Vor der wahren, echten +Bildung+ habe auch ich natürlich den

tiefsten Respect, aber nicht vor jener gemachten, falschen, vor

der Patent- und Scheinbildung, die an dem ganzen Unheil unserer

Zeit schuld ist. Daß der Einzelne sich nicht nach seinen Anlagen

ausbildet, sondern nur nachsprechen lernt, was andere ihm vorgesagt

haben, darin liegt unser Elend. Auch sonst gescheidte Leute wollen

darin Bildung und Erziehung finden, daß man die Kinder vom ersten

Augenblicke anleite nachzubeten. So bleiben sie zeitlebens auf dieser

Stufe stehen, ohne jemals Eigenes zu erfahren. Dieses mechanische

Treiben muß alle Originalität ertödten. Wie viel Originale gab es

nicht noch vor funfzig Jahren; heute begegnet man keinem einzigen

mehr! Einer sieht dem anderen gleich; es ist alles Dressur, lauter

Patentmenschen, lauter Patentredensarten, alles soll gemacht werden!

Nichts ist lächerlicher als die Dünkelhaftigkeit der Pädagogen, die

nur solche Puppen erziehen, und wähnen große Menschen zu bilden! Dabei

überall Einbildung und Oberflächlichkeit! Und worauf läuft das Alles

hinaus? Man wendet sich von der Natur und Wirklichkeit ab, um vor einem

leeren und falschen Götzenbilde zu knien, das man Bildung nennt! Von

diesem Misverständnisse kann ich auch Goethe in seinem Alter nicht

freisprechen.

* * * * *

Die heutige +Kindererziehung+ ist eine sentimentale. Es gibt keine

Zucht, keinen Gehorsam! Man läßt den Kindern allen Willen statt ihn zu

brechen, wie es mein Vater that, der in meiner frühern Jugend strenger

gegen mich als gegen meine Geschwister war, weil ich sein Liebling war,

was ich freilich erst viel später merkte. Heute schreien die Aeltern

ihre Kinder als Genies aus, und sprechen mit ihnen im despectirlichen

Tone von ihren Lehrern; sie schreiten gegen jede Bestrafung ein,

und steigern dadurch den Trotz der Schüler. Zu meiner Zeit wurde es

mehr als die Classenstrafen gefürchtet, wenn den Aeltern Anzeige von

einem Schulvergehen gemacht wurde, denn sie straften noch härter als

die Lehrer. Der Besuch von Kneipen durch Schüler kam fast gar nicht

vor; die wirklich Schlechten kannte und verachtete man. Die meisten

Verirrungen unserer Zeit, alle wurmstichigen Redensarten haben zuletzt

in der schlechten Erziehung ihren Grund, und die schlecht erzogene

Generation wird natürlich ihre eigenen Kinder noch schlechter erziehen.

Wie das zu ändern sei bei den heutigen Lebensbedingungen ist freilich

schwer zu sagen.

Auch in früherer Zeit hat es nicht an Lehrern einer solchen falschen

Erziehung gefehlt, zu ihnen gehörte namentlich der steife und

pedantische Campe, der ja gar Kinderbibliotheken herausgegeben hat, die

mir wegen ihrer Altklugheit, Nüchternheit und Eitelkeit stets verhaßt

gewesen sind. Mit welcher Wichtigkeit werden hier nicht die Kinder

behandelt, welche Muster werden ihnen aufgestellt, und welche Tugenden

angepriesen! Besonders die verwünschte Wohlthätigkeit! Wenn einmal ein

Kind sein Butterbrot einem Armen gegeben hat, welch ein Aufheben wird

nicht von einer solchen Wohlthat gemacht, und welch eine Meinung wird

dadurch nicht dem Kinde von sich und seiner Tugend beigebracht! Als ich

einmal in Braunschweig Campe’s Tochter Lotte sprach, zeigte sie mir

die A-b-c-bücher ihres Vaters, und pries die Kinder glücklich, welche

daraus lesen lernten und danach erzogen würden, welche herrliche und

ausgezeichnete Menschen sie werden müßten!

* * * * *

Die +falsche Humanität+ ist ein Zeichen unserer Zeit. Man hat die

zärtlichste Sorgfalt für Verbrecher, die es in ihrem Gefängniß viel

besser haben als der redliche Arme. Man zieht sie der Gesellschaft

groß, statt diese durch einen raschen Proceß davon zu befreien. Das

Hängen in England ist so übel nicht. Die freigelassenen Verbrecher

beginnen ihr Treiben nur mit um so größerer Schlauheit. Eigenthümlich

ist es, daß sich die Gesellschaft dabei immer auf ihre Seite stellt,

aber die Selbstvertheidigung des ehrlichen Mannes, der durch einen Dieb

angegriffen wird, wird hart bestraft.

* * * * *

Auch die +Gewerbefreiheit+, die man so gepriesen hat, gehört zu diesen

modernen Erfindungen. Nicht die Zünfte hätte man aufheben sollen, aber

den verkehrten Zwang, der in ihnen herrschte. Sie waren eine sehr gute

Einrichtung, und konnten reformirt werden. Durch das heutige Verfahren

werden Pfuscher und Stümper begünstigt und das frühe Heirathen

befördert. Unreife Gesellen und Burschen, die ungeschickt und unwissend

sind, fangen ihren eigenen Kram an, heirathen Köchinnen auf 30 Thaler,

setzen eine Menge Kinder in die Welt, und fallen nachher dem Staate zur

Last. Wo soll das hin?

* * * * *

Wie man die +Emancipation der Juden+ fordern kann, ist mir

unbegreiflich. Durch ihr Gesetz sind und bleiben sie mitten unter uns

fremd; sie können sich nicht nationalisiren. Unmöglich kann man einem

ganz fremden Volksstamme dieselben Rechte einräumen wie dem eigenen!

Würde man es denn z. B. mit einer Negercolonie thun, wenn eine solche

unter uns wäre? Was die Juden von moderner Bildung angenommen haben,

ist nur äußerlich; und die meisten von ihnen, wenn sie aufrichtig sein

wollten, würden bekennen müssen, daß sie sich für viel besser halten

als die Christen. Ueberall drängen sie sich heute ein, überall führen

sie das große Wort. Wenn das so weiter geht, werden wir am Ende nur

noch eine geduldete Sekte sein.

* * * * *

+Fortschritt+ ist auch eins von den vielen unverstandenen Stichwörtern.

Was ist denn Fortschritt? Vieles, was als solcher gepriesen wird, ist

Rückschritt. Geht die Menschheit auch nicht absolut zurück, so kann

es doch scheinen als drehe man sich im Kreise herum. Gewiß ist es in

vieler Hinsicht besser geworden. Man hat unendlich viel Entdeckungen

gemacht in Technik, Mechanik, Chemie u. s. w., aber sind die Menschen

im Allgemeinen darum besser oder auch nur klüger geworden? Vielmehr

entschwindet der Geist auf der andern Seite. Diese Art des Fortschritts

ist am Ende nur ein mechanischer, und ich hoffe er soll noch so weit

gehen, daß ein jeder seine Miniaturlocomotive in der Westentasche

bei sich tragen kann, die ihn ins Unendliche führt. Es scheint einen

tiefen Grund zu haben, daß eine Entwickelung nach dieser mechanischen

Seite hin jene andere tiefsinnige und productive auf dem Gebiete des

reinen Geistes und Charakters ausschließt. Was man auf der einen Seite

gewinnt, verliert man auf der andern, und es ist die Frage, ob es bei

der Eigenthümlichkeit des Menschen anders sein kann.

Sieht man auf die Weltgeschichte, welche blühende Länder waren einst

Persien und Griechenland, und sie sind der Barbarei verfallen. Wie

die griechischen Staaten war Rom im Besitze der höchsten Cultur, und

sie ist untergegangen. Uns kann es mit unserer gepriesenen Bildung

ebenso ergehen! Wie oft hat sich nicht der Zustand der neuern Völker

geändert! Wo ist da der Fortschritt? Wie erhaben, groß und göttlich

ist nicht das Christenthum zuerst, und mit welchem Wust von Tradition

haben es Katholicismus und Priester belastet! Und machen es manche

protestantische Geistliche anders? Auch unter ihnen gibt es Pfaffen;

immer noch will man herrschen und bevormunden! Wenn man dagegen

behauptet, die Entwickelung der Menschen sei eine Spirale, auch der

Rückschritt könne ein Fortschritt sein, so kommt das einer Sophisterei

doch sehr nahe! Wenn nun am Ende ein schließlicher, vollendeter Zustand

als Ziel aller Entwickelung angenommen wird, wie soll man sich diesen

denken?

Ist etwa unser politischer Zustand so sehr viel besser geworden als

früher? Etwa seit das Reden, Deliberiren und Parlamentiren in den

Kammern nicht abreißen will, was dem Lande ein ungeheures Geld kostet?

Und nun gar die sogenannten Demokraten! Ich habe in meiner Jugend

auch Demokraten gekannt, aber das waren doch ganz andere Leute! Was

für einen moralischen Kern hatten die nicht! Aber diese Burschen von

heute! Sie bilden sich ein, Alles würde besser werden, wenn man sie nur

gewähren ließe! Sie sind beleidigt, wenn man sie nicht gleich als einen

neuen Moses oder Solon ansehen will! Und was hört man von ihnen? Aus

aller Mund stets dieselbe triviale Weisheit!

* * * * *

In meiner Jugend waren +die kosmopolitischen Ideen+ vielleicht noch

allgemeiner herrschend als heute. Wie oft habe ich nicht mit A. W.

Schlegel darüber gestritten, der ihnen ganz ergeben war! Er meinte

wol, es sei ganz gleichgültig, wer regiere und wie es geschehe, und am

Ende je schlechter, desto besser sei es, dann werde die Wissenschaft

um so freier und unabhängiger sein. In dieser Allgemeinheit habe ich

solche Gedanken nie begreifen können. Immerdar habe ich das wirkliche

Vaterland für das Erste und Nächste gehalten, auf das der Mensch

angewiesen sei, und an das er sich halten müsse. Die kosmopolitischen

Ideen haben die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts beherrscht; es

hängt dies wieder mit dem Gedanken der Bildung zusammen. Auch unsere

großen Dichter haben ihnen gehuldigt; Goethe, als er sich von seinen

Jugenddichtungen abgewendet hatte, und ebenso Schiller.

* * * * *

Im Leben wie in der +Geschichte+ kommt auf das Persönliche und

Individuelle zuletzt Alles an, und keine Geschichte ist daran reicher

als +die deutsche+. Seit Tacitus haben die Deutschen eigentlich immer

denselben Charakter behauptet, und dieser ist eben das Individuelle.

Sie haben einen starken Sinn für Freiheit und Unabhängigkeit, sie

isoliren sich, und wollen sich in ihrer Eigenthümlichkeit entwickeln.

Dies hat mit der Gleichmacherei der modernen Demokratie nichts zu thun,

es ist vielmehr der gerade Gegensatz derselben. Es liegt in diesem Zuge

etwas viel Tieferes, Heiligeres, was sich in einer fertigen Formel gar

nicht ausdrücken läßt. Jeder will sein innerstes Wesen festhalten und

darstellen. Voll Treue hängt man an den Fürsten, so lange man in diesem

Punkte nicht angegriffen wird, dann aber kommen Widerspruch, Trotz

und Hartnäckigkeit zum Vorschein. Im Mittelalter kämpfen mit dieser

Richtung auch die besten und kräftigsten Kaiser umsonst. Kaum sind sie

nach Italien gegangen, so geht es in ihrem Rücken los.

Wie groß ist nicht die Zeit von Karl dem Großen bis zum Untergange

der Hohenstaufen. Großartig sind die Erfolge der Regierung Karl’s,

wenn auch seine Politik mitunter hart, ja grausam erscheint, so

gegen die Sachsen, deren Bekämpfung aber geboten war. Es war ebenso

sehr ein politischer als ein Religionskrieg, beides ist in jenen

Zeiten untrennbar miteinander verbunden. Da alle Zustände noch etwas

Schwankendes haben, und die Existenz der Kirche selbst noch in Frage

gestellt ist, wird es für die Fürsten zur Pflicht, das Leben durch

kräftige Maßregeln zu schützen. Eine anziehende Erscheinung ist

Wittekind, der sich nach hartem Kampfe der höhern Macht unterwirft.

Es ist schade, daß wir nur das Resultat seiner Geschichte, nicht aber

ihre Einzelheiten kennen. Eine große Persönlichkeit ist Heinrich I. Es

liegt in seinem Charakter etwas Bescheidenes, Einfaches, ja Heiteres;

und doch wie stark ist er nicht! Er rettet Deutschland vom Untergange

durch seine individuelle Kraft. Gewaltig tritt Otto I. auf, und fromm,

demüthig, liebenswürdig erscheint neben ihm Adelheid. Endlich die

Hohenstaufen! Welche herrliche Gestalt ist nicht Friedrich I. in der

reichsten Zeit des Mittelalters? Die kühnsten Pläne hatte Heinrich VI.

und voll Schwung war Friedrich II., der den großen Versuch macht, seine

Zeit umgestalten zu wollen. In diese Reihe der großen und glänzenden

Kaiser gehört schon Rudolf von Habsburg nicht mehr hinein. Da fängt

schon die schlechte Hauspolitik an; er ist klug, bürgerlich nüchtern,

und doch nicht ohne harte Seiten des Charakters. Eine viel genialere

Persönlichkeit ist offenbar sein Gegner Ottokar; sein Wesen ist

gewaltsam, aber es bewahrt den ritterlichen Glanz früherer Zeiten,

denen er noch angehört.

Mit den besten Seiten des deutschen Lebens hängen auch seine Schwächen

zusammen. Die individuelle Entwickelung führt zu Absonderungen, und

diese zu Spaltungen, an denen unsere Geschichte nur allzu reich ist.

Dies zeigt sich heute namentlich in der Politik der kleinen Fürsten und

Staaten, wodurch freilich auch dem fremden Einflusse die Thür geöffnet

wird. Dennoch geht durch alle diese Spaltungen ein gewisser allgemeiner

Geist hindurch, eine innere Einheit und Uebereinstimmung, die bisjetzt

noch nicht auszurotten gewesen ist, und ihr verdanken wir es, wenn

Deutschland noch nicht Polens Schicksal gehabt hat. Diese individuelle

Richtung kann im glücklichen Augenblicke noch einmal seine Größe

werden. In England waren früher ähnliche Verhältnisse, aber hier siegte

die Einheit. Dort nimmt Alles gleich die Richtung auf die Verfassung,

und so kommt ein Gleichgewicht zu Stande, während in Frankreich die

Einheit überwiegt.

Eine schöne Aufgabe wäre es, einmal die tiefen Charakterzüge des

deutschen Lebens, die man das Urgermanische nennen kann, durch

alle Gebiete, Staat, Kirche, Poesie und Literatur zu verfolgen und

zusammenzustellen. Es würde ein echtes Bild deutschen Wesens geben.

7. Religion.

Das Abstracte in der Philosophie hat mir immer fern gelegen,

dennoch bin ich mit vielen ihrer Gedanken einverstanden, solange

sie den Charakter des Unmittelbaren an sich tragen. Aber mit der

+Systematik+ scheint mir in der Geschichte der Philosophie das Böse

hervorzutreten. Einer der widerstrebendsten Gedanken ist für mich der

des Zusammenhanges. Sind wir denn wirklich im Stande ihn überall zu

erkennen? Ist es nicht frömmer, menschlich edler und aufrichtiger,

einfach zu bekennen, daß wir ihn nicht wahrzunehmen vermögen, daß

unsere Erkenntniß sich nur auf Einzelnes bezieht, und daß man sich

resignire? Gewiß ist es löblich, daß jeder verständige Mann seine

Grundsätze habe, und danach sein Denken und Handeln einzurichten suche,

aber die Philosophen wollen den Zusammenhang um des Zusammenhangs

willen, sie machen ihn und verknüpfen das Einzelne, um ein System zu

haben, und haben sie es, so schütten sie in dieses Fachwerk alles

Mögliche hinein was paßt und nicht paßt. Alles soll fertig sein. Aber

der Mensch kann und soll nicht Alles wissen. Er vermag die Dinge stets

nur von einer Seite zu sehen, und darin liegt die Einseitigkeit aller

Systeme. Man kann sich wie in gewisse Gefühle, so in eine bestimmte

Auffassungsweise hineinstudiren. In der Beziehung hat Wackenroder ein

großes und kühnes Wort ausgesprochen: „Systemglaube ist schlimmer als

Aberglaube“.

* * * * *

Die Welt des +Glaubens+, der einfachen Andacht und der systematischen

+Forschung+ sind so verschieden, sie gehen von so verschiedenen

Anschauungen und Bedingungen aus, daß ihre Vereinigung fast unmöglich

erscheint. Ich glaube man wird wieder auf Kant zurückkommen, der beide

streng voneinander schied. Fichte behauptete, er erkläre die Religion

erst durch seine Philosophie, und Hegel ist derselben Meinung gewesen.

* * * * *

Das +Wunder+ war nicht vor unserer Zeit, es ist zu allen Zeiten. Es ist

kein außerordentlicher Zustand, es umgibt uns an allen Orten; es ist in

uns, außer uns, unser ganzes Dasein ist ein Wunder. Aber der Mensch ist

stumpf dagegen geworden. Die Schwere des Lebens ergibt sich daraus, daß

tiefere Naturen das Wunder ahnen, aber nicht erklären können.

* * * * *

Jeder Mensch trägt das +Ebenbild Gottes+ in sich. Wo aber bleibt es bei

den Dummen und Boshaften, und wie ist es bei ihnen wiederzuerwecken?

* * * * *

In allen Religionen ist für das menschliche Gefühl ein +Mittler+

nothwendig geworden, um den ungeheuern Gedanken Gottes zu mildern, um

ihn tragen zu können.

* * * * *

Welche erhabene, tiefsinnige Allegorie ist nicht die vom +Baume der

Erkenntniß+! Hinter den einfachsten Ausdrücken verbergen sich die

tiefsten Fragen. Das Gute lernt der Mensch nur im Unterschiede vom

Bösen kennen. Wie war aber sein Zustand vor dieser Erkenntniß? War

dieser an sich schon gut? Sollte sich der Mensch nur wie eine Pflanze

gleichmäßig entwickeln?

* * * * *

+Ahnungen des Christenthumes+ in der vorchristlichen Welt sind häufig;

sie finden sich nicht allein in der Bibel, sondern auch im asiatischen

Alterthume und in der hellenischen Welt, z. B. bei Sophokles. Alle

große Gedanken früherer Zeiten deuten auf das Christenthum hin, und

so zieht sich eine tiefe geistige Einheit durch dieselben. Es sind

Ahnungen, welche das Christenthum erfüllt hat. Die einzelnen Menschen

wie die Völker stehen durch ihr Thun und geistiges Leben in verborgenem

Zusammenhange mit andern Kräften, die ihnen selbst unendlich fern zu

liegen scheinen. Ueber allen aber schwebt ein tiefer Zusammenhang,

den wir nur zu ahnen vermögen. Auf dieser Ueberzeugung ruhen meine

Ansichten von Toleranz und Resignation.

* * * * *

Eine tiefe Mythe ist die +Versuchungsgeschichte Christi+. Unmöglich

kann es ein müßiges Märchen oder eine leere Erzählung sein. Ist es das

aber nicht, was soll man von ihrem Inhalte denken? Entweder das Böse

tritt Christus dem reinen als innere Versuchung nahe, wie soll man

das mit seiner Sündlosigkeit und göttlichen Natur vereinen? Oder es

kommt ihm von außen, wer ist dann der, welcher es wagt, dieser reinen

Persönlichkeit nahezutreten und ihn in Versuchung zu führen? Welche

ungeheure Macht müßte das sein!

* * * * *

Es gibt nichts Heiligeres, Reineres als +die Reden Christi+ in den

Evangelien; sie athmen die höchste Liebe und Milde. Es liegt in ihnen

eine unendliche Tiefe. Die größten, erhabensten Gedanken spricht

Christus mit erschütternder Einfachheit aus, besonders bei Johannes.

Aber kommt man selbst hier ohne Zweifel fort? Steht Paulus, der doch

ein großer und tiefsinniger Lehrer war, in der That noch auf derselben

Stufe wie die Lehre Christi bei Johannes? Bei ihm ist schon nicht mehr

diese Unmittelbarkeit und Unbefangenheit. Er hat schon von dem Seinen

hinzugethan; er ist ein scharfer Denker, hat aber etwas Abschließendes

und Systematisches.

Wie herrlich ist Christi Rede: „Lasset die Kindlein zu mir kommen!“

Auch uns gilt das. Für uns, die wir so viele Stadien der Civilisation

durchgemacht haben, wird bei aller Bildung die Einfachheit, die

rührende Demuth, der hingebende Glaube eines Kindes als das Letzte

bezeichnet, wonach wir streben sollen. Zu diesem Ausgangspunkte also

sollen wir zurückkehren; es gibt nichts Höheres.

* * * * *

Das +Christenthum+ ist auch darum eine so schöne Religion, weil

es volle Freiheit läßt. Es kann und soll ein Jeder sein eigenes

Christenthum haben, es sich zu eigen machen nach seiner Individualität.

Freilich paßt nicht jede Auffassung für Jeden, und darum soll sie

nicht als etwas Allgemeines hingestellt werden. Man thut am besten,

seine Ueberzeugung zu wahren, und sie nicht unnöthig preiszugeben,

da tritt gleich das Misverständniß ein. Wenn man fragt, was das

Bindende und Allgemeine sein solle, so gibt es kein schöneres Band als

die christliche Milde und Duldung, die mit Liebe und Hingebung die

Schwächen und Einseitigkeiten des Nächsten trägt.

* * * * *

In +Lehrformeln+ und theologischen Zänkereien kann ich keine

Frömmigkeit finden. Die äußerlich herangebrachten Dogmen helfen zu

nichts; die originale Natur läßt sich nichts andemonstriren. Der Mensch

muß es in sich erleben. Aber freilich geschieht das bei den Wenigsten;

die Meisten sprechen nur nach.

* * * * *

Vor wahrer +Frömmigkeit+ habe ich immer eine tiefe Ehrfurcht gehabt. Es

gehört dazu eine gewisse Einfalt, die höchst ehrwürdig ist. Die fromme

alte Frau ist für mich in ihrem Glauben rührend. Es liegt darin das

höchste, rückhaltslose Hingeben an Gott.

* * * * *

Neben den Verkündigungen der göttlichen Liebe haben sich zu allen

Zeiten Stimmen erhoben, welche die Frage aufwarfen, wie verträgt sich

mit ihr das menschliche +Elend+? Nicht das allgemeine, das wir von

vornherein zugeben, sondern das materielle, das uns überall umgibt, an

das wir uns aber so gewöhnt haben, daß wir es kaum mehr sehen. Warum

müssen Millionen Menschen auf Erden hungern, dursten und frieren,

bettelnd auf den Straßen liegen, und in Noth und Elend verkommen, damit

Tausende ein erträgliches Dasein führen können? Was haben diese vor

jenen voraus? Sollte es verwerflich sein, Gottes Dasein auch einmal von

dieser Seite zu betrachten, und auf alles Elend hinzuweisen, das in der

Welt vorhanden ist? Zu leugnen ist das Elend nicht. Was wollen z. B.

ansteckende Krankheiten, wenn sie die Länder verheerend durchziehen?

Auch die Literatur hat diese Fragen behandelt und in neuester Zeit

Consequenzen der Verzweiflung daraus gezogen. Sie will die Welt anders

einrichten.

* * * * *

Die +wahre Skepsis+ wird diesen Zustand zugeben und dennoch zur

religiösen Resignation führen. Sie sagt: Eben weil dies so ist, eben

weil der enge menschliche Verstand hier auf keine Frage Antwort zu

geben vermag, darum stelle ich der höchsten waltenden Allmacht Alles

anheim, und ergebe mich ihrem Willen vollständig. In dieser Betrachtung

der Dinge hebt sich der Gegensatz von Gut und Böse wieder auf. Hier

herrscht nur gläubiges Versenken, Speculation. Wie wollen Menschen das

große Gebiet der Weltordnung übersehen? Das Höchste leistet der Mensch

durch Concentrirung seiner Kräfte auf einen Punkt, durch Wirksamkeit

in einer Richtung. Der Künstler arbeitet mit Talent und Begeisterung,

er setzt sein Leben an die Ausbildung desselben, er beschränkt sich

absichtlich, tausend andere Gedanken hält er von sich fern, um einen

durchführen zu können. Wie viel Mühe und Arbeit kostet ihm das nicht

bei aller Begeisterung! Und wie weit kommt er damit? Dennoch will sich

der Mensch vermessen, die Räthsel der Weltordnung zu lösen? Freilich

liegt in dem, was wir Vernunft nennen, ein Analogon des göttlichen

Geistes, aber es ist doch immer nur eine Seite. Man ist nur zu

leicht damit fertig, aus solchen Analogien die Welt zu construiren.

Alles andere will man ihnen unterordnen, aber eben darum muß diese

Betrachtung einseitig werden.

* * * * *

Eine andere Frage ist, ob diese Ansichten auf das +Handeln+ Einfluß

haben. Der Kreis des Handelns ist ein sehr beschränkter und

individueller. Hier verfahre ich nach Ueberzeugung, oder nach einem

innern Instincte, der sich aus meiner Eigenthümlichkeit ergibt. Der

praktische Trieb des Menschen ist eine sehr weise Einrichtung. Von

fruchtlosem Grübeln befreit am Ende nur Arbeit und Thätigkeit.

* * * * *

Es gab Zeiten, wo ich die Vermessenheit hatte zu sagen: Ich will

unsterblich sein! Aber wie soll man sich die +Unsterblichkeit+ denken?

Unmöglich doch als ewige Ruhe! Auf einer höhern Stufe beginnt eine neue

Entwickelung. Wird es möglich sein, daß hier Einer den Andern jemals

einhole?

* * * * *

Immer wieder komme ich auf das Eine zurück, auf die +Resignation+,

als das Höchste, was der Mensch erreichen kann. Sie ist das Hingeben

an den unerforschlichen Willen eines höchsten, unsichtbaren Wesens.

Wer forschend und grübelnd an den Gedanken Gottes hinantritt, muß vor

dieser Erhabenheit nothwendig von einem Schwindel ergriffen werden, er

kann diese furchtbare Allmacht nicht ausdenken! Hier tritt der Glaube

rettend ein, der die tiefe Kluft dennoch füllt; es ist die Hingebung an

den unendlichen Willen Gottes. Alles ist Gnade und Wohlthat. Voll Dank

erkennt die Resignation an, was uns im Leben Gutes widerfahren ist, und

auch die Zukunft überläßt sie Gott, welche Gestalt diese auch annehmen

möge, auch die Zukunft nach dem Tode, denn in seiner Hand stehen wir.

Dies sind die höchsten Stimmungen, welche der Mensch überhaupt haben

kann; sie sind selbst die höchste Gnade. Eben darum aber, weil sie so

überschwänglich sind, können wir sie nicht immer haben. Auch dann kann

es an Zweifeln und trüben Augenblicken nicht fehlen. Die menschliche

Natur ist so unendlich beschränkt, daß der Gläubigste Zeiten haben

kann, wo er dem Zweifel verfällt. Auch der schöpferischste Dichter

vermag nicht immer zu schaffen; verläßt uns doch selbst das Gedächtniß.

Aber der wahrhaft tiefe und religiöse Zweifel führt wieder zum Glauben

zurück, während der oberflächliche davon ableitet. Die letzte, höchste

Skepsis führt zur Resignation, und diese ist Glaube.

Beilagen.

1. Geheimer Rath Loebell in Bonn an den Verfasser.

Ludwig Tieck Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen · 第 47 / 51 段