Stück VII, 59.
S. 225. Brief eines jungen deutschen Mahlers in Rom an seinen Freund in
Nürnberg („Herzensergießungen“, S. 179).
S. 226. Wackenroder’s Verhältniß zu Tieck ist für die
Literaturgeschichte fast zu einem mythischen geworden. Die Freundschaft
beider, ihre geistige Verwandtschaft, die gleiche Richtung, welche
sie in der Poesie verfolgten, Wackenroder’s verhülltes Auftreten als
Schriftsteller, sein früher Tod, der nicht vollendete „Sternbald“,
endlich einige Aeußerungen Tieck’s haben zu der Ansicht geführt, als
wenn sich das geistige Eigenthum beider Freunde nicht voneinander
scheiden lasse, oder Wackenroder gar an den Dichtungen Tieck’s in der
Stille einen Antheil gehabt habe, welcher das Recht des Dichters auf
seine eigenen Werke zweifelhaft mache. Es ist weder das Eine noch das
Andere der Fall. Da Wackenroder’s Andenken nach Tieck’s Erzählungen
erneuert worden ist, so mag zur Vervollständigung des Bildes auch die
folgende Bemerkung hier eine Stelle finden.